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»Zum Krieg rüsten?« Simon war jetzt schon verwirrt. »Gegen wen? Und wer war die Frau hinter der silbernen Maske?«

Geloë sah sehr müde aus. »Die Maske? Keine Frau. Ein Geschöpf aus den Legenden, könnte man sagen, oder ein Wesen aus der Zeit jenseits der Zeiten, wie Binabik es ausgedrückt hat. Das war Utuk'ku, die Königin der Nornen.«

Simon fühlte, wie es ihn eisig überlief. Draußen sang der Wind ein kaltes und einsames Lied. »Aber was sind diese Nornen? Binabik glaubt, sie wären Sithi.«

»Die alte Weisheit sagt, daß sie einst zu den Sithi gehörten«, antwortete Geloë. »Aber sie sind ein verschollener Stamm oder Abtrünnige. Sie kamen nie mit dem Rest ihres Volkes nach Asu'a, sondern verschwanden im unerforschten Norden, den eisigen Gegenden hinter Rimmersgard und seinen Gebirgen. Sie wollten mit dem, was in Osten Ard vorging, nichts zu schaffen haben, obwohl das jetzt anders zu werden scheint.«

Sekundenlang sah Simon einen Schatten tiefer Besorgnis über das mürrische, nüchterne Gesicht der Zauberfrau huschen.

Und diese Nornen helfen Elias, mich zu jagen? dachte er und fühlte neue Panik in sich aufsteigen. Wie bin ich nur in diesen Alptraum geraten?

Und als hätte die Angst in seinem Kopf eine Tür geöffnet, fiel ihm etwas ein. Aus den Verstecken seines Herzens stiegen abschreckende Gestalten nach oben, und er rang nach Atem.

»Diese … diese blassen Leute … die Nornen. Ich habe sie schon einmal gesehen!«

»Was?« Geloë und der Troll riefen es wie aus einem Mund und beugten sich vor. Simon, von ihrer Intensität überrascht, zuckte erschreckt zurück.

»Wann?« schnappte Geloë.

»Es war … wenigstens glaube ich das, es kann auch ein Traum gewesen sein … in der Nacht, als ich vom Hochhorst fortlief. Ich war an der Begräbnisstätte, und ich dachte, ich hörte jemanden meinen Namen rufen – eine Frauenstimme. Ich hatte solche Angst, daß ich wegrannte, einfach fort, auf den Thisterborg zu.« Auf dem Strohsack bewegte sich etwas; Malachias wechselte unruhig die Stellung. Simon achtete nicht auf ihn und fuhr fort.

»Da war ein Feuer oben auf dem Berg, zwischen den Zornsteinen. Kennt ihr sie?«

»Ja.« Geloës Antwort war knapp, aber Simon spürte ein Gewicht hinter den Worten, das er nicht verstand.

»Ja … ich fror und fürchtete mich, also kletterte ich hinauf. Es tut mir leid, aber ich war immer ganz sicher, daß es bloß ein Traum war. Vielleicht ist es ja auch einer.«

»Vielleicht. Erzähl weiter!«

»Es waren Männer auf dem Gipfel, Soldaten, ich sah es an ihrer Rüstung.« Simon fühlte, wie seine Handflächen sich mit dünnem Schweiß bedeckten. Er rieb sie aneinander. »Einer von ihnen war König Elias. Da bekam ich noch viel mehr Angst, darum versteckte ich mich. Und dann … dann hörte ich ein gräßliches, knarrendes Geräusch, und von der anderen Seite des Berges erschien ein schwarzer Wagen.« Es kam wieder, alles kam wieder … oder wenigstens schien es alles zu sein … aber da waren noch immer leere Schatten. »Diese Blaßhäutigen – die Nornen, es waren Nornen – begleiteten ihn, mehrere von ihnen, in schwarzen Gewändern.«

Eine lange Pause, während Simon sich mühsam zu erinnern versuchte. Auf dem Hüttendach trommelte der Regen.

»Und?« fragte die Valada endlich sanft.

»Elysia, Mutter Gottes!« fluchte Simon, und seine Augen füllten sich mit Tränen. »Ich kann mich nicht erinnern! Sie gaben ihm etwas, etwas von dem Wagen. Und es geschah noch anderes, aber in meinem Kopf ist alles wie unter einer Decke! Ich kann die Hand darauf legen, aber nicht sagen, was es ist. Sie haben Elias etwas gegeben. Ich dachte, es wäre ein Traum!« Er vergrub das Gesicht in den Händen, als wollte er die schmerzhaften Gedanken aus seinem schwindligen Kopf pressen.

