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Der alte Herzog warf dem Prinzen oben am Tisch einen kurzen, wütenden Blick zu und fuhr sich dann langsam mit der Hand über das Gesicht, als wolle er sich den Schweiß abwischen. Einen gefährlichen Augenblick lang war Simon überzeugt, Isgrimnur werde in Tränen ausbrechen: Das rote Gesicht des Herzogs fiel zu einer Maske hilfloser Verzweiflung zusammen, und seine Augen glichen denen eines betäubten Tieres. Er trat einen Schritt zurück und ließ sich auf seinem Sitz nieder.

»Er hat Skali Scharfnase mein Land gegeben«, erklärte er endlich, und als das trotzige Aufbegehren aus seiner Stimme verschwand, hörte man deutlich, wie hohl sie klang. »Ich besitze nichts weiter, als was ich am Leibe trage, und habe keinen anderen Ort, an den ich gehen könnte, als diesen hier.« Er schüttelte den Kopf.

Ethelferth von Tinsett stand auf, das breite Gesicht voller Mitgefühl. »Erzählt uns, was geschehen ist, Herzog Isgrimnur. Wir teilen hier alle den einen oder anderen Kummer miteinander, aber auch eine lange Geschichte der Kameradschaft. Wir wollen einander Schwert und Schild sein.«

Der Herzog sah ihn dankbar an. »Habt Dank, Herr Ethelferth. Ihr seid ein guter Kamerad und ein guter Nordmann.« Er wandte sich wieder den anderen zu. »Vergebt mir. Es ist schmachvoll, wie ich mich hier aufführe. Außerdem ist es verdammt-noch-mal keine Art, Neuigkeiten zu überbringen. Erlaubt mir darum, Euch ein paar Dinge zu berichten, die Ihr wissen solltet.«

Isgrimnur ergriff einen herrenlosen Weinhumpen und leerte ihn. Mehrere von den anderen, die eine lange Geschichte auf sich zukommen sahen, riefen, man möge ihnen die Becher wieder füllen.

»Vieles von dem, was sich ereignet hat, werdet Ihr wohl schon wissen, weil Josua und viele andere davon Kenntnis haben. Ich hatte zu Elias gesagt, ich würde seinem Geheiß, auf dem Hochhorst zu bleiben, nicht länger folgen, solange Schneestürme meine Leute töteten, unsere Städte begruben und mein junger Sohn an meiner Stelle über Rimmersgard herrschen mußte. Viele, viele Monate hatte sich der König widersetzt, endlich aber willigte er doch ein. Ich nahm meine Männer und brach nach dem Norden auf.

Zuerst gerieten wir bei Sankt Hoderund in einen Hinterhalt; bevor wir in die Falle gingen, töteten die Wegelagerer die Hüter der heiligen Stätte.« Isgrimnur klopfte auf den hölzernen Baum, der ihm auf der Brust hing. »Wir nahmen den Kampf auf und schlugen sie in die Flucht. Aber ein unnatürliches Gewitter hinderte uns daran, sie zu verfolgen.«

»Das hatte ich bisher nicht gehört«, warf Devasalles von Nabban ein und musterte Isgrimnur mit nachdenklichem Blick. »Wer war es, der Euch bei der Abtei überfiel?«

»Ich weiß es nicht«, antwortete der Rimmersmann angewidert. »Wir konnten nicht einen Gefangenen machen, obwohl wir eine nicht unbeträchtliche Schar der Räuber den kalten Weg zur Hölle hinabschickten. Manche sahen wie Rimmersgarder aus. Damals war ich überzeugt, Söldner vor mir zu haben – heute bin ich mir meiner Sache nicht mehr so sicher. Einer meiner Gesippen fand durch sie den Tod.

Dann das zweite: Als wir unweit nördlich des Knochs unser Lager aufschlugen, überfielen uns schmutzige Bukken, ein großer Schwarm, und zwar im offenen Gelände. Ein ganzes bewaffnetes Lager griffen sie an! Auch sie schlugen wir in die Flucht, aber nicht ohne große Verluste … Hani, Thrinin, Uter von Saegard…«

»Bukken?« Es war schwer zu sagen, ob Devasalles' hochgezogene Braue ein Zeichen des Erstaunens oder der Verachtung war. »Wollt Ihr mir erzählen, Eure Männer seien vom Kleinen Volk der Legenden angegriffen worden, Herzog Isgrimnur?«

»Eine Legende im Süden vielleicht«, sagte Einskaldir höhnisch, »eine Legende an Nabbans verweichlichten Höfen; im Norden wissen wir, daß sie Wirklichkeit sind, und halten unsere Äxte scharf.«

Baron Devasalles sträubte die Nackenhaare, aber noch ehe er eine wütende Antwort von sich geben konnte, bemerkte Simon eine Bewegung an seiner Seite, und eine Stimme ertönte.

