Doch dann, nie hätte er es zu hoffen gewagt, war er frei.
Er schwebte nach oben, flog in schwindelnder Höhe über die Welt von Osten Ard, festgehalten von den mächtigen Klauen einer großen, grauen Eule, die dahinbrauste wie das Kind des Windes selbst. Hinter ihm verschwand der Eisberg, verschluckt von der Unendlichkeit der knochenweißen Ebene. In unfaßbar schnellen Sekunden trug die Eule ihn über Seen und Eis und Berge dahin, auf einen dunklen Strich am Horizont zu. Gerade als er erkannte, was das war, als der Strich zum Wald wurde, merkte er, daß er den Klauen der Eule zu entgleiten drohte. Der Vogel packte ihn fester und sank in pfeifendem Sturzflug der Erde zu. Der Boden sprang ihnen entgegen, und die Eule spreizte weit die Schwingen. Sie flogen flacher, glitten dahin und wirbelten über die Schneefelder der Sicherheit des Waldes zu.
Und dann waren sie unter dem Dachfirst und gerettet.
Simon rollte sich auf die Seite und stöhnte. Sein Kopf hämmerte wie der Amboß von Ruben dem Bär zur Turnierzeit. Seine Zunge schien zu doppelter Größe angeschwollen. Die Atemluft schmeckte nach Metall. Er richtete sich mühsam zu kauernder Stellung auf und bewegte dabei den schweren Kopf nur ganz langsam.
Gleich neben ihm lag Binabik, das breite Gesicht fahl. Qantaqa stupste den Troll winselnd mit der Nase in die Seite. Auf der anderen Seite der rauchenden Feuerstelle schüttelte der dunkelhaarige Malachias Geloë, deren Mund schlaff herabhing. Ihre Lippen glänzten feucht. Wieder stöhnte Simon; sein Kopf, der ihm zwischen den Schultern hing wie eine zerquetschte Frucht, pochte. Er kroch zu Binabik. Der kleine Mann atmete. Noch während Simon sich über ihn beugte, fing der Troll an zu husten, schnappte nach Luft und schlug die Augen auf.
»Wir…«, keuchte er heiser, »wir … sind … alle … da?«
Simon nickte und sah zu Geloë hinüber, die sich trotz Malachias' Bemühungen noch immer nicht regte. »Einen Augenblick…« sagte er und stand langsam auf.
Mit einem kleinen, leeren Topf ging er vorsichtig zur Hüttentür hinaus. Mit leichtem Staunen stellte er fest, daß es trotz der Nebeldecke immer noch mitten am Nachmittag war; die Zeit auf der Traumstraße war ihm viel länger vorgekommen. Außerdem hatte er das nagende Gefühl, daß sich vor der Hütte irgend etwas verändert hatte, aber er konnte nicht genau sagen, was es war. Die Aussicht schien irgendwie verschoben. Er kam zu dem Ergebnis, daß es wohl eine Nebenwirkung seiner Erlebnisse von vorhin sein müßte. Nachdem er den Topf mit Seewasser gefüllt und sich die klebrige, grüne Paste von den Händen gewaschen hatte, ging er zurück ins Haus.
Binabik trank durstig und bat Simon dann mit einer Geste, Geloë das Gefäß zu bringen. Halb hoffnungsvoll, halb eifersüchtig schaute Malachias zu, wie Simon vorsichtig das Kinn der Zauberfrau mit der Hand festhielt und ihr ein wenig Wasser in den geöffneten Mund spritzte. Sie hustete und schluckte, und Simon gab ihr noch ein wenig mehr Wasser.
Als er so ihren Kopf hielt, wurde Simon sich jäh bewußt, daß es Geloë war, die ihn, während sie alle in ihren Träumen wandelten, auf irgendeine Weise gerettet hatte. Er sah hinunter auf die Frau, die jetzt regelmäßiger atmete, und erinnerte sich an die graue Eule, die ihn, als sein Traum-Ich schon den letzten Atemzug tun wollte, gepackt und fortgetragen hatte.
Geloë und der Troll hatten eigentlich nicht mit etwas Derartigem gerechnet, das fühlte er; es war Simon, der sie in diese Gefahr gebracht hatte. Aber ausnahmsweise war er über sein Verhalten nicht beschämt. Er hatte getan, was getan werden mußte. Schon viel zu lange war er vor dem Rad geflohen.
»Wie geht es ihr?« fragte Binabik.
