»Ihr habt nicht zufällig das Mädchen Marya gesehen, das mit uns hierher kam?« erkundigte er sich.
Sangfugol schüttelte den Kopf. »Jeden Tag kommen neue Leute zum Tor herein. Und nicht nur solche, die von den Höfen und aus den Dörfern der Umgebung zu uns fliehen. Gestern nacht trafen die Vorreiter von Prinz Gwythinn von Hernystir ein, auf schäumenden Rossen. Der Prinz und sein Gefolge müßten heute abend ankommen. Seit einer Woche ist Herr Ethelferth von Tinsett hier, mit zweihundert Männern. Gleich nach ihm kam Baron Ordmaer mit hundert Männern aus Utersall. Andere Adlige aus der ganzen Gegend finden sich mit ihrem Aufgebot ein. Die Jagd hat begonnen, Simon, auch wenn Ädon allein weiß, wer hier wen jagt.«
Sie hatten den Nordostturm der Mauer erreicht. Sangfugol grüßte lässig den jungen Soldaten, der hier patrouillierte. Hinter seiner graugekleideten Schulter ragte die Masse des Weldhelms auf; die schweren Berge schienen zum Greifen nah.
»Aber auch wenn er sehr beschäftigt ist«, begann der Harfner noch einmal, »es kommt mir nicht richtig vor, daß er dich noch nicht empfangen hat. Macht es dir etwas aus, wenn ich ein Wort für dich einlege? Ich soll heute beim Abendessen für ihn spielen.«
»Sicher würde ich gern mit ihm sprechen, ja. Ich hatte große Angst um seine Sicherheit. Und mein Herr gab sehr viel dafür, daß der Prinz hierher, in seine Heimat, zurückkehren konnte.«
Simon war selbst erstaunt über den leichten Unterton von Bitterkeit in seiner Stimme. Er hatte sie nicht absichtlich so klingen lassen, aber immerhin hatte er einiges durchgemacht; zudem war er es gewesen und kein anderer, der Josua gefunden hatte, als er zusammengeschnürt dagehangen hatte wie ein Fasan über der Tür einer Kätnerhütte.
Der Unterton in seiner Bemerkung war auch Sangfugol nicht entgangen; er warf Simon einen aus Mitgefühl und Belustigung gemischten Blick zu.
»Ich verstehe. Allerdings würde ich empfehlen, es dem Prinzen nicht ganz in dieser Form vorzutragen. Er ist ein stolzer, schwieriger Mann, Simon, aber ich bin überzeugt, daß er dich nicht vergessen hat. Du weißt ja, daß unsere Lage hier in letzter Zeit ziemlich schlecht war, fast so unangenehm wie auf deiner eigenen Reise.«
Simon hob das Kinn und starrte auf die Berge, den seltsamen Schimmer der windzerzausten Bäume. »Ich weiß«, sagte er. »Wenn er mich empfangen kann, soll es mir eine Ehre sein. Wenn nicht … nun, dann hat es eben nicht sein sollen.«
Der Harfner grinste träge, und seine mutwilligen Augenwinkel senkten sich. »Eine stolze und gerechte Rede. Nun komm, ich will dir die Nägel von Naglimund zeigen.«
Am hellen Tag war der Anblick wirklich erstaunlich. Das Feld glänzender Pfähle begann wenige Ellen vom Graben entfernt unterhalb der Ostmauer der Burg, zog sich schräg den Hang hinauf und erstreckte sich etwa eine Viertelmeile weit bis unmittelbar an den Fuß des Gebirges. Die Pfähle waren in symmetrischen Reihen aufgestellt, als läge dort eine Legion von Speerkämpfern begraben, von denen nur noch die Waffen aus dem dunklen Boden ragten, um zu zeigen, wie gewissenhaft sie Wache hielten. Die Straße, die sich von einer klaffenden Höhle in der westlichen Flanke des Berges herunterschlängelte, wand sich zwischen den Reihen hin und her, voller Kurven wie der Weg einer Schlange, und endete schließlich vor dem schweren Osttor von Naglimund.
»Und das hat Wie-heißt-er-doch-gleich alles bauen lassen, nur weil er Angst vor den Sithi hatte?« fragte Simon, verwirrt von der seltsamen, silbrigdunklen Saat, die da vor ihm sproß.
»Warum hat er sie nicht einfach oben auf die Mauer gesetzt?«
»Herzog Aeswides war sein Name. Er war der hiesige Statthalter von Nabban und verstieß gegen die alten Bräuche, als er seine Burg auf Sithiland stellte. Und warum nicht auf den Mauern – nun, vermutlich fürchtete er, sie könnten einen Weg finden, doch irgendwie darüber hinwegzukommen oder vielleicht darunter durchzukriechen. So, wie er die Pfähle anordnete, hätten sie mitten hindurch gemußt. Du hast nicht einmal die Hälfte gesehen, Simon – früher schossen sie auf allen Seiten aus dem Boden wie Pilze!« Sangfugol breitete mit umfassender Gebärde die Arme aus.
