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Und doch hatte Ineluki nicht erreicht, was er wollte. Asu'a stand noch und brannte weiter, auch wenn jetzt ein großer Teil von Fingils Heer klagend und sterbend am Fuße des Turmes lag. Oben in der Spitze, seltsam unberührt von Rauch oder Flammen, siebte der Wind sechs Häufchen grauer Asche und zerstreute sie langsam am Boden.«

Leid … In Simons Kopf drehte sich alles, und das Atmen fiel ihm schwer. Das Licht der Fackeln schien wild zu flackern. Der Berghang. Ich hörte die Wagenräder … sie brachten Leid! Ich erinnere mich … es war wie der Teufel in einer Kiste … das Herz allen Leids.

»So starb Ineluki. Einer von Fingils Unterführern, der Minuten später seinen letzten Atemzug tat, schwor, er habe eine ungeheure Gestalt aus dem Turm aufsteigen sehen, glühendrot wie Kohlen im Feuer; sie kräuselte sich wie Rauch und griff nach dem Himmel wie eine riesige rote Hand…«

»NEIN!« schrie Simon und sprang auf. Eine Hand griff nach ihm und wollte ihn festhalten, dann noch eine, aber er schüttelte sie ab wie Spinnweben. »Sie brachten das graue Schwert, das grausige Schwert! Und dann sah ich ihn! Ich sah Ineluki! Er war … er war…«

Der Raum schwankte hin und her und Gesichter mit aufgerissenen Augen – Isgrimnur, Binabik, der alte Jarnauga – sprangen vor ihm auf wie hüpfende Fische im Teich. Er wollte weiterreden, ihnen vom Berghang und den weißen Dämonen erzählen, aber ein schwarzer Vorhang fiel vor seine Augen und etwas dröhnte in seinen Ohren…

Simon hastete durch dunkle Orte, und seine einzigen Gefährten waren Worte im leeren Raum.

Mondkalb! Komm zu uns! Hier wartet ein Platz auf dich! Ein Knabe! Ein Kind der Sterblichen! Was hat es gesehen, was hat es gesehen?

Laßt seine Augen gefrieren und tragt ihn hinunter in den Schatten. Bedeckt ihn mit haftendem, stechendem Frost.

Eine Gestalt ragte vor ihm auf; ein Schatten, gewaltig wie ein Berg, auf dem Kopf ein Geweih. Er trug eine Krone aus blassen Steinen, und seine Augen waren wie rotes Feuer. Rot war auch seine Hand, und als sie Simon packte und hochhob, brannten die Finger wie feurige Lohe. Weiße Gesichter umtanzten ihn und schwankten in der Finsternis wie Kerzenflammen.

Das Rad dreht sich, Sterblicher, dreht sich weiter und weiter … Wer bist du, es anzuhalten?

Eine Fliege ist er, eine kleine Fliege…

Die Scharlachfinger zerquetschten ihn, und die feurigen Augen glühten in dunkler und unermeßlicher Belustigung. Simon schrie und schrie, aber nur unbarmherziges Gelächter antwortete ihm.

Er erwachte aus dem seltsamen Wirbel singender Stimmen und nach ihm greifender Hände und fand das Spiegelbild seines Traumes im Kreis der über ihn gebeugten Gesichter, im Fackelschein bleich wie ein Feenring aus Pilzen. Hinter den verschwommenen Gesichtern schien die Wand mit Punkten aus gleißendem Licht gesäumt, die nach oben ins Dunkle hinaufstiegen.

»Er wacht auf«, sagte eine Stimme, und auf einmal waren die glitzernden Punkte klar zu erkennen: Reihen von Töpfen, die an ihren Gestellen hingen. Er lag auf dem Boden einer Küche.

»Sieht nicht gut aus«, meinte eine tiefe Stimme unruhig. »Ich hole ihm lieber noch etwas Wasser.«

»Ich bin sicher, er fühlt sich bald wieder ausgezeichnet, falls Ihr wieder hineingehen möchtet«, antwortete die erste Stimme, und Simon ertappte sich dabei, daß er die Augen zusammenkniff und dann weit aufriß, bis das Gesicht, das zu der Stimme gehörte, nicht länger ein trüber Fleck war. Es war Marya – nein, es war Miriamel, die neben ihm kniete; er konnte nicht umhin zu bemerken, daß der Saum ihres Kleides zerknittert unter ihr auf dem schmutzigen Steinfußboden lag.

»Nein, nein«, versetzte der andere – Herzog Isgrimnur, der sich nervös am Bart zupfte.

