Im Saal drehten die Männer sich um und sahen einander an, erhoben sich, fanden sich zu kleinen, stummen Gruppen zusammen. Simon sah Miriamel, die keine Möglichkeit zum Reden gefunden hatte, zwischen Ethelferth und dem hinkenden Isgrimnur hinausgehen.
»Komm, Simon«, sagte Binabik und zupfte ihn am Ärmel. »Ich denke, ich werde Qantaqa Auslauf gewähren, nun, da der Regen etwas nachgelassen hat. Solche Umstände muß man nützen. Noch hat man mich nicht meiner Vorliebe beraubt, im Gehen, mit dem Wind im Gesicht, nachzudenken – und es gibt vieles, über das ich nachdenken sollte.«
»Binabik«, begann Simon endlich, und der Tag, so voller Schrecken, der ihn müde gemacht hatte, lag schwer auf seinem Gemüt. »Erinnerst du dich noch an den Traum, den ich hatte … den wir alle hatten … damals in Geloës Haus? Sturmspitze … und das Buch?«
»Ja«, erwiderte der kleine Mann ernst. »Das ist eines der Dinge, die mir Sorgen machen. Die Worte – die Worte, die du sahst – lassen mich nicht los. Ich fürchte, es liegt ein Rätsel von allergrößter Bedeutung darin.«
»Du … Du Svar…« Simon kämpfte mit seinen Erinnerungen. »Du Svardenvyrd hieß es«, seufzte Binabik. »Das Verhängnis der Schwerter.«
Die heiße Luft schlug schmerzhaft an Pryrates' haarloses und ungeschütztes Gesicht, aber er gestattete es sich nicht, sein Unbehagen zu zeigen. Während er mit wehenden Gewändern die Gießerei durchschritt, sah er mit Befriedigung, wie die Arbeiter, die Masken und schwere Mäntel trugen, ihn anstarrten und zurückzuckten, wenn er an ihnen vorbeikam. Das pulsierende Licht der Schmiede versetzte ihn in gehobene Stimmung, und er lachte kurz in sich hinein, als er sich einen Augenblick vorstellte, als Erzdämon über die Ziegel der Hölle zu schreiten, während rechts und links die kleinen Unterteufel zur Seite spritzten.
Gleich darauf verschwand die gute Laune, und seine Züge verfinsterten sich. Irgend etwas geschah mit diesem kleinen Miststück, Morgenes' Zauberlehrling; Pryrates wußte es. Er hatte es so deutlich gespürt, als hätte man ihn mit einem spitzen Gegenstand gestochen. Seit der Steinigungsnacht bestand eine seltsame, lockere Verbindung zwischen ihnen; sie biß nach ihm und nagte an seiner Konzentration. Das Werk jener Nacht war zu wichtig, zu gefahrvoll gewesen, als daß es irgendeine Einmischung vertragen hätte. Nun dachte der Junge wieder daran, erzählte wahrscheinlich Lluth oder Josua oder sonst jemandem alles, was er wußte. Man mußte sich ernsthaft mit diesem lästigen, überall herumschnüffelnden Burschen befassen.
Pryrates blieb vor dem großen Schmelzkessel stehen und baute sich mit über der Brust gekreuzten Armen davor auf. So stand er lange Zeit, ohnehin zornig und noch zorniger werdend, weil man ihn warten ließ. Endlich eilte einer der Gießer herbei und beugte ungeschickt das in einer dicken Hose steckende Knie.
»Wie dürfen wir Euch dienen, Meister Pryrates?« fragte der Mann, die Stimme durch das feuchte Tuch gedämpft, das den unteren Teil seines Gesichtes bedeckte.
Der Priester starrte ihn so lange stumm an, bis sich das, was von der Miene des Mannes sichtbar war, von Unbehagen in wirkliche Furcht verwandelte.
»Wo ist euer Aufseher?« zischte er.
»Dort, Vater.« Der Mann deutete auf eine der dunklen Öffnungen in der Wand der Gießereihöhle. »Eines von den Kurbelrädern an der Winde hat sich gelöst … Eure Eminenz.«
Das war zwar ein unverdienter Titel, denn Pryrates war nach außen hin noch immer nichts als ein gewöhnlicher Priester, aber es klang ihm nicht unharmonisch in den Ohren.
»Nun …?« erkundigte sich Pryrates. Der Mann reagierte nicht, und der Priester versetzte ihm einen harten Tritt gegen das lederbedeckte Schienbein. »Los, hole ihn!« schrillte er.
Mit kopfwackelnder Verbeugung hinkte der Mann davon. In der gepolsterten Kleidung bewegte er sich wie ein Krabbelkind. Pryrates war sich der Schweißperlen bewußt, die sich auf seiner Stirn bildeten, der Luft, die der Hochofen ausspie und die das Innere seiner Lungen zu backen schien, aber dennoch verzog sich sein hageres Gesicht zu einem knappen Grinsen. Er hatte schon Schlimmeres erlebt: Gott … oder wer sonst … wußte es.
