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Das Wasser war erschreckend kalt. Einen Augenblick schien es, als sei er durch ein Loch in der Welt in völlige Nacht gestürzt. Dann brach er keuchend an die Oberfläche, wie verrückt in dem strudelnden Wasser herumwirbelnd. Er stieß gegen einen Felsen, drehte sich und ging wieder unter; angsteinflößendes Wasser drängte ihm die Luft aus Nase und Mund. Mühsam streckte er den Kopf wieder heraus und spannte die Muskeln, als ihn die gurgelnde Strömung gegen ein hartes Hindernis nach dem anderen schleuderte. Eine Sekunde fühlte er Wind im Gesicht und sog ihn hustend ein; er spürte, wie etwas von der Usires-sei-gelobten Luft den Weg in seine brennenden Lungen fand. Dann war er plötzlich an den Felsen vorbei und schwamm frei, strampelte mit den Füßen, um den Kopf über der Wasseroberfläche zu halten. Zu seiner Verblüffung befand sich das Boot jetzt hinter ihm und glitt gerade um die letzten der Buckelsteine herum. Binabik und Marya paddelten aus Leibeskräften, die Augen groß vor Angst, aber Simon merkte, daß sich die Entfernung allmählich vergrößerte. Er trieb stromab, und als er den Kopf wild nach allen Seiten drehte, sah er, daß die Flußufer erschreckend weit weg waren. Wieder tat er einen tiefen, keuchenden Atemzug.

»Simon!« schrie Binabik. »Schwimm zu uns zurück! Wir können nicht schnell genug rudern!«

Mit großer Anstrengung versuchte er zu wenden und sich zu ihnen zurückzukämpfen, aber der Fluß zog ihn mit tausend unsichtbaren Fingern fort. Er spritzte und versuchte seine Hände zu den Paddeln zu formen, die ihm Rachel – Morgenes? – einmal gezeigt hatte, während man ihn im seichten Wasser des Kynslagh festhielt; aber gegen die alles mitreißende Macht der Strömung schien ihm der Versuch lächerlich. Er ermüdete jetzt schnell, konnte seine Beine nicht mehr finden, fühlte nur noch kalte Leere, wenn er um sich treten wollte. Wasser spritzte ihm in die Augen, ließ die herunterhängenden Zweige in allen Regenbogenfarben schillern, dann glitt er wieder hinab in die Tiefe. Etwas schlug klatschend neben seiner Hand auf, und er ruderte mit den Armen im kalten Wasser, um ein letztes Mal nach oben zu kommen. Es war Maryas Paddel. Mit ihrer größeren Reichweite hatte sie sich an Binabiks Platz im Bug geschoben und den Arm so weit ausgestreckt, daß nur noch wenige Zoll das flache Holzstück von seinem Griff trennten. Neben ihr stand bellend Qantaqa, die sich, als wollte sie es ihr nachtun, fast ebensoweit hinauslehnte wie das Mädchen; das kopflastig gewordene Kanu lag gefährlich schräg.

Simon sandte einen Gedanken dorthin zurück, wo einmal seine Beine gewesen waren, forderte sie auf, um sich zu treten, falls sie ihn hören könnten, und reckte die Hand. Er fühlte das Paddel kaum, als seine tauben Finger sich darum schlossen, aber es war da, genau dort, wo er es brauchte.

Nachdem sie ihn an Bord gezogen hatten – an sich schon eine beinahe unmögliche Aufgabe, weil er mehr wog als alle anderen, die Wölfin ausgenommen – und er große Mengen Flußwasser herausgehustet und gespuckt hatte, lag er keuchend und schlotternd da, auf dem Boden des Bootes zur Kugel zusammengerollt, während das Mädchen und der Troll nach einem Landeplatz Ausschau hielten.

Er fand genug Kraft, um allein, auf unsicheren Beinen, aus dem Boot zu klettern. Als er auf die Knie fiel und dankbar die Hände auf den weichen Waldboden stützte, griff Binabik nach unten und zog etwas aus dem triefenden, zerlumpten Fetzen, der Simons Hemd gewesen war.

»Schau, was sich in deinen Kleidern verfangen hat«, sagte Binabik, und sein Gesicht hatte einen sonderbaren Ausdruck. Es war der Weiße Pfeil. »Wir wollen ein Feuer für dich machen, Freund Simon. Vielleicht hast du eine Lektion gelernt – eine grausame Lektion, aber sehr wichtig –, daß man von den Geschenken der Sithi nicht schlecht reden soll, wenn man auf einem Sithifluß fährt.«

Simon hatte nicht einmal mehr die Kraft, verlegen zu sein, als Binabik ihm beim Ausziehen half und ihn in seinen Mantel einpackte. Vor dem gesegneten Feuer schlief er ein. Wenig überraschend waren seine Träume dunkel und voll von Dingen, die nach ihm griffen und ihn zu ersticken suchten.

