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»Nachdem wir den Lochbewohnern entkommen und hierher nach Naglimund gelangt waren, versorgten wir uns rasch mit neuem Proviant und ritten nach Norden weiter. Ich wollte so schnell wie möglich meine Heimat, meinen Sohn und meine Frau wiedersehen. Die obere Weldhelm-Straße und auch die Frostmark-Straße sind heutzutage keine angenehmen Gegenden. Diejenigen unter Euch, deren Länder nördlich von hier liegen, wissen, was ich meine, ohne daß mehr darüber gesagt werden muß. Wir waren froh, am Abend des sechsten Reisetages die Lichter von Vestvennby unter uns zu sehen.

Am nächsten Morgen empfingen uns vor dem Tor Storfot, Than von Vestvennby – Ihr würdet ihn wohl einen Baron nennen –, und ein halbes Hundert seiner Gefolgsmannen. Doch war er erschienen, um seinen Herzog willkommen zu heißen?

Verlegen – und er hatte allen Grund dazu, der verräterische Hund – erklärte er, Elias hätte mich als Verräter bezeichnet und mein Land Skali Scharfnase übergeben. Storfot sagte, Skali wünsche, daß ich mich ergebe, und er, Storfot, solle mich nach Elvritshalla bringen, wo mein Sohn Isorn schon gefangen gehalten werde …. und daß Skali gerecht und gnädig sein werde. Gerecht! Skali von Kaldskryke, der im Rausch den eigenen Bruder erschlug! Will mir unter meinem eigenen Dach gnädig sein!

Hätten meine Männer mich nicht gehindert … hätten sie nicht…« Herzog Isgrimnur mußte einen Moment verschnaufen und drehte in Kummer und Zorn seinen Bart. »Nun«, fuhr er dann fort, »Ihr könnt Euch vorstellen, daß ich Storfot am liebsten sofort die Eingeweide herausgerissen hätte. Besser mit einem Schwert im Leib sterben, dachte ich, als vor einem Schwein wie Skali das Haupt beugen! Aber, wie Einskaldir mir darlegte, das Beste von allem wäre, meine Halle zurückzugewinnen und Skali Stahl fressen zu lassen.«

Isgrimnur tauschte ein kurzes, unfrohes Grinsen mit seinem Gefolgsmann und sprach dann wieder zu der Versammlung, wobei er auf seine leere Schwertscheide schlug: »Darum gelobe ich dieses: Selbst wenn ich den ganzen Weg bis nach Elvritshalla auf meinem alten, dicken Bauch kriechen muß, so schwöre ich doch bei Drors Hamm – bei Usires Ädon, meine ich, verzeiht mir, Bischof Anodis –, daß ich hinkommen werde, um ihm mein gutes Schwert Kvalnir einen Meter tief in die Gedärme zu stoßen.«

Jetzt schlug Gwythinn, der Prinz von Hernystir, der sich bisher ungewöhnlich still verhalten hatte, mit der Faust auf den Tisch. Seine Wangen waren gerötet; nicht allein, dachte Simon, vom Wein, obwohl der junge Mann aus dem Westen ihm reichlich zugesprochen hatte. »Gut!« rief der Prinz. »Doch seht, Isgrimnur, seht ein: Nicht dieser Skali ist Euer Hauptwidersacher – nein, der König selber ist es!«

Ein Grollen ging um den Tisch, das jetzt aber fast ausschließlich Zustimmung ausdrückte. Der Gedanke, das eigene Land könnte einem genommen und an einen Blutfehde-Rivalen gegeben werden, traf bei fast allen eine tiefe und bedrohliche Stelle.

»Der Hernystiri spricht die Wahrheit!« schrie der dicke Ordmaer und wuchtete seinen umfangreichen Leib vom Stuhl. »Es ist offensichtlich, daß Euch Elias nur deshalb so lange auf dem Hochhorst zurückhielt, damit Skali seinen Verrat ausführen konnte. Elias ist der Feind, der hinter allem steht!«

»So wie er es durch seine nur allzu willigen Werkzeuge Guthwulf und Fengbald geschafft hat, die Rechte der meisten von Euch hier mit Füßen zu treten!« Gwythinn war jetzt in voller Fahrt und nicht mehr zu bremsen. »Es ist Elias, der die Hand ausstreckt, um uns alle zu vernichten, bis es keinen Widerstand mehr gegen seine unselige Herrschaft gibt und die wenigen, die von uns noch übrig sein werden, durch Steuern verarmt oder unter den Stiefeln seiner Ritter zertreten sind. Der Hochkönig ist unser Feind, und wir müssen rasch handeln!«

