»Heahferth macht mir auch keine Sorge«, erwiderte Binabik. »Es ist der andere, der in Wahrheit der Herr der Jagd ist – Ingen Jegger, der Schwarz-Rimmersmann.«
»Wahrscheinlich schläft er überhaupt nicht«, bemerkte Simon. Die Erinnerung an diesen Mann war ihm ganz und gar nicht behaglich.
Geloë verzog das Gesicht. »Habt keine Angst. Oder laßt euch wenigstens nicht von ihr bezwingen. Vielleicht gibt es eine nützliche Ablenkung … irgend etwas … man weiß nie.« Sie stand auf. »Komm, Junge«, sagte sie zu Simon, »du bist groß und kräftig. Hilf mir, das Boot loszubinden und es leise an die Brücke vor der Haustür zu ziehen.«
»Kannst du es sehen?« zischte Geloë und deutete auf etwas Dunkles, das auf der anderen Seite des aus dem Wasser ragenden Hauses auf dem ebenholzschwarzen See tanzte. Simon, schon bis zu den Knien im Wasser, nickte. »Dann mach leise«, mahnte sie – ziemlich unnötig, fand Simon.
Während er um das Haus herumwatete, über dem Kopf die auf Stelzen ruhenden Bodenbretter, kam Simon zu dem Ergebnis, daß er sich am Nachmittag doch nicht geirrt hatte, als es ihm vorgekommen war, als hätte sich die Umgebung der Hütte irgendwie verändert. Der Baum dort, die Wurzeln halb im Wasser, den hatte er am ersten Tag gesehen, als sie ankamen; aber da – bei Usires, er war ganz sicher! – hatte der Baum auf der anderen Seite der Hütte gestanden, neben der zur Tür führenden Planke. Wie konnte ein Baum sich bewegen?
Mit den Fingern fand er das Haltetau des Bootes und griff nach oben, bis er an die Stelle kam, wo es an einer Art Reifen, der vom Boden der Hütte herunterhing, festgemacht war. Während er sich krümmte, daß ihm der Rücken weh tat, um den Knoten zu lösen, rümpfte er die Nase über den merkwürdigen Geruch. War es der See oder die Unterseite des Hauses, was da so roch? Neben den Ausdünstungen von feuchtem Holz und Schimmel war da noch eine Art merkwürdiger Tiergeruch, warm und moschusartig, jedoch nicht unangenehm. Während er noch so ins Dunkel spähte, hellten sich die Schatten ein wenig auf. Er konnte sogar den Knoten erkennen. Seine Freude darüber und über das rasche Losbinden, das nun möglich war, wurde von der kalten Einsicht zerstört, daß es bald dämmern würde; seine Helferin war die abnehmende Dunkelheit. Er zog das Haltetau herunter und watete zurück. Das Boot zog er leise hinter sich her. Er konnte vage Geloës unbestimmte Gestalt erkennen, die sich dicht an die schräge Eingangsplanke duckte. So schnell es ging, steuerte er auf sie zu … bis er stolperte.
Es spritzte, und mit einem unterdrückten Aufschrei fiel er beinahe aufs Knie, zog sich aber gleich wieder hoch. Wo war er hängengeblieben? Es fühlte sich an wie ein Baumstamm. Er versuchte über das Hindernis wegzusteigen, trat aber mit dem nackten Fuß mitten darauf und mußte sich zusammennehmen, um nicht wieder zu schreien. Obwohl es regungslos und fest dalag, fühlte es sich doch schuppig an wie ein Hecht aus dem Burggraben im Hochhorst oder eines der ausgestopften Fabeltiere, die bei Morgenes auf den Borden standen. Als die kleinen Wellen sich beruhigten und er Geloës leise, aber wachsame Stimme fragen hörte, ob er sich verletzt hätte, sah er nach unten.
Obwohl das Wasser in der Dunkelheit so gut wie undurchsichtig war, war Simon überzeugt, den Umriß eines sonderbar aussehenden Baumstamms oder besser einer Art sehr großen Astes zu erkennen, denn er konnte ausmachen, daß das, worüber er gestrauchelt war, dicht unter der Wasseroberfläche lag und sich dort mit zwei weiteren schuppigen Ästen vereinigte. Alle zusammen schienen mit dem Sockel eines der beiden Pfeiler verbunden zu sein, auf denen das Haus über dem See stand.
