Nein, natürlich gehört sie nicht dazu, dachte er. Eigentlich habe ich sie überhaupt noch nicht lächeln sehen. Nicht, daß unsere Erlebnisse nicht jedem das Lachen austreiben könnten – aber ich laufe ja auch nicht immer mürrisch und schlechtgelaunt herum.
»Das wäre vielleicht gar keine schlechte Idee«, sagte Binabik als Antwort auf Maryas Frage. »Ich glaube, das Geräusch, das wir dort vor uns hören, ist eine Versammlung von Felsen im Fluß. Wenn das zutrifft, hätten wir ohnehin kaum eine andere Wahl, als das Boot außenherum zu tragen. Vielleicht könnte Simon hingehen und es herausfinden.«
»Wie alt bist du?« fragte Simon Marya. Binabik drehte sich überrascht um und glotzte ihn an. Marya verzog den Mund und betrachtete Simon einen langen Augenblick.
»Ich bin…« begann sie und hielt dann inne. »Im Octander werde ich sechzehn Jahre.«
»Also fünfzehn«, meinte Simon nicht ohne eine gewisse Selbstgefälligkeit.
»Und du?« erkundigte sich das Mädchen herausfordernd. Simon sträubten sich die Nackenhaare.
»Fünfzehn!«
Binabik hüstelte. »Gut und schön – Schiffskameraden sollten sich miteinander bekanntmachen. Aber … vielleicht besser später. Simon, könntest du hingehen und feststellen, ob dort vorn wirklich Felsen sind?«
Simon wollte schon ›ja‹ sagen, hatte aber plötzlich keine Lust mehr. War er ein Laufbursche? Ein Kind, das springen und für die Erwachsenen Sachen herausfinden mußte? Wer hatte denn schließlich die Entscheidung getroffen, hinzugehen und dieses dumme Mädchen von ihrem Baum zu retten?
»Wenn wir doch ohnehin zu dem Wie-heißt-er-doch-gleich hinüber müssen, warum dann der Aufwand?« fragte er. »Gehen wir doch einfach los.«
Der Troll warf ihm einen scharfen Blick zu, nickte jedoch schließlich mit dem Kopf. »Na schön. Ich denke, meiner Freundin Quantaqa wird es auch guttun, wenn sie sich ein wenig die Beine vertritt.« Und zu Marya: »Wölfe sind keine Seeleute, weißt du.«
Marya starrte Binabik an, als wäre er noch wunderlicher als Simon. Dann brach sie in schallendes Gelächter aus. »Sehr wahr!« meinte sie und lachte weiter.
Das Kanu war tatsächlich federleicht, aber trotzdem nicht einfach durch die Äste und Ranken zu befördern, die ständig daran hängenblieben. Um eine Höhe zu erreichen, bei der sowohl Binabik als auch das Mädchen mittragen konnten, mußten sie das umgekehrte Boot so tief halten, daß das scharfe Heckende ständig gegen Simons Brustbein schlug. Außerdem konnte er beim Gehen die eigenen Füße nicht sehen, was zur Folge hatte, daß er immer wieder im Unterholz stolperte. Durch das Geflecht aus Zweigen und Blättern über ihnen ergoß sich der Regen; Simon, der keine Hand frei hatte, konnte sich nicht einmal die Tropfen abwischen, die ihm in die Augen liefen. Er war nicht in bester Stimmung.
»Wie weit ist es eigentlich, Binabik?« fragte er endlich. »Dieses verdammte Boot schlägt mir die Brust in Stücke.«
»Nicht weit, ist meine Hoffnung«, rief der Troll, dessen Stimme unter der Hülle aus gespannter Baumrinde unheimlich widerhallte. »Geloë hat gesagt, der Zufluß und der Aelfwent flössen eine lange Strecke nebeneinander her und seien nicht mehr als eine Viertelstunde getrennt. Wir sollten bald da sein.«
»Bald sollte es wirklich sein«, bemerkte Simon grimmig. Marya vor ihm gab einen Laut von sich, von dem Simon sicher war, daß er nach Abscheu klang – wahrscheinlich seinetwegen. Er zog ein ungemein finsteres Gesicht, und das rote Haar lag ihm naß und strähnig auf der Stirn.
Endlich vernahmen sie durch das sanfte Trommeln von Regentropfen auf Laub und Boot ein anderes Geräusch, ein atmendes Rauschen, das Simon an einen Raum voll murmelnder Menschen denken ließ. Quantaqa sprang krachend durch das Unterholz voraus.
