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Sie ging an die andere Wand und begann, kleine Krüglein auf die Borde zurückzustellen. Simon breitete auf dem Boden neben der Feuerstelle seinen Mantel aus.

»Vielleicht solltest du nicht so dicht daran schlafen«, warnte Binabik. »Ein Funke, der herausspringt, kann dich in Brand setzen.«

Simon betrachtete ihn vorsichtig, aber der Troll schien nicht zu scherzen. Er zog den Mantel mehrere Fuß nach hinten und legte sich darauf. Die Kapuze rollte er als Kissen unter den Kopf und zog dann sorgfältig die Seitenteile über sich. Binabik verschwand in einer Ecke, wo er noch einen Augenblick herumraschelte und polterte, bis auch er es sich bequem gemacht hatte.

Das Lied der Grillen war verstummt. Simon starrte hinauf in die Schatten, die in den Dachbalken flackerten, und lauschte dem sanften Rauschen des Windes, der unaufhörlich durch die Äste der das Haus umgebenden Bäume und auf den See hinauswehte.

Es brannte keine Laterne und auch kein Feuer mehr; nur das pilzbleiche Licht des Mondes sickerte durch die hohen Fenster und tauchte den vollgestopften Raum in eine Art frostigen Schein. Simon starrte auf die sonderbaren, unkenntlichen Umrisse der auf den Tischen herumliegenden Gegenstände und die kantigen, leblosen Gestalten der zu schiefen Türmen aufgestapelten Bücher, die aus dem Boden ragten wie Grabsteine auf einem Friedhof. Besonders ein Buch zog seinen Blick an. Aufgeschlagen lag es da, weißglänzend wie das Fleisch eines entrindeten Baumes. Mitten auf der offenen Seite sah er ein bekanntes Gesicht – einen Mann mit brennenden Augen, dessen Haupt das verzweigte Geweih eines Hirsches trug.

Simon schaute das Zimmer, dann wieder das Buch an. Ja, er war in Morgenes' Wohnung. Natürlich! Wo sollte er denn auch sonst sein?

Im Augenblick, als er das feststellte, als die Umrisse die vertrauten Formen der Flaschen und Gestelle und Retorten des Doktors annahmen, ertönte ein vorsichtiges, kratzendes Geräusch an der Tür. Der unerwartete Laut erschreckte ihn. Schräge Streifen Mondlicht ließen die Wand schief und baufällig erscheinen. Wieder kam das Kratzen.

»Simon?«

Die Stimme war sehr leise, als wolle der Sprecher nicht gehört werden, aber Simon erkannte sie sofort.

»Doktor?« Er sprang auf und war mit wenigen Schritten an der Tür. Warum hatte der alte Mann nicht geklopft? Und was war das für eine Art, so spät nach Hause zu kommen? Vielleicht war er auf einer seiner geheimnisvollen Reisen gewesen und hatte sich törichterweise selber ausgesperrt – natürlich, das mußte es sein! Ein Glück, daß Simon da war, um ihn hereinzulassen. Er mühte sich mit dem schattendunklen Schloß ab. »Was habt Ihr angestellt, Doktor Morgenes?« flüsterte er. »Ich warte schon so lange auf Euch!« Keine Antwort.

Gerade war er dabei, den Riegel aus seinem Loch zu ziehen, als ihn ein jähes Gefühl des Unbehagens überkam. Er ließ die halb entriegelte Tür, wie sie war, und stellte sich auf die Zehen, um durch einen Spalt zwischen den Türbrettern zu spähen.

»Doktor?«

Im inneren Korridor, vom blauen Licht der Gang-Lampen beleuchtet, stand die von Kapuze und Mantel verhüllte Gestalt des Alten. Das Gesicht lag im Schatten, aber sein zerlumpter alter Mantel, der schmale Körperbau, die weißen Haarsträhnen, die unter der Kapuze hervorschauten, bläulich im Lampenschein, alle diese Dinge waren unverwechselbar. Warum antwortete er nicht? Hatte er sich verletzt?

»Fehlt Euch etwas?« fragte Simon und zog die Tür nach innen. Die kleine, gebeugte Gestalt regte sich nicht. »Wo seid Ihr gewesen? Was habt Ihr herausgefunden?« Er glaubte, der Doktor hätte etwas gesagt und beugte sich vor.

Die Worte, die zu ihm heraufdrangen, waren voller Luft, schmerzhaft rauh. »… Falscher … Bote…« war alles, was er verstand. Der trockenen Stimme schien das Sprechen schwerzufallen. Und dann hob sich das Gesicht, und die Kapuze fiel nach hinten.