»Und was taten die Sithi?« erkundigte sich Simon. »Versuchten sie ihn anzugreifen?«
Sangfugol runzelte die Stirn. »Nicht, daß ich wüßte. Du solltest wirklich den alten Vater Strangyeard danach fragen. Er ist hier der Archivar und Historiker.«
Simon lächelte. »Ich kenne ihn.«
»Interessanter alter Schlurfer, wie? Er hat mir einmal erzählt, daß die Sithi diesem Ort hier, nachdem die Burg gebaut war, einen Namen gaben … nämlich … Verdammt, ich als Balladensänger sollte diese alten Geschichten doch im Kopf haben! Jedenfalls bedeutete der Name, den sie dafür hatten, so etwas wie ›Falle-die-den-Jäger-fängt‹… so als ob Aeswides sich damit selber eingemauert, sich also in seiner eigenen Falle gefangen hätte.«
»Und war es so? Was wurde aus ihm?«
Sangfugol schüttelte den Kopf, wobei er fast wieder seine Mütze verloren hätte. »Laß mich hängen, wenn ich's weiß. Wurde wahrscheinlich alt und starb hier. Ich glaube nicht, daß sich die Sithi viel um ihn kümmerten.«
Sie brauchten eine Stunde, um ihren Rundgang zu vollenden. Längst war der Bierkrug geleert, den Sangfugol mitgebracht hatte, um das Essen hinunterzuspülen; aber der Harfner hatte vorsorglich noch einen Weinschlauch beschafft und sie so vor einem trockenen Marsch gerettet. Sie lachten – Sangfugol brachte Simon gerade ein unanständiges Lied über eine Edelfrau aus Nabban bei –, als sie wieder an das Haupttor und die hinunterführende Wendeltreppe kamen. Beim Verlassen des Torhauses fanden sie sich inmitten einer wimmelnden Menge von Arbeitern und Soldaten. Von den letzteren waren die meisten gerade nicht im Dienst, nach der Unordnung ihrer Kleider zu urteilen. Alles johlte und drängelte; schon bald fand sich Simon zwischen einem dicken Mann und einem bärtigen Wachsoldaten eingekeilt.
»Was geht hier vor?« rief er zu Sangfugol hinüber, der vom Sog der Menge ein kleines Stück von ihm weggeschwemmt worden war.
»Ich weiß es nicht genau«, rief der andere zurück. »Vielleicht ist Gwythinn von Hernystir angekommen.«
Der dicke Mann hob das rote Gesicht zu Simon auf. »Nee, is' er nicht«, bemerkte er vergnügt. Sein Atem stank nach Bier und Zwiebeln. »Es is' wegen dem Riesen da, den wo der Prinz erledigt hat.« Er zeigte auf den Scheiterhaufen, der immer noch nackt und kahl am Rande des Angers stand.
»Aber ich sehe keinen Riesen«, meinte Simon.
»Sie holen ihn grade«, erklärte der Mann. »Bin nur mit den andern hergekommen, damit ich ihn auch wirklich seh. Der Sohn von meiner Schwester war einer von den Treibern – hat mitgeholfen, die Teufelsbestie zu schnappen!« fügte er voller Stolz hinzu.
Jetzt flutete eine neue Lärmwelle durch die Menge. Irgend jemand ganz vorn konnte etwas sehen, das eilig an alle weniger günstig Stehenden weitergemeldet wurde. Hälse wurden gereckt und Kinder auf die Schultern geduldiger Mütter mit schmutzigen Gesichtern gehoben.
Simon blickte sich um. Sangfugol war verschwunden. Er stellte sich auf die Zehen und bemerkte, daß nur wenige in der Menge so groß waren wie er. Ohne Schwierigkeiten konnte er hinter dem Scheiterhaufen die bunten Seidenstoffe eines Zeltes oder Sonnendaches und davor die leuchtenden Farben der Kleider einiger Höflinge aus der Burg erkennen, die auf Hockern saßen und sich miteinander unterhielten, wobei sie mit flatternden Ärmeln gestikulierten wie glitzernde Vögel auf einem Ast.
Simon suchte die Gesichter ab, um vielleicht einen Blick auf Marya zu erhaschen – vielleicht hatte sie schon wieder eine Edeldame gefunden, die ihre Dienste in Anspruch nehmen wollte; denn es war bestimmt viel zu unsicher für sie, zu der Prinzessin auf den Hochhorst – oder wo sie sonst sein mochte – zurückzugehen. Aber keines der Gesichter war das ihre, und bevor er an einer anderen Stelle der Menschenmenge nach ihr suchen konnte, erschien in einem der Torbögen der Innenmauer eine Reihe Bewaffneter.