An dem Wachhaus, einem Teil des Torgebäudes der äußeren Burganlage, verabschiedete sich Binabik, der einen Besuch bei Vater Strangyeard in der Burgbibliothek machen wollte. Gleich darauf stand Simon vor dem Hauptmann der Wache, einem erschöpft und abgekämpft aussehenden jungen Mann, der sich seit Tagen nicht rasiert hatte. Er war barhäuptig und hatte seinen kegelförmigen Helm mit Rechensteinen gefüllt, mit denen er die Aufgebote der fremden Truppen auszählte, die sich nach und nach auf der Burg eingefunden hatten. Man hatte ihm Simon bereits angekündigt. Der Junge fühlte sich recht geschmeichelt, daß der Prinz an ihn gedacht hatte. Der Hauptmann übergab ihn der Betreuung eines bärenhaften Wachsoldaten namens Haestan, der aus dem erkynländischen Norden stammte.
»Noch nicht ganz ausgewachsen, wie?« knurrte Haestan und zupfte sich am lockigen braunen Bart, während er Simons schlaksige Gestalt musterte. »Bogenschütze, denk ich … ja, das wird es sein. Ein Schwert besorgen wir dir auch, aber das wird nicht groß genug sein, um viel auszurichten. Der Bogen … das ist es.«
Gemeinsam gingen sie um die Außenmauer herum und zur Waffenkammer, einem langen, schmalen Raum hinter der hämmernden Schmiede. Als der Waffenwart sie an Reihen zerbeulter Rüstungen und blinder Schwerter vorbeiführte, sah Simon mit Betrübnis auf diesen Bodensatz der Burgbewaffnung, der nur kargen Schutz gegen die schimmernden Legionen bieten konnte, die Elias unzweifelhaft ins Feld führen würde.
»Nicht mehr viel übrig«, bemerkte Haestan. »War von Anfang an zu wenig. Hoffentlich bringen die fremden Hilfstruppen mehr mit als nur Mistgabeln und Pflugscharen.«
Endlich fand der hinkende Waffenwart ein Schwert mit Scheide, das in den Augen des Wachsoldaten die richtige Schlankheit für Simons Größe hatte. Es war mit getrocknetem Öl verkrustet, und der Waffenwart verhehlte nur mühsam ein angewidertes Stirnrunzeln. »Polier es«, sagte er trotzdem, »dann wird es ein Prachtstück.«
Weiteres Suchen förderte einen Langbogen zutage, dem zwar die Sehne fehlte, der aber sonst in ordentlichem Zustand war, sowie einen ledernen Köcher.
»Thrithingsarbeit«, meinte Haestan und zeigte auf die rundäugigen Hirsche und Kaninchen, die in das dunkle Leder geätzt waren. »Feine Köcher machen sie, die Thrithing-Männer.« Simon hatte das Gefühl, daß dem Wachsoldaten das unansehnliche Schwert etwas peinlich war.
Ins Wachhaus zurückgekehrt, entlockte Haestan dem Quartiermeister eine Bogensehne und ein halbes Dutzend Pfeile und zeigte Simon dann, wie er seine neuen Waffen putzen und pflegen sollte.
»Von dir weg wetzen, Junge, von dir weg!« erklärte der stämmige Wachsoldat und ließ die Klinge über den Wetzstein tanzen, »sonst bist du ein Mädchen, bevor du noch ein Mann warst.«
Gegen alle Logik fand Simon unter dem Angelaufenen und dem Schmutz tatsächlich einen Schimmer echten Stahls. Er hatte gehofft, nun sofort mit dem Schwertschwingen oder wenigstens dem Zielschießen anfangen zu dürfen. Aber statt dessen holte Haestan ein Paar mit Stoff gepolsterter Holzstöcke hervor und führte Simon zum Stadttor hinaus auf den Berg oberhalb von Naglimund. Schnell erfuhr der Junge, wie wenig Ähnlichkeit seine Spiele mit Jeremias, dem Wachszieherjungen, mit den Übungen wirklicher Soldaten gehabt hatten.
»Speerarbeit wäre besser«, meinte Haestan, als Simon im Gras hockte und schnaufte, weil er einen Stoß in den Magen eingefangen hatte. »Aber so wie es aussieht, haben wir keine übrig. Darum verlaß dich auf die Pfeile, Junge. Trotzdem ist es auch ganz schön, wenn man sich ein bißchen mit dem Schwert auskennt … für den Nahkampf. Da wirst du dem alten Haestan noch hundertmal dankbar sein.«
»Warum … nicht … Bogen?« keuchte Simon.
