Abgemagert, so krank, daß er dem Wahnsinn nahe war, sah er die Schmiedemeister vor sich fliehen; er kümmerte sich nicht darum. Ganz allein schürte er die Feuer heißer als je zuvor; allein intonierte er die Worte der Schöpfung und schwang dabei den Hammer-der-formt, den keiner als der Oberste der Schmiede jemals geführt hatte.
Allein in den rotglühenden Tiefen von Asu'a schuf er ein Schwert, ein grausiges, graues Schwert, dessen bloße Materie Unheil auszustrahlen schien. Solch entsetzlichen, unheiligen Zauber beschwor Ineluki beim Schmieden, daß die Luft in der Schmiede vor Hitze zu knistern schien und die Mauern der Feste erbebten wie unter dem Schlag riesiger Fäuste.
Dann brachte er das neugeschmiedete Schwert in die große Halle seines Vaters, um seinem Volke zu zeigen, was ihnen die Rettung bescheren würde. Aber so schrecklich war sein Anblick und so furchterregend das graue Schwert, das in einem fast unerträglichen Licht leuchtete, daß die Sithi, von Grauen erfüllt, aus der Halle rannten. Nur Ineluki und sein Vater lyu'unigato blieben zurück.«
In dem tiefer werdenden Schweigen, das auf Jarnaugas Worte folgte, einer so tiefen Stille, daß selbst das Feuer zu sprühen aufgehört hatte, als hielten auch die Flammen den Atem an, spürte Simon, wie sich in seinem Nacken und an den Armen die Haare sträubten und ein sonderbarer Schwindel ihn befiel.
Ein … Schwert! Ein graues Schwert! Ich sehe es ganz deutlich! Was bedeutet das? Warum werde ich den Gedanken daran nicht los? Er kratzte sich mit beiden Händen grob am Schädel, als könnte er durch den Schmerz die Antwort herauslocken.
»Als nun der Erlkönig endlich sah, was sein Sohn geschaffen hatte, muß ihm das Herz in der Brust zu Eis erstarrt sein, denn die Klinge in Inelukis Hand war keine bloße Waffe, sondern eine Lästerung der Erde, der sowohl Eisen als auch Hexenholz entstammten. Sie war ein Loch im Gewebe der Schöpfung, aus dem das Leben heraussickerte.
›Ein Ding wie dieses ist wider die Natur‹, sprach er zu seinem Sohn. ›Besser ist es uns, in die Leere der Vergessenheit zu gehen, besser, daß die Sterblichen unsere Knochen zernagen – ja, besser wäre es, wir hätten nie gelebt, als daß ein Ding wie dieses jemals geschaffen worden, geschweige denn angewendet sein sollte.‹
Doch die Macht des Schwertes hatte Ineluki den Verstand geraubt, und er war in die Zauberkünste, die es hervorgebracht hatten, selbst auf das Furchtbarste verstrickt. ›Es ist die einzige Waffe, die uns retten kann‹, erwiderte er seinem Vater. ›Sonst werden diese Geschöpfe, diese Insekten, über das Angesicht unseres Landes ausschwärmen und dabei all das Schöne zugrunde richten und vernichten, das sie nicht einmal erkennen, geschweige denn begreifen können. Das zu verhindern ist jeden Preis wert.‹
›Nein‹, entgegnete lyu'unigato. ›Nein. Manchmal ist ein Preis zu hoch. Betrachte dich doch! Schon jetzt hat es dir Kopf und Herz geraubt. Ich bin nicht nur dein Vater, sondern auch dein König, und ich befehle dir, es zu zerstören, bevor es dich ganz und gar verschlingt.‹
Aber als er vernahm, was sein Vater von ihm forderte, die Vernichtung des Schwertes, das zu schmieden ihn fast das Leben gekostet und das er, wie er glaubte, nur geschaffen hatte, um sein Volk vor der Dunkelheit des Unterganges zu retten, da geriet Ineluki ganz und gar außer sich. Und er hob das Schwert und streckte seinen Vater nieder, so daß der König der Sithi den Tod fand.
Niemals zuvor war eine solche Tat geschehen, und als Ineluki lyu'unigato vor sich liegen sah, da weinte er bitterlich, nicht allein um seinen Vater, sondern auch um sich selbst und sein Volk. Endlich aber hob er das graue Schwert an seine Augen. ›Aus Leid bist du geboren‹, sagte er, ›und Leid hast du uns gebracht. Leid soll dein Name sein.‹ Und er nannte die Klinge Jingizu, was in der Sprache der Sithi Leid bedeutet.«
Leid … ein Schwert mit dem Namen Leid … Simon hörte es in seinem Kopf wie ein Echo, das durch seine Gedanken hin und her sprang, bis es schien, als wolle es Jarnaugas Worte und den Sturm draußen und die ganze Welt übertönen. Warum klang es so entsetzlich vertraut? Leid … Jingizu … Leid…
»Aber damit ist die Geschichte nicht zu Ende«, begann der Nordmann von neuem, und seine Stimme wurde stärker und warf ein Bahrtuch des Unbehagens über die Lauschenden. »Ineluki, von seiner eigenen Tat immer tiefer in den Wahnsinn getrieben, griff trotz allem nach der weißen Birkenholzkrone seines Vaters und erklärte sich zum König. So betäubt waren seine Angehörigen und sein Volk von dem Mord, daß sie nicht das Herz hatten, ihm Widerstand zu leisten. Einige freuten sich sogar insgeheim über diese Wende, vor allem fünf Sithi, die wie Ineluki über den Gedanken, sich den Sterblichen kampflos zu ergeben, erzürnt gewesen waren.
