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Eolair stellte fest, daß ihm dieser Priester sehr sympathisch war. »Das ist in der Tat Euer Verhängnis, Dinivan. Jetzt, bitte, hört mich an. Ich vermute, Ihr wißt, weshalb mein König mich hierhergeschickt hat?«

»Ich müßte in der Tat ein Tölpel sein, wenn ich es nicht wüßte. Wir leben in Zeiten, die Zungen wedeln lassen wie die Schweife aufgeregter Hunde. Lluth wendet sich an Leobardis, um mit ihm gemeinschaftlich vorzugehen.«

»So ist es.« Eolair trat vom Feuer weg, um sich einen Stuhl zu Dinivan heranzuziehen. »Es ist ein empfindliches Gleichgewicht: mein König, Euer Lektor Ranessin, Elias der Hochkönig, Herzog Leobardis …«

»Und Prinz Josua, wenn er noch lebt«, sagte Dinivan, und sein Gesicht war sorgenvoll. »Ja, fürwahr ein höchst empfindliches Gleichgewicht. Und Ihr wißt, daß der Lektor nichts tun kann, um es zu erschüttern.«

Eolair nickte langsam. »Das weiß ich.«

»Warum also seid Ihr zu mir gekommen?« erkundigte sich Dinivan freundlich.

»Ich bin mir nicht ganz sicher. Doch eines möchte ich Euch sagen: Es hat den Anschein, als braue sich lediglich irgendein Streit zusammen, wie es oft vorkommt; aber ich meinerseits fürchte, daß es tiefer geht als das. Ihr mögt mich für verrückt halten, aber ich ahne, daß ein Zeitalter zu Ende geht, und ich habe Angst vor dem, was das Kommende bringt.«

Der Sekretär des Lektors starrte ihn an. Einen Augenblick sahen seine schlichten Züge viel älter aus, als grüble er über Sorgen, die er lange mit sich herumgetragen hätte.

»Ich will Euch gestehen, daß ich Eure Befürchtungen teile, Graf Eolair«, erwiderte er endlich. »Doch kann ich nicht für den Lektor sprechen, nur wiederholen, was ich vorhin sagte: Er ist ein weiser und einfühlsamer Mann.« Er strich über den Baum auf seiner Brust. »Um aber Euer Herz zu erleichtern, kann ich noch dieses hinzufügen: Herzog Leobardis hat noch keinen Entschluß gefaßt, wem er seine Unterstützung gewähren will. Obwohl der Hochkönig ihm abwechselnd schmeichelt und droht, leistet Leobardis ihm Widerstand.«

»Nun, das ist doch keine schlechte Nachricht«, meinte Eolair und lächelte vorsichtig. »Als ich dem Herzog heute morgen begegnete, hielt er sehr auf Abstand, als fürchte er, man könne sehen, wie er mir zu aufmerksam zuhörte.«

»Er muß vieles abwägen, ganz wie mein Gebieter auch«, erwiderte Dinivan. »Aber ich will Euch noch etwas verraten – und das ist absolut vertraulich. Heute morgen habe ich Baron Devasalles zu Lektor Ranessin geführt. Der Baron steht im Begriff, zu einer Gesandtschaft aufzubrechen, die sowohl für Leobardis als auch für meinen Herrn sehr viel bedeutet und viel mit der Entscheidung zu tun hat, in welche Waagschale Nabban bei einem Konflikt seine Macht werfen wird. Mehr als das kann ich nicht sagen, aber ich hoffe, daß es Euch ein wenig weiterhilft.«

»Mehr als nur ein wenig«, antwortete Eolair. »Ich danke Euch für Euer Vertrauen, Dinivan.«

Irgendwo in der Sancellanischen Ädonitis läutete tief und dunkel eine Glocke.

»Die Claveïsche Glocke ruft die Mittagsstunde«, erklärte Vater Dinivan. »Kommt, wir wollen etwas zu essen und einen Krug Bier finden und über angenehmere Dinge reden.« Ein Lächeln huschte über seine Züge und machte ihn wieder jung. »Wißt Ihr, daß ich einmal durch Hernystir gereist bin? Euer Land ist schön, Eolair.«

»Obwohl es ihm ein wenig an Steinbauten fehlt«, entgegnete der Graf und klopfte an die Wand von Dinivans Zimmer.

»Und das ist einer seiner Reize«, lachte der Priester und geleitete ihn zur Tür hinaus.

Der Bart des alten Mannes war weiß und so lang, daß er ihn beim Gehen in den Gürtel steckte – was er bis zum heutigen Morgen nun schon mehrere Tage getan hatte. Sein Haar war nicht dunkler als der Bart. Selbst seine Kapuzenjacke und die Beinlinge bestanden aus dem dicken Pelz eines weißen Wolfes. Die Haut des Tieres war sorgfältig abgezogen worden; seine Vorderpfoten kreuzten sich über der Brust des Mannes, und der kiefernlose, auf eine Eisenhaube genagelte Kopf saß auf seiner Stirn. Ohne die roten Kristallsplitter in den leeren Augenhöhlen des Wolfes und die grimmigen blauen Augen des Mannes darunter wäre auch er nur ein weiterer weißer Fleck im verschneiten Forst zwischen dem Drorshullsee und den Bergen gewesen.

