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Am nächsten Tag waren sie kurz nach Sonnenaufgang schon auf dem Fluß. Der Rhythmus des fließenden Wassers schien ihnen jetzt vertraut wie ein Kinderreim: die langen, trägen Strecken, auf denen es ihnen vorkam, als sei ihr Boot ein Felsen, auf dem sie saßen, während zu beiden Seiten das unendliche Meer der Bäume vorüberrauschte – und andererseits die gefährliche Erregung der brausenden Stromschnellen, die das schwache Fahrzeug schüttelten wie einen Fisch, der am Haken zappelt.

Im Lauf des Vormittages ließ der Regen nach, und die Sonne funkelte durch die überhängenden Äste und schmückte Fluß und Waldboden mit kleinen Lichttümpeln.

Die willkommene Erholungspause von den Unbilden des Wetters – das, wie Simon nicht umhin konnte festzustellen, für den späten Maia ungewöhnlich winterlich war, wobei er an den Eisberg ihres gemeinsamen Traums dachte – trug dazu bei, daß sie alle guter Dinge waren. Während sie durch den Tunnel tief herabgeneigter Bäume dahinschwammen, zwischen denen sich hier und da majestätische Flächen voller Sonnenschein ausbreiteten, der durch Lücken im Astgewirr strömte und den Fluß für kurze Zeit in einen Spiegel aus poliertem Gold verwandelte, unterhielten sie einander durch muntere Reden. Simon, zuerst recht unwillig, erzählte von den Menschen, die er in der Burg gekannt hatte – von Rachel, Tobas dem Hundewärter, der sich mit Lampenruß die Nase schwärzte, damit ihn seine Schützlinge leichter als zur Familie gehörig anerkannten, von Peter Goldschüssel, dem riesigen Ruben und vielen anderen. Binabik sprach mehr von seinen Reisen, von seinen Jugendfahrten in das Brackland von Wran und die öden, fremdartigen Wüsten im Osten seiner Heimat Mintahoq. Selbst Marya, trotz ihrer anfänglichen Zurückhaltung und der langen Liste der Dinge, über die man nicht mit ihr reden konnte, brachte Simon und den Troll mit ihrer Darstellung der Auseinandersetzungen zwischen Flußschiffern und Seeleuten und ihren Bemerkungen über einige der zweifelhaften Edelleute, die in Meremund und auf dem Hochhorst den Umgang der Prinzessin Miriamel gebildet hatten, zum Lächeln.

Nur einmal wandte sich auf dieser Bootsfahrt des zweiten Tages das Gespräch den dunkleren Dingen zu, die wie ein Schatten über den Gedanken der drei Gefährten lagen.

»Binabik«, fragte Simon, als sie auf einem sonnenhellen Stück Waldwiese ihr Mittagsmahl einnahmen, »glaubst du wirklich, daß wir diese Männer endgültig hinter uns gelassen haben? Oder gibt es vielleicht noch andere, die uns suchen?«

Der Troll schnippte einen Apfelkern vom Kinn. »Mit Sicherheit weiß ich gar nichts, Freund Simon – wie ich bereits erwähnt habe. Überzeugt bin ich, daß wir an ihnen vorbeigeschlüpft sind und man uns nicht unmittelbar verfolgt hat; aber da ich nicht wissen kann, warum sie uns überhaupt suchen, weiß ich auch nicht, ob sie uns finden können. Wissen sie, daß wir nach Naglimund wollen? Sich das vorzustellen, ist ja nicht so schwer. Aber es gibt drei Dinge, die zu unseren Gunsten sprechen.«

»Nämlich?« fragte Marya mit leichtem Stirnrunzeln.

»Erstens ist es leichter, etwas in einem Wald zu suchen als es zu finden.« Er hob einen kurzen, stämmigen Finger. »Zweitens nehmen wir einen Schleichweg nach Naglimund, der seit Jahrhunderten kaum noch bekannt ist.« Ein zweiter Finger. »Und schließlich, um unsere Route herauszufinden, müssen diese Männer sie von Geloë in Erfahrung bringen«, sein dritter Finger streckte sich, »und das ist etwas, von dem ich nicht glaube, daß es geschehen wird.«

Genau darüber hatte sich Simon insgeheim schon Sorgen gemacht. »Und wenn sie ihr weh tun?« fragte er deshalb. »Es waren Männer mit Schwertern und Speeren, Binabik. Sie werden sich auf die Dauer von Eulen kaum verscheuchen lassen.«

