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Iyu'unigato, ihr König, kleidete sich von Kopf bis Fuß in Trauerweiß und verbrachte mit seiner Königin Amerasu die langen Tage von Fingils Belagerung – aus denen bald Monate und gar Jahre wurden, denn selbst kalter Stahl konnte das Werk der Sithi nicht über Nacht bezwingen – mit dem Anhören melancholischer Musik und der Poesie aus heitereren Tagen der Sithi in Osten Ard. Von außen, im Lager der Belagerer aus dem Norden, erweckte Asu'a noch immer den Anschein gewaltiger Stärke, eng umschlossen von Zauber und Hexenkunst … doch in der glänzenden Schale verfaulte das Herz.

Aber einen gab es unter den Sithi, der es anders wollte und nicht damit zufrieden war, seine letzten Tage mit Klagegesängen über den verlorenen Frieden und die verwüstete Unschuld zuzubringen. Es war lyu'unigatos Sohn, und sein Name war … Ineluki

Wortlos, jedoch mit nicht unbeträchtlichem Rumoren, packte Bischof Anodis seine Sachen zusammen. Dann winkte er seinem jungen Priesterschüler, der ihm auf die Beine half.

»Entschuldigt, Jarnauga«, sagte Josua. »Bischof Anodis, warum wollt Ihr uns verlassen? Wie Ihr hört, ziehen furchtbare Wesen gegen uns zu Felde. Wir hoffen auf Eure Weisheit und die Stärke der Mutter Kirche, um uns zu leiten.«

Anodis sah ärgerlich auf. »Und ich soll hier sitzen, mitten in einem Kriegsrat, den ich niemals gebilligt habe, und mir anhören, wie dieser … dieser wilde Mann die Namen heidnischer Dämonen im Munde führt! Seht Euch doch selber an, Euch alle, wie Ihr an seinen Worten hängt, als stammte jedes einzelne davon aus dem Buche Ädon.«

»Die, von denen ich rede, sind lange vor Eurem heiligen Buch geboren, Bischof«, entgegnete Jarnauga milde; aber die schräge Haltung seines Kopfes war grimmig und kampfbereit.

»Reine Phantasie«, brummte Anodis. »Ihr haltet mich für einen mürrischen alten Mann, aber ich warne Euch vor solchen Kindermärchen, denn sie werden Euch ins Verderben führen. Trauriger jedoch ist, daß Ihr vielleicht unser ganzes Land mit Euch in den Abgrund reißt.«

Er machte das Zeichen des Baumes vor sich in die Luft, als zeichne er einen Schild, und wankte dann ohne ein weiteres Wort am Arm des jungen Priesters hinaus.

»Phantasie oder nicht, Dämonen oder Sithi«, erklärte nun Josua und stand von seinem Stuhl auf, um die Versammlung zu mustern, »dies hier ist meine Halle, und ich habe diesen Mann gebeten, uns zu berichten, was er weiß. Es wird keine weiteren Unterbrechungen geben.« Er ließ den Blick durch den dämmrigen Raum schweifen und setzte sich dann befriedigt wieder hin.

»Gut solltet Ihr mir nun lauschen«, fuhr Jarnauga fort, »denn jetzt kommt der Kern dessen, was ich zu sagen habe. Ich spreche von Ineluki, dem Sohn lyu'unigatos, des Erlkönigs.

Ineluki, dessen Name in der Sprache der Sithi ›Hier ist kluge Rede‹ bedeutet, war der jüngere der beiden Söhne des Königs. Gemeinsam mit seinem älteren Bruder Hakatri hatte er gegen die schwarze Hidohebhi gekämpft, den Mutterdrachen des roten Lindwurms Shurakai, den Johan der Priester erschlug, und auch die Mutter von Igjarjuk, dem weißen Drachen des Nordens.«

»Vergebung, Jarnauga.« Einer von Gwythinns Gefährten erhob sich. »Eure Worte klingen seltsam für uns, aber nicht völlig fremd. Wir Hernystiri kennen Geschichten von einem schwarzen Drachenweibchen, der Mutter aller Lindwürmer, nur daß sie darin Drochnathair genannt wird.«

