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»Lauft!« fauchte Binabik. Auf der anderen Flußseite traten zwei weitere Bogenschützen neben Ingen. Als Simon der Deckung des nächstgelegenen Turmes zustrebte, hörte er das schreckliche Sirren eines zweiten Pfeils und sah ihn zwanzig Ellen vor sich über die Steinplatten scharren. Zwei weitere Pfeile prallten gegen die Turmmauer, die so quälend weit vor ihm zu liegen schien. Ein Schmerzensschrei drang an sein Ohr, gefolgt von Maryas angstvollem Ruf.

»Simon!«

Er wirbelte herum und sah Binabik zu Boden stürzen, ein kleines Bündel zu Füßen des Mädchens. Irgendwo heulte ein Wolf.

XXVIII

Trommeln aus Eis

Die Morgensonne des vierundzwanzigsten Tages im Maia-Monat strahlte auf Hernysadharc hinunter und verwandelte die goldene Scheibe auf der Spitze des höchsten Taig-Daches in einen Reif aus blitzender Flamme. Der Himmel war blau wie ein emaillierter Teller, so als hätte Brynioch von den Himmeln mit seinem göttlichen Haselstecken die Wolken verjagt, die nun finster über den hohen Gipfeln des aufragenden Grianspog lauern mußten.

Die plötzliche Rückkehr des Frühlings hätte Maegwins Herz eigentlich erfreuen müssen. In ganz Hernystir hatten der unzeitige Regen und grausame Frost sich wie ein Leichentuch über Land und Volk ihres Vaters gelegt. Blumen waren ungeboren in der Erde erfroren. Klein und sauer waren die Äpfel von den knotigen Ästen in den Obstgärten gefallen. Schafe und Kühe, zum Grasen auf nasse Wiesen geschickt, kamen mit angstvoll rollenden Augen in die Ställe zurück, von Hagelkörnern und Sturmböen verschreckt.

Eine Amsel, die dreist bis zum letzten Augenblick gewartet hatte, hüpfte von Maegwins Weg in die kahlen Zweige eines Kirschbaumes hinauf und fing an, streitsüchtig zu trillern. Maegwin hörte nicht darauf, sondern raffte ihr langes Kleid und eilte der großen Halle ihres Vaters zu.

Zuerst beachtete sie die Stimme nicht, die ihren Namen rief, weil sie sich bei ihrem Vorhaben nicht aufhalten lassen wollte. Schließlich drehte sie sich aber doch unwillig um und sah ihren Halbbruder Gwythinn auf sich zurennen. Mit verschränkten Armen blieb sie stehen und wartete auf ihn.

Gwythinns weißes Wams war in Unordnung und sein goldener Halsring halb nach hinten gerutscht, als wäre er ein Kind und nicht ein junger Mann im waffenfähigen Alter. Keuchend holte er sie ein. Sie schnaubte empört und machte sich sofort daran, seine Sachen zurechtzuzupfen. Der Prinz grinste frech, wartete aber geduldig, bis sie den Halsring so gedreht hatte, daß er auf dem Schlüsselbein lag. Seine lange, braune Haarmähne hatte sich zum größten Teil aus dem roten Tuch gelöst, das sie in einem lässigen Pferdeschwanz zusammengehalten hatte. Als Maegwin nach hinten griff, um es wieder festzubinden, standen sie Auge in Auge, obwohl Gwythinn gewiß kein kleiner Mann war. Maegwin machte ein finsteres Gesicht.

»Bei Bagbas Herde, Gwythinn, wie du wieder aussiehst! Du mußt dich endlich bessern. Eines Tages wirst du König sein!«

»Und was hat das Königsein mit meiner Haartracht zu tun? Außerdem sah ich durchaus schön aus, als ich loslief, aber ich mußte ja rennen wie der Wind selbst, um dich einzuholen – mit deinen langen Beinen.«

Maegwin wandte sich errötend ab. Ihre Größe war etwas, bei dem sie trotz aller Mühe nicht sachlich bleiben konnte.

»Jetzt hast du mich ja eingeholt. Willst du auch in die Halle?«

»Allerdings.« Ein strengerer Ausdruck huschte quecksilberschnell über Gwythinns Gesicht, und er zupfte an seinem langen Schnurrbart. »Ich habe etwas mit unserem Vater zu besprechen.«

»Ich auch«, nickte Maegwin bereits im Gehen. Die Schritte der beiden und ihre Körperlänge paßten so genau zusammen, das rotbraune Haar glich sich so, als wäre es auf demselben Rad gesponnen, daß jeder Außenstehende sie für Zwillinge gehalten hätte, obwohl Maegwin fünf Jahre älter war und eine andere Mutter gehabt hatte.

