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Ein paar beifällige Rufe. Auch das Summen geflüsterter Worte schwoll an. Josua gebot mit dem gefesselten Arm Schweigen, als etwas Rotes in der Tür aufblitzte. Eine Frau rauschte herein, das lange Seidenkleid wie eine Fackelflamme. Es war dieselbe Frau, die Simon in Josuas Gemächern gesehen hatte, dunkeläugig und gebieterisch. Gleich darauf stand sie am Tisch des Prinzen; die Augen der Männer folgten ihr mit unverhohlenem Interesse. Josua schien sich unbehaglich zu fühlen. Als sie ihm etwas ins Ohr flüsterte, hielt er den Blick starr auf seinen Weinbecher geheftet.

»Wer ist diese Frau?« zischte Simon und war, nach dem aufgeregten Geflüster ringsum zu urteilen, nicht der einzige, der da fragte.

»Ihr Name ist Vara. Tochter eines Stammeshäuptlings der Thrithinge ist sie und des Prinzen … nun … Frau, nehme ich an. Sie sagen, daß sie von großer Schönheit ist.«

»Das ist sie.« Simon starrte sie noch einen Augenblick an und drehte sich dann wieder zu dem Troll um. »›Sie sagen‹! Was meinst du damit, ›sie sagen‹? Sie ist doch hier, oder nicht?«

»Das ist sie, aber mir fällt das Urteil schwer.« Binabik lächelte. »Das kommt, weil ich den Anblick hochgewachsener Frauen nicht liebe.«

Anscheinend hatte die Herrin Vara gesagt, was sie zu sagen hatte. Sie lauschte auf Josuas Antwort und glitt gleich darauf rasch aus der Halle. Nur ein letzter scharlachroter Schimmer blieb im Dunkel der Tür zurück.

Der Prinz sah auf, und hinter seinen gelassenen Zügen glaubte Simon etwas zu entdecken, das aussah wie … Verlegenheit?

»Also gut«, begann Josua wieder, »wir waren dabei …? Ja, Baron Devasalles?«

Der Stutzer aus Nabban erhob sich. »Ihr sagtet, Hoheit, daß wir Elias nur als König betrachten sollten. Aber das ist offensichtlich nicht wahr.«

»Was wollt Ihr damit sagen?« fragte der Herr von Naglimund unter dem mißbilligenden Gemurmel seiner Lehnsmänner.

»Vergebung, Prinz, aber was ich meine, ist das: Wenn er nur König wäre, wären wir nicht hier, oder zumindest hätte Herzog Leobardis mich nicht zu Euch gesandt. Ihr seid Priester Johans einziger anderer Sohn. Warum sonst hätten wir die weite Reise gemacht? Wäre es anders, würden alle, die eine Beschwerde gegen den Hochhorst hätten, zur Sancellanischen Mahistrevis gehen, oder nach Hernysadharc zum Taig. Aber Ihr seid nun einmal sein Bruder, nicht wahr? Des Königs Bruder!«

Ein eisiges Lächeln umspielte Josuas Lippen. »Ja, Baron, das bin ich. Und ich verstehe, was Ihr meint.«

»Ich danke Euch, Hoheit.« Devasalles machte eine kleine Verbeugung. »Und nun bleibt die Frage: Was wollt Ihr, Prinz Josua? Rache? Den Thron? Oder nur ein Übereinkommen mit einem habgierigen König, damit er Euch hier in Naglimund unbehelligt läßt?«

Jetzt ließ sich in der Tat ein lautes Grollen der anwesenden Erkynländer hören, und ein paar standen mit zusammengezogenen Brauen und bebenden Schnurrbartspitzen von ihren Stühlen auf. Doch bevor einer von ihnen den Augenblick nutzen konnte, sprang der junge Gwythinn von Hernystir auf und beugte sich über den Tisch zu Baron Devasalles hinüber wie ein Pferd, das sich gegen das Gebiß auflehnt.

»Der edle Herr aus Nabban möchte ein Wort hören, wie? Nun gut, ich sage ihm eines. Kampf! Elias hat meines Vaters Blut und Thron beleidigt und die Königliche Hand mit Drohungen und groben Worten zu unserem Taig geschickt wie ein Mann, der Kinder züchtigt. Wir brauchen das Für und Wider nicht mehr abzuwägen – wir sind bereit zum Kampf!«

Verschiedene Männer jubelten den kühnen Worten des Hernystiri zu, aber Simon, der gerade die letzten Tropfen eines weiteren Weinbechers geleert hatte und sich mit leicht getrübtem Blick in der Halle umsah, bemerkte mehr Leute, die besorgte Gesichter machten und leise mit ihren Tischnachbarn sprachen. Neben ihm runzelte Binabik die Stirn, und sein Gesicht spiegelte den Ausdruck wider, der die Züge des Prinzen verdüsterte.

