Als er so dasaß, schäumend vor Wut, kam Marya und schmiegte sich dicht an seine Seite, hob seinen Arm und legte ihn um ihre Schulter. »Mir ist kalt«, war alles, was sie sagte.
Er lehnte müde seinen Kopf an ihren, und Tränen ohnmächtiger Wut und aufsteigender Angst strömten aus seinen Augen, als er auf die Geräusche oben auf dem Berg lauschte. Jetzt war ihm, als höre er Männerstimmen, die einander über den Lärm der Hunde etwas zuriefen. Was gäbe er doch für ein Schwert! So unerfahren er damit auch war, wenigstens hätte er ihnen damit ein bißchen weh tun können, bevor sie ihn niederschlugen.
Sanft hob er Maryas Kopf von seiner Schulter und beugte sich vor. Wenn er sich recht erinnerte, lag Binabiks Lederbeutel ganz unten im Rucksack. Er zog ihn hervor und wühlte mit den Fingern darin herum. Auf der Lichtung war es so finster, daß er nur durch Tasten suchen konnte.
»Was machst du?« wisperte Marya.
Simon fand, was er suchte, und schloß seine Hand darum. Jetzt kamen auch Geräusche von der Nordseite des Berges, fast auf gleicher Höhe mit ihnen. Die Falle schnappte zu.
»Halt Qantaqa fest!« Er richtete sich auf, kroch ein Stück zur Seite und durchforstete das Gebüsch, bis er einen größeren abgebrochenen Ast fand, so dick wie sein Arm und länger. Er brachte ihn zurück und leerte Binabiks Pulverbeutel darüber aus. Dann legte er ihn sorgfältig neben sich. »Ich mache eine Fackel«, erklärte er und nahm die Feuersteine des Trolls aus dem Beutel.
»Leitet sie das nicht erst recht zu uns?« fragte das Mädchen, einen Unterton sorgenvoller Neugier in der Stimme. »Ich zünde sie erst an, wenn ich muß«, erwiderte er, »aber wenigstens haben wir dann etwas … etwas zum Kämpfen.«
Ihr Gesicht lag im Schatten, aber er spürte ihren Blick. Sie wußte ebensogut, wie wenig eine solche Geste ihnen nützen würde. Er hoffte – und es war eine sehr starke Hoffnung –, daß sie verstehen würde, warum er diesen Versuch unternehmen mußte. Der wilde Aufruhr der Hunde war jetzt entsetzlich nahe. Simon konnte das Knacken der niedergetretenen Büsche und die wilden Schreie der Jäger hören. Das Prasseln brechender Zweige wurde lauter. Es kam jetzt von direkt über ihnen am Hang und näherte sich immer mehr – ein viel zu lautes Geräusch für Hunde, dachte Simon, und sein Herz flatterte, als er den Feuerstein gegen einen Stein schlug. Es mußten Berittene sein. Das Pulver sprühte Funken, entzündete sich aber nicht. Im Unterholz krachte es, als überschlage sich ein ganzer Wagen.
Fang Feuer, verdammt noch mal! Fang Feuer!
Gerade über ihrem Versteck brach etwas aus dem Dickicht. Marya klammerte sich so fest an seinen Arm, daß es wehtat. »Simon!« schrie sie, und dann zischte das Pulver und ging in Flammen auf; an der Spitze des Astes erblühte eine flackernde, orangerote Blume. Simon sprang in die Höhe und schwang den Ast vor sich. Die Flammen tanzten. Etwas kam krachend durch die Bäume. Qantaqa riß sich aus Maryas Griff los und heulte laut.
Alptraum! Das war alles, was Simon noch denken konnte, als er die Fackel hob. Das Licht wurde heller und beleuchtete, was da erschreckt und aufrecht vor ihm stand.
Es war ein Riese.
In dem grauenhaften, gelähmten Augenblick danach kämpfte Simons Verstand darum zu verarbeiten, was seine Augen sahen – dieses Wesen, das da vor ihm aufragte und im grellen Licht der Fackel hin- und herschwankte. Zuerst hatte er es für eine Art Bär gehalten, weil es überall mit fahlem, zottigem Fell bedeckt war. Aber die Beine waren zu lang, die Arme und die schwarzhäutigen Hände zu menschlich. Der haarige Scheitel war drei Ellen höher als Simons Kopf, als es sich aus der Mitte nach vorn beugte, die Augen schmal im ledrigen, menschenähnlichen Gesicht.
Von überallher ertönte das Gebell, wie die Musik eines Chores unheimlicher Dämonen. Das Ungetüm schlug mit einem langen Klauenarm nach Simon, riß ihm das Fleisch an der Schulter auf und stieß ihn zurück, daß er stolperte und um ein Haar die Fackel fallengelassen hätte. Das zuckende Licht der Flammen beleuchtete kurz Marya, die mit schreckgeweiteten Augen Binabiks schlaffen Körper umklammerte und aus dem Weg zu zerren versuchte. Der Riese öffnete den Mund und donnerte – nur so konnte man das hallende Brummen bezeichnen, das er ausstieß. Dann stürzte er sich von neuem auf Simon. Der sprang zur Seite, blieb mit dem Fuß hängen und fiel zu Boden. Aber noch bevor das Ungeheuer bei ihm war, verwandelte sich das Grollen, das seine Brust erschütterte, in ein Aufheulen des Schmerzes. Der Riese kippte nach vorn und sackte halb zusammen.
