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Qantaqa war zu ihrem Fischkadaver zurückgekehrt und zupfte die letzten Fleischfetzen von den schmalen Knochen. Simon setzte sich neben sie auf einen Felsen, rutschte jedoch ein kleines Stück weiter, als die Wölfin warnend knurrte. Er warf ein paar Kiesel in den alles verschlingenden Nebel und lauschte ihrem Aufspritzen, bis Binabik sich zu ihm gesellte.

»Frühstück für dich?« fragte der Troll und reichte ihm einen Kanten knuspriges Schwarzbrot, dick mit scharf riechendem Käse bestrichen. Simon aß es gierig auf. Dann saßen die beiden nebeneinander und sahen ein paar Vögeln zu, die im Sand des Seeufers herumpickten.

»Valada Geloë möchte, daß du zu uns kommst und an unserem Vorhaben von heute nachmittag teilnimmst«, sagte Binabik endlich.

»Was für ein Vorhaben?«

»Eine Suche. Suche nach Antworten.«

»Und wie wollen wir suchen? Gehen wir irgendwohin?«

Binabik betrachtete ihn ernst. »In gewisser Weise, ja – nein, schau mich nicht so ärgerlich an! Ich will es erklären.« Er warf einen Kiesel. »Es gibt etwas, das manchmal getan wird, wenn andere Wege, etwas herauszufinden, verschlossen sind. Etwas, das die Weisen tun können. Mein Meister Ookequk nannte es ›auf der Straße der Träume gehen‹.«

»Aber das hat ihn das Leben gekostet!«

»Nein! Das heißt…« Der Troll machte ein sorgenvolles Gesicht und suchte nach Worten. »Das heißt, ja, er starb auf dieser Straße. Aber man kann auf jeder Straße den Tod finden; es bedeutet nicht, daß jeder, der sie geht, stirbt. Auch auf eurer Mittelgasse sind Menschen von Wagen überrollt worden, aber hundert andere bewegen sich dort jeden Tag und kommen nicht zu Schaden.«

»Was genau ist die Straße der Träume?« fragte Simon.

»Ich muß zuerst gestehen«, erwiderte Binabik mit einem traurigen halben Lächeln, »daß die Traumstraße gefährlicher ist als die Mittelgasse. Mein Meister lehrte mich, daß diese Straße wie ein Saumpfad ist, der höher liegt als alle anderen.« Der Troll reckte über seinem Kopf die Hand in die Luft. »Von dieser Straße aus, auch wenn der Aufstieg zu ihr große Schwierigkeiten mit sich bringt, kannst du Dinge sehen, die du sonst niemals erblicken würdest – Dinge, die von der Straße des Alltages aus unsichtbar sind.«

»Und das Träumen?«

»Ich wurde gelehrt, daß das Träumen ein Weg ist, zu dieser Straße hinaufzugelangen, ein Weg, den jeder gehen kann.« Binabik runzelte die Stirn. »Aber wenn jemand einfach dadurch, daß er nachts träumt, die Straße erreicht, kann er nicht auf ihr weitergehen: Er sieht sie nur von der einen Stelle aus und muß von dort wieder hinab. So daß – das hat mir Ookequk gesagt – dieser Träumer oft nicht weiß, was er wirklich gesehen hat. Manchmal«, der Troll deutete auf den Nebel, der über Bäumen und See hing, »erblickt er nur Nebel. Aber der Weise kann, wenn er erst einmal die Kunst beherrscht, zu ihr hinaufzusteigen, auf der Straße weitergehen. Er kann sich bewegen und schauen und die Dinge sehen, wie sie sind und wie sie sich ändern.« Er hob die Schultern. »Erklären ist schwer. Die Traumstraße ist ein Ort, an den man geht, um etwas zu sehen, das man hier, wo wir unter der wachen Sonne stehen, nicht deutlich erkennen kann. Geloë hat viele solcher Reisen unternommen, und auch ich besitze einige Erfahrung darin, obwohl ich kein Meister bin.«

Simon saß eine Weile still da und starrte auf das Wasser hinaus. Er dachte über Binabiks Worte nach. Das andere Ufer des Sees war unsichtbar; müßig überlegte er, wie weit es wohl entfernt sein mochte. Seine müden Erinnerungen an ihre Ankunft gestern waren so dunstig wie die Morgenluft.

Jetzt, wo er darüber nachdachte, erkannte er, wie weit er schon gekommen war. Einen langen Weg, weiter als ich je zu reisen gedachte. Und sicher liegen noch viele Meilen vor mir. Lohnt sich das Risiko, damit unsere Chancen steigen, lebendig nach Naglimund zu kommen?

