Sie hatten das niedrige Gebäude mit den Kammern an der Südmauer fast erreicht, als eine Gestalt vor ihnen auftauchte – ein Mann, der im Nebel und dem rasch schwindenden Licht nicht zu erkennen war. Ein leises, bimmelndes Geräusch ging von ihm aus, als er näherkam.
»Ich will zu Strangyeard, dem Priester«, erklärte er, und seine Stimme schwankte mehr als nur ein wenig. Er schien zu taumeln, und wieder ertönte das klingelnde Geräusch.
»Der ist ich«, sagte Strangyeard etwas lauter als gewöhnlich, »ähem … das heißt, ich bin er. Was begehrt Ihr?«
»Ich suche einen gewissen jungen Mann«, antwortete der andere und kam ein paar weitere Schritte auf sie zu. »Ist er das?«
Simon spannte die Muskeln an, konnte jedoch nicht umhin zu bemerken, daß der Herannahende nicht besonders groß war. Außerdem war da etwas an seinem Gang…
»Ja«, sagten Simon und Strangyeard gleichzeitig, dann verstummte der Priester und zupfte zerstreut am Band seiner Augenklappe, während Simon fortfuhr: »Ich bin es. Was wünscht Ihr?«
»Der Prinz will dich sprechen«, erwiderte die kleine Gestalt, kam bis auf wenige Fuß heran und spähte zu Simon hinauf. Er bimmelte sanft vor sich hin.
»Strupp!« rief Simon beglückt. »Strupp! Was tut Ihr hier?« Er streckte die Arme aus und ergriff die Schultern des Alten.
»Wer bist du denn?« fragte der Narr verblüfft. »Kenne ich dich?«
»Ich weiß nicht – ich bin Simon! Der Lehrling von Doktor Morgenes. Vom Hochhorst!«
»Hmmm«, meinte der Narr nachdenklich. Aus der Nähe roch er nach Wein. »Vermutlich … es kommt mir alles so trübe vor, Junge, trübe. Strupp wird alt, wie der alte König Tethtain – mit schneebedecktem Haupte und verwittert wie der ferne Berg Minari.« Er kniff die Augen zusammen. »Und ich habe nicht mehr so scharfe Augen für Gesichter wie einst. Bist du es, den ich zu Prinz Josua bringen soll?«
»Ich nehme es an.« Simons Stimmung hatte sich gehoben. »Sangfugol muß ihm etwas gesagt haben.« Er wandte sich Vater Strangyeard zu. »Ich muß mit ihm gehen. Ich habe den Rucksack nicht angefaßt – wußte gar nicht, daß er dort war.«
Der Archivar murmelte etwas Anerkennendes und schlurfte davon, um nach seinem Herzenswunsch zu suchen. Simon nahm den alten Narren beim Ellenbogen, und die beiden schlugen wieder den Weg über den Burganger ein.
»Puh«, sagte Strupp zitternd, und wieder klingelten die Glöckchen an seiner Jacke. »Die Sonne stand heute hoch, aber der Abendwind ist bitter. Schlechtes Wetter für alte Knochen – keine Ahnung, wieso Josua mich geschickt hat.« Er stolperte leicht und stützte sich einen Moment auf Simons Arm. »Aber das stimmt eigentlich doch nicht«, fuhr er fort, »denn ich weiß, daß er mir gern etwas zu tun gibt. Für meine Narreteien und Kunststücke hat er nicht viel übrig, weißt du, aber ich glaube, er sieht mich nicht gern müßig.«
Eine Weile gingen sie wortlos weiter.
»Wie seid Ihr nach Naglimund gekommen?« erkundigte Simon sich endlich.
»Letzter Wagenzug auf der Weldhelm-Straße. Elias hat sie jetzt geschlossen, der Hund. Und eine schlimme Reise ist es gewesen – mußten uns nördlich von Flett gegen Räuber wehren. Es fällt alles in Scherben, Junge. Geht alles kaputt.«
Die Wachen an der Tür der Königshalle musterten sie sorgfältig im flackernden Fackelschein und klopften dann an die Tür, damit von innen aufgeriegelt wurde. Simon und der Narr stapften durch den kalten, mit Steinplatten belegten Gang, bis sie an eine zweite, schwere Balkentür mit zwei weiteren Wächtern kamen.
»Hier ist es, Junge«, erklärte Strupp. »Ich gehe ins Bett, bin gestern abend spät zum Schlafen gekommen. Es tut gut, ein bekanntes Gesicht zu sehen. Besuch mich bald einmal und trink ein Krüglein mit mir und erzähl, was du so getrieben hast – ja?« Er drehte sich um und ging unsicher den Korridor hinunter. Die bunten Flicken seines Narrenkleides schimmerten matt, bis ihn die Schatten verschluckten.
Simon trat zwischen die Wächter, die keine Miene verzogen, und klopfte an die Tür.
»Wer ist da?« fragte eine Knabenstimme.
»Simon vom Hochhorst für den Prinzen.«
Die Tür schwang lautlos nach innen, und ein ernsthaft blickendes, etwa zehnjähriges Kind in Pagentracht wurde sichtbar. Es trat zur Seite, und Simon schritt an ihm vorbei in einen durch Vorhänge abgetrennten Vorraum.
»Komm weiter«, ertönte eine gedämpfte Stimme. Nach kurzer Suche fand er den hinter einem Vorhang versteckten Eingang.
