Usires war ein Seemann, fing er an zu singen, die Worte fielen ihm plötzlich wieder ein. Es war eine Melodie, die ihm jemand vorgesungen hatte, als er noch sehr klein gewesen war.
Binabik und Marya drehten sich nach ihm um; Simon grinste.
Er verstummte.
»Warum hörst du auf?« fragte Binabik. Marya betrachtete ihn immer noch mit nachdenklichem Augenausdruck.
»Das ist alles, was ich davon weiß«, erklärte Simon und versenkte sein Paddel wieder im gurgelnden Kielwasser des Bootes. »Ich erinnere mich nicht einmal, woher. Ich glaube, eine der Kammerfrauen hat es gesungen, als ich ein Kind war.«
Binabik lächelte. »Ein gutes Lied für eine Flußreise, finde ich, obwohl einige der Einzelheiten über wenig historische Richtigkeit verfügen. Bist du sicher, daß du dich an nichts mehr erinnern kannst?«
»Leider ja.« Das Versagen seiner Erinnerung kümmerte ihn wenig. Diese eine kurze Stunde auf dem Fluß hatte seine Laune ganz und gar gehoben. Er war einmal auf einem Fischerboot mit in der Bucht gewesen und hatte es sehr schön gefunden … aber das war nichts im Vergleich zu jetzt, zu dem vorüberrauschenden Wald und dem Gefühl des zierlichen Bootes unter ihm, so sensibel und empfänglich für seine Kommandos wie ein Fohlen.
»Ich kenne keine Segellieder«, bemerkte der Troll, der sich über Simons veränderte Stimmung freute. »Im hohen Qanuc sind die Flüsse aus Eis, und nur die kleinen Trollinge spielen ihre Schleifspiele darauf. Ich könnte allenfalls etwas vom mächtigen Chukku und seinen Abenteuern singen…«
»Ich kenne ein Flußlied«, unterbrach ihn Marya und fuhr sich mit schmaler, weißer Hand durch den schwarzen Haarschopf. »Die Straßen von Meremund sind voll von Seemannsliedern.«
»Meremund?« fragte Simon. »Wie kommt ein Burgmädchen nach Meremund?«
Marya kräuselte die Lippen. »Wo, glaubst du, haben die Prinzessin und ihr ganzer Hof gelebt, bevor wir zum Hochhorst kamen – in der Einöde von Nascadu?« Sie schnaubte. »Natürlich in Meremund. Es ist die schönste Stadt der Welt, in der sich das Meer und der große Gleniwent-Fluß begegnen. Du kannst das nicht wissen, du warst nie dort.« Sie feixte. »Burgjunge!«
»Dann sing!« mischte Binabik sich ein und wedelte mit der Hand vor sich her. »Der Fluß wartet darauf, dich zu hören, und der Wald auch.«
»Hoffentlich erinnere ich mich noch«, meinte sie spöttisch und warf Simon einen schrägen Blick zu. Er erwiderte ihn hochmütig – ihre Bemerkung hatte seine gehobene Stimmung kaum berührt. »Es ist ein Lied der Flußschiffer«, fuhr sie fort, räusperte sich und hob dann, erst ein wenig unsicher, dann mutiger, mit lieblicher, kehliger Stimme zu singen an.
Als Marya zum dritten Mal zum Kehrreim kam, kannten Simon und Binabik die Worte und konnten einfallen. Qantaqa legte die Ohren an, als sie den dahineilenden Aelfwent hinuntergrölten.
Oh, das Meer ist eine Frage, doch die Antwort ist der Fluß, sang Simon aus voller Kehle, als plötzlich die Nase des Bootes in ein Wasserloch kippte und wieder in die Höhe schoß: Sie fuhren von neuem durch Felsen. Als sie die brodelnden Wasser hinter sich gebracht und wieder freie Fahrt hatten, waren sie alle zu atemlos zum Weitersingen. Aber Simon grinste immer noch, und als die grauen Wolken über dem Wald ihre Schleusen öffneten und sie mit noch mehr Regen überschütteten, hob er das Kinn und fing die Tropfen mit der Zunge auf. »Regen, jetzt«, erläuterte Binabik und hob unter dem an die Stirn geklatschten Haar die Brauen. »Ich denke, wir werden naß.«
Den kurzen Augenblick der Stille durchbohrte das hohe, prustende Gelächter des Trolls.
Als das durch den Baumbaldachin herabsickernde Licht schwächer wurde, steuerten sie das Boot ans Ufer und schlugen ihr Lager auf. Binabik schichtete ein Feuer und setzte mit Hilfe seines Säckchens mit gelbem Staub das feuchte Holz in Brand. Dann förderte er aus einem der Rucksäcke, die Geloë ihnen mitgegeben hatte, ein Paket mit frischem Gemüse und Obst zutage. Die Wölfin, sich selbst überlassen, schlich ins hohe Gebüsch hinein und kam nach einiger Zeit mit triefendnassem Fell zurück; ein paar blutige Streifen zierten ihre Schnauze. Simon blickte zu Marya hinüber, die nachdenklich an einem Pfirsichkern lutschte, um zu sehen, wie sie auf dieses Zeichen der brutalen Seite von Qantaqas Wesen reagieren würde, aber falls das Mädchen es überhaupt bemerkt hatte, zeigte sie keinen Hinweis auf Unbehagen. Sie muß in der Küche der Prinzessin gearbeitet haben, dachte er. Trotzdem, ich wette, wenn ich ihr eine von Morgenes' ausgestopften Echsen in den Mantel steckte, dann würde sie springen.
Der Gedanke daran, daß sie in einer der Burgküchen beschäftigt gewesen sein könnte, veranlaßte ihn nachzugrübeln, was sie eigentlich im Dienst der Prinzessin für Aufgaben gehabt haben mochte – und, wenn er schon dabei war, wieso hatte sie gerade ihm nachspioniert? Aber als er sie über die Prinzessin ausfragen wollte, schüttelte sie nur den Kopf und meinte, über ihre Herrin und ihren Dienst könne sie erst dann etwas erzählen, wenn sie ihre Botschaft in Naglimund abgeliefert hätte.
»Ich hoffe, du wirst mir die Stellung dieser Frage vergeben«, bemerkte Binabik, der gerade die wenigen Eßgeräte einpackte und seinen Wanderstab auseinandernahm, um dann seine Flöte herauszuholen, »aber welchen Plan hast du, wenn Josua nicht in Naglimund ist und deine Botschaft nicht entgegennehmen kann?«
Marya machte ein verwirrtes Gesicht, schwieg aber trotzdem weiter. Simon war versucht, Binabik nach ihren Plänen zu fragen, und nach Da'ai Chikiza und der Steige, aber der Troll trillerte bereits gedankenverloren auf seiner Flöte. Die Nacht legte eine Decke aus Dunkelheit über den ganzen großen Aldheorte und ließ nur ihr kleines Feuerchen unbedeckt. Simon und Marya saßen da und lauschten dem Troll, der seine Musik in die regennassen Baumwipfel aufsteigen und dort ein Echo finden ließ.