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»Und was ist mit deiner Schwester?« erkundigte sich Binabik.

»Sie wird noch lange nicht reisen können.« Auch er schielte zu der überraschenden Marya hinüber, als wollte er herausfinden, wie er sich hatte täuschen lassen können. Dabei kam es ihm jetzt alles ganz unverkennbar vor.

»Sie ist nicht meine Schwester«, erwiderte Marya traurig. »Leleth war die kleine Dienerin der Prinzessin. Wir waren sehr gute Freundinnen. Sie hatte Angst, allein im Schloß zurückzubleiben und wollte unbedingt mitkommen.« Sie sah das schlafende Kind an. »Ich hätte sie nie mitnehmen dürfen. Ich wollte sie auf den Baum ziehen, bevor uns die Hunde faßten. Wäre ich doch nur stärker gewesen…«

»Es steht noch nicht fest«, unterbrach Geloë sie, »ob das kleine Mädchen überhaupt je wieder reisen kann. Sie ist von der Schwelle des Todes noch nicht weit entfernt. Ich sage das sehr ungern, aber es ist die Wahrheit. Du mußt sie bei mir lassen.«

Marya wollte protestieren, aber Geloë weigerte sich zuzuhören. Simon war verstört, als er in den dunklen Augen des Mädchens etwas entdeckte, das nach einem Schimmer von Erleichterung aussah. Der Gedanke, daß sie das verletzte Kind einfach zurücklassen wollte, so wichtig ihre Botschaft auch sein mochte, erzürnte ihn.

»Gut«, sagte Binabik endlich, »und wo stehen wir jetzt? Wir müssen immer noch nach Naglimund, und dazwischen stehen Meilen von Wald und die steilen Hänge des Weldhelm, die uns den Weg versperren, ganz abgesehen von den Jägern, die uns verfolgen.«

Geloë dachte gründlich nach. »Es scheint mir ganz klar«, erklärte sie dann, »daß ihr euch durch den Wald nach Da'ai Chikiza durchschlagen müßt. Es ist ein alter Ort der Sithi, natürlich lange verlassen. Dort könnt ihr die Steige finden, eine alte Straße über die Berge aus der Zeit, als die Sithi regelmäßig von dort nach Asu'a – dem Hochhorst – reisten. Sie wird nicht mehr benutzt, außer von Tieren, aber sie ist der leichteste und sicherste Übergang. Ich kann euch morgen früh eine Karte geben. Ach ja, Da'ai Chikiza…« Ein tiefes Licht flammte in den gelben Augen auf, und sie nickte, wie in Gedanken verloren, langsam vor sich hin. Gleich darauf blinzelte sie und wurde wieder so energisch wie vorher. »Jetzt müßt ihr schlafen. Wir sollten alle schlafen. Unsere heutigen Taten haben mich schlaff gemacht wie einen Weidenzweig.«

Simon fand das nicht. Ihm schien die Zauberfrau stark wie ein Eichbaum – aber wahrscheinlich konnte der Sturm selbst einer Eiche schaden.

Später, als er in seinen Mantel gerollt dalag, die warme Masse von Qantaqas ein wenig aufdringlicher Persönlichkeit an seine Beine geschmiegt, versuchte er, die Gedanken an den furchtbaren Berg von sich zu schieben. Es war alles zu ungeheuerlich, zu undurchschaubar.

Statt dessen fragte er sich, was Marya wohl von ihm halten mochte. Einen Knaben hatte Geloë ihn genannt – einen Knaben, der nicht wußte, wie ein Mädchen aussah. Aber das war ungerecht – wann hätte er Zeit haben sollen, sich damit zu beschäftigen?

Warum hatte sie im Hochhorst herumspioniert? Vielleicht für die Prinzessin? Und wenn es Marya war, die an der Begräbnisstätte nach ihm gerufen hatte, warum? Woher kannte sie seinen Namen, wieso hatte sie sich die Mühe gemacht, ihn zu behalten? Er erinnerte sich nicht, sie jemals in der Burg gesehen zu haben – zumindest nicht als Mädchen.

Als er endlich in den Schlaf trieb wie ein kleines Boot, das man auf einen schwarzen Ozean hinausschiebt, war ihm, als verfolge er ein Licht, das vor ihm zurückwich, einen hellen Fleck gerade außerhalb seiner Reichweite. Vor den Fenstern deckte Regen den dunklen Spiegel von Geloës See zu.

XXVII

Türme aus Spinnweb

Er versuchte so zu tun, als spüre er die Hand auf seiner Schulter nicht, aber das war unmöglich. Als er die Augen aufschlug, fand er den Raum noch völlig im Dunkel. Nur zwei eckige Siebe aus Sternstaub deuteten an, wo die Fenster waren.

»Laß mich schlafen!« stöhnte er. »Es ist viel zu früh!«

»Steh auf, Junge!« Ein rauhes Flüstern. Es war Geloë, lose in ihr Gewand gewickelt. »Wir dürfen keine Zeit verlieren.«

Simon blinzelte mit den trockenen und schmerzenden Augen an der knienden Frau vorbei auf Binabik, der wortlos dabei war, seinen Rucksack zu packen. »Was ist denn los?« fragte er, aber der Troll schien zu beschäftigt, um zu antworten.

