Der gekrümmte Mann mit der sauren Miene, der mit der Gabel Heu aufschichtete, machte einen mißtrauischen Eindruck, als Simon sich nach Qantaqas Verbleib erkundigte.
»Was willst du denn mit dem?« fragte der Mann und schüttelte den Kopf. »Richtig bösartiges Biest. Unrecht ist das, ihn hier hinzustecken. Überhaupt nicht mein Bier; nur weil der Prinz es gesagt hat. Hat mir fast die Hand abgerissen, die Bestie.«
»Na also«, versetzte Simon, »dann solltest du froh sein, sie loszuwerden. Bring mich zu ihr.«
»Ein Teufelsbraten ist das, sag ich dir«, erklärte der Mann. Sie folgten dem Voraushinkenden durch sämtliche dunklen Stallgebäude und zur Hintertür hinaus auf einen morastigen Hof im Schatten der Außenmauer.
»Die Kühe führen sie manchmal zum Schlachten hierher«, erläuterte der Mann und deutete auf eine viereckige Grube. »Weiß nicht, warum der Prinz den hier lebendig nach Hause hat schaffen lassen und der arme, alte Lucuman nun auf ihn aufpassen soll. Mit dem Speer hätte er ihn durchbohren sollen, den widerlichen Bastard, so wie den Riesen.«
Simon warf dem Krummen einen Blick voller Abscheu zu und trat an den Rand der Grube. Ein an der Kante im Boden verankertes Seil hing in das Loch hinunter. Unten war es um den Hals der Wölfin geknotet, die auf dem schlammigen Boden der Grube lag.
Simon war entsetzt. »Was hast du mit ihr gemacht!« schrie er den Stallknecht an. Sangfugol, der den sumpfigen Hof etwas vorsichtiger betreten hatte, kam näher.
Das Mißtrauen des alten Mannes verwandelte sich in Gereiztheit. »Hab gar nichts gemacht«, versetzte er gekränkt. »Richtiger Teufel ist das – hat geheult wie ein Untier. Nach mir gebissen hat er.«
»Das hätte ich auch getan«, fauchte Simon. »Und vielleicht mache ich es auch noch. Hol sie dort heraus.«
»Wie denn?« fragte der Mann beunruhigt. »Einfach am Seil hochziehen? Dazu ist er viel zu groß.«
»Sie, du Dummkopf!« Simon war außer sich vor Wut, die Wölfin, seine Gefährtin über ungezählte Meilen, in einem dunklen, nassen Loch liegen zu sehen. Er beugte sich hinab.
»Qantaqa!« rief er. »Ho, Qantaqa!« Sie zuckte mit den Ohren, als wollte sie eine Fliege verscheuchen, öffnete aber nicht die Augen. Simon sah sich im Hof um, bis er fand, was er brauchte: den Hackklotz, einen schartigen Baumstumpf, so dick wie der Brustkorb eines Mannes. Er rollte ihn mühsam zu der Grube, während Stallknecht und Harfner verwundert zuschauten.
»Paß auf!« rief er der Wölfin zu und rollte den Stumpf über den Rand; er schlug nur einen Meter von den Hinterbeinen des Tiers entfernt in der weichen Erde auf. Sie hob kurz den Kopf und blickte hinüber, um dann wieder zusammenzusinken.
Wieder spähte Simon über den Grubenrand und versuchte Qantaqa anzulocken, aber sie achtete nicht auf ihn.
»Um Himmelswillen, sei vorsichtig«, mahnte Sangfugol.
»Glück hat er, daß sie sich grad ausruht, die Bestie«, meinte der andere und kaute bedächtig am Daumennagel. »Hätte das Biest vorher hören sollen, Heulen und alles.«
Simon schwang die Füße über die Kante des Loches und rutschte hinab. Er landete im quatschigen, glitschigen Schlamm.
»Was tust du!« rief Sangfugol. »Bist du verrückt?«
Simon kniete neben der Wölfin nieder und näherte sich ihr langsam mit seiner Hand. Sie knurrte, aber er hielt ihr die Finger hin. Ihre schlammige Nase schnüffelte kurz daran, dann streckte sie vorsichtig die lange Zunge aus und leckte ihm den Handrücken. Simon fing an, ihre Ohren zu kraulen und tastete sie dann nach Schnittwunden und Knochenbrüchen ab. Es war nichts zu erkennen. Er drehte sich um und richtete den Hackklotz auf, rammte ihn an der Grubenwand in den Morast und ging dann wieder zu Qantaqa. Er legte die Arme um ihren Leib und lockte sie solange, bis sie aufstand.
»Er ist verrückt, stimmt's?« fragte der sauertöpfische Mann Sangfugol halb im Flüsterton.
