Strupp lehnte sich nach hinten an die Wand seiner schachtelartigen Kammer. Er war im leinenen Unterhemd und hatte sich ein paar Tage nicht rasiert. »Jawohl, solche Briefe schreiben sie«, bestätigte er und nickte ernsthaft mit dem weißstoppligen Kinn. »Manchmal lügen sie auch den anderen Damen etwas über dich vor.«
Simon dachte stirnrunzelnd über diese Aussage nach. Wahrscheinlich hatte sie genau das getan und den anderen Edlen und Hochwohlgeborenen von dem dummen Küchenjungen erzählt, der mit ihr in einem Boot den Aelfwent hinuntergefahren war. Vermutlich kannte schon ganz Naglimund die lustige Geschichte. Er nahm noch einen Zug und fühlte, wie ihm der saure Geschmack hochkam und seinen Mund mit Galle füllte. Er setzte den Becher hin.
Strupp versuchte mühsam aufzustehen. »Sieh dir das hier an«, sagte der Alte, ging zu einer Holztruhe und fing an, darin herumzuwühlen. »Verdammt, ich weiß genau, daß er hier irgendwo steckt.«
»Ich hätte es merken müssen!« schalt Simon sich selber. »Einen kleinen Brief hat sie mir geschrieben. Wie hätte eine Dienstmagd das tun können … und noch dazu fehlerfreier geschrieben, als ich es geschafft hätte?«
»Hier ist diese gottverdammte Lautensaite!« Strupp wühlte weiter.
»Aber sie hat mir eine Botschaft geschrieben, Strupp – hat gesagt ›Gott segne dich‹! Hat mich ›Freund‹ genannt!«
»Was? Na, das ist doch großartig, Junge. So ein Mädchen brauchst du – keine eingebildete Pute, die nur auf dich herabsieht wie diese andere. Ah, hier!«
»Wie?« Simon hatte den Faden verloren. Er war sich praktisch sicher, daß er überhaupt nur von einem Mädchen geredet hatte – dieser Erzverräterin, der ständig ihre Persönlichkeit ändernden Marya … Miriamel … ach, eigentlich kam es gar nicht darauf an.
Aber sie ist an meiner Schulter eingeschlafen. Betrunken erinnerte er sich vage an warmen Atem an seiner Wange und empfand ein schmerzhaftes Gefühl des Verlustes.
»Schau dir das an, Junge.« Strupp stand vor ihm, schwankte und hielt ihm etwas Weißes hin. Simon starrte es verwirrt an.
»Was ist das?«
»Ein Schal. Für kaltes Wetter. Und siehst du das da?« Der Alte deutete mit dem krummen Zeigefinger auf eine Reihe von Schriftzeichen, die mit dunkelblauem Faden in das Weiße hineingewoben waren. Die Form der Runen erinnerte Simon an etwas, das selbst durch den Weinnebel hindurch eisige Kälte in ihm erbeben ließ.
»Was ist das?« fragte er nochmals, und seine Stimme war ein wenig klarer als vorher.
»Rimmersgard-Runen«, antwortete der alte Narr und lächelte versonnen. »Es heißt ›Cruinh‹ – das ist mein richtiger Name. Ein Mädchen hat sie gewebt, sie und den Schal. Für mich. Als ich mit meinem lieben König Johan in Elvritshalla war.« Überraschend brach er in Tränen aus, tastete sich zum Tisch zurück und ließ sich auf den harten Stuhl fallen. Aber gleich darauf verstummte das Schluchzen, und in seinen rotgeränderten Augen stand das Wasser wie Pfützen nach einem Sommerregen. Simon schwieg.
»Die hätte ich heiraten sollen«, fuhr Strupp nach einer Weile fort. »Aber sie wollte ihr Land nicht verlassen – wollte nicht mit mir zum Hochhorst zurück. Angst vor der Fremde, das hatte sie, Angst, von ihrer Familie wegzugehen. Schon seit Jahren tot, das arme Mädchen.« Er schniefte laut. »Aber wie hätte ich meinen guten Johan je im Stich lassen können?«
»Was meint Ihr?« fragte Simon. Er konnte sich nicht daran erinnern, wo er in letzter Zeit solche Rimmersgard-Runen zu Gesicht bekommen hatte, oder zumindest wollte er sich nicht der Mühe unterziehen, nach einer derartigen Erinnerung zu suchen. Es war bequemer, hier im Kerzenschein zu hocken und den Alten schwatzen zu lassen. »Wann warst – wann wart Ihr in Rimmersgard?« ermunterte er ihn.
