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Sein letzter wacher Gedanke, der langsam aus seinem tiefsten Innern stieg und dabei flackerte wie ein Feuer unter der See, galt einem hohen Berg, einem Berg mit einer Krone aus Steinen. Das war im Traum gewesen, oder doch nicht? Er hätte daran denken … es Binabik erzählen sollen.

Ein Feuer loderte auf in der Finsternis des Berggipfels, und er hörte das Knarren hölzerner Räder … Traumräder…

Als der Morgen kam, brachte er keine Sonne mit. Vom Fenster der Hütte konnte Simon die dunklen Baumspitzen am anderen Ende der Mulde sehen, der See selber trug einen Mantel aus dichtem Nebel. Sogar unmittelbar unter dem Fenster war kaum das Wasser zu erkennen. Langsam ziehender Dunst machte alles verschwommen und körperlos. Der Himmel über der düsteren Reihe der Bäume war grau und ohne Tiefe.

Geloë hatte den jungen Malachias abkommandiert, mit ihr nach einem bestimmten heilkräftigen Moos zu suchen und Binabik zurückgelassen, um Leleth zu versorgen. Der Zustand des Kindes schien den Troll geringfügig zu ermutigen, aber als Simon das blasse Gesichtchen und die schwachen Bewegungen der schmalen Brust sah, fragte er sich, welchen Unterschied der kleine Mann feststellte, den er, Simon nicht entdecken konnte.

Aus einem Stapel dürrer Aste, die Geloë ordentlich in einer Ecke aufgeschichtet hatte, machte Simon ein neues Feuer und half dann dabei, die Verbände des Mädchens zu erneuern. Als Binabik das Laken von Leleths Körper schälte und die Bandagen abnahm, zuckte Simon zusammen, gestattete sich aber kein Zurückweichen. Ihr ganzer Rumpf war blau von Prellungen und schlimmen Zahnspuren. Unter dem linken Arm war die Haut bis zur Hüfte aufgerissen, ein zerfetzter Riß von einem Fuß Länge. Als Binabik die Wunden gesäubert und mit breiten Leinenstreifen neu verbunden hatte, blühten kleine Blutrosen durch den Stoff.

»Hat sie wirklich Aussichten, am Leben zu bleiben?« fragte Simon. Binabik zuckte die Achseln, während seine Hände damit beschäftigt waren, sorgfältige Knoten zu binden.

»Geloë hält es für möglich«, antwortete er. »Sie ist eine Frau von strengem und geradem Sinn, in deren Wertschätzung Menschen nicht höher stehen als Tiere, und trotzdem ist diese Wertschätzung doch sehr hoch. Ich meine, sie würde nicht gegen das Unmögliche ankämpfen.«

»Ist sie wirklich eine Zauberfrau, wie sie gesagt hat?«

Binabik deckte das kleine Mädchen wieder mit dem Laken zu und ließ nur das magere Gesichtchen frei. Ihr Mund stand ein wenig offen; Simon konnte sehen, daß sie beide Vorderzähne verloren hatte. Ihn überkam ein jähes, bitter-schmerzliches Mitgefühl für das Kind – allein mit ihrem Bruder im wilden Wald, verirrt, gefangen, gequält, geängstigt. Wie konnte der Herr Usires eine solche Welt lieben?

»Eine Zauberfrau?« Binabik erhob sich. Draußen trappelte Qantaqa die Brücke zur Haustür hinauf; Geloë und Malachias mußten gleich kommen. »Eine Weise Frau ist sie gewiß und ein Wesen von seltener Stärke. Wenn ich recht verstehe, bedeutet Zauberfrau in deiner Sprache ›Hexe‹, jemand, der böse ist, der eurem Teufel gehört und seinen Nachbarn Schaden zufügt. Das trifft auf die Valada ganz sicher nicht zu. Ihre Nachbarn sind die Vögel und Waldbewohner, und sie hegt sie wie eine Herde. Trotzdem hat sie Rimmersgard vor vielen Jahren verlassen – vor vielen, vielen Jahren –, um hierher zu ziehen. Möglich ist es, daß die Menschen in ihrer Umgebung einst auch so einen Unsinn gedacht haben … vielleicht war das der Grund, daß sie an diesen See kam.«

Binabik drehte sich um und begrüßte die ungeduldige Qantaqa. Er kratzte im dicken Fell ihres Rückens herum, und sie wand sich vor Vergnügen. Dann ging er mit einem Topf vor die Tür, ließ ihn ins Wasser hinunter und zog ihn gefüllt wieder empor, um ihn dann an einer Hakenkette über dem Feuer aufzuhängen.

»Du kennst Malachias schon aus der Burg, sagtest du?«

Simon beobachtete Qantaqa. Die Wölfin war wieder zum See getrottet und stand jetzt am seichten Ufer und fuhr mit der Schnauze ins Wasser. »Will sie Fische fangen?« fragte er lachend.

