Plötzlich war es ringsum finster, als habe sich eine dichte Wolke vor die Sonne geschoben. Gleich darauf konnte er nur noch den Rauch und das rote Glühen des Feuers erkennen, alles andere war hinter den Wänden aus Schwärze verschwunden, die auf einmal zu beiden Seiten aufragten. Seine Augen waren schwer, und er hatte ein Gefühl, als habe ihm jemand das Gesicht in Schnee gedrückt. Ihm war kalt. Er stürzte rückwärts, fiel um, und um ihn war nur noch Schwärze.
Nach einer Weile, von der Simon keine Vorstellung besaß, wie lange sie gedauert hatte, nur daß er immer noch schwach den Griff an beiden Händen fühlte – eine sehr tröstliche Empfindung –, begann die Finsternis in einem Licht zu glühen, das ohne Richtung war, ein Licht, das sich nach und nach in einem Feld aus Weiß auflöste. Das Weiß war ungleichmäßig: an einigen Stellen glänzte es wie Sonnenlicht auf poliertem Stahl, andere Flecke waren fast grau. Gleich darauf verwandelte sich das weiße Feld in einen unermeßlichen, glitzernden Eisberg, der so unglaublich hoch war, daß seine Spitze in den wirbelnden Wolken verschwand, die den dunklen Himmel säumten. Aus Spalten in seinen glasigen Wänden quoll Rauch und strömte nach oben in den Kranz aus Wolken.
Und dann war Simon, irgendwie, im Inneren des gewaltigen Berges, flog blitzschnell wie ein Funke durch immer tiefer führende Tunnel, dunkle Tunnel, die gleichwohl mit spiegelndem Eis verkleidet waren. Unzählige Tausende von Gestalten schwebten durch diese Nebel und Schatten und den Frostglanz – blaßgesichtige, eckige Figuren, die in wandernden Dickichten schimmernder Speere die Gänge entlangmarschierten oder die wunderlichen blaugelben Feuer schürten, deren Rauch die Höhen krönte.
Der Funke, der Simon war, spürte immer noch zwei feste Hände, welche die seinen festhielten – oder eigentlich etwas anderes, das ihm sagte, er sei nicht allein, denn natürlich hatte ein Funke keine Hände zum Halten. Er befand sich jetzt in einer riesigen Höhle, einem ungeheuren Loch im Mittelpunkt des Berges. Die Decke hing so hoch über den vom Eis glasierten Platten des Bodens, daß aus der Höhe des Raumes ein Schneegestöber heruntertanzte, hüpfende, wirbelnde Schneewolken wie Heere winziger weißer Schmetterlinge. Inmitten der unendlichen Kammer lag ein Brunnen von ungeheurer Größe, aus dessen Schacht ein blasses, blaues Licht flackerte; eine entsetzliche, das Herz zusammenpressende Furcht schien von ihm auszugehen. Irgendwo aus seinen unergründlichen Tiefen mußte wohl etwas wie Hitze aufsteigen, denn die Luft darüber war ein Pfeiler aus brodelnden Nebeln, eine dunstige Säule, in unbestimmten Farben schillernd wie ein titanischer Eiszapfen, in dem das Sonnenlicht sich bricht.
Im Nebel über dem Brunnen schwebte auf rätselhafte Weise ein unerklärliches Etwas, dessen Form nicht recht erkennbar und dessen Ausdehnung nicht völlig vorstellbar war; ein Wesen aus vielen Bestandteilen und Formen, alle farblos wie Glas. Wenn seine Umrisse hier und da aus der strudelnden Nebelsäule hervortraten, so schien es ein Gebilde aus Winkeln und geschwungenen Kurven zu sein, von heimtückischer, angsterregender Verwickeltheit. Auf eine nicht genau zu erläuternde Weise sah es wie ein Musikinstrument aus; wenn das aber zutraf, war es ein so riesenhaftes, fremdartiges und erschreckendes Instrument, daß der Funke, der Simon war, wußte, daß er niemals seine furchtbare Musik hören und am Leben bleiben könnte.
Dem Brunnen gegenüber saß auf einem eckigen Thron aus reifüberkrustetem, schwarzem Fels eine Gestalt. Er konnte sie deutlich erkennen, als schwebe er plötzlich genau über dem entsetzlichen, blau brennenden Brunnen. Sie war in ein weißsilbernes Gewand mit phantastisch verschlungenen Mustern gekleidet. Über die Schultern floß schneeweißes Haar, das fast unsichtbar in die fleckenlos weißen Gewänder überging.