Es war ein karger Raum, kaum besser eingerichtet als Vater Strangyeards Kammer. Prinz Josua saß in Schlafrock und Nachtmütze am Tisch und hielt mit dem Ellenbogen eine Schriftrolle offen. Er sah nicht auf, als Simon eintrat, sondern wies mit der Hand auf einen Stuhl.
»Bitte setz dich«, sagte er und unterbrach damit Simon mitten in einer tiefen Verbeugung. »Ich bin sofort fertig.«
Als Simon auf dem harten, ungepolsterten Stuhl Platz nahm, bemerkte er im Hintergrund des Raumes eine Bewegung. Eine Hand zog dort den Vorhang beiseite, so daß ein Splitter Lampenlicht sichtbar wurde. Ein Gesicht erschien, dunkeläugig, von dichtem, schwarzem Haar umrahmt – die Frau, die er im Burghof gesehen hatte, als sie der Verbrennung zusah. Sie starrte gebannt auf den Prinzen, aber als sie aufschaute, begegnete ihr Blick Simons und hielt ihn fest. Sie hatte die zornigen Augen einer in die Enge getriebenen Katze. Der Vorhang fiel wieder zurück.
Beunruhigt überlegte Simon einen Moment, ob er Josua etwas sagen sollte. Eine Spionin? Eine Meuchelmörderin? Dann wurde ihm klar, warum sich die Frau im Schlafgemach des Prinzen aufhielt, und er kam sich äußerst töricht vor.
Josua blickte zu dem errötenden Simon auf und ließ die Schriftrolle los, die sich sofort auf dem Tisch vor ihm zusammenrollte. »Nun denn, vergib mir. Ich bin gedankenlos gewesen. Ich hoffe, du verstehst, daß ich den, der mir zur Flucht aus der Gefangenschaft verholfen hat, gewiß nicht kränken wollte.«
»Ihr … Ihr braucht Euch nicht zu entschuldigen, Hoheit«, stotterte Simon.
Josua spreizte mit schmerzverzogenem Gesicht die Finger der linken Hand. Simon erinnerte sich an Sangfugols Worte und fragte sich, wie es wohl sein mochte, wenn man eine Hand verlor.
»Bitte. In diesem Zimmer ›Josua‹ – ›Prinz Josua‹, wenn es unbedingt sein muß. Als ich bei den Usires-Brüdern in Nabban studierte, nannten sie mich ›Meßdiener‹ oder ›Junge‹. Ich glaube nicht, daß ich es seitdem sehr weit gebracht habe.«
»Jawohl, Herr.«
Josuas Augen huschten fort, wieder zu seinem Schreibtisch. In diesem Augenblick des Schweigens betrachtete ihn Simon genauer. Eigentlich machte er keinen wesentlich prinzlicheren Eindruck als damals, als Simon ihn mit seinen Ketten in Morgenes' Wohnung gesehen hatte. In seinen Nachtgewändern, die hohe, blasse Stirn nachdenklich gerunzelt, sah er eher nach einem Archivarkollegen von Vater Strangyeard aus als nach einem Prinzen von Erkynland oder einem Sohn von Johan dem Priester.
Josua stand auf und griff zu seiner Schriftrolle.
»Die Aufzeichnungen des alten Dendinis.« Er klopfte sich damit auf das rechte Handgelenk, das in einer ledernen Hülle steckte. »Aeswides Festungsbaumeister. Wußtest du, daß Naglimund niemals bei einer Belagerung eingenommen wurde? Als Fingil von Rimmersgard vom Norden herunterzog, mußte er zweitausend Mann abstellen, die diese Burg abriegelten, damit seine Flanke geschützt blieb.« Wieder klopfte er. »Dendinis hat gute Arbeit geleistet.«
Eine Pause entstand, die Simon endlich unbeholfen ausfüllte. »Es ist eine mächtige Festung, Prinz Josua.«
Der Prinz warf die Rolle auf den Tisch und kniff die Lippen zusammen wie ein Geizhals, der seine Steuern abzählt. »O ja … aber selbst eine mächtige Festung kann man aushungern. Unsere Nachschublinien sind unmöglich lang, und von wo können wir Hilfe erwarten?« Josua blickte Simon an, als erwarte er eine Antwort, aber der Junge konnte nur glotzen, ohne daß ihm auch nur ein Sterbenswort dazu einfiel. »Vielleicht bringt uns ja Isgrimnur ermutigende Nachrichten mit«, fuhr der Prinz fort, »vielleicht aber auch nicht. Im Süden verbreitet sich das Gerücht, daß mein Bruder ein großes Heer aufstellt.« Josua starrte auf den Fußboden, dann sah er plötzlich auf. Seine Augen waren hell und eindringlich. »Noch einmal, vergib mir. Ich stelle seit einiger Zeit fest, daß ich voller dunkler Gedanken bin und meine Worte dem Verstand davonlaufen. Von großen Schlachten zu lesen ist eine Sache, weißt du, der Versuch, selbst welche zu planen, eine ganz andere. Hast du eine Vorstellung, woran man dabei alles denken muß? Die Truppen mustern, Menschen und ihr Vieh in die Burg bringen, Proviant auftreiben, die Mauern verstärken … und das alles bleibt sinnlos, wenn niemand in Elias' Rücken kämpfen will. Wenn wir allein stehen, werden wir lange standhalten … aber am Ende werden wir doch fallen.«