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Am anderen Ende der Halle, in das von beiden Seiten Sonne fiel, saß auf seinem gewaltigen Eichenthron König Lluth-ubh-Llythinn unter dem geschnitzten Hirschkopf, der über die Rückenlehne ragte und an dessen hölzernem Schädel ein Geweih aus echtem Horn befestigt war. Der König aß mit einem Knochenlöffel eine Schale Haferbrei mit Honig. Neben ihm, auf einem niedrigeren Sessel, war seine junge Frau Inahwen damit beschäftigt, den Saum eines seiner Gewänder mit einer Ranke aus zierlichen Stichen zu schmücken.

Als die Wachtposten zweimal mit den Speerspitzen auf die Schilde schlugen, um Gwythinns Ankunft zu melden – der weniger hohe Adel wie etwa Graf Eolair bekam nur einen Schlag, der König selber drei und Maegwin gar keinen –, schaute Lluth auf und lächelte. Er stellte die Schale auf die Armlehne des Thrones und wischte sich mit dem Ärmel den grauen Schnurrbart ab. Inahwen sah die Bewegung und warf Maegwin einen verzweifelten Blick von Frau zu Frau zu, der Lluths Tochter nicht wenig ärgerte. Maegwin war nie recht darüber hinweggekommen, daß Gwythinns Mutter Fiathna den Platz Penemhwyes, ihrer eigenen Mutter, eingenommen hatte, die gestorben war, als Maegwin gerade vier Jahre zählte. Aber wenigstens war Fiathna in Lluths Alter gewesen, kein junges Mädchen wie Inahwen! Andererseits hatte die junge, goldhaarige Frau ein gutes Herz, wenn auch vielleicht nicht allzuviel Verstand. Und schließlich war es ganz und gar nicht Inahwens Schuld, daß sie eine dritte Gemahlin geworden war.

»Gwythinn!« Lluth erhob sich halb und strich die Krümel vom Schoß seines gegürteten gelben Gewandes. »Haben wir nicht Glück, daß die Sonne heute scheint?« Der König schwenkte die Hand zum Fenster, vergnügt wie ein Kind, das ein kleines Kunststück gelernt hat. »Es steht fest, daß wir ein bißchen Sonne brauchen, wie? Und vielleicht hilft sie uns, unsere Gäste aus Erkynland«, er verzog das Gesicht und seine klugen, beweglichen Züge nahmen einen verwirrten Ausdruck an, und über der dicken, schiefen, in seiner Knabenzeit gebrochenen Nase zogen sich die Brauen zusammen, »in eine zugänglichere Stimmung zu versetzen. Glaubst du nicht auch?«

»Nein, das glaube ich nicht, Vater«, erwiderte Gwythinn und trat näher, während der König sich wieder in seinem hirschgeweihgekrönten Thron zurücksetzte. »Und ich hoffe, die Antwort, die Ihr ihnen heute gebt – mit Verlaub –, schickt sie in noch üblerer Laune nach Hause.« Er zog sich einen Schemel heran und setzte sich gleich unterhalb des erhöhten Podestes zu Füßen seines Vaters. Ein Harfner beeilte sich, ihm Platz zu machen. »Gestern abend hat einer von Guthwulfs Soldaten Streit mit dem alten Craobhan angefangen. Ich hatte große Mühe, Craobhan daran zu hindern, dem Bastard mit einem Pfeil den Rücken zu federn.«

Sekundenlang machte Lluth ein sorgenvolles Gesicht, dann verschwand dieser Ausdruck unter der lächelnden Maske, die Maegwin so gut kannte.

Ach, Vater, dachte sie, selbst du findest es wohl ein wenig mühsam, die Musik weiterspielen zu lassen, während diese Köter im ganzen Taig herumkläffen.

Sie kam wortlos näher und setzte sich neben Gwythinns Schemel auf das Podest.

»Nun ja«, grinste der König ein wenig mißmutig, »fest steht, daß König Elias seine Botschafter etwas sorgfältiger hätte auswählen können. Aber in einer Stunde werden sie fort sein, und es wird wieder Friede in Hernysadharc einkehren.« Lluth schnalzte mit den Fingern, und ein Page sprang vor, um ihm seine Haferbreischale abzunehmen. Inahwen sah kritisch zu, wie sie vorbeigetragen wurde.

»Aha«, meinte sie vorwurfsvoll. »Schon wieder nicht aufgegessen. Was soll ich mit eurem Vater anfangen?« fügte sie hinzu und blickte dabei Maegwin an, wobei sie sie liebevoll anlächelte, als wäre auch Maegwin ein Soldat in der ständigen Schlacht um Lluth, der seinen Teller nicht leer aß.