»Ich war draußen«, erklärte Geloë. »Man hat den See entdeckt – wahrscheinlich die Männer, die euch jagten.«

Sofort setzte Simon sich auf und suchte seine Stiefel. In der fast undurchsichtigen Finsternis kam ihm alles ganz unwirklich vor, aber trotzdem konnte er seinen beschleunigten Herzschlag fühlen.

»Usires!« fluchte er leise. »Was machen wir jetzt? Ob sie uns angreifen?«

»Ich weiß nicht«, erwiderte Geloë und verließ ihn, um Malachias – nein, Marya, ermahnte sich Simon – zu wecken. »Es sind zwei Lager, eines am anderen See-Ende, dort wo der Zufluß ist, das andere nicht weit von hier. Entweder wissen sie, wem dieses Haus gehört und überlegen noch, was sie unternehmen sollen, oder sie wissen gar nicht, daß hier eine Hütte steht. Vielleicht sind sie erst gekommen, als wir die Kerzen schon gelöscht hatten.«

Simon fiel plötzlich eine Frage ein. »Woher wißt Ihr, daß sie drüben am anderen Ende sind?« Er spähte durchs Fenster. Der See war wieder in Nebel gehüllt, und nichts deutete auf Lagerfeuer hin. »Es ist doch dunkel«, fügte er hinzu und sah zu Geloë hinüber. Sie war ganz und gar nicht dazu angezogen, im Wald umherzustreifen. Ihre Füße waren nackt.

Aber noch während er sie so betrachtete, das hastig übergestreifte Gewand und die feuchten Nebelperlen, die ihr in Gesicht und Haar hingen, erinnerte er sich an die riesigen Schwingen der Eule, die auf dem Weg zum See vor ihnen hergeflogen war. Und er konnte die starken Klauen noch fühlen, die ihn fortgetragen hatten, als das widerwärtige Wesen auf der Straße der Träume das Leben aus ihm herauspressen wollte.

»Aber das ist jetzt wohl weniger wichtig, nicht wahr?« schloß er endlich. »Wichtig ist nur, daß wir wissen, daß sie da draußen sind.« Trotz des schwachen Mondlichtes sah er, daß die Zauberfrau grinste.

»Recht hast du, Simon«, erwiderte sie leise und half dann Binabik, zwei weitere Rucksäcke zu füllen, einen für Simon und einen für Marya.

»Hört zu«, sagte Geloë, als der inzwischen angekleidete Simon neben sie trat. »Es ist klar, daß ihr fort müßt, bevor es dämmert«, sie schielte einen Augenblick nach den Sternen, »was nicht mehr lange dauern wird. Die Frage ist nur, wie.«

»Unsere einzige Hoffnung«, brummte Binabik, »ist, uns hinauszuschleichen und sie dann im Wald zu umgehen. Wir müssen uns ganz leise bewegen. Jedenfalls können wir mit Sicherheit nicht fliegen.« Er grinste ein wenig mürrisch. Marya, die sich gerade in einen Mantel wickelte, den ihr die Valada gegeben hatte, starrte verwirrt auf das Lächeln des Trolls.

»Nein«, entgegnete Geloë ernsthaft, »aber ich bezweifle auch, daß ihr euch an diesen entsetzlichen Hunden vorbeischleichen könnt. Ja, ihr könnt nicht fortfliegen, aber vielleicht könnt ihr fortschwimmen. Ich habe unter dem Haus ein Boot angebunden. Es ist nicht groß, aber ihr vier paßt wohl hinein – und Qantaqa, solange sie keine Bocksprünge macht.« Sie kraulte liebevoll die Ohren der Wölfin, die neben ihrem hockenden Herrn lag.

»Und was bringt das Gutes?« erkundigte sich Binabik. »Sollen wir in die Mitte des Sees paddeln und sie dann morgen früh auffordern, herzuschwimmen und uns zu holen?« Er war mit dem letzten Rucksack fertig und schob Simon und dem Mädchen je einen zu.

»Es gibt einen Zufluß«, erläuterte Geloë. »Er ist klein und hat nicht viel Strömung, nicht einmal so viel wie der Bach, dem ihr auf dem Herweg gefolgt seid. Mit vier Paddeln kommt ihr leicht aus dem See raus und ein Stück flußauf.« Ihr leichtes Stirnrunzeln war eher nachdenklich als besorgt. »Leider führt der Zufluß auch an einem der beiden Lager vorbei. Aber das läßt sich nun einmal nicht ändern. Ihr müßt eben ganz lautlos paddeln. Vielleicht hilft das sogar eurer Flucht. Ein Mann, der so stur ist wie euer Baron Heahferth – und glaubt mir, ich habe schon mit ihm und seinesgleichen zu tun gehabt –, kann sich einfach nicht vorstellen, daß seine Beute so nah an ihm vorüberschlüpfen würde.«