Der Troll nickte ernsthaft und baute aus seinen kurzen Fingern ein Zelt. »Nicht, daß ich deshalb nicht besorgt wäre, Simon. Tochter der Berge, ich bin es! Aber du weißt wenig von Geloë. Sie nur für eine Weise Frau der Dörfer zu halten, heißt einen Fehler machen, einen Fehler, der Heahferths Männern leid tun könnte, falls sie ihr nicht den gehörigen Respekt entbieten. Schon lange Zeit schreitet Valada Geloë durch Osten Ard; viele Jahre lebt sie im Wald und viele, viele Jahre wohnte sie zuvor bei den Rimmersgardern. Und noch weit früher kam sie aus dem Süden nach Nabban; von ihren Reisen davor weiß niemand. Sie ist jemand, der für sich selbst einstehen kann, darauf kannst du dich verlassen – weit besser als ich oder sogar, wie auf so traurige Weise bewiesen, jener gute Mann Morgenes.« Er griff nach einem neuen Apfel, dem letzten im Sack. »Aber genug von solchen Dingen. Der Fluß wartet, und unsere Herzen müssen leicht sein, damit wir schneller vorwärtskommen.«

Später am Nachmittag, als die Schatten der Bäume zu einem großen Schattenfleck über dem Fluß zusammenzufließen begannen, erfuhr Simon mehr über die Geheimnisse des Aelfwent. Er fischte gerade in seinem Rucksack nach einem Stück Stoff, das er um seine Hände wickeln wollte, um sie vor den Blasen zu schützen, die ihm das rauhe Paddel eingetragen hatte. Er fand etwas, das sich anfühlte, als sei es dafür geeignet, und zog es heraus. Es war der Weiße Pfeil, immer noch in den zerfetzten Saum seines Hemdes gehüllt. Simon war überrascht, ihn plötzlich wieder in der Hand zu halten, seine Köstlichkeit zu spüren, einer Feder gleich, die im ersten verirrten Windhauch davonschweben kann. Vorsichtig wickelte der Junge ihn aus dem schützenden Tuch.

»Schau«, sagte er zu Marya und griff über Qantaqa hinüber, um ihr den Pfeil in seinem Nest aus Lumpen zu zeigen. »Es ist ein Weißer Pfeil der Sithi. Ich habe einem Sitha das Leben gerettet, und er gab ihn mir.« Er überlegte kurz. »Schoß ihn nach mir, besser gesagt.«

Es war ein Werk von großer Schönheit, fast leuchtend im schwindenden Licht, wie die schimmernde Brust eines Schwans. Marya betrachtete ihn kurz und berührte ihn dann mit spitzem Finger.

»Hübsch«, meinte sie, aber in ihrem Ton lag nichts von der Bewunderung, die Simon erhofft hatte.

»Natürlich ist er hübsch! Er ist geheiligt. Er bedeutet, daß eine Schuld offensteht. Frag Binabik, der kann es dir bestätigen.«

»Simon hat recht«, rief der Troll vom Bug herüber. »Es geschah kurz bevor wir einander begegneten.«

Marya fuhr fort, den Pfeil gelassen zu mustern, als wäre sie mit ihren Gedanken an einem ganz anderen Ort. »Er ist wunderschön«, sagte sie, und ihre Stimme klang kaum überzeugender als vorher. »Du hast großes Glück gehabt, Simon.«

Er wußte nicht warum, aber die Worte machten ihn wütend. Begriff sie denn nicht, was er durchgemacht hatte? Begräbnisstätte, Sithifalle, die Hunde, die Feindschaft eines Hochkönigs? Wer war sie, daß sie ihm antwortete wie eine der Kammerfrauen, die ihn tröstete, wenn er sich das Knie aufgeschürft hatte, und dabei an etwas ganz anderes dachte?

»Natürlich«, meinte er endlich und hielt den Pfeil vor sich in die Höhe, so daß sich ein fast waagrechter Sonnenstrahl darin brach und das Flußufer wie ein vorüberziehender Teppich dahinter lag, »natürlich hat er mir inzwischen so viel Glück gebracht – ich bin überfallen worden, gebissen, gejagt, litt Hunger –, daß ich ihn genausogut nie bekommen haben könnte.« Er starrte den Pfeil ärgerlich an und ließ den Blick über die Schnitzereien wandern, die ihm vorkamen wie die Geschichte seines Lebens, nachdem er den Hochhorst verlassen hatte: verwickelt, aber sinnlos.

»Ich könnte ihn wirklich ruhig wegwerfen«, sagte er bitter – natürlich würde er es nie tun, aber es war seltsam befriedigend, sich vorzustellen, daß es immerhin in seiner Macht stand –, »ich meine, was habe ich denn schon Gutes von ihm gehabt?«

Binabiks Warnruf kam mitten im Satz, aber bis Simon begriffen hatte, war es bereits zu spät. Das Boot prallte fast senkrecht auf den verborgenen Felsen; es schwankte, und das Heck senkte sich mit saugendem Aufklatschen ins Wasser. Der Pfeil wurde aus Simons Hand gerissen, drehte sich in der Luft und fiel in die um die Felsen tosenden Fluten. Als das Hinterteil des Bootes herunterkippte, drehte Simon sich um; gleich darauf rutschten sie von einem weiteren versunkenen Felsen ab, und Simon stürzte. Das Boot legte sich schief, ohne zu kentern, doch er fiel…