Ineluki, Leid in der Hand, war eine zügellose Macht. Mit seinen fünf Gefolgsleuten – von den verschreckten und abergläubischen Nordleuten die Rote Hand genannt, ihrer Zahl und der feuerfarbenen Mäntel wegen – trug Ineluki den Kampf vor die Mauern von Asu'a, zum ersten Mal in der fast dreijährigen Belagerung. Nur die schiere Masse der eisenschwingenden Tausendschaften von Fingils Horde hinderten den Nachtalb, zu dem Ineluki geworden war, daran, die Belagerung zu durchbrechen. Und doch hätte es sein können, daß noch immer Sithi-Könige über die Zinnen des Hochhorstes wandeln würden, hätten sich die übrigen Sithi hinter ihn gestellt.
Aber Inelukis Volk hatte nicht mehr den Willen zu kämpfen. Voller Angst vor ihrem neuen König, schaudernd vor seinem Mord an lyu'unigato, nutzten sie statt dessen das von Ineluki und seiner Roten Hand angerichtete Gemetzel und flohen aus Asu'a, angeführt von Amerasu, der Königin, und Shima'onari, dem Sohn von Inelukis Bruder Hakatri. Sie entkamen über die dunklen, aber schützenden Pfade des Aldheorte und verbargen sich dort vor dem Blutrausch der Sterblichen und vor ihrem eigenen König.
So geschah es, daß Ineluki sich am Ende mit wenig mehr als seinen fünf Kriegern allein im glitzernden Skelett von Asu'a fand. Selbst sein machtvoller Zauber hatte sich schließlich als zu schwach erwiesen, um der gewaltigen Masse von Fingils Heer zu widerstehen. Die Schamanen aus dem Norden raunten ihre Runen, und der letzte schützende Zauber fiel von den uralten Mauern ab. Mit Pech und Stroh und Fackeln setzten die Rimmersmänner die schlanken Bauten in Brand. Als der Rauch und die Flammen aufstiegen, zerrten die Nordmänner die letzten der Sithi aus ihren Schlupfwinkeln, jene, die zu schwach oder zu ängstlich zur Flucht oder ihrer unvergeßlichen Heimat zu treu gewesen waren. Schreckliche Greueltaten begingen Fingils Rimmersmänner in diesem Brand; die verbliebenen Sithi hatten kaum noch Kraft, sich zu wehren. Ihre Welt war dem Untergang geweiht. Die grausamen Morde, die erbarmungslosen Folterungen und Schändungen hilfloser Opfer, die lachende Zerstörung tausender kostbarer und unersetzlicher Dinge – mit diesen Taten setzte Fingil Rothands Heer sein scharlachrotes Siegel auf unsere Geschichte und hinterließ einen Fleck, der nie mehr ausgelöscht werden kann. Und zweifellos hörten jene, die in den Wald geflohen waren, die Schreie, und schauderten und weinten zu ihren Ahnen um Gerechtigkeit.
In dieser letzten, schicksalhaften Stunde nahm Ineluki seine Rote Hand und stieg mit ihnen auf die Spitze des höchsten Turmes von Asu'a. Offensichtlich hatte er beschlossen, daß dort, wo kein Raum mehr für die Sithi war, auch die Menschen niemals eine Heimat finden sollten.
An diesem Tag sprach er noch grausigere Worte als je zuvor, um ein Vielfaches böser selbst als jene, mit deren Hilfe er die Materie gebunden hatte, aus der das Schwert Leid bestand. Als seine Stimme über die Feuersbrunst hallte, stürzten Rimmersmänner auf dem Hof schreiend zu Boden. Ihre Gesichter waren verkohlt; Blut rann ihnen aus Augen und Ohren. Das Singen steigerte sich zu ohrenzerreißender Höhe und wurde zu einem entsetzlichen Aufschrei der Todesqual. Ein gewaltiger Blitzschlag färbte den Himmel weiß, sofort gefolgt von einer Finsternis, die so tief war, daß selbst Fingil in seinem eine Meile entfernten Zelt mit jäher Blindheit geschlagen zu sein glaubte.