Simon kniff die Augen zusammen und sah es: ein fremdartiges Gebilde am unordentlichen und doch in gewisser Weise regelmäßigen Waldsaum, ein viereckiges, kompaktes Ding, dessen Farbe sich von den dunklen Ästen ringsum abhob – ein blaugestreiftes Zelt.
Jetzt gewahrten sie noch einige weitere Zelte, drei oder vier, die gleich hinter dem ersten standen. Simon machte ein finsteres Gesicht und lächelte dann verächtlich. Wie typisch für Baron Heahferth, jedenfalls nach dem, was er damals in der Burg über ihn gehört hatte, derartigen Luxus in den wilden Wald mitzuschleppen.
Gleich hinter den verstreuten kleinen Zelten wich das Seeufer mehrere Ellen zurück und trat dann wieder vor. In der Mitte gab es eine dunkle Stelle, als ob jemand ein Stück aus der Uferlinie herausgebissen hätte. Äste hingen dort tief über dem Wasser. Man konnte zwar nicht sehen, ob es wirklich die Mündung des Zuflusses war, aber Simon war davon überzeugt.
Genau an der Stelle, wo Geloë es gesagt hat! dachte er. Scharfe Augen hat sie – aber das ist ja auch nicht weiter erstaunlich. Er wies auf die dunkle Lücke im Seeufer, und Binabik nickte; er hatte sie ebenfalls gesehen.
Als sie sich dem schweigenden Lager näherten, mußte Binabik etwas kräftiger paddeln, damit sie nicht zu langsam vorbeiglitten; Simon dachte, daß sich die Strömung des Zuflusses wohl allmählich bemerkbar machte. Vorsichtig hob er sein Paddel, um es über die Bootswand zu bringen, aber Binabik bemerkte die Bewegung aus dem Augenwinkel, drehte sich um und schüttelte den Kopf, wobei er lautlos die Worte noch nicht hauchte. Unmittelbar über dem vom Regen gekräuselten Wasser ließ Simon das kleine Paddel verharren.
Als sie, keine dreißig Ellen vom Ufer, die Zelte passierten, sah Simon eine dunkle Gestalt zwischen den Wänden aus azurblauem Stoff herumgehen. Es schnürte ihm die Kehle zu. Ein Posten; unter dem Mantel nahm er den stumpfen Glanz von Metall wahr. Vielleicht blickte der Mann sogar in ihre Richtung, aber das war schwer festzustellen, weil er die Kapuze weit über den Kopf gezogen hatte.
Gleich darauf hatten auch die anderen den Wächter erkannt. Binabik hob vorsichtig das Paddel aus dem Wasser, und alle bückten sich, um so wenig wie möglich von ihrem Umriß zu zeigen. Selbst wenn der Soldat zufällig auf den See schaute, übersah er sie vielleicht oder würde nur einen Baumstamm bemerken, der auf dem Wasser schaukelte – aber Simon war sicher, daß das einfach zuviel gehofft war. Er konnte sich nicht vorstellen, daß der Mann, wenn er sich umdrehte, sie nicht entdecken sollte; dazu waren sie ihm viel zu nahe.
Die Fahrt des kleinen Bootes verlangsamte sich, und die dunkle Lücke in der Uferlinie kam näher. Es war der Zufluß. Simon konnte die kleinen Wellen sehen, dort wo das Wasser ein paar Meter aufwärts über den runden Rücken eines Felsblockes strömte.
Auch ihre Fahrt hatte es schon fast abgebremst; die Nase des Bootes begann sich, von der leichten Strömung abgewiesen, bereits zu drehen. Sie würden bald die Paddel eintauchen müssen oder genau unter den blauen Zelten ans Ufer treiben. Und in diesem Augenblick war der Posten mit dem fertig, was auf der anderen Seite des Lagers seine Aufmerksamkeit erregt hatte, und drehte sich um, um auf den See hinauszuschauen.
In derselben Sekunde, noch ehe die in ihnen aufsteigende Furcht sie wirklich erfassen konnte, fiel aus den Bäumen über dem Lager etwas Dunkles senkrecht auf den Posten hinunter. Es segelte wie ein riesiges graues Blatt durch die Äste und landete auf seinem Hals; aber dieses Blatt hatte Klauen. Als er sie an der Kehle fühlte, stieß der Gepanzerte einen Schreckensschrei aus, ließ den Speer fallen und schlug auf das Wesen ein, das ihn gepackt hielt. Die graue Gestalt flatterte mit schwirrenden Schwingen in die Höhe und schwebte gerade außer Reichweite über seinem Kopf. Wieder schrie der Mann, griff sich an den Hals und tastete auf der Erde nach seinem Speer. »Jetzt!« zischte Binabik. »Paddelt!« Er, Marya und Simon tauchten die hölzernen Blätter ins Wasser und ruderten mit aller Macht. Die ersten Schläge schienen sie nicht weiterzubringen, sinnlos spritzte Wasser, und das Boot schaukelte. Dann begannen sie sich in Bewegung zu setzen und paddelten gleich darauf gegen die stärkere Strömung des Flusses, als sie unter den überhängenden Ästen hindurchgeglitten waren.