Qantaqa hatte ihn in einer zottigen Kniekehle erwischt, ein grauer Schatten, der sofort zurücksprang, um gleich wieder nach den Beinen des Ungetüms zu schnappen, das fauchte und nach der Wölfin schlug. Das erste Mal verfehlte es sie, doch beim zweiten Mal traf sie die breite Hand, Qantaqa überschlug sich und flog ins Gebüsch.
Jetzt wandte der Riese sich wieder Simon zu, aber gerade als dieser hoffnungslos seine Fackel hob und ihr zuckendes Licht in den glänzendschwarzen Augen des Riesen widergespiegelt sah, ergoß sich eine brodelnde Flut von Wesen aus dem Unterholz, heulend wie der Wind in tausend hohen Türmchen. Sie umbrandeten das gewaltige Geschöpf wie ein wütendes Meer – Hunde überall, die angriffen und bissen, während der Riese mit seiner Donnerstimme brüllte. Wie eine Windmühle ließ er die Arme kreisen, und zerschmetterte Körper flogen nach allen Seiten; einer traf Simon und warf ihn zu Boden, daß ihm die Fackel davonsauste. Aber für jeden, der fortgeschleudert wurde, sprangen fünf neue herbei.
Als Simon auf die Fackel zukroch, im Kopf ein wildes Gewirr aus wahnsinnigen Fieberphantasien, leuchteten plötzlich überall Lichter auf. Die Riesengestalt des Ungeheuers schwankte brüllend über die Lichtung; Männer kamen, Pferde bäumten sich, alles schrie. Etwas Dunkles sprang über Simon hinweg und schlug ihm zum zweiten Mal die Fackel aus der Hand. Kurz hinter ihm kam das Pferd rutschend zum Stehen. Der Reiter stand in den Bügeln, und sein langer Speer blitzte zwischen Dunkelheit und Fackelschein hin und her. Gleich darauf war der Speer ein großer schwarzer Nagel, der aus der Brust des bedrängten Riesen ragte. Das Ungeheuer stieß eine letztes, bebendes Brüllen aus und glitt zu Boden, unter die wogende Decke der Hunde.
Der Reiter stieg ab. An ihm vorbei rannten Männer mit Fackeln, um die Hunde zurückzuzerren. Das Licht schien auf das Profil des Reiters, und Simon richtete sich auf ein Knie auf.
»Josua!« rief er und stürzte vornüber. Das letzte, was er sah, war das hagere Gesicht des Prinzen, vom gelben Licht der Fackelflammen umflossen, mit vor Überraschung geweiteten Augen.
Zeit kam und ging in unruhigen Augenblicken von Wachsein und Dunkelheit. Er saß auf einem Pferd, vor einem schweigenden Mann, der nach Leder und Schweiß roch. Der Arm des Mannes war ein starker Reifen um Simons Mitte, als sie die Steige hinaufschwankten.
Die Pferdehufe klapperten auf Stein, und Simon merkte, daß er den wehenden Schweif des Pferdes vor ihm beobachtete. Überall waren Fackeln.
Er suchte nach Marya, nach Binabik und den anderen … wo waren sie nur?
Jetzt umgab ihn auf allen Seiten eine Art Tunnel. Die Steinwände hallten wider vom pochenden Laut der Herzschläge. Nein, der Hufschläge. Der Tunnel schien kein Ende zu haben. Vor ihnen ragte eine in den Stein gefügte, gewaltige Holztür auf. Langsam schwang sie nach außen, Fackelschein flutete hervor wie Wasser aus einem geborstenen Damm, und im herausdringenden Licht des Einganges standen die Gestalten vieler Männer.
Nun waren sie im Freien, stiegen einen langen Hang hinunter, ein Pferd hinter dem anderen, eine glitzernde Schlange aus Fackeln, die sich den Pfad hinabwand, so weit das Auge reichte. Um sie herum war ein Feld aus kahler Erde, mit nichts bepflanzt als mit nackten Eisenstangen.
Unter ihnen waren die Wälle mit noch viel mehr Fackeln gesäumt. Die Posten blickten zu der Prozession hinauf, die da von den Bergen herunterkam. Vor ihnen lagen die steinernen Mauern, bald in gleicher Höhe, bald langsam über ihren Köpfen ansteigend, während sie dem Pfad bergab folgten. Der Nachthimmel war dunkel wie das Innere eines Fasses, jedoch gespickt mit Sternen. Simons Kopf wackelte, und er merkte, wie er von neuem in Schlaf sank – oder in den dunklen Himmel, er wußte es nicht recht.