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Vor den entsetzten, gebannten Augen von Simon und Marya stürzte die Brücke in die Tiefe, das Mittelstück zuerst. Die Steine lösten sich voneinander und zerbröckelten zu großen, eckigen Scherben, die schaumspritzend ins Wasser krachten. Einige Pulsschläge lang sah es aus, als würden Heahferth und seine Soldaten noch die andere Seite erreichen; aber dann, in Wellenbewegungen wie eine ausgeschüttelte Decke, faltete sich der Steinbogen zusammen und schickte eine wimmelnde Masse von Armen, Beinen, bleichen Gesichtern und einem um sich schlagenden Roß kopfüber hinunter zwischen die zackigen Blöcke aus milchigem Chalzedon, wo sie in Strudeln grünen Wassers und weißen Schaumes verschwanden. Wenig später erschien ein paar Ellen flußabwärts der Kopf des Pferdes mit mühsam aus dem Wasser gereckten Hals, der aber sofort wieder im wirbelnden Fluß unterging.

Langsam drehte sich Simon zum Fuß der Brücke um. Die beiden Bogenschützen lagen auf den Knien und starrten in den reißenden Strom; hinter ihnen stand die Gestalt Ingens mit der schwarzen Kapuze und blickte zu den Gefährten hinüber. Es war, als wären seine blassen Augen nur ein paar Zoll von ihnen entfernt.

»Steh auf!« brüllte Marya und zog Simon an den Haaren. Mit einem fast hörbaren Schnappen löste Simon den Blick von Ingen Jeggers Augen, als risse ein Seil. Er stand auf, wobei er seine kleine Last sorgsam im Gleichgewicht hielt, und sie machten kehrt und flohen in die Echos und ragenden Schatten von Da'ai Chikiza.

Nach hundert Schritten taten Simon die Arme weh, und er hatte ein Gefühl, als steche ihm ein Messer immer wieder in die Seite; er mußte sich anstrengen, nicht hinter dem Mädchen zurückzubleiben. Sie folgten der vorausspringenden Wölfin durch die Ruinen der Sithistadt. Es war, als liefen sie durch eine Höhle aus Bäumen und Eiszapfen, einen Wald aus steilem Glanz und dunkler, moosiger Verwesung. Überall lagen zerbrochene Steinplatten herum, und dicke Strähnen aus Spinnweben spannten sich über wunderschöne, zerfallende Bögen. Simon war zumute, als habe ihn ein unvorstellbar großer Riese mit Eingeweiden aus Quarz, Jade und Perlmutt verschluckt. Hinter ihnen verstummten allmählich die Geräusche des Flusses, und nur das Rasseln ihres eigenen, rauhen Atems wetteiferte mit dem Scharren ihrer schnellen Schritte.

Endlich schienen sie den äußeren Rand der Stadt erreicht zu haben. Die hohen Bäume, Schierlingstanne, Zeder und ragende Kiefer, standen dichter zusammen, und die Steinplattenböden, die bisher überall gewesen waren, verwandelten sich in schmale Pfade, die sich um die Füße der Waldriesen wanden. Simon hörte auf zu laufen. Sein Blickfeld hatte schwarze Ränder bekommen. Er blieb stehen und fühlte, wie sich die Welt um ihn drehte. Marya ergriff seine Hand und führte ihn ein paar hinkende Schritte zu einem efeuüberwucherten Steinhaufen, den Simon, als sein Sehvermögen langsam wiederkehrte, als Brunnen erkannte. Er legte Binabiks Körper sanft auf den Rucksack nieder, den Marya getragen hatte, stützte den Kopf des kleinen Mannes an den groben Stoff und lehnte sich selber an den Brunnenrand, um Luft in seine notleidenden Lungen zu saugen. Seine Seite stach immer noch.

Marya hockte sich neben Binabik und schubste Qantaqas Nase fort, mit der die Wölfin ihren stummen Herrn anstieß. Qantaqa trat einen Schritt zurück, stieß einen winselnden, verständnislosen Laut aus und legte sich dann hin, die Schnauze auf den Pfoten. Simon merkte, daß ihm heiße Tränen in die Augen schossen.

»Er ist nicht tot.«

Simon glotzte erst Marya, dann Binabiks farbloses Gesicht an. »Wie?« fragte er. »Was meinst du?«

»Er ist nicht tot«, wiederholte sie, ohne aufzublicken. Simon kniete sich neben das Mädchen. Tatsächlich, die Brust des Trolls hob sich beinahe unmerklich. Eine schaumige Blutblase auf seiner Unterlippe pulsierte im selben Rhythmus.

