»Natürlich!« Simon war begeistert und ein wenig schwindlig. »Natürlich.«
Er brauchte eine gehörige Zeit, bis er den Pfeil unterhalb der Spitze durchgeschnitten hatte; das kleine Messer wurde immer stumpfer dabei. Als er fertig war, half ihm Marya, Binabik in die Lage zu bringen, in der der Pfeil sich am besten bewegen ließ. Dann, ein stummes Gebet an Ädon auf der Zunge, drehte Simon den Pfeil aus der Eintrittswunde heraus. Frisches Blut quoll darunter hervor. Simon starrte den verhaßten Gegenstand an und schleuderte ihn fort. Qantaqa hob den dicken Kopf und sah ihm nach, gab dann ein brummendes Stöhnen von sich und sackte wieder zusammen.
Sie wickelten Binabik in die Lumpen des Weißen Pfeils und Streifen aus seiner zerschnittenen Jacke, dann hob Simon den immer noch schwach atmenden Troll hoch und nahm ihn auf seine Arme. »Geloë hat gesagt, wir sollten die Steige hinaufklettern. Ich weiß zwar nicht, wo das ist, aber wir sollten uns lieber in Richtung der Berge halten«, erklärte Simon. Marya nickte.
Der Anblick der Sonnenflecken zwischen den Bäumen verriet ihnen, daß es fast Mittag war, als sie den zugewachsenen Brunnen verließen. Rasch durchquerten sie die Außenbezirke der verfallenden Stadt und merkten schon nach einer Stunde, daß das Land unter ihren müden Füßen anzusteigen begann. Der Troll wurde allmählich wieder zur schweren Last. Simon war zu stolz, etwas zu sagen, aber er schwitzte heftig, und Rücken und Arme fingen an, genauso weh zu tun wie die verwundete Seite. Marya schlug vor, Beinlöcher in den Rucksack zu schneiden, damit man Binabik darin tragen könnte. Aber nach einigem Nachdenken verwarf Simon diese Idee. Erstens wären die Erschütterungen für den hilf- und bewußtlosen Troll zu groß gewesen, und zweitens müßten sie dann einiges vom Inhalt des Rucksackes zurücklassen, und das meiste davon waren Lebensmittel, die sie noch brauchen würden.
Als das sanft ansteigende Land sich in steile, buschbestandene Hänge voller Riedgras und Disteln zu verwandeln begann, winkte Simon Marya, endlich anzuhalten. Er setzte den kleinen Mann ab und stand einen Augenblick mit in die Hüfte gestemmten Händen da, und seine Brust hob und senkte sich, während er tief Atem holte.
»Wir … wir müssen … ich muß … mich … ausruhen«, schnaufte er. Marya betrachtete voller Mitgefühl sein gerötetes Gesicht.
»Du kannst ihn nicht bis ganz auf den Gipfel schleppen, Simon«, bemerkte sie sanft. »Weiter oben scheint es noch steiler zu werden. Du wirst die Hände zum Klettern brauchen.«
»Er … ist … mein Freund«, beharrte Simon starrsinnig, »ich … kann … das.«
»Nein, das kannst du nicht.« Marya schüttelte den Kopf. »Wenn wir ihn nicht im Rucksack tragen können, dann müssen wir…« Sie ließ die Schultern hängen und setzte sich erschöpft auf einen Felsen. »Ich weiß nicht, was wir müssen, aber irgendwas müssen wir.«
Simon sackte neben ihr zusammen. Qantaqa war weiter bergauf verschwunden und sprang behende an Stellen voraus, zu deren Erklettern der Junge und das Mädchen lange und beschwerliche Minuten brauchen würden.
Plötzlich kam Simon ein Einfall. »Qantaqa!« rief er, stand auf und verstreute den Inhalt des Rucksackes vor sich auf dem Grasboden. »Qantaqa! Komm her!«
In fieberhafter Eile, den unausgesprochenen Gedanken an Ingen Jegger als drohenden Schatten über sich, wickelten Simon und Marya Binabik von Kopf bis Fuß in den Mantel des Mädchens und legten den Troll dann mit dem Bauch nach unten auf den Rücken der folgsamen Wölfin. Mit den letzten Streifen zerfetzter Kleidung aus dem Rucksack banden sie ihn dort fest. Simon erinnerte sich von seinem unfreiwilligen Ritt in Herzog Isgrimnurs Lager an die Haltung, aber er wußte auch, daß der kleine Mann mit dem dicken Mantel zwischen sich und dem Wolfsrücken wenigstens atmen können würde. Simon wußte, daß die Lage für einen verletzten, wahrscheinlich sterbenden Troll nicht gerade günstig war, aber was konnten sie sonst tun? Marya hatte recht, um bergauf zu klettern, brauchte er seine Hände.