Maegwin, die immer noch nicht wußte, wie sie mit einer Mutter umgehen sollte, die ein Jahr jünger war als sie selber, brach rasch das Schweigen. »Aeghonwye ist gestorben, Vater. Unsere beste Sau, und die zehnte Sau in diesem Monat. Und einige von den anderen sind sehr dünn geworden.«

Der König runzelte die Stirn. »Dieses verfluchte Wetter. Wenn Elias wenigstens die Frühlingssonne am Himmel halten könnte – ich zahlte ihm jede Steuer, die er verlangte.« Er streckte die Hand aus, um Maegwins Arm zu tätscheln, kam aber nicht ganz so weit hinunter. »Alles, was wir tun können, ist, die Binsen in den Ställen höher zu schichten, damit die Kälte nicht so eindringt. Wenn das versagt, stehen wir in Bryniochs und Mirchas göttlichen Händen.«

Wieder krachte metallisch Speer auf Schild, und der Sprecher der Türsteher erschien mit nervös gerungenen Händen.

»Hoheit«, rief er, »der Graf von Utanyeat ersucht um Gehör.«

Lluth lächelte. »Unsere Gäste möchten sich verabschieden, bevor sie zu Pferd steigen. Natürlich! Bitte führt Graf Guthwulf sofort herein.«

Aber der Gast, gefolgt von mehreren seiner gepanzerten, wenn auch schwertlosen Männer, drängte sich bereits an dem alten Diener vorbei.

Fünf Schritte vor dem Hochsitz sank Guthwulf langsam auf ein Knie. »Eure Majestät … ah, und auch der Prinz. Ich habe Glück.« Es lag kein spöttischer Unterton in seiner Stimme, aber in den grünen Augen glitzerte ein nur schlecht verborgenes Feuer. »Und Prinzessin Maegwin«, – ein Lächeln –, »die Rose von Hernysadharc.«

Maegwin bewahrte mühsam Haltung. »Graf, es gab nur eine Rose von Hernysadharc«, erklärte sie, »und da sie die Mutter Eures Königs Elias war, wundere ich mich, daß dies Euch entfallen zu sein scheint.«

Guthwulf nickte ernsthaft. »Gewiß, Herrin. Ich wollte Euch nur eine Artigkeit sagen; doch muß ich meinerseits beanstanden, daß Ihr Elias meinen König nennt. Ist er nicht unter dem Schutz des Königsfriedens auch der Eure?«

Gwythinn rutschte unruhig auf seinem Schemel hin und her und drehte sich um, weil er sehen wollte, wie sein Vater darauf antworten würde. Seine Schwertscheide scharrte über das Holzpodest.

»Natürlich, natürlich.« Lluth machte eine langsame Handbewegung, wie jemand, der tief unter Wasser steht. »Das haben wir ja alles schon erörtert, und ich sehe keine Veranlassung, von neuem damit zu beginnen. Ich erkenne die Schuld meines Hauses König Johan gegenüber an. Wir haben diese Pflicht stets erfüllt, im Frieden wie im Krieg.«

»Ja.« Der Graf von Utanyeat stand auf und klopfte sich die Knie seiner Hosen ab. »Aber wie verhält es sich mit dem, was Euer Haus König Elias schuldet? Er hat große Langmut bewiesen…«

Inahwen erhob sich, und das Gewand, an dem sie genäht hatte, glitt zu Boden. »Ihr müßt mich entschuldigen«, erklärte sie atemlos und hob es auf. »Ich muß mich um Haushaltsangelegenheiten kümmern.« Der König nickte ihr Gewährung zu, und sie schritt schnell, aber achtsam zwischen den wartenden Männern hindurch und schlüpfte anmutig wie ein Reh aus der halb geöffneten Tür der Halle.

Lluth stieß einen stillen Seufzer aus; Maegwin betrachtete ihn und sah, was sie jedesmal wieder erstaunte: die Alterslinien, die das Gesicht ihres Vaters überzogen.

Er ist müde, und sie, Inahwen, hat Angst, dachte die Prinzessin. Und was ist mit mir? Bin ich zornig? Ich weiß es gar nicht genau – eigentlich bin ich wohl eher erschöpft.

Der König starrte Elias' Boten an, und der Raum schien sich zu verdunkeln. Einen Augenblick fürchtete Maegwin, Wolken hätten sich über die Sonne geschoben, und der Winter kehre zurück; dann aber verstand sie, daß es nur ihre eigenen trüben Ahnungen waren, das jähe Gefühl, daß es hier um weit mehr ging als nur um ihres Vaters Seelenfrieden.