Warum mußte er überhaupt solche Entscheidungen treffen? Es war wirklich schrecklich ungerecht. Bitter grübelte er, warum Gott gerade ihn für eine so üble Behandlung ausgesucht hatte – wenn es wirklich stimmte, daß Er, wie Vater Dreosan immer behauptete, ein Auge auf jeden einzelnen hatte.

Aber es gab mehr zu bedenken als nur seine Empörung. Binabik und die anderen schienen auf ihn zu zählen, und das war etwas, woran Simon nicht gewöhnt war. Man erwartete jetzt etwas von ihm. »Ich werde es tun«, erklärte er schließlich. »Aber sag mir noch eins. Was ist wirklich mit deinem Meister geschehen? Wie ist er gestorben?«

Binabik nickte langsam mit dem Kopf. »Ich habe gehört, daß es zweierlei Arten von Dingen gibt, die einem auf der Straße widerfahren können … gefährlichen Dingen. Das erste, und das geschieht in der Regel nur dem Ungeübten, tritt ein, wenn man ohne die nötige Weisheit auf der Straße zu gehen versucht: Man kann die Stellen übersehen, an denen die Traumstraße und der Weg des an die Erde gebundenen Lebens in verschiedene Richtungen führen.« Er hielt die Handflächen schräg aneinander. »Dann findet der Wanderer den Rückweg nicht. Doch ich glaube, daß Ookequk dazu viel zu klug war.«

Der Gedanke daran, allein und heimatlos in diesem Reich der Phantasie herumzuirren, berührte in Simon eine verwandte Saite, und er sog tief die feuchte Luft ein.

»Und was ist nun mit Ook – mit Ookequk geschehen?«

»Die andere Gefahr, so lehrte er mich«, fuhr Binabik fort und erhob sich, »ist, daß es außer den Weisen und den Guten noch andere Wesen gibt, die über die Straße der Träume wandern, und auch andere Träumer, die gefährlicher sind. Ich denke mir, daß er einem davon begegnet ist.«

Binabik ging Simon voran die kleine Rampe zur Hütte hinauf.

Geloë entkorkte einen weithalsigen Topf, steckte zwei Finger hinein und zog sie, bedeckt mit einer dunkelgrünen Paste, die noch klebriger war und noch seltsamer roch als der Moosbrei, wieder hervor.

»Beug dich vor«, befahl sie und strich Simon einen Klecks davon auf die Stirn, gerade über der Nase; dann tat sie das gleiche bei sich selbst und Binabik.

»Was ist das?« wollte Simon wissen. Es fühlte sich eigenartig an auf der Haut, heiß und kalt zugleich.

Geloë ließ sich vor dem Feuer im Boden nieder und winkte dem Jungen und dem Troll, sich zu ihr zu setzen. »Nachtschatten, Trugblatt, Weißholzrinde, damit es die richtige Zusammensetzung bekommt…« Sie plazierte Jungen, Troll und sich selber im Dreieck um die Feuerstelle und setzte den Topf neben ihrem Knie auf die Erde.

Das Gefühl auf seiner Stirn war höchst sonderbar, fand Simon und sah der Valada zu, die grüne Zweige ins Feuer warf. Weiße Rauchbänder kräuselten sich in die Höhe und verwandelten den Raum zwischen ihnen in eine dunstige Säule, durch die Geloës Schwefelaugen glühten, in denen sich der Feuerschein spiegelte.

»Nun verreibt das auf beiden Händen«, sagte sie und holte für jeden von ihnen einen weiteren Klecks heraus, »und betupft euch die Lippen – aber nichts in den Mund! Nur einen Tupfer, so…«

Als sie fertig waren, ließ Geloë sie einander bei den Händen fassen. Malachias, der, seitdem Simon und der Troll zurückgekehrt waren, noch kein Wort gesprochen hatte, saß neben dem schlafenden Kind auf dem Strohsack und schaute zu. Der seltsame Junge machte einen angespannten Eindruck, hatte aber grimmig die Zähne zusammengebissen, als zwinge er sich, die eigene Unruhe zu verbergen. Simon streckte nach beiden Seiten die Arme aus und ergriff mit der Linken Binabiks kleine, trockene Pfote und mit der Rechten Geloës kräftige Hand.

»Haltet gut fest«, forderte die Zauberfrau sie auf. »Es wird nichts Schreckliches geschehen, wenn ihr loslaßt, aber es ist besser, wenn ihr es nicht tut.« Sie senkte den Blick und begann in leisen, unverständlichen Worten vor sich hinzusprechen. Simon starrte auf ihre sich bewegenden Lippen, die Lider, die ihre großen Augen verdeckten; wieder fiel ihm auf, wie sehr sie einem Vogel glich, einem stolzen, steil in die Höhe steigenden Vogel. Während er weiter durch die Rauchsäule blickte, begann ihm das Prickeln auf Handflächen, Stirn und Lippen allmählich unangenehm zu werden.