Jarnauga nickte, wie ein Lehrer einem Schüler zunickt. »Das war ihr Name bei den ersten Menschen im Westen, lange bevor Hern den Taig in Hernysadharc errichtete. So überleben kleine Stücke und Reste älterer Wahrheit in den Geschichten, die Kinder im Bett hören oder die sich Soldaten und Jäger am Lagerfeuer erzählen. Aber Hidohebhi war ihr Name bei den Sithi, und sie war mächtiger als ihre beiden Kinder. Als die Königssöhne sie töteten – worüber man sich ebenfalls eine lange und berühmte Geschichte erzählt –, erlitt Inelukis Bruder Hakatri furchtbare Verletzungen, Verbrennungen vom schrecklichen Feuer des Wurms. In ganz Osten Ard gab es kein Heilmittel für seine Wunden oder Linderung für den unendlichen Schmerz, aber er konnte auch nicht sterben. Schließlich ließ ihn der König mit seinem vertrautesten Diener in ein Boot setzen, und sie segelten über den Ozean nach Westen, wo, wie die Sithi hofften, hinter der untergehenden Sonne ein anderes Land lag, ein Ort ohne Schmerzen, an dem Hakatri wieder gesund werden könnte.

So stand Ineluki trotz der Heldentat, Hidohebhi erschlagen zu haben, als Erbe seines Vaters unter dem Schatten von Hakatris Unglück. Möglicherweise machte er sich auch selber Vorwürfe. In der Folge verbrachte er lange Jahre damit, nach Wissen zu forschen, das wohl besser für Mensch und Sithi gleichermaßen unerreichbar hätte sein sollen. Vielleicht dachte er zuerst, er könne seinen Bruder heilen, ihn aus dem fremden, fernen Westen nach Hause holen … aber wie es bei solcher Suche immer geschieht, wurde das Forschen für ihn Selbstzweck und trug seinen Lohn in sich selbst; und Ineluki, dessen Schönheit einst die leise Musik im Palast von Asu'a gewesen war, entfremdete sich seinem Volk mehr und mehr und forschte an dunklen Stätten.

Und als sich die Menschen im Norden erhoben, plünderten und mordeten und endlich einen Ring aus giftigem Eisen um Asu'a legten, da war es Ineluki, der sich als einziger den Kopf darüber zerbrach, wie man aus der Falle entkommen könnte.

In den tiefen Höhlen unter der Feste, von kunstreichen Spiegeln erhellt, wuchsen die Hexenholz-Gärten, der Ort, an dem die Sithi die Bäume hegten, deren seltsames Holz sie gebrauchten wie die Männer des Südens die Bronze und die Nordleute das Eisen. Die Hexenholzbäume, deren Wurzeln, wie manche sagen, bis zum innersten Kern der Erde hinabreichen, wurden von Gärtnern gepflegt, die so heilig waren wie Priester. Jeden Tag sprachen sie die alten Zaubersprüche und hielten die sich niemals ändernden Rituale ab, die das Hexenholz zum Gedeihen brachten, während über ihnen im Palast der König und sein Hof immer tiefer in Verzweiflung und Vergessen sanken.

Aber Ineluki hatte weder die Gärten vergessen noch die dunklen Bücher, die er gelesen hatte, und auch nicht die Schattenpfade, die er bei seiner Suche nach Weisheit gegangen war. In seinen Gemächern, die keiner der anderen mehr betrat, begann er mit einem Werk, von dem er glaubte, es werde Asu'a und den Sithi die Rettung bringen. Auf irgendeine Weise, unter großen Schmerzen für sich selber, beschaffte er schwarzes Eisen, das er den Hexenholzbäumen zuführte wie ein Mönch, der seine Reben wässert. Viele der Bäume, nicht weniger empfindsam als die Sithi selbst, erkrankten daran und starben. Einer jedoch blieb am Leben.

Ineluki wob einen Zauber um diesen Baum, mit Worten, die älter waren als die Sithi, und mit Zaubermitteln, die noch tiefer hinabreichten als die Wurzeln des Hexenholzes. Der Baum wurde wieder stark, und jetzt rann giftiges Eisen durch seine Adern wie Blut. Die Hüter des heiligen Gartens sahen ihre Schützlinge sterben und flohen. Sie berichteten es König Iyu'unigato, der bestürzt war, aber seinem Sohn, da er ohnehin das Ende seiner Welt vor sich sah, nicht Einhalt gebieten wollte. Was nützte jetzt noch Hexenholz, da man von helläugigen Männern mit tödlichem Eisen in den Händen umringt war?

Das Wachstum des Baumes schwächte Ineluki sehr – genau wie die Gärten, aber sein Wille war stärker als jede Krankheit. Er gab nicht auf, und endlich war es an der Zeit, die ersehnte Ernte einzubringen. Er nahm das Grausige, das er gepflanzt hatte, das ganz von boshaftem Eisen durchwucherte Hexenholz, und stieg hinauf zu den Schmieden von Asu'a.