»Ich glaube, sie wird sich erholen«, erwiderte Simon und betrachtete die Zauberfrau genau. »Sie hat mich gerettet, nicht wahr?«
Binabik sah ihn an. Sein Haar stand in schweißverklebten Stacheln von der braunen Stirn ab. »Es ist wahrscheinlich, daß sie das getan hat«, meinte er endlich. »Sie ist eine mächtige Verbündete, aber jetzt ist selbst sie fast am Ende ihrer Kräfte.«
»Was bedeutet das alles?« wollte Simon wissen und überließ Geloë Malachias' stützendem Arm. »Hast du das gleiche gesehen wie ich? Den Berg und … die Frau mit der Maske … und das Buch?«
»Ich frage mich sehr, ob wir alle das gleiche gesehen haben, Simon«, erwiderte Binabik langsam. »Aber ich denke, es ist wichtig, daß wir warten, bis auch Geloë ihre Gedanken mit uns teilen kann. Vielleicht später, wenn wir gegessen haben. Ich bin erfüllt von schrecklichem Hunger.«
Simon schenkte dem Troll ein wackliges, schiefes Lächeln. Als er sich umdrehte, begegnete er Malachias' eindringlichem Blick. Der Junge wollte sich schon abwenden, schien dann aber einen Entschluß zu fassen und hielt Simons Blick stand, bis dieser an der Reihe war, sich unbehaglich zu fühlen.
»Es war, als ob das ganze Haus bebte«, sagte Malachias unvermittelt und erschreckte Simon damit nicht wenig. Die Stimme des Jungen war angestrengt, hoch und heiser.
»Was meinst du?« fragte Simon, der die Tatsache, daß Malachias überhaupt etwas von sich gab, fast genauso spannend fand wie seine Worte.
»Das ganze Häuschen. Als ihr drei dasaßt und ins Feuer starrtet, fingen die Wände an … zu zittern. Als ob es jemand hochnähme und wieder hinsetzte.«
»Wahrscheinlich lag es nur daran, wie wir uns bewegten, als wir … ich meine … ach, ich weiß auch nicht.« Simon gab angewidert auf. Die Wahrheit war, daß er langsam gar nichts mehr verstand. Sein Gehirn kam ihm vor, als hätte man es mit einem Stock umgerührt. Malachias wandte sich ab, um Geloë noch etwas Wasser zu geben. Plötzlich begannen Regentropfen auf das Fensterbrett zu klopfen; der graue Himmel konnte die Last des Gewitters nicht länger halten.
Die Zauberfrau machte ein grimmiges Gesicht. Sie hatten die Suppenschüsseln beiseitegestellt und saßen einander auf dem nackten Boden gegenüber: Simon, der Troll und die Herrin der Hütte. Malachias, obschon sichtlich interessiert, war bei dem kleinen Mädchen auf seinem Lager sitzengeblieben.
»Ich sah, wie böse Dinge sich rührten«, erklärte Geloë, und ihre Augen blitzten. »Böses, das die Wurzeln unserer vertrauten Welt erschüttern wird.« Sie hatte ihre Kraft wiedergefunden und noch etwas anderes dazu: Sie war so feierlich und ernst wie ein König, der zu Gericht sitzt. »Fast wünschte ich, wir hätten den Traumpfad nicht beschritten – doch das ist ein eitler Wunsch und stammt von demjenigen Teil meines Ichs, der am liebsten seine Ruhe haben möchte. Ich sehe dunklere Tage kommen und fürchte mich, in solch unheilverkündende Ereignisse hineingezogen zu werden.«
»Was meint Ihr damit?« fragte Simon. »Was war das alles? Habt Ihr auch den Berg gesehen?«
»Sturmspitze.« Binabiks Stimme klang seltsam flach. Geloë sah zu ihm hinüber, nickte und sprach dann weiter, zu Simon gewandt.
»Es ist wahr. Es war Sturmrspeik, den wir gesehen haben; so nennen sie ihn in Rimmersgard, wo er eine Legende ist, wenn man die Rimmersmänner danach fragt. Der Berg der Nornen.«
»Wir Qanuc«, ergänzte Binabik, »wissen, daß Sturmspitze Wirklichkeit ist. Aber trotzdem – die Nornen haben sich seit der Zeit jenseits der Zeiten nicht um die Angelegenheiten von Osten Ard gekümmert. Warum jetzt? Es kam mir vor, als…«
»… als ob sie zum Krieg rüsteten«, beendete Geloë den Satz für ihn. »Wenn man dem Traum Glauben schenken kann, hast du recht. Aber natürlich gehört ein besser geschultes Auge als das meine dazu, festzustellen, ob wir die Wahrheit gesehen haben. Andererseits hast du gesagt, die Hunde, die euch verfolgten, trügen das Brandzeichen von Sturmspitze; das ist ein greifbarer Beweis aus der wachen Welt.
Ich meine, wir können diesem Teil des Traumes trauen; wenigstens finde ich, wir sollten es.«