Im grauen, unbestimmten Licht einer regennassen Morgendämmerung, die Augen noch voller Schlaf und die Körper merkwürdig träge vom zu frühen Aufstehen, sahen sie die erste Brücke.
Simon saß wieder am Heck. Obwohl es verwirrend gewesen war, in fast völliger Dunkelheit ins Boot zu steigen und auf den Fluß hinauszugleiten, ging es ihm besser als am Vortag; er war immer noch schwindlig, aber sehr viel kräftiger. Als sie eine Biegung des Flusses, der fröhlich dahinsprang und sich nicht um die Tageszeit scherte, umrundet hatten, gewahrte Simon plötzlich ein seltsames Gebilde, das vor ihnen im Bogen das Wasser überspannte. Er wischte sich einen Augenblick die Nebelnässe aus dem Gesicht, die weniger herunterzuregnen als vielmehr in der Luft zu hängen schien, und kniff die Augen zusammen.
»Binabik«, fragte er nach vorn gebeugt, »ist das eine…«
»Eine Brücke, ja, so ist es«, antwortete der Troll vergnügt. »Das Tor der Kraniche, glaube ich.«
Der Fluß trug sie immer näher heran, und sie schöpften mit ihren Paddeln Wasser, um die Fahrt zu verlangsamen. Aus dem alles überwuchernden Unterholz des Ufers wuchs die Brücke hervor und spannte sich in schlankem Bogen hinüber zu den Bäumen auf der anderen Seite. Aus blassem, durchsichtigen grünem Stein gehauen, wirkte sie so zart wie ein Steg aus erstarrtem Meerschaum. Einst mit kunstvollem Schnitzwerk bedeckt, lag jetzt ein großer Teil ihrer Oberfläche unter Moos und Efeugewirr begraben. Die Stellen, die hervorlugten, waren verwittert, Schnörkel, Kurven und harte Kanten weicher geworden, rundgeschliffen von Wind und Regen. Oben am höchsten Punkt, gerade über ihren Köpfen, als das kleine Boot hindurchglitt, breitete ein milchiggrüner, durchscheinender Steinvogel seine vom Wasser abgeschabten Schwingen aus.
Gleich darauf hatten sie den leichten Schatten passiert und waren auf der anderen Seite. Plötzlich schien der Wald Uraltes zu atmen, als wären sie durch eine offene Tür in die Vergangenheit geglitten.
»Vor langer Zeit schon hat Altherz die Wasserstraßen verschlungen«, sagte Binabik ruhig, während sie sich alle nach der Brücke umdrehten, die hinter ihnen immer kleiner wurde. »Vielleicht werden selbst die anderen Werke der Sithi eines Tages vergehen.«
»Wie konnten sie nur auf so etwas den Fluß überqueren?« fragte Marya. »Es sah so … zerbrechlich aus.«
»Zerbrechlicher als es einmal war, soviel ist sicher«, antwortete Binabik mit einem sehnsüchtigen Blick zurück. »Aber die Sithi bauten nie … bauen nie … allein der Schönheit wegen. Steht nicht der höchste Turm in Osten Ard, das Werk ihrer Hände, immer noch auf eurem Hochhorst?«
Marya nickte sinnend. Simon zog die Finger durch das kalte Wasser.
Durch elf weitere Brücken oder »Tore«, wie Binabik sie nannte, weil sie seit tausend Jahren oder mehr den Wasserweg nach Da'ai Chikiza bestimmt hatten, fuhren sie hindurch. Jedes Tor trug den Namen eines Tieres, erklärte der Troll, und es entsprach zugleich einer Mondphase. Nacheinander trieben sie so unter Füchsen, Hähnen, Hasen und Tauben dahin, alle ein wenig von ihrer natürlichen Gestalt abweichend, aus hellem Mondstein oder leuchtendem Lapis gemeißelt, aber alle unverkennbar das Werk der gleichen feinfühligen und ehrfürchtigen Hände.
Als die Sonne hinter den Wolken ihren Vormittagsstand erreicht hatte, glitten sie gerade unter dem Tor der Nachtigallen hin. Jenseits dieses Überganges, auf dessen stolzer Meißelarbeit noch immer Goldflecken glitzerten, begann der Fluß seine Richtung zu ändern und sich wieder westwärts zu wenden, der unsichtbaren Ostflanke der Weldhelm-Berge zu. Hier gab es keine Felsen mit Wasserstrudeln darüber; die Strömung floß rasch und gleichmäßig. Simon wollte Marya gerade etwas fragen, als Binabik die Hand hob.