»Mißverständnisse und Unwissenheit besitzen sowohl der Norden als auch der Süden reichlich«, erklärte Binabik, der, eine Hand auf Simons Schulter, auf seinen Stuhl gestiegen war. »Die Bukken oder Gräber dehnen ihre Löcher für gewöhnlich nicht weit über die Nordgrenzen des Erkynlandes aus; aber was das Glück den weiter südlich Wohnenden beschert hat, sollte man nicht irrigerweise als allgemeingültige Wahrheit betrachten.«

Devasalles riß vor Verblüffung ganz offen den Mund auf, und er war nicht der einzige. »Und das ist wohl einer der Bukken persönlich, als Gesandter nach Erkynland gereist? Nun habe ich alles unter der Sonne gesehen und kann glücklich sterben.«

»Wenn ich das Seltsamste bin, das Ihr seht, ehe dieses Jahr um ist…«, begann Binabik, wurde jedoch von Einskaldir unterbrochen, der mit einem Satz von seinem Stuhl aufsprang und sich neben den erschrockenen Isgrimnur postierte.

»Das ist schlimmer als ein Bukken!« fauchte er. »Es ist ein Troll – ein Höllenwicht!« Er versuchte, sich dem Arm des Herzogs, der ihn zurückhielt, zu entwinden. »Was tut dieser Kinderstehler hier?«

»Mehr Gutes als du, unförmiger Bart-Tölpel!« zischte Binabik zurück. Die Versammlung ging in allgemeines Geschrei und Durcheinander über. Simon packte den Troll am Gürtel, weil sich der Kleine so weit vorgebeugt hatte, daß er um ein Haar auf die weinbefleckte Tafel gekippt wäre. Endlich ließ sich Josuas zornige Stimme, die zur Ordnung rief, über dem Tumult vernehmen.

»Beim Blute Ädons, ich dulde es nicht! Seid Ihr Männer oder Kinder? Isgrimnur! Binabik von Yiqanuc ist auf meine Einladung hier. Wenn Euer Mann die Regeln meiner Halle nicht achtet, mag er die Gastlichkeit eines Turmverlieses versuchen! Ich verlange eine Entschuldigung!« Der Prinz stieß vor wie ein herabstürzender Falke, und Simon, der Binabiks Jacke festhielt, erkannte jäh die Ähnlichkeit mit dem verstorbenen Hochkönig. Das war Josua, wie er sein sollte!

Isgrimnur beugte das Haupt. »Ich entschuldige mich für meinen Lehnsmann, Prinz. Er ist ein Hitzkopf und für höfischen Umgang nicht gezähmt.« Der Rimmersmann warf Einskaldir einen grimmigen Blick zu, und der Mann setzte sich wortlos wieder hin, brummte in seinen Bart und schlug die Augen nieder. »Unser Volk und die Trolle sind Feinde von alters her«, erklärte der Herzog.

»Die Trolle von Yiqanuc sind niemandes Feind«, entgegnete Binabik mit einigem Hochmut. »Es sind die Rimmersmänner, die sich so vor unserer gewaltigen Größe und Stärke fürchten, daß sie uns angreifen, sobald sie uns nur zu Gesicht bekommen – selbst in Prinz Josuas Halle.«

»Genug.« Josua machte eine angewiderte Handbewegung. »Hier ist nicht der Ort, alte Flaschen zu entkorken. Binabik, Ihr werdet später Gelegenheit zum Reden bekommen. Isgrimnur, Ihr habt Eure Geschichte noch zu Ende zu erzählen.«

Devasalles räusperte sich. »Eines nur laßt mich bemerken, Prinz.« Er wandte sich an Isgrimnur. »Nun, da ich den kleinen Mann aus … Yiqanuc? … gesehen habe, fällt es mir leichter, Eurer Erzählung von den Bukken zu glauben. Vergebt mir die zweifelnden Worte, guter Herzog.«

Isgrimnurs Stirnrunzeln wurde ein wenig milder. »Sprecht nicht mehr davon, Baron«, brummte er. »Ich habe es vergessen, so wie Ihr gewiß Einskaldirs törichte Rede vergessen werdet.«

Der Herzog verstummte einen Moment, um seine zerstreuten Gedanken wieder zu sammeln.

»Nun, wie ich schon sagte, es war alles so seltsam. Sogar in der Frostmark und den nördlichen Öden sind die Bukken selten – und wir danken Gott, daß das so ist. Daß sie eine bewaffnete Truppe, die so groß ist wie unsere, angreifen, ist neu. Die Bukken sind klein…« Sein Blick streifte kurz Binabik und glitt dann von ihm ab und zu Simon. Dort blieb er haften, und der Herzog runzelte wieder die Stirn und starrte den Jungen an. »Klein … sie sind klein … aber grimmig, und gefährlich, wenn sie in großer Zahl auftreten.« Er schüttelte den Kopf, als wollte er Simons beunruhigend bekanntes Gesicht daraus verscheuchen, und wandte seine Aufmerksamkeit wieder den anderen um die lange, gebogene Tafel Versammelten zu.