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»Guthwulf«, begann der König, und seine Stimme klang wie von großer Last beschwert, »glaubt nicht, daß Ihr mich heute zum Zorn reizen könnt … doch denkt auch nicht, Ihr könntet mich einschüchtern. König Elias hat bisher keinerlei Verständnis für die Sorgen der Hernystiri gezeigt. Wir haben eine schlimme Trockenzeit hinter uns, und der Regen, für den wir allen Göttern tausendfach Dank gesagt haben, hat sich in einen Fluch verwandelt. Welche Strafe kann Elias mir androhen, die schlimmer ist, als zusehen zu müssen, wie mein Volk in Angst lebt, daß unser Vieh verhungert? Ich kann keinen höheren Zehnten bezahlen.«

Einen Moment stand der Graf von Utanyeat stumm, und die Ausdruckslosigkeit seiner Züge verhärtete sich langsam zu etwas, das für Maegwin beunruhigend nach Jubel aussah.

»Keine schlimmere Strafe?« sagte der Graf und ließ jedes Wort auf der Zunge zergehen, als schmecke es süß. »Kein höherer Zehnt?« Er spie einen Schwall Citrilsaft auf den Boden vor dem Thron. Mehrere von Lluths Kriegern schrien vor Empörung laut auf; der Harfner, der in der Ecke leise vor sich hingespielt hatte, ließ mit mißtönendem Krachen sein Instrument fallen.

»Hund!« Gwythinn sprang auf. Sein Schemel fiel klappernd um. In einer blitzschnellen Sekunde war sein Schwert gezogen und lag an Guthwulfs Hals. Der Graf schaute ihn nur an, das Kinn ganz leicht zurückgeworfen.

»Gwythinn!« rief Lluth scharf. »In die Scheide mit dem Schwert, verdammter Junge!«

Guthwulfs Lippen kräuselten sich. »Laßt ihn doch. Los, Welpe, töte die unbewaffnete Hand des Hochkönigs!« An der Tür entstand ein Klirren, als einige Männer des Herzogs, die sich von ihrer Verblüffung erholt hatten, näherkamen. Guthwulfs Hand fuhr in die Höhe. »Nein! Selbst wenn dieser Welpe mir die Luftröhre von Ohr zu Ohr durchschneidet, soll niemand ihn anfassen! Reitet zurück nach Erkynland. König Elias wird … großen Anteil nehmen.«

Seine Männer verharrten wie gepanzerte Vogelscheuchen. »Zurück, Gwythinn«, befahl Lluth, kalten Zorn in der Stimme. Der Prinz, feuerrot im Gesicht, warf dem Erkynländer einen langen Blick zu, dann ließ er die Klinge wieder an seine Seite sinken. Guthwulf strich mit dem Finger über den winzigen Schnitt an seiner Kehle und betrachtete kühl sein eigenes Blut. Maegwin merkte, daß sie den Atem angehalten hatte; beim Anblick des purpurroten Flecks auf der Fingerspitze des Grafen stieß sie ihn pfeifend aus.

»Ihr werdet am Leben bleiben, um Elias persönlich Bericht zu erstatten, Utanyeat.« Nur der Hauch eines Zitterns trübte die Gelassenheit der königlichen Stimme. »Und Vergeßt nicht, ihm auch von der tödlichen Beleidigung zu erzählen, die Ihr dem Hause Hern zugefügt habt, einer Beleidigung, die Euren Tod bedeutet hätte, wäret Ihr nicht Elias' Gesandter und die Hand des Königs. Geht jetzt!«

Guthwulf drehte sich um und trat zu seinen Männern, die mit aufgerissenen, wilden Augen dastanden. Als er sie erreicht hatte, machte er auf dem Absatz kehrt und sah Lluth über die weite Fläche der großen Halle an.

»Erinnert Euch, daß Ihr keinen höheren Zehnten zu zahlen bereit wart, wenn Ihr eines Tages Feuer in den Balken des Taig und das Weinen Eurer Kinder hört.« Dann stapfte er mit schweren Schritten zur Tür hinaus.

Maegwin bückte sich mit zitternden Händen und hob ein Stück der zerschmetterten Harfe auf. Die gerollte Saite wand sie sich um die Hand. Sie hob den Kopf, um Vater und Bruder anzuschauen; was sie sah, veranlaßte sie, sich wieder dem Holzstück und der Saite zuzuwenden, die sich straff über ihre weiße Haut spannte.

Tiamak hauchte einen leisen Fluch der Wranna-Männer und musterte betrübt den leeren Schilfkäfig. Es war seine dritte Falle, und bisher hatte noch in keiner ein Krebs gesessen. Die Fischkopfköder waren natürlich spurlos verschwunden. Finster starrte er in das schlammige Wasser und hatte plötzlich das unheimliche Gefühl, daß die Krebse einfach schlauer waren als er – vielleicht jetzt schon darauf warteten, daß er den Käfig, mit einem neuen glotzäugigen Kopf verproviantiert, wieder in Wasser versenkte. Er konnte sich ausmalen, wie ein ganzer Krebsstamm mit allen Anzeichen des Jubels herbeieilte, um den Köder mit einem Stock oder irgendeinem anderen Werkzeug, das eine wohlwollende Krustentiergottheit dem Krabbenvolk seit neuestem verliehen hatte, zwischen den Gitterstäben herauszustochern.