»Ach, Junge, vor vielen, vielen Jahren.« Strupp wischte sich ohne Verlegenheit die Augen und schneuzte sich in ein umfangreiches Taschentuch. »Es war nach der Schlacht von Naarved. Im Jahr danach – da habe ich das Mädchen kennengelernt, das diesen Schal gewebt hat.«
»Was war die Schlacht von Naarved?« Simon wollte sich schon neuen Wein eingießen, überlegte es sich dann aber. Was mochte wohl gerade in der großen Halle vorgehen?
»Naarved?« Strupp glotzte. »Du weißt nichts von Naarved? Wo Johan den alten König Jormgrun schlug und Hochkönig des Nordens wurde?«
»Ich glaube, ein bißchen weiß ich darüber«, versetzte Simon unbehaglich. Wieviel es doch auf der Welt zu wissen gab! »Es war eine berühmte Schlacht.«
»Natürlich!« Strupps Augen glänzten. »Johan belagerte Naarved den ganzen Winter. Jormgrun und seine Männer waren gar nicht auf den Gedanken gekommen, Erkynländer könnten die grausamen Schneefälle Rimmersgards überleben. Sie waren fest überzeugt, Johan werde die Belagerung abbrechen und sich nach Süden zurückziehen müssen. Aber Johan schaffte es! Nicht allein, daß Naarved eingenommen wurde, beim letzten Sturm stieg Johan selbst über die Mauer der inneren Burg und öffnete das Fallgatter – zehn Männer wehrte er ab, bis er endlich das Haltetau kappen konnte. Dann zerbrach er Jormgruns Schild und streckte den König vor seinem eigenen heidnischen Altar nieder.«
»Tatsächlich? Und Ihr wart dabei?« Simon hatte die Geschichte wirklich schon in ungefähr der gleichen Version gehört, aber es war aufregend, sie von einem Augenzeugen erzählt zu bekommen.
»So gut wie. Ich war in Johans Lager; er nahm mich überallhin mit, mein guter alter König.«
»Und wie wurde Isgrimnur Herzog?«
»Ah.« Strupps Hand, die den weißen Schal hin und her gedreht hatte, suchte den Weinkrug und fand ihn. »Es war sein Vater Isbeorn, der als erster Herzog wurde, verstehst du. Er war der erste der heidnischen Edlen von Rimmersgard, der Erleuchtung fand – die Gnade Usires Ädons annahm. Johan machte sein Haus zum ersten Rimmersgards. Darum ist heute Isbeorns Sohn Isgrimnur Herzog, und man könnte schwerlich einen frömmeren Ädoniten finden.«
»Und was wurde aus den Söhnen von König Jorg-oder-wie-hieß-er-dochgleich? Wollte keiner von ihnen Ädonit werden?«
»Ach…« Strupp machte eine wegwerfende Handbewegung. »Ich denke mir, daß sie alle in den Kämpfen fielen.«
»Hmmm.« Simon lehnte sich zurück und verdrängte diese verwirrenden Religions- und Heidentumsfragen aus seinem Kopf, um sich statt dessen lieber die große Schlacht auszumalen. »Hatte König Johan damals schon Hellnagel?« fragte er.
»Ja … ja, er hatte es«, erwiderte Strupp. »Bei Gottes Baum, ein schöner Mann war er, wenn man ihn so in der Schlacht sah. Hellnagel glänzte so hell und bewegte sich so schnell – nur ein stählerner Blitz, sonst nichts –, daß Johan manchmal aussah, als umgebe ihn ein wundervoller, heiliger Silberschein.« Der alte Narr seufzte.
»Und wer war nun das Mädchen?« wollte Simon wissen.
Strupp riß die Augen auf. »Was für ein Mädchen?«
»Das Euch den Schal gewebt hat.«
»Oh!« Strupp zog die Stirn in Falten. »Sigrita.« Er dachte eine ganze Weile nach. »Nun – weißt du, wir blieben fast ein Jahr dort. Es ist harte Arbeit, ein erobertes Land richtig zu verwalten, harte Arbeit. Härter, als den verdammten Krieg zu führen, so kam es mir manchmal vor. Sie war eins von den Mädchen, die die Halle saubermachten, in der der König wohnte – ich wohnte auch dort. Sie hatte Haar wie Gold – nein, heller; es war fast weiß. Ich lockte sie zu mir herein, wie man ein wildes Füllen zähmt: ein freundliches Wort hier, ein paar Extrahappen für ihre Familie dort. Ach ja … ein hübsches Ding war sie!«
»Wolltet Ihr sie damals heiraten?«
»Ich glaube schon. Es ist viele lange Jahre her, Junge. Eins ist jedenfalls ganz sicher: Ich wollte sie mitnehmen. Aber sie wollte nicht.«