Der Kopf, der den zersausten weißen Haarkranz trug, war eine verbrannte, geschwärzte Ruine, ein Klumpen mit zersprungenen, leeren Höhlen als Augen; der spindeldürre Hals, auf dem er wackelte, ein verkohlter Stock. Als Simon zurücktaumelte, in der Kehle einen Schrei, der festsaß und nicht herauskonnte, lief eine dünne, rote Linie über die Vorderseite des schwarzen, ledrigen Balls, und gleich darauf öffnete sich gähnend der Mund, ein gespaltenes Grinsen aus rosa Fleisch.

»Der … falsche … Bote«, sagte das Wesen, jedes Wort ein rasselndes Keuchen, »… hüte … dich…«

Und dann schrie Simon, bis ihm das Blut in den Ohren dröhnte, denn das verbrannte Ding sprach, es gab keinen Zweifel, mit Doktor Morgenes' Stimme.

Es dauerte lange, bis sein jagendes Herz ruhiger wurde. Stoßweise atmend, saß er da, Binabik neben ihm.

»Hier ist nichts Böses«, versicherte der Troll und legte Simon die Handfläche auf die Stirn. »Du bist kalt wie Eis.«

Geloë kam von dem Strohsack herüber, wo sie Malachias die Decke, die er fortgestoßen hatte, als Simons Schrei ihn jäh aus dem Schlaf riß, wieder übergelegt hatte.

»Hattest du schon solche starken Träume, als du noch in der Burg wohntest, Junge?« fragte sie, nachdem er ihnen den Traum beschrieben hatte, und sie musterte ihn dabei mit so strengem Blick, als wollte sie sehen, ob er es wagte, das abzustreiten. Simon schauderte. Vor diesem überwältigenden Blick hatte er nicht den Wunsch, etwas anderes als die Wahrheit zu erzählen. »Erst in den … letzten paar Monaten … bevor…«

»Bevor Morgenes starb«, ergänzte Geloë knapp. »Binabik, wenn mich das Wissen, über das ich verfüge, nicht ganz und gar verlassen hat, kann ich nicht glauben, daß es ein Zufall ist, wenn er in meinem Haus von Morgenes träumt. Nicht so einen Traum.«

Binabik fuhr sich mit der Hand durch das vom Schlaf zerwühlte Haar. »Valada Geloë, wenn Ihr es nicht wißt, wie dann ich? Tochter der Berge! Mir ist, als lauschte ich auf Geräusche im Dunkeln. Ich kann die Gefahren nicht erkennen, die uns umgeben, aber ich weiß, daß es Gefahren sind. Simon träumt eine Warnung vor ›falschen Boten‹… aber das ist nur eines von allzu vielen geheimnisvollen Dingen. Warum die Nornen? Der Schwarz-Rimmersmann? Die schmutzigen Bukken?«

Geloë trat zu Simon und schob ihn sanft, aber energisch auf seinen Mantel zurück. »Versuch wieder einzuschlafen«, sagte sie. »Nichts wird das Haus der Zauberfrau betreten, das dir Übles zufügen könnte.« Sie wandte sich an Binabik. »Ich denke, wenn sein Traum so zusammenhängend ist, wie es den Anschein hat, wird er uns bei unserer Suche nach Antworten nützlich sein.«

Auf dem Rücken liegend, sah Simon die Valada und den Troll als schwarze Gestalten vor dem Glühwürmchenglanz der Glut. Der kleinere Schatten beugte sich noch einmal über ihn.

»Simon«, flüsterte Binabik, »gibt es andere Träume, die noch nicht erwähnt wurden? Von denen du uns nichts erzählt hast?«

Simon schüttelte langsam den Kopf. Es gab nichts, nichts außer Schatten, und er war zu müde zum Reden. Noch hatte er den Geschmack der Furcht vor dem verbrannten Ding an der Tür auf der Zunge; er wünschte nur eines, sich dem Sog des Vergessens auszuliefern, zu schlafen, schlafen…

Aber das ging nicht so leicht. Obwohl er die Augen fest geschlossen hielt, standen noch die Bilder des Feuers und der Katastrophe vor ihm. Er wälzte sich hin und her und fand keine Lage, die seine verspannten Muskeln einlud, sich zu lockern. Er hörte das leise Gespräch des Trolls und der Zauberin wie das Kratzen von Ratten in den Wänden.

Endlich verstummten auch diese Laute, und der feierliche Atem des Windes drang wieder an sein Ohr. Er schlug die Augen auf. Geloë saß allein am Feuer, die Schultern hochgezogen wie ein Vogel, der sich vor dem Regen duckt, die Augen halbgeöffnet; er wußte nicht, ob sie schlief oder in das verglimmende Feuer sah.