»Pryrates spielt den Teufel«, versetzte der Alte höhnisch, »aber er ist ein Kind. Ich spreche von einem, für den das Leben von Königen nicht mehr als ein flüchtiger Augenblick ist … einem, der Euch weit mehr nehmen wird als nur das Land.«
Unter den Männern entstand Gerede. »Hat sich dieser wahnsinnige Mönch hier hereingedrängt, um uns einen Vortrag über die Werke des Teufels zu halten?« rief einer der Barone. »Es ist kein Geheimnis für uns, daß der Erzfeind Menschen für seine Zwecke benutzt.«
»Ich spreche nicht von Eurem ädonitischen Dämonenfürsten«, sagte Jarnauga und richtete erneut den Blick auf den Prinzen in seinem hohen Stuhl. »Ich meine den wahren Gebieter der Dämonen von Osten Ard, der so wirklich ist wie dieser Stein«, – er kniete nieder und berührte mit der Handfläche den Boden –, »und genauso ein Teil unseres Landes.«
»Gotteslästerung!« schrie jemand. »Werft ihn hinaus!«
»Nein, laßt ihn reden!« ein anderer.
»Sprecht, Alter!« bat Josua.
Jarnauga hob die Hände. »Ich bin kein verrückter, halberfrorener Heiliger, der zu Euch gekommen ist, um Eure gefährdeten Seelen zu retten.« Er verzog den Mund zu einem trüben Lächeln. »Ich komme als Mitglied des Bundes der Schriftrolle und als Mann, der sein Leben neben dem tödlichen Berg Sturmspitze gelebt und den Berg dieses ganze Leben lang beobachtet hat. Wir vom Bund der Schriftrolle haben, wie Euch der Troll bestätigen kann, lange gewacht, während andere schliefen. Nun komme ich, einen vor langer Zeit geschworenen Eid zu halten … und Euch etwas zu erzählen, von dem Ihr wünschen werdet, es nie gehört zu haben.«
Ein bebendes Schweigen senkte sich über die Halle, als der alte Mann den Raum durchquerte und die Tür zum Hof öffnete. Das Heulen des Windes, vorher nur ein gedämpftes Seufzen, fuhr allen laut in die Ohren.
»Yuven-Mond!« erklärte Jarnauga. »Nur noch ein paar Wochen bis Mitsommer! Hört mich an: Kann ein König, und sei es der Hochkönig selber, das bewirken?« Ein Regenschauer wehte an ihm vorbei wie Rauch. »In Pelze gehüllte Hunen, die im Weldhelm Menschen jagen. Bukken kriechen aus der kalten Erde, um in der Frostmark bewaffnete Soldaten zu überfallen, und im Norden brennen die Schmiedefeuer von Sturmspitze die ganze Nacht. Ich selbst habe das Glühen am Himmel gesehen und die eisigen Hämmer fallen hören. Wie glaubt Ihr, daß Elias das alles getan haben soll? Merkt Ihr nicht, daß ein schwarzer, tödlicher Winter auf Euch hereinbricht, der außerhalb aller Jahreszeiten und jenseits aller Kräfte Eures Verstandes liegt?«
Isgrimnur war erneut aufgestanden, das runde Gesicht bleich, die Augen schmal. »Und was bedeutet das, Mann, was? Wollt Ihr sagen, daß wir … Udun Einauge steh mir bei … gegen die … Weißfüchse aus den alten Sagen kämpfen?« Hinter ihm erhob sich ein Chor geflüsterter Fragen und bestürzten Gemurmels.
Jarnauga starrte den Herzog an, und sein runzliges Gesicht wurde milder und nahm einen Ausdruck an, der Mitleid bedeuten mochte oder Kummer. »Ach, Herzog Isgrimnur, so schlimm auch die Weißfüchse – die manche unter dem Namen Nornen kennen – sein mögen, es wäre ein Geschenk des Himmels für uns, wenn es damit sein Bewenden hätte. Aber ich sage Euch, daß es weder Utuk'ku ist, die Königin der Nornen und Herrin des furchtbaren Berges Sturmspitze, noch Elias, von denen dies alles ausgeht.«
»Ruhig, Mann, haltet nur einen Augenblick lang Euren Mund.« Devasalles war zornig, mit wogenden Gewändern, aufgesprungen. »Prinz Josua, vergebt mir, aber es ist schlimm genug, daß dieser Verrückte hier eindringt, die Ratsversammlung stört und das Wort an sich reißt, ohne zu erklären, wer und was er ist. Muß ich, Herzog Leobardis' Gesandter, nun auch noch meine Zeit damit vergeuden, daß ich mir seine Geschichten von einem Kinderschreck aus dem Norden anhöre? Es ist unzumutbar!«
Während das Stimmengewirr der Auseinandersetzungen wieder anschwoll, überlief Simon ein seltsam erregender Schauer. Sich vorzustellen, daß er und Binabik im Mittelpunkt all dieser Ereignisse gestanden hatten, mitten in einer Geschichte, neben der alles verblaßte, was Shem Pferdeknecht sich je hätte ausdenken können … Doch als er sich die Mär ausmalte, die er vielleicht eines Tages am Feuer berichten könnte, fielen ihm die Schnauzen der Nornenhunde wieder ein, die bleichen Gesichter im dunklen Berg seiner Träume, und wieder, nicht zum ersten und nicht zum letzten Mal, wünschte er sich verzweifelt zurück in die Küche des Hochhorstes, wünschte sich, daß nichts sich verändert hätte, nichts sich je verändern würde …
Der alte Bischof Anodis, der den Neuankömmling die ganze Zeit mit dem scharfen, wilden Blick einer Möwe, die sich an ihrem Lieblingsfutterplatz plötzlich einem neuen Vogel gegenübersieht, beobachtet hatte, erhob sich jetzt.