Ob ihn die Krebse wohl als weichschaligen Futter-Engel verehrten, fragte er sich, oder ob sie mit der kaltschnäuzigen Gleichgültigkeit einer Bande von Tunichtguten zu ihm aufsahen, die den Grad der Betrunkenheit eines Säufers prüften, bevor sie ihn um seine Börse erleichterten?

Er war überzeugt, daß letzteres der Fall war. Er setzte einen neuen Köder in den sorgfältig geflochtenen Käfig und ließ ihn mit leisem Seufzer ins Wasser zurückplumpsen. Im Sinken rollte er das Seil hinter sich ab.

Die Sonne schlüpfte gerade hinter den Horizont und tünchte den weiten Himmel über der Marsch mit orange- und pflaumenfarbigen Tönen. Tiamak stakte seinen flachen Kahn über die Wasserwege von Wran – stellenweise nur durch die geringere Höhe des Pflanzenwuchses vom Land zu unterscheiden – und hatte das unangenehme Gefühl, das Pech des heutigen Tages sei nur der Beginn einer immer größer werdenden Welle. Heute morgen hatte er schon seine beste Schüssel zerbrochen, die er damit bezahlt hatte, daß er Roahog dem Töpfer zwei Tage lang die Liste seiner Ahnen aufschrieb; am Nachmittag hatte er eine Federspitze zerdrückt und einen großen Klecks aus Beerensafttinte über sein Manuskript gespritzt: eine fast vollgeschriebene Seite war ruiniert. Und wenn jetzt die Krebse nicht beschlossen hatten, auf dem engen Raum seiner letzten Falle irgendein Fest abzuhalten, würde es heute abend auch noch ziemlich wenig zu essen geben. Er hatte die Wurzelsuppen und Reiskekse langsam ungemein satt!

Als er sich lautlos dem letzten Schwimmer näherte, einem kugelförmigen Gittergeflecht aus Schilf, richtete er ein unausgesprochenes Gebet an Ihnder-stets-auf-Sand-tritt, daß gerade jetzt die kleinen Grundläufer sich unten im Käfig drängeln und stoßen sollten. Wegen seiner ungewöhnlichen Erziehung, zu der ein Jahr Aufenthalt in Perdruin gezählt hatte – unerhört für einen Wranna-Mann –, glaubte Tiamak eigentlich nicht mehr an Ihn-derstets-auf-Sand-tritt, brachte ihm aber trotzdem eine gewisse Anhänglichkeit entgegen, so wie man sie für einen verkalkten Großvater empfindet, der öfter vom Haus herunterfällt, einem früher aber Nüsse und geschnitztes Spielzeug geschenkt hat. Außerdem schadete ein Gebet nie, auch dann nicht, wenn man nicht an seinen Empfänger glaubte. Es beruhigte und machte zudem Eindruck auf andere Leute.

Langsam hob sich die Falle, und einen Augenblick schlug Tiamaks Herz schneller in seiner schmalen Brust, als wolle es die erwartungsvollen Geräusche seines Magens übertönen. Aber das Gefühl von Widerstand war nur von kurzer Dauer; wahrscheinlich hatte eine Schlingwurzel den Käfig festgehalten und war nun abgerutscht, so daß er plötzlich nach oben hüpfte und auf der wolkigen Wasseroberfläche tanzte. Etwas bewegte sich doch darin; Tiamak hob den Käfig auf und hielt ihn mit zusammengekniffenen Augen zwischen sich und den grellen Sonnenuntergangshimmel. Zwei winzige Fühlerspitzenaugen glotzten zurück, Augen, die über einem Krebs schwankten, der in seiner Handfläche verschwinden würde, wenn der Wranna-Mann die Finger darüber schloß.

Tiamak schnaubte. Er konnte sich vorstellen, was da geschehen war. Die älteren, wüsteren Krebsbrüder hatten den Kleinen so lange geärgert, bis er die Falle in Angriff nahm; das Junge, einmal gefangen, weinte, während die rohen Brüder lachten und die Scheren schwenkten. Dann Tiamaks riesiger Schatten, der Käfig jäh nach oben gezerrt, die einander betreten anstarrenden Krebsbrüder, die sich fragten, wie sie ihrer Mutter erklären sollten, daß Brüderchen nicht mehr da war.

Andererseits, dachte Tiamak unter Berücksichtigung des hohlen Gefühls in seiner Mitte, wenn das nun einmal alles war, was er heute vorweisen konnte – der Fang war zwar klein, aber in der Suppe würde er sich nett machen.