Nachdem sich Qantaqas anfängliche Unruhe gelegt hatte, stand sie geduldig da, während Junge und Mädchen den Troll auf ihr festzurrten. Nur ab und zu drehte sie sich um und wollte Binabiks Gesicht, das an ihrer Flanke auf- und abschwankte, beschnüffeln. Als sie aber fertig waren und weiter den Hang hinaufstiegen, suchte die Wölfin sich ihren Weg ganz vorsichtig, als wüßte sie, wie wichtig ein sanfter Ritt für ihre schweigende Last wäre.
Jetzt kamen sie besser vorwärts. Sie kletterten über Steine und uralte Stämme, von denen sich die Rinde in langen Streifen abschälte. Der helle, wolkengetrübte Sonnenball, der durch die Äste spähte, war weit auf seinen westlichen Ankerplatz zugerollt. Simon stapfte vor sich hin, vor seinen vor Schweiß brennenden Augen wie eine Rauchfahne den grauweißen Schwanz der Wölfin, und fragte sich, wo die Dunkelheit sie überraschen und was sie wohl in dieser Dunkelheit überraschen würde.
Der Anstieg war immer steiler geworden, und sowohl Simon als auch Marya spürten die zahllosen Kratzspuren des alles erstickenden Unterholzes auf ihrer Haut, als sie endlich auf eine offene, waagrecht laufende Falte der Bergwand hinausstolperten. Dankbar setzten sie sich mitten auf den Pfad. Qantaqa sah aus, als hätte sie nichts dagegen, den schmalen, grasüberwucherten Weg noch ein Stück weiter hinauf zu erkunden, ließ sich dann aber doch mit heraushängender Zunge neben ihnen nieder. Simon befreite den Troll aus seinem behelfsmäßigen Geschirr; der Zustand des kleinen Mannes schien unverändert. Sein Atem ging immer noch erschreckend flach. Simon tropfte ihm aus dem Schlauch Wasser in den Mund und reichte dann Marya den Behälter. Als sie fertig war, hielt er die hohlen Hände aneinander, sie füllte sie, und er ließ Qantaqa daraus trinken. Danach nahm auch er ein paar tiefe Schlucke aus dem Schlauch.
»Glaubst du, daß wir auf der Steige sind?« fragte Marya und fuhr sich mit den Händen durch das feuchte schwarze Haar. Simon lächelte matt. War das nicht typisch Mädchen, sich mitten im Wald das Haar zu richten? Sie war tief errötet, und er sah, daß die Sommersprossen auf ihrem Nasenrücken dadurch deutlich hervortraten.
»Es sieht eher wie ein Hirschpfad oder so etwas aus«, antwortete er endlich und wandte seine Aufmerksamkeit der Stelle zu, an der sich der Pfad an der Flanke des Berges verlor. »Ich denke, die Steige ist etwas von den Sithi, wie Geloë gesagt hat. Aber vielleicht können wir diesem Weg doch eine Weile folgen.«
Sie ist eigentlich gar nicht so dünn, nicht wirklich, dachte Simon. Mehr das, was man zart nennt. Er erinnerte sich, wie sie in die Höhe gegriffen und die überhängenden Äste abgerissen hatte, und an ihre rauhen Fluß-Shanties. Nein, vielleicht war zart auch nicht ganz das richtige Wort.
»Dann wollen wir lieber weiter«, unterbrach Marya sein Sinnen. »Ich bin hungrig, aber ich möchte lieber nicht hier draußen im offenen Gelände sein, wenn die Sonne untergeht.«
Sie erhob sich und fing an, die Stoffstreifen zusammenzusuchen, um Binabik wieder auf seinem Reittier zu befestigen, das seinerseits die letzten Augenblicke ungebundener Freiheit dazu benutzte, sich hinter dem Ohr zu kratzen.
»Ich hab dich gern, Marya«, platzte Simon heraus und wollte sich dann umdrehen, wegrennen, irgend etwas tun. Statt dessen blieb er tapfer, wo er war, bis das Mädchen gleich darauf lächelnd zu ihm aufblickte – und sie war es, die verlegen aussah!
»Darüber bin ich froh«, war alles, was sie antwortete, dann ging sie den Hirschpfad ein paar Schritte weiter hinauf und überließ es Simon, Binabik mit plötzlich unbeholfenen Händen wieder festzubinden. Als er endlich die letzte Schlinge unter dem zottigen Bauch der unendlich geduldigen Wölfin verknotete, sah er plötzlich in das blutleere Gesicht des Trolls, das schlaff und still war wie der Tod, und wurde wütend auf sich selber.