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»Und wenn du dich bis zur Genüge erholt hast, Simon«, bemerkte Binabik und streckte eine kleine, stumpfe Hand aus, »dann gibt es Dinge in der Halle des Rates, die wir uns anhören müssen; denn ich denke, daß Naglimund nie zuvor einen Raed erlebt hat, der diesem ähnelte.«

»Sei gewiß, Junge«, erläuterte Jarnauga, »daß ich dir zwar fast alles glaube, was du uns gesagt hast, aber es war sicher nicht Ineluki, den du auf dem Berg gesehen hast.«

Die Feuer waren zu träumenden Kohlen herabgebrannt, aber keine Seele hatte die Halle verlassen. »Hättest du den Sturmkönig erblickt, in der Gestalt, die er heute tragen muß, wärst du als versengte, deines Verstandes beraubte Hülle bei den Zornsteinen liegengeblieben. Nein, was du sahst – außer den bleichen Nornen und Elias und seinen Gefolgsleuten –, muß einer der Roten Hand gewesen sein. Und selbst dann erscheint es mir als großes Wunder, daß du eine nächtliche Vision dieser Art mit heilem Herzen und Verstand überstanden hast.«

»Aber … aber…« Als ihm nach und nach wieder einfiel, was der alte Mann gesagt hatte, unmittelbar bevor die Mauer des Vergessens zu bröckeln begann und die Erinnerungen an jene Schreckensnacht daraus hervorquollen – Steinigungsnacht hatte der Doktor sie genannt –, war Simon wieder verwirrt und ratlos. »Aber ich dachte, Ihr hättet erzählt, Ineluki und seine … Rote Hand … seien tot?«

»Tot, ja; ihre irdischen Gestalten verbrannten in jenen letzten, glühendheißen Augenblicken vollständig. Aber etwas überlebte; jemand oder etwas war imstande, das Schwert Leid von neuem zu erschaffen. Irgendwie – und dazu brauchte ich nicht erst deinen Bericht zu hören, denn das war schließlich der Grund, warum der Bund der Schriftrolle überhaupt gestiftet wurde – haben Ineluki und seine Rote Hand überlebt; vielleicht als lebendige Träume oder Gedanken, nur von Haß und den entsetzlichen Runen, die Ineluki zuletzt für sie warf, zusammengehalten. Doch ganz gleich wie: Die Dunkelheit, die Inelukis Geist war, als alles um ihn endete, starb nicht.

Drei Jahrhunderte danach kam König Eahlstan Fiskerne auf den Hochhorst, die Burg, die auf den Gebeinen Asu'as errichtet war. Eahlstan war weise und suchte Wissen, und er fand Dinge in den Ruinen unter dem Hochhorst, die ihn begreifen ließen, daß Ineluki nicht endgültig vernichtet war. Er gründete den Bund, dem ich angehöre – und wir werden jetzt schnell weniger, nachdem wir Morgenes und Ookequk verloren haben –, damit das alte Wissen nicht verlorenginge. Nicht nur das Wissen vom dunklen Herrn der Sithi, sondern auch von anderen Dingen; denn damals war eine schlimme Zeit für den Norden von Osten Ard. Im Laufe der Jahre entdeckte man – oder glaubte vielmehr, entdeckt zu haben –, daß Ineluki oder sein Geist, sein Schatten, sein lebendiger Wille sich bei den einzigen Wesen, die ihn vielleicht willkommen heißen würden, von neuem gezeigt hatte!«

»Die Nornen!« sagte Binabik so plötzlich, als sei eine Nebelbank vor seinen Augen davongeweht worden.

»Die Nornen«, bestätigte Jarnauga. »Ich bezweifle, daß zu Anfang selbst die Weißfüchse wußten, wie er sich verwandelt hatte; aber sicher war sein Einfluß auf Sturmrspeik schon bald zu groß, als daß jemand sich ihm hätte verweigern können. Und mit ihm kehrte auch seine Rote Hand zurück, wenn auch in einer nie zuvor auf Erden gesehenen Gestalt.«

»Und wir hatten geglaubt, daß der Löken, den die Schwarz-Rimmersmänner anbeteten, nur unser eigener Feuergott aus heidnischer Zeit sei«, bemerkte Isgrimnur verwundert. »Hätte ich gewußt, wie weit sie vom Pfad des Lichtes abgewichen waren…« Er strich mit dem Finger über den Baum an seinem Hals. »Usires!« flüsterte er leise.