»Morgen, Junge, gibt's Bogen und Pfeile … oder übermorgen.« Haestan lachte und streckte eine breite Pranke aus. »Steh auf. Das Vergnügen für heute hat gerade erst angefangen.«
Müde, wund, wie Weizen gedroschen, bis er glaubte, die Spreu aus seinen Ohren rieseln zu spüren, aß Simon nachmittags mit den Wachen Bohnen und Brot, während Haestan den theoretischen Teil der Ausbildung fortsetzte, von dem Simon allerdings das meiste nicht mitbekam, weil in seinen Ohren ein ständiges, leises Summen ertönte. Endlich wurde er mit der Warnung entlassen, sich morgen früh pünktlich einzustellen. Er stolperte zu Strangyeards leerer Kammer zurück und schlief ein, ohne auch nur die Stiefel auszuziehen.
Durch das offene Fenster spritzte der Regen herein. In der Ferne murrte der Donner. Simon wachte auf und fand Binabik, der wie am Morgen auf ihn wartete, so als habe es den langen, schmerzhaften Nachmittag nicht gegeben. Diese Illusion freilich verflüchtigte sich sofort, als er sich aufsetzte: Jeder einzelne Muskel war steif. Er fühlte sich wie ein Hundertjähriger.
Binabik brauchte einige Zeit, bis er Simon davon überzeugt hatte, daß er aufstehen müsse. »Es handelt sich nicht um eine abendliche Körperertüchtigungsveranstaltung, an der man teilnehmen kann oder auch nicht. Hier geht es um Dinge, von denen unser Leben abhängt.«
Simon hatte sich wieder hingelegt. »Ich glaube es dir ja … aber wenn ich aufstehe, sterbe ich.«
»Genug.« Der kleine Mann packte ihn am Handgelenk, stemmte die Fersen gegen den Boden und zerrte, vor Schmerz zusammenzuckend, Simon langsam in eine sitzende Stellung hoch. Man hörte ein tiefes Aufstöhnen und dann einen Plumps, als einer von Simons gestiefelten Füßen den Boden berührte. Dann gab es eine lange, stumme Pause, bis der zweite nachfolgte.
Viele Minuten später hinkte Simon an Binabiks Seite zur Tür, hinaus in den immer stärker werdenden Wind und eisigen Regen.
»Werden wir dort auch das Abendessen absitzen müssen?« erkundigte sich der Junge. Dieses eine Mal in seinem Leben fühlte er sich tatsächlich zu wund zum Essen.
»Das glaube ich nicht. Josua ist in dieser Hinsicht ein seltsamer Mann; er hält nicht viel vom Essen und Trinken mit seinem Hof. Er hegt den Wunsch nach Einsamkeit. Darum werden wohl alle schon gegessen haben. Damit versöhne ich übrigens auch Qantaqa, damit sie im Zimmer bleibt.« Er lächelte und klopfte Simon auf das Knie. Simon fuhr zusammen. »Alles, was wir zu speisen bekommen werden, sind Sorgen und Gezänk. Schlecht für die Verdauung von Troll, Mensch oder Wolf.«
Während draußen ein heftiger Sturm tobte, war die große Halle von Naglimund trocken. Drei gewaltige offene Kamine wärmten und die Flammen unzähliger Kerzen erhellten sie. Die schrägen Dachbalken verschwanden oben im Dunkel, und die Wände waren dicht mit düsteren, frommen Wandteppichen verkleidet.
Man hatte Dutzende von Tischen zu einem riesigen Hufeisen zusammengeschoben. An der Spitze des Bogens stand Josuas hoher, schmaler Holzstuhl mit dem Zeichen des Schwans von Naglimund. An verschiedenen Stellen entlang dem Hufeisen hatte schon ein halbes Hundert Männer Platz genommen, die sich eifrig unterhielten – hochgewachsene Gestalten, zumeist mit den Pelzröcken und dem grellen Putz des Kleinadels, einige aber auch in der rauhen Tracht der Soldaten. Mehrere blickten auf, als Simon und Binabik an ihnen vorbeikamen und betrachteten sie abschätzend, um dann ihre Diskussionen fortzusetzen.
Binabik stieß Simon mit dem Ellenbogen in die Hüfte. »Vielleicht halten sie uns für die gemieteten Gaukler.« Er lachte, aber Simon fand, daß er nicht wirklich erheitert aussah.
»Wer sind alle diese Leute?« flüsterte der Junge, als sie sich am äußersten Ende des einen Hufeisenarmes niederließen. Ein Page stellte ihnen Wein hin, in den er heißes Wasser goß, bevor er wieder mit den langen Schatten der Wand verschmolz.