»Hört mich an!« rief Josua. »Nabban, vertreten durch Leobardis' Gesandten, hat harte, aber berechtigte Fragen gestellt, und ich will darauf antworten.« Er starrte Devasalles mit kalten Augen an. »Ich wünsche mir nicht, König zu sein, Baron. Mein Bruder wußte das, aber trotzdem nahm er mich gefangen, tötete ein Dutzend meiner Männer und sperrte mich in seine Verliese ein.« Wieder schwenkte er die Handschelle. »Dafür, das ist wahr, will ich Rache – doch würde Elias gut und gerecht regieren, würde ich diese Rache dem Wohl von Osten Ard und vor allem dem meines Erkynlandes opfern. Und was ein solches Übereinkommen betrifft … ich weiß nicht, ob es überhaupt möglich wäre. Elias ist gefährlich und unberechenbar geworden; manche sagen, er sei zu Zeiten wahnsinnig…«

»Wer sagt das?« fragte Devasalles. »Adlige, die unter seiner zugegebenermaßen schweren Hand leiden? Wir reden hier über einen möglichen Krieg, der unsere Völker zerfetzen wird wie morsches Tuch. Schändlich wäre es, entfesselten ihn Gerüchte.«

Josua lehnte sich zurück und rief einen Pagen herbei, dem er eine Botschaft zuflüsterte. Der Junge flog fast aus der Halle.

Jetzt stand ein muskulöser, bärtiger Mann in weißem Pelz und mit Silberketten auf. »Wenn der Baron sich nicht an mich erinnert, will ich seinem Gedächtnis aufhelfen«, erklärte er mit sichtlichem Unbehagen. »Ethelferth bin ich, Herr von Tinsett, und ich möchte nur dieses eine sagen: Wenn mein Prinz erklärt, der König habe den Verstand verloren, dann ist sein Wort mir gut genug dafür.« Er furchte die Stirn und setzte sich wieder hin.

Josua erhob sich. Sein schlanker, graugekleideter Körper entrollte sich wie ein Seil. »Dank Euch, Herr Ethelferth, für Eure guten Worte. Aber«, er blickte sich in der Versammlung um, in der es still wurde und man ihn ansah, »niemand braucht sich in irgendeiner Sache allein auf mein Wort oder das meiner Lehnsleute zu verlassen. Statt dessen bringe ich Euch jemanden, der Elias' Wesen aus nächster Nähe so gut kennt, daß Ihr ihm, dessen bin ich sicher, ohne Bedenken vertrauen werdet.« Er winkte mit der linken Hand nach der hinteren Tür der Halle, der Tür, durch die der Page kurz zuvor verschwunden war.

Der Junge war zurückgekehrt; hinter ihm im Eingang standen zwei Gestalten. Eine davon war die Herrin Vara. Die andere, im himmelblauen Gewand, schritt an ihr vorbei in den Lichtkegel der Wandleuchte.

»Edle Herren«, sagte Josua, »die Prinzessin Miriamel – Tochter des Hochkönigs.«

Und Simon starrte mit weit aufgerissenen Augen auf die kurzen, abgeschorenen Strähnen goldener Haare, die zwischen Schleier und Krone sichtbar waren, bar ihrer dunklen Verkleidung … starrte auf das ach so vertraute Gesicht, und alles in ihm drehte sich. Fast wäre er mit den anderen aufgestanden, aber seine Knie waren plötzlich wie Wasser und ließen ihn in den Stuhl zurücksinken. Wie? Warum? Das also war ihr Geheimnis – ihr elendes, verräterisches Geheimnis! »Marya«, murmelte er, und als sie auf dem Stuhl Platz nahm, den Gwythinn ihr räumte, und seine Geste mit einem knappen, anmutigen Kopfnicken quittierte, als alle anderen sich wieder hinsetzten und laut und verwundert durcheinanderredeten – da kam Simon endlich schwankend auf die Beine.

»Du«, sagte er zu Binabik und packte den Kleinen an der Schulter, »hast … du … das … gewußt?«

Der Troll wollte wohl etwas sagen, zog dann aber eine Grimasse und zuckte die Achseln. Simon sah über das Meer von Gesichtern hinweg und begegnete Maryas … Miriamels … Blick. Sie starrte ihn mit großen, traurigen Augen an.

»Verflucht!« fauchte er, fuhr herum und rannte aus der Halle, die Augen feucht von schmachvollen Tränen.

XXXII

Nachrichten aus dem Norden

»Tja, Junge«, sagte Strupp und schob einen neuen Humpen über die Tischplatte, »du hast ja so recht – sie machen Ärger. Und daran wird sich auch nie etwas ändern.«

Simon schielte nach dem alten Narren, der ihm plötzlich wie der Quell aller Weisheit vorkam. »Sie schreiben einem Briefe«, erklärte er dann und nahm einen reichlichen Schluck, »lügenhafte Briefe.« Er stellte den Becher wieder auf das Holz und sah zu, wie der Wein nach beiden Seiten schwappte und über den Rand zu fließen drohte.