»Hattet Ihr Euch das Haar schwarzgefärbt?« fragte er endlich.
Sie lächelte schüchtern. »Ja. Ich hatte schon lange, bevor ich vom Hochhorst fortlief, überlegt, was ich tun müßte. Ich schnitt mir das Haar ab – es war sehr lang«, fügte sie stolz hinzu, »und ließ mir dann von einer Frau in Erchester eine Perücke daraus machen. Leleth brachte sie mir. Ich versteckte mein abgeschnittenes Haar darunter, das schwarzgefärbt war, damit ich unerkannt die Männer in der Umgebung meines Vaters beobachten und Dinge hören konnte, von denen ich sonst nie etwas erfahren hätte … so fand ich heraus, was vorging.«
Simon fühlte sich zwar recht unbehaglich, war aber voller Bewunderung über die Schlauheit des Mädchens. »Aber warum habt Ihr mir nachspioniert? Ich war doch ganz unwichtig.«
Die Prinzessin hörte nicht auf, ihre Finger zu verschränken und wieder zu lösen. »Ich habe dir wirklich nicht nachspioniert, zumindest nicht beim ersten Mal. Ich lauschte einem Streit, den mein Vater mit meinem Onkel in der Kapelle hatte. Die anderen Male … nun ja, da bin ich dir gefolgt. Ich hatte dich im Schloß gesehen, allein, mit niemandem, der dir sagte, was du tun und wo du sein und wen du anlächeln und mit wem du reden solltest … Ich war neidisch.«
»Niemand, der mir sagte, was ich tun sollte?« Simon mußte gegen seinen Willen grinsen. »Dann hast du Rachel den Drachen wohl nie kennengelernt, Mädchen!« Er korrigierte sich, »Prinzessin, wollte ich sagen.«
Miriamel, die ebenfalls gelächelt hatte, machte wieder ein Gesicht, als fühle sie sich nicht wohl in ihrer Haut. In Simon wallte etwas von dem Zorn auf, der die ganze Nacht an ihm genagt hatte. Wer war sie denn, daß sie sich in seiner Gesellschaft so unbehaglich fühlte? Hatte er sie nicht von einem Baum heruntergeholt? Hatte sie nicht den Kopf an seine Schulter gelegt?
Ja, und genau das ist ein großer Teil des Problems, dachte er.
»Ich muß jetzt gehen.« Er zupfte an seiner Schwertscheide, als wollte er Miriamel ein paar Einzelheiten der Prägung zeigen. »Ich habe den ganzen Tag mit dem Schwert gekämpft. Gewiß erwarten Euch Eure Freundinnen.« Er wollte sich umdrehen, hielt dann inne und beugte das Knie vor ihr. Der Ausdruck ihres Gesichtes wurde, soweit das überhaupt möglich war, noch unglücklicher und trauriger als zuvor.
»Prinzessin«, sagte er und ging. Er drehte sich nicht um, um festzustellen, ob sie ihm nachsah. Er hielt den Kopf hoch und den Rücken kerzengerade.
Auf dem Rückweg zu seiner Kammer begegnete er Binabik, der anscheinend seine Festtagskleidung trug, eine Jacke aus weißem Hirschleder und eine Halskette aus Vogelschädeln. Simon begrüßte ihn kühl; insgeheim war er überrascht festzustellen, daß dort, wo noch vor Stunden ein Meer von Zorn vorhanden gewesen war, nur noch eine seltsame Leere in seinem Geist klaffte.
Der Troll wartete, bis er sich an der Türschwelle weiteren Schlamm von den Stiefeln gekratzt hatte, und folgte ihm dann nach innen. Simon zog das andere Hemd an, das Strangyeard ihm freundlicherweise überlassen hatte.
»Ich bin sicher, daß du jetzt erzürnt bist, Simon«, begann Binabik. »Ich wünsche mir nur, daß du verstehst, daß ich nichts über die Prinzessin wußte, bis Josua es mir vorgestern abend erzählte.«
Das Hemd des Priesters war selbst für Simons schlaksige Gestalt lang; er stopfte es in die Hosen. »Warum hast du es mir dann nicht gesagt?« fragte er und freute sich über das leichte, beiläufige Gefühl, das er dabei hatte. Es gab keinen Grund für ihn, sich über die Treulosigkeit des kleinen Mannes Gedanken zu machen; er war früher auch auf sich selbst gestellt gewesen.
»Es war, weil ein Versprechen gegeben wurde.« Binabik sah sehr unglücklich aus. »Ich willigte ein, bevor ich wußte, worum es ging. Aber es war nur ein Tag, an dem du es nicht ahntest und ich Bescheid wußte – hätte es einen großen Unterschied gemacht? Sie hätte es dir und mir selbst sagen sollen, finde ich.«
Es lag Wahrheit in den Worten des Kleinen, aber Simon hatte keine Lust, Kritik an Miriamel zu hören, obwohl er ihr selber weit größere, wenn auch feiner gesponnene Verbrechen vorwarf.
