»Das dachte ich auch, als mich der Pfeil traf«, erwiderte der Troll mit einem reuigen Kopfschütteln. »Aber anscheinend ist nichts von entscheidender Natur durchbohrt worden. Man hat mich gut gepflegt, und bis auf eine gewisse Schmerzhaftigkeit der Bewegung bin ich fast wieder neu.« Er wandte sich dem Priester zu. »Ich bin heute auf dem Hof herumgegangen.«
»Gut, sehr gut.« Vater Strangyeard lächelte abwesend und zupfte an der Schnur, die seine Augenklappe hielt. »Ich muß jetzt gehen. Bestimmt gibt es vieles, das ihr beiden miteinander besprechen möchtet.« In der Tür drehte er sich noch einmal um. »Simon, bitte mach von meinem Zimmer Gebrauch, solange es dir gefällt. Ich teile inzwischen Bruder Eglafs Kammer. Er gibt zwar im Schlaf fürchterliche Töne von sich, aber er ist ein guter Mensch und nimmt mich bereitwillig auf.«
Simon dankte ihm. Nachdem der Priester Binabik weiterhin gute Genesung gewünscht hatte, entfernte er sich.
»Er ist ein Mann von vortrefflichem Verstand, Simon«, meinte Binabik, während sie den Schritten Strangyeards lauschten, die im Gang verhallten. »Meister der Burgarchive ist er. Wir hatten schon wunderbare Gespräche.«
»Aber ein wenig merkwürdig, nicht wahr? Irgendwie … zerstreut?«
Binabik lachte, zuckte dann zusammen und hustete. Erschreckt beugte Simon sich zu ihm vor, aber der Troll winkte ab. »Nur einen Augenblick«, sagte er. Als er wieder zu Atem gekommen war, fuhr er fort: »Manche Menschen, Simon, deren Kopf voller Gedanken ist, vergessen zu sprechen und sich zu benehmen wie gewöhnliche Leute.«
Simon nickte und betrachtete den Raum. Er war dem Strangyeards sehr ähnlich: karg, klein, mit weißgekalkten Wänden. Statt der Bücher- und Pergamentstapel lag auf dem Schreibtisch nur ein Exemplar des Buches Ädon. Ein rotes Band hielt wie eine schmale Zunge die Stelle fest, an der der letzte Leser aufgehört hatte.
»Weißt du, wo Marya ist?« fragte Simon.
»Nein.« Binabik machte ein äußerst ernstes Gesicht. Simon fragte sich, warum. »Ich nehme an, sie hat Josua ihre Botschaft überbracht. Vielleicht hat er sie zu der Prinzessin zurückgeschickt, wo immer sie sich aufhalten mag, um ihr seine Antwort mitzuteilen.«
»Nein!« Dieser Gedanke gefiel Simon ganz und gar nicht. »Wie hätte das alles so schnell geschehen können?«
»So schnell?« Binabik lächelte. »Heute ist der Morgen des zweiten Tages nach unserer Ankunft in Naglimund.«
Simon war verdutzt. »Wie kann das sein? Ich bin doch gerade erst aufgewacht!«
Binabik ließ sich kopfschüttelnd in die Laken zurücksinken. »Das stimmt nicht. Du hast gestern fast den ganzen Tag geschlafen, bist aber mehrfach aufgewacht, um etwas Wasser zu trinken, und dann gleich wieder eingeschlafen. Ich vermute, das letzte Stück unserer Reise hat dich geschwächt, so kurz nach dem Fieber, das du dir bei der Flußfahrt zugezogen hattest.«
»Usires!« Ihm war, als hätte sein Körper ihn verraten. »Und man hat Marya fortgeschickt?«
Binabik streckte besänftigend die Hand aus den Laken. »Mir ist nichts Derartiges bekannt. Es war nur eine Annahme. Genausogut kann sie noch hier sein – vielleicht bei den Frauen oder im Quartier der Dienstboten. Schließlich ist sie ja auch eine Dienerin.«
Simon machte ein finsteres Gesicht. Binabik nahm sanft wieder die Hand des Jungen, die dieser vor Aufregung weggezogen hatte. »Hab Geduld, Simon-Freund«, mahnte der Troll. »Du hast eine Heldentat getan, bis hierher zu gelangen. Wer weiß, was als nächstes geschehen wird?«
»Du hast recht … wahrscheinlich…« Er holte tief Atem.
»Und mir hast du das Leben gerettet«, erklärte Binabik.
»Ist das wichtig?« Simon streichelte geistesabwesend die kleine Hand und stand auf. »Du hast mir auch schon mehrmals das Leben gerettet. Freunde sind Freunde.«
Binabik lächelte, aber seine Augen waren müde. »Freunde sind Freunde«, stimmte er zu. »Und wenn wir schon davon sprechen: Ich muß nun wieder schlafen. In den Tagen, die vor uns liegen, wird es Wichtiges zu tun geben. Würdest du nach Qantaqa sehen und danach, wie sie untergebracht ist? Strangyeard wollte sie zu mir bringen, aber ich fürchte, es ist von seinem vielbeschäftigten Haupt geflogen wie Daunen von einem«, er klopfte das seine, »… Kissen.«
»Gewiß«, antwortete Simon und öffnete schon die Tür. »Weißt du denn, wo sie ist?«
»Strangyeard sagte … in den Ställen…«, erwiderte Binabik gähnend und schloß die Augen.