Und als er vorsichtig darüberstieg und lautlos durch das Wasser auf den Schatten, der Geloë war, zuglitt, erkannte er auf einmal, wie die Baumwurzeln – oder Äste, oder was immer sie waren – wirklich aussahen: wie ein riesenhafter Fuß. Oder eigentlich eine Klaue, eine Vogelklaue. Was für eine verrückte Idee! Ein Haus hatte keine Vogelfüße, genausowenig wie ein Haus aufstand und … wandelte …
Simon war sehr still, als Geloë das Boot am Fuß der Planke festband.
Alles und jeder wurde in das kleine Boot hineingestopft: Binabik hockte im spitzen Bug, Marya in der Mitte, Simon, die unruhige Qantaqa zwischen den Knien, im Heck. Die Wölfin fühlte sich sichtlich unwohl. Als Binabik ihr befahl, in den schaukelnden Kahn zu steigen, hatte sie gewinselt und sich gesträubt. Zum Schluß hatte er ihr einen kleinen Klaps auf die Schnauze versetzen müssen. Selbst in der Dunkelheit, die der Morgendämmerung vorausging, konnte man dem kleinen Mann vom Gesicht ablesen, wie schwer ihm das gefallen war.
Der Mond hatte sich tief in das blauschwarze Gewölbe des lichter werdenden westlichen Himmels zurückgezogen. Geloë reichte ihnen die Paddel und richtete sich auf.
»Sobald ihr sicher aus dem See heraus und ein Stück den Fluß hinauf seid, solltet ihr das Boot am besten über Land tragen, durch den Wald bis zum Aelfwent. Es ist nicht übermäßig schwer, und ihr braucht es auch nicht sehr weit zu schleppen. Der Fluß fließt in die richtige Richtung und müßte euch schnell nach Da'ai Chikiza bringen.«
Binabik streckte sein Paddel aus und stieß das Boot von der Planke ab. Geloë stand knöcheltief im Seewasser, als sie sich sanft vom Ufer wegdrehten.
»Denkt daran«, flüsterte sie, »laßt die Paddel im Wasser schleifen, sobald ihr den Fluß erreicht. Stille! Das ist euer Schutz.«
Simon hob die offene Hand. »Lebt wohl, Valada Geloë.«
»Leb wohl, junger Pilgrim.« Obwohl kaum drei Ellen sie trennten, wurde ihre Stimme bereits schwächer. »Viel Glück für euch alle.
Fürchtet euch nicht! Ich werde gut für das kleine Mädchen sorgen.«
Leise glitten sie davon, bis die Zauberfrau nur noch ein Schatten neben der vorderen Stelze des Hauses war.
Der Bug des kleinen Bootes durchschnitt das Wasser wie eine Barbierklinge Seide. Auf einen Wink Binabiks senkten sie die Köpfe, und der Troll steuerte das Boot schweigend in die Mitte des nebligen Sees. Simon duckte sich in Qantaqas dickes Rückenfell, spürte den Puls ihres unruhigen Atems und sah zu, wie sich auf der Wasseroberfläche neben dem Boot kleine Ringe bildeten. Zuerst dachte er an Fische, die so früh schon ein Frühstück aus Maifliegen und Mücken einzunehmen gedachten. Dann aber spürte er einen winzigen nassen Tropfen im Nacken und noch einen. Es regnete.
Als sie sich der Mitte näherten, fuhren sie durch ganze Felder von Hyazinthen, die über das Wasser verstreut waren, als habe man sie auf den Pfad eines heimkehrenden Helden geworfen. Der Himmel begann sich zu erhellen. Die Dämmerung kündete ihr Kommen nicht an: es würde Stunden dauern, bis die Sonne die Wolken durchbrechen und sich am Himmel zeigen könnte. Es sah eher aus, als habe man eine Schicht Dunkelheit vom Himmel geschält wie den ersten von vielen Schleiern. Die Baumlinie, die ein schwarzer Fleck am Horizont gewesen war, verwandelte sich in ein Strohdach aus einzelnen Baumwipfeln, die sich vom schiefergrauen Himmel abhoben. Das Wasser, das sie umgab, war schwarzes Glas, aber schon wurden ein paar Einzelheiten des Ufers erkennbar, matte, bleiche Baumwurzeln wie verkrüppelte Bettlerbeine, der vage Silberschein eines Granitfelsens – das alles umgab den geheimen See wie ein Hoftheater, das darauf wartet, daß die Schauspieler sich einfinden. Langsam verwandelten sich die grauen Nachtgestalten in die lebendigen Dinge des Tages.
Qantaqa duckte sich überrascht, als Marya sich plötzlich vorbeugte und über die Seitenwand des Bootes spähte. Sie wollte etwas sagen, unterließ es und zeigte statt dessen mit dem Finger über den Bug und leicht nach rechts.