Am nächsten Morgen hingen die Wolken tief. Simon fühlte sich sehr schlecht. Nachdem er, gegen den Protest seines verstörten Magens, ein paar Streifen Dörrfleisch gekaut und hinuntergeschluckt hatte, kletterte er vorsichtig ins Boot und überließ Marya den Platz am Heck, während er sich in der Mitte zusammenkauerte, dicht an Qantaqas warmen Körper geschmiegt. Den ganzen langen Tag auf dem Fluß schlief er immer wieder ein. Das vorbeigleitende, verschwommene Grün, das der Wald war, verursachte ihm Schwindel, und sein Kopf fühlte sich heiß und viel zu groß an, wie eine auf den Kohlen aufgehende Kartoffel. Sowohl Binabik als auch Marya kontrollierten sorgsam den Verlauf seines Fiebers. Als er aus dem Dämmerschlaf erwachte, in den er, als seine beiden Gefährten zu Mittag aßen, gesunken war und sie über sich gebeugt fand, Maryas kühle Handfläche auf seiner Stirn, dachte er ganz verwirrt: Was für eine seltsame Mutter und was für einen wunderlichen Vater ich doch habe!

Kaum begann die Dämmerung durch die Bäume zu sinken, als sie zur Nacht hielten. Simon, in den Mantel gepackt wie ein Wickelkind, saß dicht am Feuer und streckte die Arme nur kurz heraus, um etwas von der Suppe zu trinken, die der Troll gekocht hatte, eine Brühe aus getrocknetem Rindfleisch, Rüben und Zwiebeln.

»Wir müssen morgen mit den ersten Schritten der Sonne aufstehen«, erklärte Binabik und hielt der Wölfin, die mit wohlwollender Gleichgültigkeit daran schnüffelte, das Stielende einer Rübe hin. »Nahe sind wir Da'ai Chikiza, aber es wäre sinnlos, nachts dorthin zu kommen, wenn man nichts mehr richtig erkennen kann. Auf jeden Fall werden wir von dort bis zu der Steige einen langen Weg hinaufklettern müssen und sollten das lieber tun, solange der Tag warm ist.«

Simon sah mit trübem Blick zu, wie der Troll Morgenes' Manuskript aus einem der Rucksäcke nahm und auswickelte. Binabik hockte sich dicht ans flackernde Lagerfeuer und hielt die Seiten schräg, um darin lesen zu können; er sah aus wie ein kleiner Mönch im Gebet über seinem Buch Ädon. Über ihnen raschelte der Wind in den Bäumen und blies Wassertropfen hinab, die an den Blättern gehangen hatten, Überbleibsel des Nachmittagsschauers. In das eintönige Rauschen des Wassers unter ihnen mischte sich das hartnäckige Quaken der kleinen Flußfrösche.

Simon brauchte eine Weile, bis er begriff, daß der sanfte Druck an seiner Schulter keine neue Botschaft seines kranken, unzufriedenen Körpers war. Mühsam reckte er das Kinn über den Kragen des dicken Wollmantels und machte eine Hand frei, um Qantaqa zu verscheuchen – nur um Maryas dunklen Kopf auf seinem Oberarm ruhen zu sehen. Ihr Mund stand leicht offen, und sie atmete im Rhythmus ihres Schlafes ein und aus.

Binabik sah hinüber. »Es war ein harter Tag des Arbeitens heute«, lächelte er. »Viel paddeln. Wenn es dir keine Schmerzen bereitet, laß sie ein wenig liegen.« Er wandte sich wieder dem Manuskript zu.

Marya bewegte sich neben ihm und murmelte etwas vor sich hin. Simon zog den Mantel, den Geloë ihr gegeben hatte, höher hinauf; als er ihre Wange berührte, stammelte sie irgend etwas, hob die Hand und strich unbeholfen über Simons Brust, um dann ein Stückchen näher zu rutschen.

Das Geräusch ihres gleichmäßigen Atems so nahe an seinem Ohr vereinte sich mit den Geräuschen von Fluß und Nachtwald. Simon schauderte und fühlte seine Augen schwer werden, so schwer … aber sein Herz schlug schnell, und es war der Ton seines ruhelosen Blutes, der ihn einen Pfad in warme Dunkelheit hinunterführte.