»Es ist jetzt nicht mehr wichtig«, war alles, was er erwiderte.
Binabik zeigte ein recht windschiefes Lächeln. »Ich hoffe, daß es wirklich so ist. Jetzt ist freilich das Wichtigste der Raed. Du mußt deine Geschichte dort erzählen, und ich denke, es sollte heute abend sein. Durch deinen vorzeitigen Aufbruch hast du nicht viel verpaßt, das meiste betraf Baron Devasalles, der von Josua Zusicherungen für den Fall wollte, daß die Nabbanai sich ihm anschlössen. Aber heute abend…«
»Ich habe keine Lust.« Simon krempelte die Ärmel auf, die ihm halb über die Hände hingen. »Ich werde Strupp besuchen, oder vielleicht Sangfugol.« Er kämpfte mit einer Manschette. »Wird die Prinzessin auch dort sein?«
Der Troll sah betroffen aus. »Wer kann das sagen? Aber du wirst gebraucht, Simon. Der Herzog und seine Rimmersmänner sind hier. Vor weniger als einer Stunde sind sie eingetroffen, fluchend und schmutzig und mit schaumbedeckten Pferden. Heute abend müssen wichtige Dinge erörtert werden.«
Simon starrte zu Boden. Es wäre einfacher, lediglich den Harfner zu besuchen und mit ihm zu trinken; das half, nicht an solche Probleme zu denken. Sicher würden auch ein paar seiner neuen Bekannten unter den Wachsoldaten da sein, mit denen man gewiß einen schönen Abend verbringen könnte. Sie würden vielleicht zusammen hinunter in die Stadt Naglimund gehen, die er noch gar nicht richtig gesehen hatte. Das wäre viel leichter, als in diesem großen Raum zu sitzen, diesem gewichtigen Raum, in dem Entscheidungen und Gefahr so schwer auf allen lasteten. Sollten doch die anderen debattieren und sich den Kopf zerbrechen – er war schließlich nur ein Küchenjunge und hatte schon viel zu lange seinen eigenen Boden unter den Füßen verloren. War das nicht das beste? War es das?
»Ich komme«, erklärte er endlich, »aber nur, wenn ich selbst bestimmen darf, ob ich reden will oder nicht.«
»Einverstanden!« antwortete Binabik und versuchte ein Lächeln. Aber Simon war nicht in der Stimmung, es zu erwidern. Er zog seinen Mantel an, der jetzt sauber war, aber noch die sichtbaren Narben der Straße und des Waldes trug, und ließ sich von Binabik nach der großen Halle führen.
»Das ist es!« schrie Herzog Isgrimnur von Elvritshalla. »Welchen Beweis braucht es noch? Er wird schon bald unser ganzes Land an sich gerissen haben!«
Isgrimnur und seine Männer hatten sich nicht einmal die Zeit genommen, ihre Reisekleidung abzulegen. Aus dem durchnäßten Mantel des Herzogs tropfte das Wasser und bildete eine Lache auf dem Steinfußboden. »Wenn ich mir vorstelle, daß ich dieses widernatürliche Ungeheuer einst auf den Knien geschaukelt habe!« Er griff sich, als rühre ihn der Schlag, an die Brust und sah unterstützungsheischend seine Männer an. Alle außer dem ausdruckslos blickenden, schlitzäugigen Einskaldir nickten in trübem Mitgefühl.
»Herzog!« rief Josua und hob die Hand. »Ich bitte Euch, setzt Euch! Seit dem Augenblick, in dem Ihr zur Tür hereingedonnert seid, schreit Ihr, und ich verstehe immer noch nicht, was –«
»Was Euer Bruder, der König, getan hat?« Isgrimnur lief blaurot an und machte ein Gesicht, als würde er sich den Prinzen am liebsten greifen und über sein breites Knie legen. »Mein Land hat er mir gestohlen! Er hat es Verrätern gegeben, die meinen Sohn gefangen halten! Welchen Beweis dafür, daß er ein Dämon ist, verlangt Ihr noch?«
Die versammelten Adligen und Heerführer, die aufgesprungen waren, als die Rimmersmänner in wildem Durcheinander laut rufend in die Halle gestürzt waren, sanken nach und nach wieder auf ihre harten Holzstühle. Es entstand zorniges Gemurmel, und Stahl glitt mit melodischem Zischen in ein Dutzend Scheiden zurück.
»Muß ich Euren Gefolgsmann bitten, für Euch zu sprechen, guter Isgrimnur?« fragte Josua. »Oder seid Ihr jetzt imstande, uns zu berichten, was vorgefallen ist?«