Als Simon den Innenhof betrat und einen Augenblick stehenblieb, um den Vorübergehenden zuzuschauen, Höflingen, Dienern, Klerikern, von denen niemand ihm auch nur die geringste Beachtung schenkte, wurden ihm urplötzlich zwei Dinge klar.
Erstens, daß er keine Ahnung hatte, wo die Stallungen lagen. Zweitens, daß er sehr, sehr hungrig war. Vater Strangyeard hatte etwas davon erwähnt, daß man ihm aufgetragen hätte, sich um Simon zu kümmern, aber der Priester war verschwunden. Wirklich ein närrischer alter Knabe!
Auf einmal erspähte Simon auf der anderen Seite des Hofes ein bekanntes Gesicht. Er lief darauf zu und hatte schon ein paar Schritte zurückgelegt, als ihm der dazugehörige Name einfiel.
»Sangfugol!« rief er, und der Harfner blieb stehen und schaute sich nach dem Rufer um. Er sah Simon heraneilen und beschattete mit der Hand die Augen, blickte jedoch immer noch fragend, als der Junge rutschend vor ihm zum Stehen kam.
»Ja?« fragte er. Er war in ein reiches, lavendelblaues Wams gekleidet, und das dunkle Haar quoll anmutig unter einer mit passenden Federn besetzten Mütze hervor. Selbst in seinen sauberen Sachen kam Simon sich gegenüber dem höflich lächelnden Musikanten schäbig vor. »Hast du eine Botschaft für mich?«
»Ich bin Simon. Wahrscheinlich erinnert Ihr Euch nicht mehr an mich. Wir haben beim Leichenschmaus auf dem Hochhorst miteinander gesprochen.«
Sangfugol starrte ihn einen weiteren Moment lang mit leicht gerunzelter Stirn an, dann hellte sich sein Gesicht auf. »Simon! Ja, natürlich! Der beredte Mundschenk! Es tut mir aufrichtig leid, aber ich habe dich überhaupt nicht wiedererkannt. Du bist recht erwachsen geworden.«
»Wirklich?«
Der Harfner grinste. »Und ob! Jedenfalls hattest du das letzte Mal, als ich dich sah, noch nicht diesen Flaum im Gesicht.« Er streckte die Hand aus und nahm Simon beim Kinn. »Oder zumindest kann ich mich nicht daran erinnern.«
»Flaum?« Verwundert griff Simon nach oben und strich sich über die Wange. Sie fühlte sich tatsächlich pelzig an … aber weich, wie das Haar auf seinen Unterarmen.
Sangfugols Lippen zuckten, und er fing an zu lachen. »Wie konnte dir das entgehen? Als mir zuerst der Bart des Mannes wuchs, stand ich jeden Tag bei meiner Mutter vor dem Spiegel, um nachzusehen, wie er sich entwickelte.« Er legte die Hand an die glattrasierte Wange. »Und heute schabe ich ihn mir jeden Morgen fluchend ab, damit mein Gesicht weich ist – für die Damen.«
Simon spürte, daß er rot wurde. Wie hinterwäldlerisch er wirken mußte! »Ich habe eine Zeitlang keine Spiegel um mich gehabt.«
»Hmmm.« Sangfugol betrachtete ihn von Kopf bis Fuß. »Größer bist du auch, wenn mein Gedächtnis mich nicht trügt. Was führt dich nach Naglimund? Nicht, daß ich es mir nicht ausrechnen könnte. Hier sind viele, die aus dem Hochhorst geflohen sind, nicht zuletzt mein Herr selbst, Prinz Josua.«
»Ich weiß«, antwortete Simon. Er mußte unbedingt etwas sagen, das ihn mit diesem wohlgekleideten jungen Mann wieder auf eine Stufe stellte. »Ich half ihm zu entkommen.«
Der Harfner hob eine Braue. »Wahrhaftig? Das hört sich freilich nach einer interessanten Geschichte an. Hast du schon gegessen? Oder möchtest du einen Schluck Wein? Ich weiß, daß es noch recht früh ist, aber um die Wahrheit zu sagen, war ich noch gar nicht im Bett … habe noch nicht geschlafen.«
»Essen wäre wunderbar«, sagte Simon, »aber ich muß vorher noch etwas erledigen. Könnt Ihr mir den Weg zu den Ställen zeigen?«
Sangfugol lächelte. »Und was dann, junger Held? Willst du nach Erchester hinabreiten und uns Pryrates' Kopf in einem Sack bringen?« Simon errötete wieder, aber diesmal mit nicht geringem Vergnügen. »Also gut«, erklärte der Harfner, »erst die Ställe, dann das Essen.«