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»Gut«, meinte er schließlich, »gut. So laßt uns denn die ersten Schritte auf einem Weg tun, dem einzigen Weg, der uns vielleicht noch aus dem schwarzen Schatten des Berges herausführen kann.« Er breitete die Arme aus, als wolle er den unsichtbaren Faden zu großer Länge ausdehnen, und öffnete dann weit die Hände.

»Die Geschichte des Bundes ist nur von geringer Bedeutung«, begann er, »aber sie ist Teil einer größeren Geschichte.« Erneut trat er an die Tür, die ein Page inzwischen wieder geschlossen hatte, um die Wärme nicht aus der hochgebauten Halle entweichen zu lassen. Jarnauga berührte den schweren Türrahmen. »Wir können diese Tür zumachen, aber davon werden Schnee und Hagel nicht verschwinden. Genauso könnt Ihr mich einen Wahnsinnigen heißen – das wird ihn, der Euch bedroht, nicht vertreiben. Er hat fünf Jahrhunderte darauf gewartet, sich wiederzuholen, was er für das Seine hält, und seine Hand ist kälter und stärker, als Euer Verstand es faßt. Seine Geschichte ist der größere Zusammenhang, in den die Geschichte des Bundes eingebettet ist wie eine alte Pfeilspitze in einen großen Baum, über den die Rinde hinweggewachsen ist, bis man den Pfeil selbst nicht mehr erkennen kann.

Der Winter, der jetzt auf uns lastet, der Winter, der den Sommer von seinem rechtmäßigen Thron verdrängt hat, ist sein Werk. Er ist das Symbol seiner Macht, der Macht, die er jetzt einsetzt, um die Dinge nach seinem Willen zu formen.«

Jarnauga starrte grimmig vor sich hin, und einen langen Augenblick war alles still, und nur der Wind sang einsam um die Mauern.

»Wer?« fragte Josua endlich. »Wie heißt dieses Wesen, alter Mann?«

»Ich dachte, Ihr wüßtet es, Prinz«, entgegnete Jarnauga. »Ihr seid ein Mann von großer Erfahrung. Euer Feind … unser Feind … starb vor fünfhundert Jahren; der Ort, an dem sein erstes Leben endete, liegt unter den Fundamenten der Burg, auf der euer Leben begann. Er heißt Ineluki … der Sturmkönig.«

XXXIII

Aus Asu'as Asche

»Geschichten in Geschichten«, begann Jarnauga in einer Art Singsang und warf seinen Wolfsmantel ab. Der Feuerschein enthüllte die Windungen der Schlangen, die sich um die Haut seiner langen Arme ringelten. Wieder entstand Geflüster. »Ich kann Euch die Geschichte vom Bund der Schriftrolle nicht erzählen, ehe Ihr nicht versteht, wie Asu'a unterging. Das Ende von König Eahlstan Fiskerne, der den Bund als Mauer gegen das Dunkel errichtete, läßt sich nicht vom Ende Inelukis trennen, dessen Dunkelheit uns jetzt umgibt. So sind die Geschichten ineinander verwoben, und ein Strang folgt auf den anderen. Zieht man einen einzelnen Faden heraus, ist er nicht mehr als das – ein einzelner Faden. Ich bestreite, daß es jemanden gibt, der imstande ist, allein aus einem solchen Faden das Muster eines Gewebes zu erkennen.«

Beim Sprechen fuhr sich Jarnauga mit schmalen Fingern durch den wirren Bart, glättete ihn und ordnete seine große Länge, als wäre auch er eine Art Gewebe und könnte Jarnaugas Geschichte einen Sinn verleihen.

»Lange Zeit, bevor die Menschen nach Osten Ard kamen«, fuhr er dann fort, »waren die Sithi hier. Weder Mann noch Frau sind noch am Leben, die wissen, wann sie kamen, aber gekommen sind sie, eingewandert von Osten, dort, wo die Sonne aufgeht, und schließlich ließen sie sich in diesem Land nieder.

In Erkynland, dort, wo heute der Hochhorst steht, schufen sie ihr gewaltigstes Werk, die Burg Asu'a. Tief gruben sie in die Erde und legten die Fundamente in die Gebeine von Osten Ard selber. Dann errichteten sie Mauern aus Elfenbein und Perlen und Opal, die die Bäume an Höhe überragten, und Türme, die in den Himmel stiegen wie Schiffsmasten, Türme, von denen man ganz Osten Ard überblicken konnte und von wo aus die scharfäugigen Sithi den großen Ozean beobachteten, der an das westliche Ufer brandete.

Ungezählte Jahre wohnten sie in Osten Ard allein, bauten auf den Berghängen und in der Tiefe der Wälder ihre zerbrechlichen Städte, zierliche Hügelstädte wie Eisblumen und Waldsiedlungen wie an Land gefesselte Boote mit vielen Segeln. Doch Asu'a war die größte von allen, und hier herrschten die langlebigen Könige der Sithi.

