Jetzt begann die Menge ernstlich zu murmeln, denn dem ersten halben Dutzend Soldaten folgte ein Pferdegespann, das einen hochgebauten, hölzernen Karren zog. Simon wurde es sekundenlang flau im Magen, aber er verdrängte es. Sollte ihm denn jedesmal übel werden, wenn ein Wagen an ihm vorüberknarrte?
Als die Räder knirschend zum Halten kamen und die Soldaten sich daran machten, das bleiche Etwas abzuladen, das sich oben auf der Ladefläche des Karrens krümmte, fiel Simons Blick auf der anderen Seite, jenseits des aufgeschichteten Holzstoßes, dort, wo die Edelleute standen, auf krähenschwarzes Haar und weiße Haut. Aber als er genauer hinsah, voller Hoffnung, es könnte Marya sein, hatten die lachenden Höflinge ihre Reihen schon wieder geschlossen, und es war nichts mehr zu sehen.
Acht ächzende Wachsoldaten waren nötig, um den Balken zu heben, an dem der Leichnam des Riesen hing wie ein Hirsch aus dem Jagdrevier des Königs, und selbst dann mußten sie ihn vom Karren erst einmal zu Boden gleiten lassen, bevor sie die Schultern einigermaßen bequem unter den Balken brachten. Man hatte das Geschöpf an Knien und Ellenbogen festgebunden; als es mit dem Rücken auf den Boden stieß, schwankten die gewaltigen Hände durch die Luft. Die Menge, die sich begierig vorwärtsgedrängt hatte, wich unter Ausrufen der Furcht und des Abscheus zurück.
Das Wesen machte jetzt einen menschenähnlicheren Eindruck, dachte Simon, als im Wald der Steige, als es hoch vor ihm aufragte. Die Haut des dunklen Gesichtes war im Tode schlaff geworden, das drohende Knurren verschwunden, und die Züge trugen die ratlose Miene eines Mannes, der unerklärliche Nachrichten erhält. Wie Strangyeard gesagt hatte, trug der Riese ein Gewand aus grobem Tuch um die Mitte. Ein Gürtel aus rötlichen Steinen schleifte im Staub des Angers.
Der dicke Mann neben Simon, der die Soldaten angefeuert hatte, schneller zu marschieren, warf ihm einen fröhlichen Blick zu.
»Und weißt du, was er um den Hals gehabt hat?« fragte er. Simon, auf beiden Seiten eingezwängt, schüttelte den Kopf. »Schädel!« rief der Mann so zufrieden, als hätte er sie selber dem toten Riesen geschenkt. »Wie'n Halsband hat er sie getragen. Gibt ihnen ein ädonitisches Begräbnis, der Prinz – obwohl kein Schwein weiß, wem sie mal gehört haben.« Er wandte sich wieder dem Schauspiel zu.
Inzwischen hatten mehrere andere Soldaten die Spitze des Scheiterhaufens erklettert und halfen den Trägern, den schweren Körper zurechtzulegen. Als sie ihn mühsam so zurechtgerückt hatten, daß der Riese ganz oben und auf dem Rücken lag, zogen sie den Pfahl zwischen den gekreuzten Armen und Beinen heraus und stiegen dann alle zusammen nach unten. Als der letzte Mann heruntersprang, rutschte der große Körper ein Stückchen nach vorn, und die plötzliche Bewegung ließ eine Frau aufschreien. Mehrere Kinder fingen an zu heulen. Ein Offizier im grauen Mantel schrie einen Befehl. Einer der Soldaten beugte sich vor und stieß eine Fackel tief in die Strohbündel hinein, die man rund um den Holzstoß gelegt hatte. Die Flammen, in der späten Nachmittagssonne merkwürdig farblos, begannen um das Stroh zu züngeln und auf der Suche nach kräftigerer Nahrung in die Höhe zu greifen. Rauchfahnen umwehten die Gestalt des Riesen, und sein zottiger Pelz wehte im Luftzug wie trockenes Sommergras.
Da! Simon hatte sie wieder gesehen, dort drüben hinter dem Scheiterhaufen.
Bei dem Versuch, sich vorwärtszudrängen, rannte ihm jemand, der um seinen guten Aussichtsplatz kämpfte, einen spitzen Ellenbogen in die Rippen. In ohnmächtigem Zorn blieb er stehen und starrte die Stelle an, an der er sie entdeckt zu haben glaubte.
Und dann sah er sie wirklich und erkannte, daß es nicht Marya war. Diese Schwarzhaarige, in einen düsteren, wundervoll genähten Mantel gehüllt, war gewiß zwanzig Jahre älter. Aber schön war sie, sehr schön, mit einer Haut wie Elfenbein und großen, schrägen Augen.