Gwythinn drehte sich zu Josua um, der teilnahmslos wie ein steinernes Standbild die Ereignisse verfolgt hatte. »An Euch ist es, Prinz, uns den Weg zu zeigen. Es besteht kein Zweifel, daß Euer Bruder Pläne für uns alle hat, wie an Euch und an Isgrimnur schon so deutlich bewiesen wurde. Ist er nicht unser wahrer und zugleich gefährlichster Feind?«

»Nein! Das ist er nicht!«

Die Stimme knallte durch die große Halle von Naglimund wie eine Fuhrmannspeitsche. Simon, und mit ihm jede andere Seele im Raum, fuhr herum, umzusehen, wer da sprach. Sekundenlang schien es, als habe sich der alte Mann aus dem luftleeren Raum materialisiert, so plötzlich tauchte er aus den Schatten in das Glühen der Wandfackel. Er war groß und unbegreiflich mager; der Fackelschein warf tiefe Schatten auf seine hohlen Wangen und unter die knochigen Bögen seiner Brauen. Er trug einen Mantel aus Wolfsfell und hatte den langen weißen Bart in den Gürtel gesteckt; für Simon sah er aus wie ein wilder Geist des Winterwaldes.

»Wer seid Ihr, alter Mann?« rief Josua. Zwei seiner Wachen traten vor und nahmen zu beiden Seiten des prinzlichen Stuhles Aufstellung. »Und wie kommt Ihr in unsere Ratsversammlung?«

»Er ist einer von Elias' Spionen!« zischte einer der Edelleute aus dem Norden, und andere sprachen es ihm nach.

Isgrimnur stand auf. »Er ist hier, weil ich ihn mitgebracht habe, Josua«, brummte der Herzog. »An der Straße nach Vestvennby hat er auf uns gewartet – wußte, wo wir hinwollten, und wußte noch vor uns, daß wir hierher zurückkehren würden. Er sagte, so oder so würde er Euch aufsuchen, um mit Euch zu sprechen.«

»Und daß es um so besser für uns alle wäre, je schneller ich hier ankäme«, ergänzte der Alte und heftete die leuchtendblauen Augen auf den Prinzen. »Ich habe Dinge von großer Wichtigkeit mitzuteilen – Euch allen mitzuteilen.« Er ließ seinen beunruhigenden Blick über die Tafel wandern, und wohin er schaute, verstummte das Getuschel. »Ihr mögt mir zuhören oder nicht, das ist Eure Entscheidung … in Dingen wie diesen gibt es immer eine Wahl.«

»Das sind Rätsel für Kinder, Mann«, spottete Devasalles. »Wer in aller Welt seid Ihr, und was wollt Ihr von den Fragen wissen, die wir hier erörtern? In Nabban«, und er lächelte zu Josua hinüber, »würden wir diesen alten Narren zu den Vilderivanerbrüdern schicken, deren Aufgabe die Fürsorge für Irrsinnige ist.«

»Wir sprechen hier nicht von Angelegenheiten des Südens, Baron«, erwiderte der alte Mann mit einem Lächeln, so kalt wie eine Reihe von Eiszapfen, »obwohl auch der Süden schon bald kalte Finger an seiner Kehle spüren wird.«

»Genug!« rief Josua. »Sprecht jetzt, oder ich werde Euch wirklich als Spion in Ketten legen lassen. Wer seid Ihr, und was wollt Ihr von uns?«

Der alte Mann nickte steif. »Vergebung. Ich bin die höfischen Bräuche schon zu lange nicht mehr gewöhnt. Jarnauga ist mein Name, und ich lebte bis vor kurzem in Tungoldyr.«

»Jarnauga!« sagte Binabik und kletterte wieder auf seinen Stuhl, um den Neuankömmling genauer zu betrachten. »Verblüffend! Jarnauga! Ho, ich bin Binabik! Lange Zeit Lehrling von Ookequk!«

Der Alte durchbohrte den Troll mit seinem hellen, stählernen Blick.

»Ja. Wir werden miteinander reden, und zwar bald. Aber zuerst habe ich etwas in dieser Halle und mit diesen Männern zu erledigen.« Aufrecht stand er da, dem Stuhl des Prinzen gegenüber. »König Elias sei der Feind, habe ich den jungen Hernystiri sagen hören, und andere sprachen es ihm nach. Ihr alle seid wie die Mäuse, die mit unterdrückter Stimme von der schrecklichen Katze reden und hinter den Wänden davon träumen, sie eines Tages umzubringen. Keiner von Euch begreift, daß es nicht die Katze ist, die Euch Schwierigkeiten macht, sondern ihr Herr, der sie ins Haus gebracht hat, um Mäuse zu töten.«

Gegen seinen Willen interessiert, beugte sich Josua vor. »Wollt Ihr damit sagen, Elias sei seinerseits nur die Spielfigur eines anderen? Wessen? Dieses Teufels Pryrates vielleicht?«