»Halt den Mund«, knurrte Simon und musterte seine sauberen Stiefel und Kleider, die schon längst mit Schlamm beschmiert waren. »Nimm das Seil und zieh, wenn ich es sage. Sangfugol, schneidet ihm den Kopf ab, wenn er trödelt!«
»Nun aber!« meinte der Mann vorwurfsvoll, griff aber nach dem Seil. Der Harfner stellte sich hinter ihn, um zu helfen. Simon drängte Qantaqa auf den Baumstumpf zu und überredete sie endlich, die Vorderbeine darauf zu stellen. Dann schob er seine Schulter unter ihr breites, pelzfransiges Hinterteil.
»Fertig. Jetzt zieht!« rief er. Das Seil straffte sich. Zuerst wehrte sich Qantaqa und zerrte von den Männern fort, die sie hochhieven wollten. Ihr beträchtliches Gewicht sackte auf Simon nieder, dessen Füße im Schlamm unter ihm wegzurutschen begannen. Gerade, als er das Gefühl hatte, darin zu versinken und von einem großen Wolf erdrückt in einer Schlammgrube zu sterben, gab Qantaqa nach und folgte dem Zug des Seils. Simon glitt zwar trotzdem aus, sah jedoch befriedigt, wie die Wölfin strampelnd über den Rand der Grube kletterte. Von dem Stallknecht und Sangfugol kam ein Aufschrei der Überraschung und Bestürzung, als ihr gelbäugiger Kopf über der Kante auftauchte.
Simon kletterte mit Hilfe des Blockes ebenfalls heraus. Der Stallknecht duckte sich angstvoll vor der Wölfin, die ihn boshaft musterte. Sangfugol, der nicht weniger beunruhigt aussah, rutschte vorsichtig auf dem Gesäß von ihr fort und achtete dabei gar nicht auf den Schaden an seinen prächtigen Gewändern.
Simon lachte und half dem Harfner auf die Füße. »Kommt mit«, sagte er. »Wir liefern Qantaqa bei ihrem Freund und Herrn ab, den Ihr ohnehin kennenlernen solltet – und dann zum Essen, von dem wir gesprochen haben…«
Sangfugol nickte langsam. »Nachdem ich jetzt Simon, den Gefährten der Wölfe, gesehen habe, sind ein paar andere Dinge leichter zu glauben. Gehen wir, unbedingt.«
Qantaqa stieß den am Boden dahingestreckten Stallknecht ein letztes Mal mit der Nase an und entlockte ihm ein angstvolles Wimmern. Simon band ihr Seil von dem Pfahl los, und sie machten sich auf den Weg durch die Stallungen, hinter sich vier Paar schlammige Fußspuren.
Während Binabik und Qantaqa ihr Wiedersehensfest feierten, leicht gedämpft von Simon, der den noch immer geschwächten Troll vor den ungestümen Freudenausbrüchen seines Reittieres beschützte, schlüpfte Sangfugol in die Küche. Schon bald kehrte er mit einem Bierkrug und einer stattlichen, in ein Tuch gewickelten Portion Hammelfleisch, Käse und Brot zurück. Außerdem trug er zu Simons Überraschung immer noch dieselben schlammbespritzten Kleider.
»Die südliche Festungsmauer, auf der wir speisen wollen, ist recht staubig«, erklärte der Harfner. »Und der Teufel soll mich holen, wenn ich mir heute noch ein zweites Wams ruiniere.«
Als sie sich dem Haupttor der Burg näherten, von dem eine steile Treppe zu den Zinnen führte, machte Simon eine Bemerkung über die vielen Menschen, die sich auf dem Burganger drängten, und die über die Freifläche verstreuten Zelte und Hütten.
»Zuflucht suchen sie, jedenfalls viele von ihnen«, erläuterte Sangfugol. »Der größte Teil kommt aus der Frostmark und dem Tal des Grünwate-Flusses. Ein paar sind auch aus Utanyeat; solche, die Graf Guthwulfs Hand ein wenig zu schwer gefunden haben. Aber die meisten sind durch Räuber oder das Wetter aus ihrer Heimat vertrieben worden. Oder durch noch andere Dinge – wie die Hunen.« Er deutete im Vorbeigehen auf den fertigen Scheiterhaufen. Die Männer hatten sich entfernt; der Holzstoß erhob sich stumm und bedeutungsvoll wie eine zerstörte Kirche.
Oben auf der Mauer setzten sie sich auf die rohbehauenen Steine. Die Sonne stand hoch am Himmel und brannte durch die wenigen noch übrigen Wolken heiß auf sie herunter. Simon wünschte sich einen Hut.
»Entweder du oder sonst jemand hat gutes Wetter mitgebracht.« Sangfugol öffnete sein Wams der Wärme. »Es war das sonderbarste Maia-Wetter, seit ich mich erinnern kann – Schneetreiben in der Frostmark, kalter Regen in Utanyeat … und Hagel! Vor zwei Wochen hatten wir hier Hagel, mit Eiskörnern so groß wie Vogeleier.« Er machte sich daran, das Essen auszupacken. Simon bewunderte die Aussicht. Hier oben auf den hohen Wällen der inneren Feste lag Naglimund zu ihren Füßen wie eine ausgebreitete Decke.