»Usires Ädon.« Simon wischte sich mit der Hand die tropfende Stirn. »Wir müssen den Pfeil herausholen.«

Marya sah ihn scharf an. »Bist du verrückt? Wenn wir das tun, fließt das Leben aus ihm heraus! Dann hat er keine Hoffnung mehr!«

»Nein.« Simon schüttelte den Kopf. »Der Doktor hat es mir erklärt! Ganz bestimmt hat er es gesagt, nur daß ich nicht weiß, wie ich den Pfeil herausbekommen soll. Hilf mir, ihm die Jacke auszuziehen.«

Als sie einen Augenblick vorsichtig an der Jacke herumgezupft hatten, sahen sie ein, daß es keine Möglichkeit gab, sie auszuziehen, bevor sie den Pfeil entfernt hatten. Simon fluchte. Er brauchte etwas, um die Jacke aufzuschneiden, etwas Scharfes. An einem Riemen zog er den geretteten Rucksack zu sich heran und fischte darin herum. Dabei freute er sich trotz aller Sorge und Pein, den Weißen Pfeil zu entdecken, immer noch in seiner Hülle aus Lumpen. Er zog ihn heraus und begann den Knoten zu lösen, der die Stoffstreifen zusammenhielt.

»Was tust du da?« fragte Marya ungeduldig. »Haben wir nicht genug von Pfeilen?«

»Ich brauche etwas Scharfes zum Schneiden«, brummte er. »Es ist ein Jammer, daß wir das Stück von Binabiks Stab verloren haben – es war das mit dem Messer darin.«

»Ist es das, was du suchst?« Marya griff in ihr Hemd und zog ein kleines Messer in einer Lederscheide heraus, die ihr an einem Riemen um den Hals hing. »Geloë meinte, ich sollte es mitnehmen«, erklärte sie, nahm es aus der Scheide und reichte es ihm. »Gegen Bogenschützen hilft es allerdings nicht viel.«

»Und Bogenschützen helfen nicht viel dabei, Brücken vor dem Einsturz zu bewahren, gottlob.« Simon begann das geölte Leder durchzusägen.

»Glaubst du, daß es nur das war?« fragte Marya nach einer Weile.

»Was willst du damit sagen?« keuchte Simon. Die Arbeit war hart, aber er hatte die Jacke jetzt von unten aufgeschnitten, vorbei an dem Pfeil. Eine klebrige Masse geronnenen Blutes wurde sichtbar. Er zog die Messerklinge weiter nach oben, zum Kragen hinauf.

»Daß die Brücke so einfach … einstürzte.« Marya sah hinauf in das Licht, das durch das verschlungene Laubwerk sickerte. »Vielleicht waren die Sithi zornig über das, was da in ihrer Stadt vorging.«

»Pah.« Simon biß die Zähne zusammen und durchtrennte das letzte Stück Leder. »Die Sithi, die noch leben, wohnen hier nicht mehr, und wenn die Sithi nicht sterben, wie mir der Doktor erzählt hat, gibt es auch keine Geister hier, die Brücken zum Einsturz bringen könnten.« Er breitete die beiden Flügel der zerschnittenen Jacke auseinander und zuckte. Der Rücken des Trolls war bedeckt mit geronnenem Blut. »Du hast doch gehört, wie der Rimmersmann Heahferth zuschrie, er solle mit dem Pferd von der Brücke bleiben. Und jetzt, verdammt noch mal, laß mich nachdenken!«

Marya hob die Hand, als wollte sie ihn schlagen; Simon sah auf, und ihre Blicke bohrten sich ineinander. Erst jetzt merkte er, daß das Mädchen auch geweint hatte. »Ich habe dir mein Messer gegeben!« sagte sie.

Simon schüttelte verwirrt den Kopf. »Es ist nur … dieser Teufel Ingen hat vielleicht schon eine andere Stelle gefunden, an der er den Fluß überqueren kann. Er hat mindestens zwei Bogenschützen bei sich, und wer weiß, was aus den Hunden geworden ist … und … und Binabik ist mein Freund.« Er wandte sich wieder dem blutüberströmten Troll zu.

Marya schwieg eine Weile. »Ich weiß«, sagte sie endlich.

Der Pfeil war schräg eingedrungen, eine gute Handlänge von der Mitte des Rückgrats entfernt. Durch vorsichtiges Anheben des kleinen Körpers konnte Simon die Hand daruntergleiten lassen. Schnell fanden seine Finger die scharfe, eiserne Pfeilspitze, die gerade unter Binabiks Arm herausgetreten war, neben den vorderen Rippen.

»Verflucht! Er ist mitten durchgegangen!« Simon überlegte fieberhaft. »Gleich … gleich…«

»Brich die Spitze ab«, schlug Marya, jetzt mit ruhigerer Stimme, vor. »Dann kannst du ihn leichter herausziehen – wenn du sicher bist, daß das das Richtige ist.«