»Ha!« ächzte Binabik und ließ sein Bootsende sinken. »Seht ihr? Wir haben ihn gefunden. T'si Suhyasei!«
»Ich dachte, er hieße Aelfwent.« Marya rieb sich die Stelle ihrer Schulter, auf der das Boot gelegen hatte. »Oder sagen das die Trolle immer, wenn sie auf einen Fluß stoßen?«
Binabik lächelte. »Nein. Es ist ein Sithiname. Schließlich ist das in gewisser Weise ein Sithifluß, denn sie fuhren mit ihren Booten darauf, als Da'ai Chikiza ihre Stadt war. Du solltest das wissen, denn Aelfwent heißt in der alten Sprache von Erkynland ›Sithifluß‹.«
»Und was bedeutet dann … das, was du gesagt hast?« fragte Marya.
»T'si Suhyasei?« Binabik dachte nach. »Das kann man schwer genau übersetzen. Es heißt ungefähr ›ihr Blut ist kalt‹.«
»Ihr?« fragte Simon und kratzte sich mit einem Stock den Lehm von den Stiefeln. »Und wer ist dieses Mal ›ihr‹?«
»Der Wald«, erwiderte Binabik. »Bei den Sithi ist er weiblich. Kommt jetzt. Ihr könnt euch gleich den Schlamm im Wasser abwaschen.«
Sie trugen das Boot die Uferböschung hinunter. Dazu mußten sie es durch ein Dickicht aus Katzenschwänzen stoßen, was viele geknickte Stiele zur Folge hatte. Endlich lag der Fluß vor ihnen – eine breite, gesunde Wasserfläche, erheblich größer als der Seezufluß und mit einer sichtlich stärkeren Strömung. Sie mußten das Boot in die vom Flußlauf ausgewaschene Schlucht hinunterlassen; zuletzt stand Simon, der Längste, knietief im seichten Wasser, um das Boot in Empfang zu nehmen. Seine Stiefel wurden dabei allerdings wirklich sauber. Er hielt das tanzende Fahrzeug fest, während Marya und der Troll zuerst die mißtrauische Quantaqa über den Rand hoben – ohne daß die Wölfin ihnen dabei wesentlich behilflich gewesen wäre –, um dann selber einzusteigen. Simon kletterte als letzter an Bord und nahm seinen Platz im Heck ein.
»Deine Stellung«, ermahnte Binabik ihn ernst, »erfordert viel Verantwortung. Bei einer so starken Strömung werden wir nicht viel zu paddeln haben, aber du mußt steuern; und rufe, wenn Felsen kommen, damit wir mithelfen können, uns von ihnen abzustoßen!«
»Das kann ich«, antwortete Simon rasch. Binabik nickte und ließ den langen Ast los, an dem er sich festgehalten hatte; sie stießen vom Ufer ab und trieben hinaus auf den brausenden Aelfwent.
Zuerst war es, wie Simon rasch merkte, doch ein wenig schwierig. Einige der Felsen, denen sie aus dem Weg gehen mußten, waren über der glasigen Oberfläche des Wassers gar nicht sichtbar, sondern lagen unmittelbar darunter, so daß sie nur an den glänzenden Buckeln zu erkennen waren, die das Wasser darüber bildete. Der erste, den Simon nicht sah, verursachte ein gräßliches Geräusch, als der straffgespannte Rumpf an ihm entlangschrammte, so daß sie alle einen Augenblick Angst bekamen; aber das kleine Boot sprang von dem versunkenen Stein fort wie ein Schaf vor den Scheren. Bald hatte Simon sein Fahrzeug im Gefühl; an manchen Stellen schien es fast über das Wasser zu fliegen, schwerelos wie ein Blatt auf dem wogenden Rücken des Flusses.
Als sie in einen Abschnitt mit ruhigerem Fahrwasser kamen und das Tosen der Felsen hinter ihnen zurückblieb, spürte Simon, wie ihm das Herz in der Brust schwoll. Die neckenden Hände des Flusses zupften an seinem Paddel, das im Wasser trieb. Eine Erinnerung an die breiten Zinnen des Hochhorstes, auf denen er herumgeklettert war, stieg in ihm auf – als er atemlos gewesen war über die eigene Macht, über den Anblick der säuberlichen Felder tief unter ihm. Ihm fiel ein, wie er in der Glockenstube des Grünengel-Turmes gehockt und auf die aneinandergeduckten Häuser von Erchester hinuntergeschaut hatte, hinaus in die weite Welt, den Wind im Gesicht. Hier, im Heck des kleinen Bootes, kauerte er von neuem zugleich in der Welt und darüber, weit darüber, segelte wie der Frühlingswind, der durch die Baumkronen schnaubte. Er hob das Paddel vor sich in die Höhe … und es war ein Schwert.