Binabik klopfte Simon unbeholfen das Knie. »Das beantwortet vielleicht unsere zweite Frage. Auch ich habe nachgedacht, warum die Nornen sich zum Kampf rüsten sollten. Ich fragte mich, ob sie vielleicht Krieg gegen Elias, den Hochkönig, führen wollten, aus uraltem Groll gegen das Menschengeschlecht. Jetzt aber hat es für mich den Anschein, als wollten sie ihm helfen. Irgendein Handel ist abgeschlossen worden. Möglicherweise war es das, was Simon gesehen hat. Aber wie? Wie konnte Elias je einen solchen Pakt mit den geheimnisvollen Nornen schließen?«

»Pryrates.« Sobald Simon es ausgesprochen hatte, war er überzeugt, daß es stimmte. »Morgenes hat gesagt, Pryrates würde Türen öffnen, und Schreckliches käme herein. Pryrates war auch auf dem Berg.«

Valada Geloë nickte. »Das ergibt einen gewissen Sinn. Eine Frage, die beantwortet werden muß, die aber, davon bin ich überzeugt, außerhalb unserer Macht liegt, ist – womit wurde der Handel besiegelt? Was konnten diese beiden, Pryrates und der König, den Nornen für ihre Hilfe anbieten?«

Sie teilten ein langes Schweigen.

»Was stand in dem Buch?« fragte Simon plötzlich. »Auf der Straße der Träume. Habt ihr das Buch auch gesehen?«

Binabik klopfte sich mit dem Handballen auf die Brust. »Es war da. Die Runen, die ich sah, stammten aus Rimmersgard: ›Du Svarden-vyrd‹. Das heißt in deiner Sprache ›Der Zauber der Schwerter‹.«

»Oder ›Das Verhängnis der Schwerter‹«, ergänzte Geloë. »Unter den Weisen ist es ein berühmtes Buch, aber seit langer Zeit verschollen. Ich habe es nie gesehen. Es soll von Nisses verfaßt worden sein, einem Priester, Ratgeber König Hjeldins des Wahnsinnigen.«

»Der, nach dem der Hjeldin-Turm benannt ist?« fragte Simon.

»Ja. Hjeldin und Nisses sind beide dort gestorben.«

Simon dachte nach. »Ich habe auch drei Schwerter gesehen.«

Binabik sah Geloë an. »Nur Gebilde habe ich erblickt«, erklärte der Troll langsam. »Ich denke, es mögen Schwerter gewesen sein.«

Auch die Zauberfrau wußte es nicht genau. Simon beschrieb die Umrisse, so gut er konnte, aber sie hatten weder für Geloë noch für Binabik eine Bedeutung.

»So«, meinte der kleine Mann schließlich, »was haben wir nun auf der Traumstraße erfahren? Daß die Nornen Elias Unterstützung gewähren? Das hatten wir uns bereits gedacht. Daß ein seltsames Buch eine Rolle spielt … vielleicht? Das ist etwas Neues. Wir konnten einen Traumblick auf Sturmspitze und die Hallen der Bergkönigin werfen. Wir haben vielleicht Dinge gesehen, die wir noch nicht verstehen. Aber dennoch, denke ich, hat sich an einem gar nichts geändert: Wir müssen nach Naglimund. Euer Haus, Valada, wird uns eine Weile Schutz bieten, aber wenn Josua am Leben ist, muß er von diesen Dingen erfahren.«

Binabik wurde von unerwarteter Seite unterbrochen. »Simon«, sagte Malachias, »du hast erzählt, jemand hätte auf der Begräbnisstätte nach dir gerufen. Es war meine Stimme, die du gehört hast. Ich war es, die dich rief.«

Simon konnte nur Mund und Nase aufsperren. Geloë lächelte.

»Endlich beginnt eines unserer Geheimnisse zu reden! Fahr fort, Kind. Sag ihnen, was du mußt.«

Malachias wurde puterrot. »Ich … mein Name ist nicht Malachias. Ich heiße … Marya.«

»Aber Marya ist ein Mädchenname«, fing Simon an und verstummte beim Anblick von Geloës immer breiter werdendem Grinsen.

»Ein Mädchen?« fragte er lahm. Er schaute dem fremden Jungen ins Gesicht und erkannte es plötzlich als das, was es war. »Ein Mädchen«, brummte er und kam sich unsagbar dumm vor.

Die Zauberfrau lächelte vergnügt. »Es war offensichtlich, muß ich sagen – oder hätte es sein müssen. Sie hatte den Vorteil, mit einem Troll und einem Knaben zu reisen, unter dem Deckmantel rätselhafter, gefährlicher Abenteuer; aber ich habe ihr erklärt, daß sie die Täuschung nicht aufrechterhalten könne.«

»Vor allem nicht den ganzen Weg bis Naglimund, und dorthin muß ich.« Marya rieb sich müde die Augen. »Ich muß Prinz Josua eine wichtige Botschaft von seiner Nichte Miriamel überbringen. Bitte fragt mich nicht, was es ist, denn ich darf es nicht sagen.«