Als die ersten Menschen sich einstellten, waren es schlichte Hirten und Fischer, die über eine heute längst verschwundene Landbrücke in den nördlichen Öden hierher kamen, auf der Flucht vor etwas Schrecklichem vielleicht, das sie verfolgt hatte, oder auch nur auf der Suche nach neuem Weideland. Die Sithi beachteten sie nicht mehr als die Hirsche oder Wildrinder, selbst als die rasch aufeinanderfolgenden Generationen immer mehr wurden und der Mensch anfing, sich steinerne Städte zu bauen und Werkzeuge und Waffen aus Bronze zu schmieden. Solange sie nicht nahmen, was den Sithi gehörte, und in dem Land blieben, das der Erlkönig ihnen zubilligte, herrschte Friede zwischen den Völkern.

Sogar das Imperium von Nabban im Süden, berühmt ob seiner Künste und seiner Waffen, das seinen langen Schatten über alle sterblichen Menschen Osten Ards warf, war für die Sithi oder ihren König Iyu'unigato kein Anlaß zur Besorgnis.«

An dieser Stelle blickte sich Jarnauga nach etwas zu trinken um, und während ein Page einen Humpen für ihn füllte, tauschten seine Zuhörer Blicke und verwirrtes Tuscheln.

»Davon hat mir Doktor Morgenes erzählt«, flüsterte Simon Binabik zu. Der Troll nickte lächelnd, schien aber von eigenen Gedanken abgelenkt.

»Gewiß ist es nicht nötig«, nahm Jarnauga seinen Faden wieder auf – mit erhobener Stimme, um die Aufmerksamkeit der raunenden Menge zurückzugewinnen –, »über die Veränderungen zu sprechen, die der Ankunft der ersten Rimmersmänner folgten. Es gibt genügend alte Wunden, die aufgerissen werden müssen, ohne daß wir bei dem verweilen, was geschah, als sie vom fernen Westen her ihren Weg über das Wasser fanden.

Etwas aber, das erwähnt werden muß, ist König Fingils Marsch vom Norden herunter, und damit der Untergang Asu'as. Fünf lange Jahrhunderte haben einen großen Teil dieser Geschichte mit ihrem Geröll und mit Ahnungslosigkeit zugeschüttet; aber als Eahlstan der Fischerkönig vor zweihundert Jahren unseren Bund stiftete, geschah es, um eben dieses Wissen zurückzugewinnen und zu bewahren. Darum gibt es Dinge – die ich Euch nun erzählen werde –, von denen die meisten von Euch nie zuvor gehört haben.

In den Schlachten am Knoch, in der Ebene von Agh Samrath und im Utanwash – überall triumphierten Fingil und seine Heerscharen und zogen die Schlinge um Asu'a immer fester. Auf Agh Samrath, dem Sommerfeld, verloren die Sithi ihre letzten menschlichen Verbündeten, und als die Hernystiri vernichtet waren, gab es niemanden mehr unter den Sithi, der gegen das Eisen des Nordens bestehen konnte.«

»Vernichtet durch Verrat!« unterbrach Prinz Gwythinn, rot im Gesicht und bebend. »Nichts außer Verrat konnte Sinnagh vom Schlachtfeld vertreiben – die Verderbtheit der Männer aus den Thrithingen, die in der Hoffnung auf ein paar Krumen von Fingils blutiger Tafel den Hernystiri in den Rücken fielen!«

»Gwythinn!« rief Josua. »Ihr habt Jarnauga gehört: Das sind alte Wunden. Es ist nicht einmal ein Thrithingmann unter uns. Würdet Ihr über den Tisch springen und Euch auf Herzog Isgrimnur stürzen, nur weil er ein Rimmersmann ist?«

»Er soll es nur versuchen«, knurrte Einskaldir.

Gwythinn schüttelte beschämt den Kopf. »Ihr habt recht, Josua. Vergebt mir, Jarnauga.« Der Alte nickte, und Lluths Sohn wandte sich an Isgrimnur. »Und natürlich, guter Herzog, sind wir beide hier die engsten Verbündeten.«

»Es hat sich niemand beleidigt gefühlt, junger Herr«, lächelte Isgrimnur, aber Einskaldir neben ihm fing Gwythinns Blick auf, und die beiden starrten einander kalt in die Augen.

»So geschah es«, begann Jarnauga wieder, als habe niemand ihn unterbrochen, »daß man in Asu'a, obwohl seine Mauern von alter und mächtiger Zauberkraft zusammengehalten wurden und es Heimat und Herz des Sithigeschlechtes war, dennoch fühlte, daß eine Zeit zu Ende ging, daß die sterblichen Emporkömmlinge das Haus ihrer Vorgänger zerstören würden und die Sithi Osten Ard für immer verlassen müßten.