Das Stöhnen des Windes in den Wipfeln wurde stärker, und von den Ästen der hohen Kiefer, unter der der Mann kauerte, fiel eine Schneewehe auf ihn herab. Er schüttelte sich ungeduldig wie ein Tier, und dünner Nebel bildete sich um ihn herum, in dem sich sekundenlang das matte Licht der Sonne in einem Dunst winziger Regenbogen brach. Der Wind sang weiter sein klagendes Lied, und der alte Mann in Weiß griff neben sich und faßte nach etwas, das auf den ersten Blick wie ein weiterer Klumpen Weiß aussah – ein schneebedeckter Stein oder Baumstumpf. Er hielt es in die Höhe, wischte das pudrige Weiß von Oberteil und Seiten und hob dann die Tuchdecke gerade so hoch, daß er hineinspähen konnte.

Er flüsterte etwas in die Öffnung und wartete. Dann runzelte er kurz die Brauen, als sei er verärgert oder beunruhigt. Er setzte den Gegenstand wieder hin, stand auf und schnallte den Gürtel aus gebleichtem Rentierleder ab. Vom mageren, wettergehärteten Gesicht schob er die Kapuze zurück und zog dann den Wolfspelzmantel aus. Das ärmellose Hemd, das er darunter trug, war von der Farbe der Jacke, die Haut der sehnigen Arme kaum dunkler; aber auf dem rechten Handgelenk, gerade oberhalb des Fausthandschuhs aus Fell, war in grellen Farben der Kopf einer Schlange zu sehen, in Blau und Schwarz und Blutrot auf die Haut gezeichnet. Der Schlangenkörper ringelte sich spiralförmig den Arm des Alten hinauf, verschwand an der Schulter unter dem Hemd und kam in geschmeidigen Windungen auf dem linken Arm wieder zum Vorschein, um am linken Handgelenk in einem verschnörkelten Schwanz zu enden. Die leuchtendbunten Farben hoben sich scharf von dem eintönigen Winterwald und der weißen Kleidung und Haut des Mannes ab; aus kurzer Entfernung sah es aus, als kämpfe eine Flügelschlange, in der Luft in zwei Teile zerhackt, zwei Ellen über der Erde ihren Todeskampf.

Der alte Mann achtete nicht auf die Gänsehaut auf seinen Armen, bis er seine Jacke über das Bündel gezogen und die losen Falten darunter gesteckt hatte. Dann nahm er aus einem Beutel in seinem Unterhemd ein ledernes Säckchen, drückte einen Strang gelbes Fett heraus und rieb es rasch über seine entblößte Haut, wodurch die Schlange zu glänzen anfing, als sei sie gerade eben einem feuchten südlichen Dschungel entsprungen. Als er fertig war, hockte er sich von neuem wartend auf die Fersen. Er war hungrig, aber er hatte am Vorabend seinen letzten Reiseproviant verzehrt. Doch darauf kam es nicht an, denn die, auf die er wartete, würden sich bald einfinden, und dann würde es auch zu essen geben.

Mit gesenktem Kinn, die Kobaltaugen schwelend unter eisigen Brauen, beobachtete Jarnauga die Wege nach Süden. Er war ein alter, ein uralter Mann, und die Unbilden der Zeit und des Wetters hatten ihn abgehärtet und hager gemacht. In gewisser Weise freute er sich auf die Stunde, die nicht mehr fern war, wenn der Tod ihn rufen und in seine dunkle, stille Halle holen würde. Schweigen und Einsamkeit waren ohne Schrecken für ihn, sie waren Kette und Schuß im Gewebe seines langen Lebens gewesen. Er wollte nur die Aufgabe zu Ende bringen, die man ihm anvertraut hatte, eine Fackel weitergeben, die anderen in der Dunkelheit, die vor ihnen lag, leuchten könnte; dann würde er Leben und Körper so leicht abschütteln wie jetzt den Schnee, der auf seinen nackten Schultern lag.

Er dachte an die feierlichen Hallen, die an der letzten Biegung seines Weges auf ihn warteten, und sein geliebtes Tungoldyr fiel ihm ein, das er vor vierzehn Tagen verlassen hatte. Als er am letzten Tag auf seiner Türschwelle gestanden hatte, lag die kleine Stadt, in der er den größten Teil seiner neunzig Jahre verbracht hatte, so leer vor ihm wie das sagenhafte Huelheim, das nach getaner Arbeit auf ihn wartete. Schon vor Monaten hatten alle anderen Einwohner von Tungoldyr die Flucht ergriffen; nur Jarnauga war in dem Dorf zurückgeblieben, das den Namen Mondtür trug, hoch oben im hohen Himilfjällgebirge, doch immer noch überschattet vom fernen Sturmrspeik – der Sturmspitze. Der Winter war zu einer Kälte erstarrt, die selbst die Rimmersmänner von Tungoldyr noch nie erlebt hatten, und die nächtlichen Lieder des Windes hatten sich in etwas verwandelt, das wie Heulen und Weinen klang, bis Männer wahnsinnig und am Morgen lachend inmitten ihrer toten Familien aufgefunden wurden.