»Gestern abend ist Aeghonwye gestorben, unsere beste Zuchtsau. Wieder eine, Gwythinn! Was kann es nur sein? Eine Pest wie in Abaingeat?«

»Wenn es eine Pest ist«, erwiderte ihr Bruder grimmig und tastete nach dem mit Leder umwickelten Griff seines Schwertes, »dann weiß ich, wer sie zu uns gebracht hat. Dieser Mann ist eine wandelnde Seuche.« Er schlug auf den Schwertknauf und spuckte aus. »Ich bete nur, daß er heute einmal etwas Ungehöriges sagt. Brynioch! Wie gern würde ich mit dem Kerl die Klingen kreuzen!«

Maegwin bekam schmale Augen. »Sei kein Narr«, erklärte sie ärgerlich, »Guthwulf hat hundert Männer getötet. Und auch wenn es dir merkwürdig vorkommen mag, er ist Gast im Taig.«

»Ein Gast, der meinen Vater beleidigt!« knurrte Gwythinn und riß den Ellenbogen aus Maegwins sanftem Griff. »Ein Gast, der Drohungen von einem Hochkönig überbringt, dessen Reich unter seiner schlechten Regierung zugrunde geht – einem König, der herumstolziert und Leute einschüchtert und mit Goldmünzen um sich wirft wie mit Kieselsteinen – um dann von Hernystir zu verlangen, daß wir das bezahlen!« Gwythinns Stimme wurde lauter, und seine Schwester, besorgt, wer ihn vielleicht hören konnte, warf einen hastigen Blick in die Runde. Außer den bleichen Gestalten der Türhüter, gute hundert Schritte entfernt, war niemand zu sehen.

»Wo war König Elias, als wir die Straße nach Naarved und Elvritshalla verloren? Als Räuber – und die Götter wissen, was sonst noch – die Frostmarkstraße überfielen?« Mit aufs neue gerötetem Gesicht schaute der Prinz auf, nur um festzustellen, daß Maegwin nicht mehr neben ihm stand. Er drehte sich um und sah sie zehn Schritte hinter sich, wo sie mit gekreuzten Armen stehengeblieben war.

»Bist du fertig, Gwythinn?« fragte sie. Er nickte, aber seine Lippen waren fest zusammengepreßt. »Nun gut. Der Unterschied zwischen unserem Vater und dir, Bruder, beträgt mehr als nur dreißig und ein paar Jahre. Er hat gelernt, wann man reden und wann man seine Gedanken für sich behalten muß. Das ist der Grund, warum du eines Tages – dank ihm – König sein wirst und nicht bloß der Herzog von Hernystir.«

Gwythinn starrte sie eine lange Weile an. »Ich weiß«, erwiderte er endlich, »du möchtest, daß ich so bin wie Eolair und vor den erkynländischen Hunden Verbeugungen und Kratzfüße mache. Ich weiß, für dich ist Eolair Sonne und Mond – und es ist dir dabei ganz gleich, was er von dir hält, und wenn du zehnmal eine Königstochter bist –, aber so ein Mann will ich nicht sein. Wir sind Hernystiri! Wir kriechen vor niemandem!«

Maegwin musterte ihn giftig, getroffen von seiner spitzen Bemerkung über ihre Gefühle für den Grafen von Nad Mullagh – mit der Gwythinn im übrigen vollkommen richtig lag: Die Aufmerksamkeit, die Eolair ihr widmete, war nicht mehr als das, was der linkischen, ledigen Tochter eines Königs zustand. Aber die Tränen, die sie fürchtete, kamen nicht; statt dessen schaute sie Gwythinn an, dessen gutgeschnittene Züge von ohnmächtigem Haß, Stolz und nicht zuletzt aufrichtiger Liebe zu seinem Volk und Land verzerrt waren, und sie erblickte in ihm wieder den kleinen Bruder, den sie einst auf den Schultern getragen – und selbst von Zeit zu Zeit so geneckt hatte, daß er zu weinen anfing.

»Warum streiten wir uns, Gwythinn?« fragte sie müde. »Was hat diesen Schatten über unser Haus gebracht?«

Ihr Bruder senkte den Blick auf seine Stiefelspitzen und streckte ihr verlegen die Hand entgegen. »Freunde und Verbündete«, sagte er. »Komm, wir wollen hineingehen und mit Vater sprechen, bevor der Graf von Utanyeat sich einschleicht, um ihm sein wärmstes Lebewohl zu entbieten.«

Die Fenster der großen Halle des Taig standen weit offen; das hereinströmende Sonnenlicht war voll vom funkelnden Staub der auf dem Boden ausgestreuten Binsen. Die dicken Balken der Wand, aus den Eichbäumen des Circoille gehauen, fügten sich so exakt aneinander, daß kein Licht hindurchschimmerte. Oben unter den Dachbalken hingen tausend bemalte Schnitzereien von Göttern, Helden und Ungeheuern der Hernystiri. Sie drehten sich langsam zwischen den Dachsparren, und in ihren polierten Holzgesichtern spiegelte sich warm das Licht.