Das bleiche Wesen hob den Kopf, und sein Gesicht war eine Flut schimmernden Lichtes. Dann wandte es sich ab, und Simon merkte, daß das, was er sah, nur eine silberne Maske war, die schöne, aber ausdruckslose Nachbildung eines Frauenantlitzes. Wieder drehte sich das blendende, fremdartige Gesicht ihm zu. Er fühlte sich fortgestoßen, brüsk abgewiesen, so wie man ein Kätzchen losreißt, das sich an den Kleidersaum klammert. Eine Vision erschien ihm, die irgendwie Teil des Nebelkranzes und der grimmen weißen Gestalt war. Zuerst war es nur ein weiterer Fleck Alabasterweiß, der sich langsam in ein schwarz bekritzeltes, eckiges Gebilde verwandelte. Aus den schwarzen Krakeln wurden Linien, aus den Linien Zeichen; zuletzt schwebte vor ihm ein offenes Buch. Auf der aufgeschlagenen Seite standen Buchstaben, die Simon nicht lesen konnte, verschlungene Runen, die ineinanderliefen und wieder klar wurden.
Ein Augenblick ohne Zeit verging, dann begannen die Runen zu schimmern. Sie flossen auseinander und formten sich neu zu schwarzen Konturen, drei langen, schlanken Gebilden: Schwertern. Das eine hatte einen Griff, der wie ein Usires-Baum geformt war, das zweite einen wie die rechtwinkligen Giebelbalken eines Daches. Das dritte besaß ein seltsames Doppelstichblatt, dessen Kreuzstücke zusammen mit dem Griff eine Art fünfzackigen Stern bildeten. Irgendwo tief in seinem Inneren erkannte Simon dieses Schwert. Irgendwo in einer Erinnerung, schwarz wie die Nacht, tief wie eine Höhle, hatte er eine Klinge wie diese gesehen.
Eines nach dem anderen begannen die Schwerter wieder zu verschwinden, und als sie fort waren, blieb nur noch graues und weißes Nichts.
Simon fühlte, wie er zurückfiel – fort von dem Berg, fort aus der Brunnenkammer, fort aus dem Traum selbst. Ein Teil von ihm war froh über dieses Fallen, denn ihm graute vor den entsetzlichen, verbotenen Orten, an die sein Geist geflogen war; aber ein anderer Teil wollte nicht loslassen.
Wo waren die Antworten? Sein ganzes Leben war entwurzelt worden, hatte sich im Lauf eines verdammten, unbarmherzigen, achtlosen Rades verfangen, und tief in demjenigen Teil seines Wesens, der sein ureigenster war, erfüllte ihn verzweifelter Zorn. Zwar fürchtete er sich auch, in einem Alptraum gefangen, der nicht enden wollte; aber was er jetzt empfand, war Zorn, und in diesem Augenblick war der Zorn stärker.
Er wehrte sich gegen den Sog, kämpfte mit Waffen, die er nicht begriff, um den Traum festzuhalten, ihm das Wissen zu entreißen, das er begehrte. Er packte das schnell vergehende Weiß und versuchte wütend, es neu zu formen, in etwas zu verwandeln, das ihm sagen würde, warum Morgenes gestorben, warum Dochais und die Mönche von Sankt Hoderund umgekommen waren, warum das kleine Mädchen Leleth in einer Hütte in der Tiefe des wilden Waldes mit dem Tode rang. Er kämpfte, und er haßte. Wenn ein Funke weinen konnte, dann weinte er.
Langsam, schmerzhaft langsam formte sich aus der Leere vor ihm von neuem der Eisberg. Wo war die Wahrheit? Während Simons Traum-Ich kämpfte, wuchs der Berg höher, wurde schmaler, begann Äste zu bilden wie ein eisiger Baum und streckte sich hinauf in den Himmel.
Dann fielen die Äste ab, und nur noch ein glatter, weißer Turm stand da – ein Turm, den Simon kannte. Flammen loderten von seiner Spitze. Ein gewaltiger, dumpfer Ton dröhnte wie das Läuten einer ungeheuren Glocke. Der Turm schwankte. Wieder grollte die Glocke wie Donner. Es war etwas von furchtbarer Wichtigkeit, das wußte er, etwas Grauenhaftes, Geheimes. Er konnte die Antwort fast zum Greifen nah fühlen…
Kleine Fliege! Du bist zu uns gekommen?
Ein gräßliches, versengendes Nichts griff nach ihm und verschlang ihn, erstickte den Turm und die tönende Glocke. Er fühlte, wie in seinem Traum-Ich der Atem des Lebens verbrannte und sich grenzenlose Kälte um ihn schloß. Er war verloren in der schreiend-leeren Leere, ein winziges Fleckchen am Grund eines Meeres unendlicher schwarzer Tiefen, abgeschnitten von Leben, Atem, Gedanken. Alles war verschwunden … außer dem schaurigen, zerstörerischen Haß des Wesens, das ihn gepackt hielt … das ihn zu ersticken suchte.