Binabik lächelte geduldig und nickte. »Und sie fängt sie sogar. – Malachias?«

»Oh. Ja, ich kenne ihn von dort … ein wenig. Ich habe ihn einmal erwischt, wie er mir nachspionierte. Allerdings hat er es bestritten. Hat er mit dir geredet? Hat er dir erzählt, was er und seine Schwester im Aldheorte wollten und wie man sie gefangen hat?«

Tatsächlich hatte Qantaqa einen Fisch geschnappt, ein silberglänzendes Wesen, das wild, aber sinnlos um sich schlug, als die Wölfin triefnaß das Seeufer hinaufstieg.

»Mehr Glück hätte ich gehabt, einem Stein das Singen beizubringen.« Binabik fand auf einem von Geloës Borden eine Schüssel mit getrockneten Blättern und zerkrümelte eine Handvoll davon über dem Topf mit dem kochenden Wasser. Sofort erfüllten warme Minzedüfte den Raum. »Fünf oder sechs Worte habe ich aus seinem Mund gehört, seitdem wir die beiden dort auf dem Baum fanden. Aber er erinnert sich an dich. Mehrfach habe ich gesehen, daß er dich anstarrte. Ich glaube, er ist nicht gefährlich – tatsächlich bin ich mir dessen völlig sicher –, aber trotzdem, man muß ihn beobachten.«

Bevor Simon etwas antworten konnte, hörte er Qantaqa kurz bellen. Er blickte aus dem Fenster und sah die Wölfin aufspringen. Sie ließ ihre größtenteils verzehrte Beute am Seeufer liegen und rannte den Pfad hinauf. Gleich darauf war sie im Nebel verschwunden. Aber schon bald kam sie zurückgetrottet, gefolgt von zwei verschwommenen Gestalten, die nach und nach zu Geloë und dem sonderbaren, fuchsgesichtigen Jungen Malachias wurden. Die beiden unterhielten sich angeregt. »Qinkipa!« schnaubte Binabik und rührte im Wassertopf. »Auf einmal redet er!«

Geloë kratzte ihre Stiefel am Türrahmen ab und steckte den Kopf nach innen. »Überall Nebel!« meinte sie. »Der Wald ist schläfrig heute.« Sie schüttelte ihren Mantel aus und trat ein, hinter ihr der wieder vorsichtig um sich blickende Malachias. Er hatte hochrote Wangen.

Geloë ging sofort zu ihrem Tisch und fing an, den Inhalt zweier Säcke zu sortieren. Sie war heute wie ein Mann gekleidet, dicke Wollhosen, Wams, abgetragene, aber feste Stiefel. Sie strömte kraftvolle Gelassenheit aus wie ein Kriegshauptmann, der jede mögliche Maßnahme getroffen hat und nun nur noch darauf wartet, daß die Schlacht beginnt.

»Ist das Wasser fertig?« fragte sie.

Binabik beugte sich über den Topf und schnüffelte. »Es erweckt den Anschein«, erwiderte er dann.

»Gut.« Geloë löste ein kleines Stoffsäckchen vom Gürtel und holte eine Handvoll dunkelgrünes Moos heraus, auf dem noch Wasserperlen glänzten. Sie warf es ohne weitere Umstände in den Topf und rührte mit dem Stock um, den Binabik ihr gegeben hatte. »Malachias und ich haben miteinander geredet«, erklärte sie und schielte in den Dampf hinunter. »Wir haben über viele Dinge gesprochen.« Sie sah auf, aber Malachias senkte nur den Kopf, und seine roten Wangen wurden sogar noch ein bißchen röter. Er ging zu Leleth und setzte sich zu ihr auf den Strohsack, ergriff ihre Hand und streichelte ihre blasse, feuchte Stirn.

Geloë zuckte die Achseln. »Nun, wir werden uns darüber unterhalten, wenn Malachias bereit ist. Für jetzt ist ohnehin genug zu tun.« Sie hob mit dem Ende des Rührstockes etwas Moos heraus, betastete es mit dem Finger, nahm dann von einem Holztischchen eine Schüssel und schabte den ganzen klebrigen Brei aus dem Topf. Die dampfende Schüssel trug sie zum Strohsack hinüber.

Während Malachias und die Zauberfrau aus dem Moos Breiumschläge herstellten, stieg Simon zum See hinunter. Die Hütte der Zauberfrau sah bei Tageslicht von außen genauso wunderlich aus wie nachts von innen; das strohgedeckte Dach lief oben spitz zu wie ein seltsamer Hut, und das dunkle Holz der Wände war über und über mit schwarzen und blauen Runenmalereien bedeckt. Während er so um das Haus herum und zum Ufer hinabging, verschwanden die Zeichen und tauchten wieder auf, je nachdem, wie das Sonnenlicht auf sie fiel. Schlammverkrustet in den dunklen Schatten unter der Hütte schienen auch die Doppelstelzen, auf denen sie stand, mit einer Art ungewöhnlicher Schindeln verkleidet zu sein.