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Nur Jarnauga war in seinem kleinen Haus zurückgeblieben, als die Eisnebel in den Bergpässen und den engen Gassen des Ortes dick wie Wolle geworden waren und die schrägen Dächer von Tungoldyr in den Wolken zu schwimmen begannen wie die Schiffe gespenstischer Krieger. Niemand außer Jarnauga war Zeuge gewesen, wie die flackernden Lichter der Sturmspitze immer heller und heller brannten, hatte den Klang einer ungeheuren, rauhen Musik gehört, die im Rollen des Donners an- und abschwoll und über die Berge und Täler dieser nördlichsten Provinz von Rimmersgard tönte.

Jetzt aber hatte auch er – denn gewisse Zeichen und Botschaften hatten ihm verkündet, daß seine Zeit endlich gekommen war – Tungoldyr der schleichenden Finsternis und Kälte überlassen. Jarnauga wußte, daß er, was immer auch geschehen mochte, die Sonne auf den Holzhäusern niemals wiedersehen, dem Singen der Bergbäche, die an seiner Haustür vorbei zum schwellenden Gratuvask hinabplätscherten, nie mehr lauschen würde. Nie wieder würde er in den klaren, dunklen Frühlingsnächten auf seiner Veranda stehen und die Lichter im Himmel anschauen, die schimmernden Nordlichter, die seit seiner Jugend dort geleuchtet hatten – nicht die unruhigen, üblen Flammen, die jetzt das finstere Antlitz der Sturmspitze umspielten. Das alles war nun vorbei! Sein Weg lag klar vor ihm, doch er bedeutete wenig Freude.

Aber auch jetzt war nicht alles eindeutig. Da war immer noch dieser quälende Traum, mit dem er fertig werden mußte, der Traum von dem schwarzen Buch und den drei Schwertern. Seit zwei Wochen verfolgte er ihn im Schlaf, aber sein Sinn war ihm bis heute verborgen geblieben.

Auf dem Weg nach Süden, weit entfernt am Rand der Bäume, die die westlichen Ausläufer des Weldhelms säumten, entstand eine Bewegung, die seine Gedanken unterbrach. Er kniff kurz die Augen zusammen, nickte dann langsam mit dem Kopf und stand auf.

Als er seinen Mantel wieder anzog, änderte der Wind die Richtung; gleich darauf ließ sich von Norden dumpfes Donnergrollen vernehmen. Es wiederholte sich, ein tiefes Brummen wie von einem Tier, das mühsam aus dem Schlaf erwacht. Sofort schwoll auch aus der entgegengesetzten Richtung das Geräusch der Hufe vom Getrappel zu einer Lautstärke an, die mit dem Donner um die Wette toste.

Als Jarnauga seinen Vogelkäfig aufhob und den Reitern entgegenging, verschmolzen die Geräusche miteinander – das Grollen des Donners im Norden, das gedämpfte Stampfen herannahender Reiter im Süden –, bis sie den weißen Wald mit ihrem kalten Dröhnen erfüllten wie Schläge auf Trommeln aus Eis.

XXIX

Jäger und Gejagte

Das hohle Brausen des Flusses erfüllte seine Ohren. Einen Herzschlag lang kam es Simon vor, als sei das Wasser das einzige, was sich bewegte – als seien die Bogenschützen am anderen Ufer, Marya, er selber, zu Stein erstarrt, als der Pfeil einschlug, der jetzt in Binabiks Rücken bebte. Dann fauchte ein weiterer Schaft an dem weißgesichtigen Mädchen vorbei, zersplitterte krachend an einem zerbrochenen Gesims aus glänzendem Stein, und alles war wieder in fieberhaftem Getümmel.

Er nahm die insektenhaft über das Wasser huschenden Bogenschützen kaum recht wahr. In drei Sätzen legte er die Entfernung zwischen sich, Mädchen und Troll zurück. Er bückte sich, und ein seltsam isolierter Teil seines Gehirns registrierte, daß die Jungenhosen, die Marya trug, am Knie zerfetzte Löcher hatten und sich unter seinem Arm ein Pfeil durch sein Hemd gebohrt hatte. Zuerst glaubte er, das Geschoß habe ihn verfehlt, bis er gleich darauf einen brennenden Schmerz fühlte, der ihm den Brustkorb versengte.