»Was … ist geschehen?« War er gestürzt und hatte sich den Kopf aufgeschlagen? Er griff hinauf und tastete sich vorsichtig ab, aber es tat ihm eigentlich überall weh, wenngleich keine Beule festzustellen war.

»Umgekippt bist du, Junge«, brummte Isgrimnur. »Geschrien hast du von … von Dingen, die du gesehen hast. Ich hab dich hinausgetragen – fast wäre mir dabei eine Ader geplatzt.«

»Und dann stand er da und starrte dich an, als du am Boden lagst«, erklärte Miriamel in strengem Ton. »Nur gut, daß ich kam.« Sie blickte zu dem Rimmersmann auf. »Ihr kämpft doch in der Schlacht, oder nicht, Herzog? Was tut Ihr dort, wenn jemand verwundet ist – ihn anstarren?«

»Das ist etwas anderes«, verteidigte sich Isgrimnur. »Verbinden, wenn sie bluten. Auf dem Schild zurücktragen, wenn sie tot sind.«

»Sehr gescheit«, meinte Miriamel bissig, aber Simon sah ein verstohlenes Lächeln über ihre Lippen gleiten. »Und wenn sie nicht bluten oder tot sind, steigt Ihr wohl einfach über sie hinweg? Aber lassen wir das.« Der Herzog klappte den Mund zu und fuhr fort, an seinem Bart zu zupfen.

Die Prinzessin wischte Simon weiter mit ihrem angefeuchteten Taschentuch die Stirn ab. Er konnte sich nicht recht vorstellen, was das nützen sollte, aber für den Augenblick war er damit zufrieden, liegenzubleiben und sich pflegen zu lassen. Er wußte, daß er nur allzubald eine Erklärung abgeben mußte.

»Ich … mir schwante gleich, daß ich dir schon begegnet war, Junge«, bemerkte Isgrimnur nach einer Weile. »Du warst doch der Bursche in Sankt Hoderund, habe ich recht? Und dieser Troll … mir war, als hätte ich so etwas gesehen…«

Die Küchentür öffnete sich ein weiteres Stück. »Ah, Simon! Ich hoffe, es geht deiner Gesundheit wieder besser.«

»Binabik«, sagte Simon und versuchte sich aufzurichten. Aber Miriamel lehnte sich sanft, aber fest gegen seine Brust und zwang ihn wieder nach unten. »Ich habe es gesehen, wirklich! Das war es, woran ich mich nicht erinnern konnte! Der Berghang und das Feuer und … und…«

»Ich weiß, Freund Simon. Vieles wurde mir klar, als du aufsprangest – wenn auch nicht alles. Es gibt noch genug Ungeklärtes in diesem Rätsel.«

»Sie müssen mich für einen Verrückten halten«, stöhnte Simon und schob die Hand der Prinzessin fort, nicht ohne den Augenblick der Berührung zu genießen. Was mochte sie wohl denken? Jetzt schaute sie ihn an wie ein großes Mädchen einen nichtsnutzigen kleinen Bruder. Verdammte Mädchen und verdammte Frauen!

»Nein, Simon«, erwiderte Binabik und hockte sich neben Miriamel, um ihn sorgfältig zu mustern. »Ich habe inzwischen viele Geschichten erzählt, nicht zuletzt von unseren gemeinsamen Abenteuern. Jarnauga hat vieles bestätigt, das mein Meister andeutete. Auch er erhielt eine von Morgenes' letzten Botschaften. Nein, niemand hält dich für verrückt, obwohl ich glaube, daß immer noch viele die wirkliche Gefahr unterschätzen. Und allen voran, denke ich, Baron Devasalles.«

»Ähem…« Isgrimnur scharrte mit dem Stiefel auf dem Boden. »Wenn der Junge gesund ist, sollte ich wohl lieber wieder hineingehen. Simon, ja? Hmmm, ja … du und ich, wir reden noch miteinander.« Der Herzog manövrierte seinen beträchtlichen Umfang aus der schmalen Küche und polterte den Gang hinunter.

»Und ich gehe auch hinein«, verkündete Miriamel und klopfte sich energisch den ärgsten Staub vom Leib. »Es gibt Fragen, über die nicht entschieden werden sollte, bevor man mich nicht gehört hat, wie auch immer mein Onkel darüber denken mag.«

Simon wollte ihr danken, aber als er da so auf dem Rücken lag, fiel ihm nichts ein, bei dem er sich nicht noch lächerlicher vorkommen würde als so schon. Bis er sich durchgerungen hatte, seinen Stolz über Bord zu werfen, war die Prinzessin schon in einem Wirbel aus Seide zur Tür hinaus.