Endlich erschien, riesenhaft und bedächtig, der Aufseher. Seine Größe, als er endlich schlurfend zum Stehen kam und Pryrates weit überragte, war an sich schon fast eine Beleidigung.
»Ich nehme an, du weißt, weshalb ich hier bin?« fragte der Priester mit glitzernden schwarzen Augen und vor Unzufriedenheit verkniffenem Mund.
»Wegen der Maschinen«, erwiderte der andere mit ruhiger Stimme, die jedoch einen kindisch gekränkten Unterton besaß.
»Ja, wegen der Belagerungsmaschinen!« fauchte Pryrates wütend. »Nimm die verdammte Maske ab, Inch, damit ich dich sehe, wenn ich mit dir rede!«
Der Aufseher streckte eine borstenhaarige Pranke aus und schlug das Tuch zurück. Sein zerstörtes Gesicht, wellig von Brandnarben rund um die leere rechte Augenhöhle, verstärkte das Gefühl des Priesters, in einer der Vorhallen der Großen Hölle zu stehen.
»Die Maschinen sind noch nicht fertig«, erklärte Inch beharrlich.
»Verloren drei Männer, als letzten Drorstag das große Ding zusammenbrach. Geht langsam.«
»Ich weiß, daß sie noch nicht fertig sind. Nimm dir mehr Männer. Ädon weiß, daß genügend Faulpelze auf dem Hochhorst herumlungern. Wir werden ein paar vom Adel mitarbeiten lassen, damit sie auch einmal Blasen an ihre feinen Hände bekommen. Aber der König verlangt die Maschinen, und zwar schnell. In zehn Tagen zieht er ins Feld. In zehn Tagen, verdammt!«
Inchs einzige Braue hob sich langsam wie eine Zugbrücke. »Naglimund. Er will nach Naglimund, nicht wahr?« In seinem Auge glühte ein hungriges Licht.
»Das braucht dich nicht zu kümmern, du narbiger Affe«, meinte Pryrates verächtlich. »Sorge lieber dafür, daß alles fertig wird! Du weißt, warum man dir diese gehobene Stellung gegeben hat … aber wir können sie dir auch wieder wegnehmen…«
Pryrates konnte Inchs Blick auf sich fühlen, als er ging, konnte die steinerne Persönlichkeit des Aufsehers im rauchigen, flackernden Licht spüren. Wieder fragte er sich, ob es klug gewesen war, den Mann leben zu lassen und ob er, falls nicht, den Irrtum berichtigen sollte.
Der Priester hatte einen der breiten Treppenabsätze erreicht, von dem Gänge nach rechts und links führten. Vor ihm lag die nächste Stufenreihe. Plötzlich glitt eine dunkle Gestalt aus dem Schatten auf ihn zu.
»Pryrates?«
Der Angesprochene, dessen Nerven von der Art waren, daß er vielleicht nicht einmal aufgeschrien hätte, wenn ihn ein Axthieb träfe, fühlte dennoch sein Herz schneller schlagen.
»Majestät«, erwiderte er ruhig.
Elias hatte sich in unbeabsichtigter Verhöhnung der Gießereiarbeiter in der Tiefe die schwarze Mantelkapuze eng über das Gesicht gezogen. Er tat das neuerdings immer, zumindest wenn er seine Gemächer verließ, so wie er auch zu jeder Zeit das in der Scheide steckende Schwert trug. Der Gewinn dieser Klinge hatte dem König eine Macht eingebracht, wie sie nur wenigen Sterblichen vor ihm zuteil geworden war, aber er hatte einen Preis dafür zahlen müssen. Der rote Priester war klug genug zu wissen, daß das Abwägen von Für und Wider bei einem solchen Handel eine höchst verzwickte Wissenschaft war.
»Ich … ich kann nicht schlafen, Pryrates.«
»Begreiflich, mein König. Es liegen viele Lasten auf Euren Schultern.«
»Ihr helft mir … bei vielen. Habt Ihr nach den Belagerungsmaschinen gesehen?«
Pryrates nickte, erkannte dann aber, daß Elias es im dunklen Treppenhaus und unter seiner Kapuze vielleicht nicht sehen konnte. »Ja, Herr. Am liebsten würde ich Inch, dieses Schwein von einem Aufseher, an einem seiner eigenen Feuer rösten. Aber wir werden sie bekommen, Herr, so oder so.«
Der König schwieg eine lange Weile und strich über den Griff seines Schwertes. »Naglimund muß vernichtet werden«, sagte er endlich. »Josua widersetzt sich mir.«