Während Simon sie so betrachtete, schaute sie ihrerseits auf den brennenden Riesen, dessen Haare sich jetzt zu kräuseln und schwarz zu werden begannen, als das Feuer den Hügel aus Fichtenstämmen immer höher hinaufstieg. Rauch wallte auf und bildete einen Vorhang, der sie vor Simons Blicken verbarg; er fragte sich, wer sie wohl sein mochte und warum sie, während überall ringsum das Volk von Naglimund johlte und die Fäuste nach der Rauchsäule reckte, mit so traurigen, zornigen Augen in die Flammen starrte.
XXXI
Der Rat des Prinzen
Obwohl er bei seinem Spaziergang mit Sangfugol über die Burgmauern ziemlichen Hunger gehabt hatte, stellte Simon fest, daß dieser Appetit verschwunden war, als Vater Strangyeard zu ihm kam, um ihn in die Küche zu führen und damit – leicht verspätet – einzulösen, was er am Morgen versprochen hatte. Der Gestank der nachmittäglichen Verbrennung haftete noch immer in seiner Nase; als er hinter dem Burgarchivar hertrottete, konnte er den klebrigen Rauch fast noch am Körper spüren.
Nachdem Simon ziemlich lustlos in einem Teller mit Brot und Wurst herumgestochert hatte, den eine gestrenge Küchenfrau barsch vor ihn hingestellt hatte, gingen die beiden wieder über den nebligen Burganger zurück, und Strangyeard tat sein Bestes, um ein Gespräch in Gang zu halten.
»Vielleicht bist du einfach … einfach müde, Junge. Ja, das wird es sein. Dein Appetit wird bestimmt bald zurückkehren. Junge Leute haben immer Hunger.«
»Gewiß habt Ihr recht, Vater«, entgegnete Simon. Er war tatsächlich müde, und manchmal war es einfacher, wenn man nur beipflichtete, anstatt lange Erklärungen abzugeben. Außerdem wußte er selber nicht recht, warum er sich so erschöpft und leer fühlte.
So wanderten sie eine Weile durch den dämmrigen Innenbereich der Burg, bis der Priester endlich sagte: »Ach … was ich dich noch fragen wollte … ich hoffe, du hältst mich nicht für gierig…«
»Ja?«
»Nun … Binbines … das heißt, Binabik … er hat mir von einem … einem gewissen Manuskript erzählt. Einer Handschrift von Doktor Morgenes von Erchester. So ein großer Mann, solch tragischer Verlust für die Gelehrtengemeinde…«
Strangyeard schüttelte sorgenvoll den Kopf und vergaß dann anscheinend, wonach er gefragt hatte, denn er legte in trübem Sinnen mehrere weitere Schritte zurück. Endlich fühlte Simon sich veranlaßt, das Schweigen zu brechen.
»Doktor Morgenes' Buch?« half er ein.
»Oh! Ach ja … nun, worum ich dich bitten wollte … und bestimmt ist es zuviel verlangt … Binbines hat gesagt, das Manuskript sei gerettet, du hättest es mitgebracht … in deinem Rucksack.«
Simon verbarg ein Lächeln. Der Mann brauchte ja ewig! »Ich weiß nicht, wo der Rucksack ist.«
»Oh, der liegt unter meinem Bett – beziehungsweise derzeit deinem Bett. Das heißt, dein Bett, solange du es haben willst. Ich habe gesehen, wie einer der Männer aus dem Gefolge des Prinzen ihn dorthin gelegt hat. Ich habe ihn nicht angerührt, das versichere ich dir!« beeilte er sich hinzuzufügen.
»Möchtet Ihr es lesen?« Die Ernsthaftigkeit des alten Mannes rührte Simon. »Tut es unbedingt. Ich bin zu müde, um es mir jetzt anzuschauen. Außerdem bin ich überzeugt, daß der Doktor es lieber von einem gelehrten Mann gewürdigt sehen würde, und das bin ich gewiß nicht.«
»Wirklich?« Strangyeard machte einen ganz geblendeten Eindruck und fingerte nervös an seiner Augenklappe. Er sah aus, als würde er sie gleich herunterreißen und mit einem Freudenjauchzer in die Lüfte werfen. Aber es kam nur ein »Oh, das wäre herrlich« über seine Lippen, während er um Fassung rang.
Simon war ein wenig unbehaglich zumute. Schließlich hatte der Archivar ihm seine eigene Kammer geräumt, damit Simon, ein Fremder, darin wohnen konnte. Es war Simon peinlich, daß ihm der andere so dankbar war.
Nun ja, entschied er, er dankt ja nicht mir, denke ich, sondern dem Glück, daß er Morgenes' Werk über König Johan lesen darf. Der Mann liebt eben Bücher wie Rachel Wasser und Seife.