Sie fuhren um eine Biegung, und da lag es vor ihnen: ein Wald aus unfaßbar anmutigen Türmen – wie ein juwelenfunkelndes Rätsel inmitten des größeren Waldes aus Bäumen. Die Sithistadt, die sich auf beiden Seiten des Flusses erhob, schien unmittelbar aus dem Boden zu wachsen. Sie war wie der ureigene Traum des Waldes, Wirklichkeit geworden in feinem Stein, in hundert Farbtönen von Grün und Weiß und blassem Sommerhimmelblau. Sie war ein endloses Dickicht aus nadelspitzem Stein, aus hauchdünnen Übergängen wie Brücken aus Spinnweb, aus filigranen Turmspitzen und Minaretten, die bis in die hohen Wipfel der Bäume reichten, um auf ihren Eisblumengesichtern die Sonne einzufangen. Vor ihnen lag die Vergangenheit, die ihnen den Atem raubte und das Herz zerriß. Es war das Schönste, was Simon je gesehen hatte.
Aber als sie tiefer in die Stadt hineinkamen, zwischen deren schlanken Säulen der Fluß sich hindurchwand, sahen sie deutlich, daß der Wald dabei war, Da'ai Chikiza für sich zurückzugewinnen. Die plattenbelegten Türme mit ihren Mustern aus kunstvollen Rissen waren von Efeu und verschlungenen Baumästen gefesselt wie durch Netze. An vielen Stellen, wo einmal Wände oder Türen aus Holz oder anderen vergänglichen Stoffen gewesen waren, standen die steinernen Hüllen jetzt gefährlich ungestützt, wie die gebleichten Skelette unvorstellbarer Meerwunder. Überall drängte sich Pflanzenwuchs hinein, klammerte sich an schmale Mauern, erstickte die zarten Turmspitzen in gleichgültigem Laub.
In gewisser Hinsicht, fand Simon, sah es dadurch nur noch schöner aus, so als hätte der Wald, rastlos und unerfüllt, eine Stadt aus sich selbst herauswachsen lassen.
Binabiks ruhige Stimme unterbrach die Stille, feierlich wie der Augenblick selbst; ihr Echo verklang schnell im alles erstickenden Grün. »Baum des singenden Windes nannten sie es: Da'ai Chikiza. Einst war es voller Musik und Leben. In allen Fenstern brannten Lampen, und bunte Boote segelten auf dem Fluß.«
Der Troll legte den Kopf in den Nacken, um nach oben zu schauen, als sie unter einer letzten Steinbrücke hindurchfuhren, schmal wie ein Federkiel, mit den Abbildern anmutiger, geweihgeschmückter Hirsche bedeckt. »Baum des singenden Windes«, wiederholte er, weit weg wie jemand, der tief in Gedanken versunken ist.
Simon steuerte ihr kleines Fahrzeug wortlos zu einer Uferreihe von Steinstufen, die an einer Plattform endeten, die fast auf gleicher Höhe mit dem Wasserspiegel des breiten Flusses lag. Dort stiegen sie aus und banden das Boot an eine Wurzel, die durch den zersprungenen weißen Stein gewachsen war. Als sie die Stufen hinaufgegangen waren, blieben sie stehen und betrachteten schweigend die rankenüberwucherten Wände und bemoosten Gänge. Selbst die Luft in der verfallenen Stadt war voll von stummen Echos wie eine gestimmte, aber nicht angeschlagene Saite. Sogar Qantaqa stand wie betreten da, ließ den Schwanz hängen und witterte. Dann spitzte sie die Ohren und winselte.
Das Zischen war fast unhörbar. Ein Schattenstrich sauste an Simons Gesicht vorbei und prallte mit scharfem Klirren von einem der zerstörten Übergänge ab. Funkelnde Splitter aus grünem Stein stoben nach allen Richtungen. Simon fuhr herum.
Keine hundert Ellen entfernt und von den Gefährten nur durch die wogende Wasserfläche des Flusses getrennt, stand eine schwarzgekleidete Gestalt, in der Hand einen Bogen, der so lang war wie sie selbst. Hinter ihr kam ungefähr ein Dutzend anderer Männer in blau und schwarz gemusterten Waffenröcken den Pfad hinauf.
Die schwarze Gestalt hob eine Hand an den Mund. Sekundenlang schimmerte ein heller Bart.
»Ihr könnt nicht entkommen!« klang Ingen Jeggers Stimme gedämpft über das Tosen des Flusses. »Ergebt euch, im Namen des Königs!«
»Das Boot!« schrie Binabik, aber noch während sie zu den Stufen zurückhasteten, reichte der schwarzgekleidete Ingen dem Fackelträger einen schmalen Gegenstand. Feuer loderte auf. Gleich darauf hatte er den Pfeil auf die Bogensehne gelegt. Als die Gefährten die unterste Stufe erreicht hatten, sauste ein Feuerblitz über den Fluß und explodierte in der Bootswand. Der zitternde Pfeil setzte fast sofort die Borke in Brand, und es gelang dem Troll nur noch knapp, einen der Rucksäcke herauszuzerren, bevor die Flammen ihn zurückzwangen. Für einen Augenblick hinter dem auflodernden Brand verborgen, hasteten Simon und Marya die Treppe wieder hinauf, Binabik dicht hinter ihnen. Oben rannte Qantaqa von einer Seite zur anderen und stieß ein heiseres Gebell des Entsetzens aus.