»Ich muß sagen, und ich schäme mich nicht, es offen einzugestehen, daß ich von diesem … diesem Raed hier von Anfang an wenig gehalten habe. Vielleicht hat Elias Fehler gemacht, aber seine Heiligkeit, der Lektor Ranessin, hat sich erboten, zu vermitteln und den Versuch zu machen, unter den Ädonitern – und natürlich auch ihren ehrenwerten heidnischen Verbündeten –«, hier nickte er beiläufig Gwythinn und seinen Männern zu –, »Frieden zu stiften. Alles jedoch, was ich hier gehört habe, sind Worte von Krieg und dem Vergießen von Ädoniterblut als Rache für unbedeutende Kränkungen.«
»Unbedeutende Kränkungen?« Isgrimnur kochte. »Ihr nennt den Diebstahl meines Herzogtums eine ›unbedeutende Kränkung‹, Bischof? Kommt Ihr doch einmal nach Hause und findet Eure Kirche als … verdammten Hyrkastall oder als Trollnest wieder, dann werden wir ja sehen, ob Ihr das auch als ›unbedeutende Kränkung‹ bezeichnet!«
»Trollnest???« wiederholte Binabik und wollte schon aufstehen.
»Und das beweist nur, daß ich recht habe«, fauchte Anodis und fuchtelte mit dem Baum in seiner knotigen Hand herum, als wäre er ein Messer zur Abwehr von Räubern. »Hört doch, wie Ihr einen Mann der Kirche anschreit, der Eure Torheiten zurückzuweisen sucht.« Er richtete sich gerade auf. »Und dann«, er schwenkte den Baum in Richtung auf Josua, »dann kommt auch noch so ein … so ein … bärtiger Eremit und erzählt uns von Hexen und Dämonen und treibt einen noch größeren Keil zwischen die einzigen Söhne des Hochkönigs! Zu wessen Vorteil soll das sein? Wem dient dieser Jarnauga überhaupt?« Feuerrot und am ganzen Leibe zitternd fiel der Bischof in seinen Stuhl zurück, langte nach dem Wasserpokal, den ihm sein Priesterschüler reichte, und trank durstig.
Simon griff neben sich und zog so lange an Binabiks Arm, bis sein Freund sich wieder hinsetzte.
»Ich verlange immer noch eine Erklärung für den Ausdruck ›Trollnest‹«, knurrte dieser vor sich hin, bis Simon die Stirn runzelte, woraufhin der Troll die Zähne zusammenbiß und schwieg.
Prinz Josua saß eine Zeitlang stumm da und starrte Jarnauga an, der den Blick des Prinzen so ungerührt aushielt wie eine Katze.
»Ich habe vom Bund der Schriftrolle gehört«, sagte Josua endlich.
»Ich hatte allerdings nicht die Vorstellung, daß seine Mitglieder das Verhalten von Herrschern und Staaten zu beeinflussen suchten.«
»Ich habe nicht von diesem sogenannten Bund gehört«, mischte sich Devasalles ein, »und ich finde es an der Zeit, daß dieser merkwürdige Alte uns mitteilt, wer ihn schickt und welche Gefahr uns droht – wenn es nicht der Hochkönig ist, wie viele von uns hier anzunehmen scheinen.«
»Ausnahmsweise stimme ich mit dem Baron aus Nabban überein«, rief Gwythinn von Hernystir. »Jarnauga soll uns alles berichten, damit wir uns entscheiden können, ob wir ihm glauben oder ihn aus der Halle werfen wollen.«
Prinz Josua auf dem höchsten Stuhl nickte. Der alte Rimmersmann ließ seinen Blick über die erwartungsvollen Gesichter schweifen und hob dann mit seltsamer Gebärde die Hände, wobei er mit den Fingern die Daumen berührte, als halte er sich einen dünnen Faden vor die Augen.