Prinz Josua, der lange schweigend gelauscht hatte, beugte sich vor. »Aber wenn dieser Dämon aus der Vergangenheit tatsächlich unser wahrer Feind ist – warum zeigt er sich dann nicht? Warum schiebt er meinen Bruder Elias vor?«

»Jetzt kommen wir an einen Punkt, an dem auch die langen Jahre meiner Untersuchungen, hoch über Tungoldyr, nicht weiterhelfen können.« Jarnauga zuckte die Achseln. »Ich beobachtete und ich lauschte und beobachtete wieder, denn das war meine Aufgabe – aber was im Inneren eines Wesens wie des Sturmkönigs vorgeht, das übersteigt meine Vorstellungskraft.«

Ethelferth von Tinsett stand auf und räusperte sich. Josua nickte ihm zu, er möge reden.

»Wenn das alles wahr ist … und ich sage Euch, mir brummt der Kopf davon. … dann kann ich mir das Letzte denken.« Er blickte sich um, als erwarte er, daß man ihn für diese Anmaßung niederbrüllen werde, sah aber in den Gesichtern ringsum nur Sorge und Verwirrung, so daß er sich nochmals räusperte, bevor er fortfuhr. »Der Rimmersmann«, er machte eine Kopfbewegung zu dem alten Jarnauga hinüber, »hat gesagt, es sei unser eigener Eahlstan Fiskerne gewesen, der als erster bemerkte, daß der Sturmkönig zurückgekehrt war. Das war dreihundert Jahre, nachdem Fingil den Hochhorst eroberte – oder wie immer er damals hieß. Inzwischen sind fast zweihundert Jahre vergangen. Das klingt für mich, als brauchte dieser … Dämon, muß man wohl sagen … sehr viel Zeit, um wieder zu Kräften zu kommen.

Nun wissen wir aber alle«, sprach er weiter, »wir Männer, die inmitten gieriger Nachbarn ihr Land festgehalten haben«, er warf einen listigen Blick auf Ordmaer, aber der dicke Baron war schon vor einiger Zeit recht blaß geworden und schien keinen Anspielungen zugänglich, »daß der beste Weg, selbst in Sicherheit zu bleiben und dabei Zeit zu gewinnen, um seine Kräfte zu sammeln, darin besteht, die Nachbarn untereinander kämpfen zu lassen. Mich dünkt, genau so verhält es sich hier. Dieser Rimmersgard-Dämon macht Elias ein Geschenk und hetzt ihn dann zum Kampf gegen seine Barone, Herzöge und so weiter auf.« Ethelferth blickte sich um, zog sein Wams gerade und setzte sich wieder hin.

»Es ist kein ›Rimmersgard-Dämon‹«, knurrte Einskaldir. »Wir sind alle entsühnte ädonitische Männer.«

Josua beachtete die Bemerkung des Nordmannes nicht. »Es liegt etwas Wahres in Euren Worten, Herr Ethelferth; aber ich glaube, wer Elias kennt, wird mir zustimmen, daß er eigene Pläne verfolgt.«

»Er hat keinen Sithi-Dämon gebraucht, um mir mein Land zu stehlen«, warf Isgrimnur bitter ein.

»Trotzdem…«, fuhr Josua fort. »Ich finde Jarnauga und Binabik von Yiqanuc … und den jungen Simon, der Doktor Morgenes' Lehrling war … alle viel zu beunruhigend vertrauenswürdig. Ich wünschte, ich könnte behaupten, ihnen ihre Geschichten nicht zu glauben; ich bin mir auch noch nicht sicher, was ich eigentlich glaube; aber ich kann sie jedenfalls nicht übergehen.« Er wandte sich wieder Jarnauga zu, der mit einem eisernen Schürhaken in einer der Feuerstellen grub.

»Wenn diese unheilvollen Warnungen, die Ihr uns bringt, berechtigt sind, so sagt mir eines: Was will Ineluki?«

Der alte Mann starrte in das Feuer und stocherte dann nochmals energisch darin herum. »Wie ich Euch erzählt habe, Prinz Josua, war es meine Aufgabe, die Augen des Bundes zu sein. Sowohl Morgenes als auch der Meister des jungen Binabik wußten mehr als ich darüber, was im Inneren des Gebieters von Sturmspitze verborgen sein mag.« Er hob die Hand, als wolle er weitere Fragen abwehren. »Wenn ich aber eine Vermutung äußern soll, so ist es diese: Denkt an den Haß, der Ineluki in der Leere am Leben hielt, ihn aus den Flammen seines eigenen Todes zurückbrachte…«

»Dann ist es«, Josuas Stimme fiel schwer in die dunkle, atmende Halle, »Rache, was Ineluki begehrt?«

Jarnauga starrte wortlos in die Glut.

»Wir müssen über vieles nachdenken«, erklärte der Herr von Naglimund, »und dürfen keine übereilten Beschlüsse fassen.« Er stand auf, hochgewachsen und bleich, das schmale Gesicht wie eine Maske vor seinen verborgenen Gedanken. »Wir kommen morgen bei Sonnenuntergang wieder hier zusammen.« Eine graugekleidete Wache zu beiden Seiten, verließ er die Halle.