Simon blickte sich um und sah den Posten, der barhäuptig herumhüpfte und nach dem über ihm schwebenden Wesen schlug. Ein paar von den anderen Männern hatten sich auf ihren Schlafdecken aufgerichtet und lachten über den Anblick ihres Kameraden, der den Speer wieder fallengelassen hatte und jetzt mit Steinen nach dem verrückten, gefährlichen Vogel warf. Die Eule wich den Geschossen mit Leichtigkeit aus. Als Simon den Vorhang aus belaubten Zweigen hinter dem Boot herunterzog, schwenkte sie spöttisch den breiten weißen Schwanz und kreiste nach oben in die Schatten der Bäume.
Sie stemmten sich gegen die widerspenstige Strömung, die überraschend stark war, obwohl sich an der Oberfläche gar nichts zu bewegen schien, und Simon lachte leise und triumphierend vor sich hin.
Lange Zeit paddelten sie so den Fluß hinauf. Auch wenn sie nicht gewußt hätten, daß sie still sein mußten, wäre ihnen eine Unterhaltung schwergefallen, so anstrengend war das Paddeln. Endlich, fast eine Stunde später, stießen sie auf einen kleinen Altarm, von einem Schutzschirm aus Schilfrohr umgeben, wo sie haltmachen und sich ausruhen konnten.
Die Sonne war inzwischen ganz aufgegangen, ein verschwommener, glühender Fleck hinter einem perlweißen, den ganzen Himmel bedeckenden Wolkenbaldachin. Noch immer hing dünner Nebel über Wald und Fluß, so daß ihre Umgebung einer Traumlandschaft glich. Etwas weiter oben schien der Fluß irgendein Hindernis zu unter- oder überspülen; das ruhige Schnurren des fließenden Wassers wurde durch die glockenspielartigen Geräusche des Wasserlaufes verstärkt, der in die Höhe sprang und plätschernd wieder herunterfiel.
Simon pustete und beobachtete das Mädchen Marya. Sie hatte die Wange auf den Unterarm gelegt und lehnte sich an die Bootswand. Es war ihm völlig unverständlich, wie er sie je für einen Jungen hatte halten können. Was ihn an einen Fuchs erinnert hatte, die für einen Jungen ungewöhnlich scharfen Züge, schien ihm jetzt anmutig. Sie war rot vor Anstrengung. Simon betrachtete ihre geröteten Wangen, und sein Blick wanderte über die weiße Länge des gestreckten Halses zu der sanften, aber deutlich sichtbaren Erhebung ihres Schlüsselbeines, dort, wo das Jungenhemd, das sie trug, am Hals offenstand.
Sie ist nicht sehr gut gepolstert … nicht wie Hepzibah, überlegte er sinnend. Ha! Ich möchte einmal sehen, wie Hepzibah sich als Junge ausgibt! Aber trotzdem ist sie auf ihre magere Weise hübsch. Ihr Haar ist so ungemein schwarz.
Maryas Augen flatterten zu. Sie atmete weiter tief. Simon streichelte gedankenverloren Qantaqas breiten Kopf.
»Gut gebaut ist sie, nicht wahr?« fragte Binabik vergnügt.
Simon starrte ihn erschreckt an. »Was?«
Binabik runzelte die Stirn. »Es tut mir leid. Vielleicht sagt ihr auf Erkynländisch ›er‹ dazu? Oder ›es‹? Aber trotzdem mußt du mir zustimmen, daß Geloë ein Werk von großer Kunst vollbracht hat.«
»Binabik«, sagte Simon, dessen Erröten nachzulassen begann, »ich habe nicht die geringste Ahnung, wovon du sprichst.«
Der kleine Mann klopfte mit der flachen Hand sanft auf die Bootswand. »Was für ein schönes Werk Geloë aus Rinde und Holz geschaffen hat. Und so leicht! Ich denke, wir werden keine große Mühe haben, es über Land zum Aelfwent zu tragen.«
»Das Boot…«, sagte Simon und nickte wie ein Dorftrottel. »Das Boot. Ja, es ist gut gebaut.«
Marya setzte sich auf. »Wollen wir jetzt versuchen, uns zu dem anderen Fluß durchzuschlagen?« fragte sie. Als sie sich wieder umdrehte und nach dem dünnen Waldstreifen blickte, den man durch das Schilf erkennen konnte, bemerkte Simon die dunklen Ringe unter ihren Augen, sah, wie erschöpft sie war. Ein wenig regte er sich immer noch darüber auf, daß sie erleichtert gewesen war, als Geloë sich bereiterklärte, das Kind zu behalten; aber er war froh, daß diese Dienerin sich Gedanken zu machen schien, daß sie nicht einfach zu den Mädchen gehörte, die immer nur Lachen und Scherzen im Sinn haben.