Immer mehr Pfeile sausten vorbei, prallten vor ihnen flach auf die Steinplatten und hüpften weiter wie Steine auf einem See. Rasch kniete Simon nieder und hob den stummen Troll auf die Arme. Er fühlte, wie der gräßliche, steife Pfeil unter seinen Fingern zitterte. Dann drehte er sich um, so daß sein Rücken zwischen dem kleinen Mann und den Bogenschützen war – Binabik sah so bleich aus. War er tot? Bestimmt war er tot! –, und stand auf. Von neuem brannte der Schmerz an seinen Rippen, und er taumelte. Marya packte ihn am Ellenbogen.

»Lökens Blut!« schrie der schwarzgekleidete Ingen, dessen ferne Stimme in Simons Ohren wie ein leises Murmeln klang. »Ihr tötet sie ja, ihr Dummköpfe! Ich habe gesagt, ihr solltet sie dort festhalten! Wo ist Baron Heahferth?«

Qantaqa war wieder zu ihnen heruntergelaufen. Marya versuchte die Wölfin fortzuscheuchen, während sie und Simon die Stufen nach Da'ai Chikiza hinauftaumelten. Hinter ihnen zersprang ein gefiederter Schaft, dann war die Luft still.

»Heahferth ist hier, Rimmersmann!« rief eine Stimme durch den Lärm der Gepanzerten. Von der obersten Stufe blickte Simon sich um. Sein Herz sank. – Ein Dutzend Männer in voller Kampfausrüstung rannte an Ingen und seinen Bogenschützen vorbei, gerade auf das Tor der Hirsche zu, die Brücke, die Simon und seine Gefährten vor ihrer Landung zuletzt passiert hatten. Der Baron selbst ritt auf seinem roten Roß hinter ihnen her und schwang einen langen Speer über dem Kopf. Sie hätten nicht einmal den Fußsoldaten einen großen Vorsprung abgewinnen können – das Pferd des Barons würde sie in weniger als drei Atemzügen stellen.

»Lauf, Simon!« Marya zerrte ihn am Arm, so daß er stolpernd vorwärts rannte. »Wir müssen uns in der Stadt verstecken!« Aber Simon wußte, daß auch das hoffnungslos war. Bis sie ein Versteck fanden, würden die Soldaten sie längst eingeholt haben. »Heahferth!« rief Ingen Jeggers Stimme hinter ihnen, ein flacher, kleiner Ton im Brausen des Flusses. »Das geht nicht! Seid kein Narr, Erkynländer, Euer Pferd …!«

Der Rest ging im Tosen des Wassers unter. Falls Heahferth die Worte überhaupt gehört hatte, schien er sie jedenfalls nicht zu beachten. Zum Klirren der Soldatenfüße auf der Brücke gesellte sich das Klappern von Hufschlag auf Stein.

Noch während der Lärm der Verfolgung lauter wurde, stolperte Simon mit der Stiefelspitze über eine hochstehende Platte und stürzte.

Ein Speer im Rücken … dachte er noch im Fallen, und: Wie konnte das alles nur geschehen? Dann prallte er schmerzhaft auf seine Schulter, denn er hatte sich zur Seite gerollt, um den Körper des Trolls in seinen Armen zu schützen.

Simon lag auf dem Rücken und starrte auf die Stücke Himmel, die durch den dunklen Dom der Bäume schimmerten. Auf seiner Brust lastete Binabiks nicht unbeträchtliches Gewicht. Marya zog ihn am Hemd und versuchte ihn aufzurichten. Er wollte ihr sagen, daß es jetzt doch keinen Sinn mehr hätte, nicht mehr der Mühe wert sei; aber als er sich auf einen Ellenbogen stützte und mit dem anderen Arm den Troll festhielt, sah er, daß hinter ihnen etwas Seltsames vorging.

Mitten auf der langen, hochgewölbten Brücke hatten Baron Heahferth und seine Männer aufgehört, sich zu bewegen – nein, das stimmte nicht ganz: Sie standen da und schwankten; die Bewaffneten hielten sich an den niedrigen Brückenmauern fest, der Baron umklammerte den Hals seines Pferdes. Man konnte aus der Entfernung seine Züge nicht deutlich erkennen, aber seine Haltung war die eines Menschen, der jäh vom Schlaf erwacht. Eine Sekunde später bäumte sich, ohne daß Simon einen Grund dafür feststellen konnte, das Pferd auf und stürmte vorwärts. Die Männer, die noch schneller rannten als vorher, folgten ihm. Unmittelbar darauf – keinen Lidschlag nach dieser Bewegung – drang ein gewaltiges Knacken an Simons Ohr, als hätte eine Riesenhand sich einen Baumstamm als Zahnstocher abgebrochen. Das schlanke Tor der Hirsche schien in der Mitte zu bersten.