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»Er ist nicht mehr Euer Bruder, Herr, nur noch Euer Feind.«

»Nein, nein…«, versetzte Elias langsam und sehr nachdenklich. »Er ist mein Bruder. Darum kann ich nicht dulden, daß er mir Widerstand leistet. Das scheint mir offensichtlich. Ist es nicht offensichtlich, Pryrates?«

»Selbstverständlich, Majestät.«

Der König hüllte sich enger in seinen Mantel, wie um sich vor einem kalten Wind zu schützen; doch die aus der Tiefe dringende Luft war schwer von der Hitze der Schmiedefeuer.

»Habt Ihr meine Tochter noch nicht gefunden?« erkundigte er sich übergangslos und blickte auf. In der Höhle, die von der Kapuze des Königs gebildet wurde, konnte Pryrates schwach den Glanz in seinen Augen und den Schatten seines Gesichtes erkennen.

»Wie ich Euch schon sagte, Herr – wenn sie nicht nach Nabban gegangen ist, zur Familie ihrer Mutter – und unsere Spione glauben nicht, daß das der Fall ist –, dann ist sie bei Josua in Naglimund.«

»Miriamel.« Der ausgeatmete Name schwebte durch das steinerne Treppenhaus. »Ich muß sie wiederhaben, ich muß!« Der König streckte die offene Hand aus und ballte sie vor sich langsam zur Faust. »Sie ist das einzige Wertstück, das ich aus den Scherben des Hauses meines Bruders retten werde. – Alles übrige werde ich zu Staub zertreten.«

»Dazu besitzt Ihr jetzt die Stärke, mein König«, antwortete Pryrates. »Und Ihr habt mächtige Freunde.«

»Ja.« Der Hochkönig nickte langsam. »Ja, das ist wahr. Und was ist mit Ingen Jegger, dem Jäger? Er hat meine Tochter nicht gefunden und ist auch nicht hierher zurückgekehrt. Wo hält er sich auf?«

»Er jagt noch immer den Zauberlehrling, Majestät. Es ist eine Art … persönlicher Groll geworden.« Pryrates machte eine Handbewegung, als wollte er die unangenehme Erinnerung an den Schwarz-Rimmersmann verscheuchen.

»Mir scheint, daß man sehr viel Mühe aufwendet, um diesen Jungen zu finden, von dem Ihr sagt, er kenne ein paar unserer Geheimnisse.« Der König runzelte die Stirn und erklärte rauh: »Ich wünschte mir, man hätte für mein eigenes Fleisch und Blut ebensoviel Sorge getragen. Ich bin nicht glücklich darüber.« Sekundenlang glitzerten die verschatteten Augen zornig. Er wandte sich zum Gehen, blieb jedoch noch einmal stehen.

»Pryrates?« Die Stimme des Königs hatte sich verändert.

»Ja, Gebieter?«

»Meint Ihr, daß ich besser schlafen werde … wenn Naglimund besiegt ist und ich meine Tochter wiederhabe?«

»Ich bin überzeugt davon, mein König.«

»Gut. Nachdem ich das weiß, werde ich es um so mehr genießen.« Elias glitt durch den düsteren Gang davon. Pryrates regte sich nicht, sondern lauschte den entschwindenden Schritten des Königs, die sich mit dem Schlag der Hämmer von Erkynland vermischten, deren eintöniger Lärm aus der Tiefe heraufdröhnte.

XXXIV

Vergessene Schwerter

Vara war wütend. Der Pinsel in ihrer Hand zitterte, und ein roter Strich zog sich über ihr Kinn.

»Nun seht Euch an, was ich getan habe!« sagte sie, und der Ärger verstärkte ihren dicken Thrithing-Akzent noch. »Es ist grausam von Euch, mich so zu drängen.« Sie wischte sich den Mund mit einem Tuch ab und begann von neuem.

»Bei Ädon, Weib, es geht um wichtigere Dinge als das Anstreichen Eurer Lippen!« Josua stand auf und nahm sein Herumwandern wieder auf.

»Sprecht nicht so mit mir, Herr! Und lauft nicht so in meinem Rücken herum…«, sie machte eine Handbewegung und suchte nach Worten, »… hin und her, hin und her … Wenn Ihr mich schon auf den Gang hinauswerfen müßt wie eine Troßdirne, dann will ich mich wenigstens erst dazu bereit machen.«

Der Prinz hob einen Schürhaken vom Boden auf, bückte sich und stocherte in der Glut. »Man ›wirft Euch nicht auf den Gang hinaus‹, Herrin.«

»Wenn ich wirklich Eure Herrin bin«, versetzte Vara finster, »wieso darf ich dann nicht bleiben? Schämt Ihr Euch meiner?«

»Unsinn! Aber wir werden Dinge besprechen, die Euch nicht betreffen. Falls Ihr es noch nicht bemerkt haben solltet – wir rüsten uns für einen Krieg. Ich bedaure es, wenn Euch das lästig ist.« Er erhob sich ächzend, wobei er den Schürhaken wieder sorgfältig neben den Kamin legte. »Geht und unterhaltet Euch mit den anderen Damen. Seid froh, daß Ihr meine Last nicht tragen müßt.«

Vara fuhr herum und sah ihn an. »Die anderen Damen hassen mich«, stellte sie mit schmalen Augen fest. Eine schwarze Haarlocke lag lose auf ihrer Wange. »Ich höre, wie sie über Prinz Josuas Grasländerschlampe tuscheln. Und ich hasse sie auch, diese Kühe aus dem Norden! In meines Vaters Markland würde man sie auspeitschen für diesen … diesen…«, sie kämpfte mit der Sprache, die sie noch nicht völlig beherrschte, »… diesen Mangel an Ehrerbietung!« Sie holte tief Atem, um ihr Zittern zur Ruhe zu bringen. »Warum seid Ihr so kalt zu mir, Herr?« fragte sie dann. »Und warum habt Ihr mich hierhergebracht, in dieses kalte Land?«

Der Prinz blickte auf, und sekundenlang wurde sein strenges Gesicht weicher. »Das frage ich mich auch manchmal.« Er schüttelte langsam den Kopf. »Bitte – wenn Ihr die Gesellschaft der anderen Damen des Hofes verachtet, so laßt den Harfner für Euch singen. Bitte, ich wünsche heute abend keinen Streit.«

»Und auch an keinem anderen Abend!« fauchte Vara. »Und mich scheint Ihr auch nicht zu wollen – nur dieses alte Gerümpel, o ja, daran seid Ihr interessiert; Ihr und Eure alten Bücher!«

Josuas Geduld war fast erschöpft. »Die Ereignisse, über die wir nachher reden werden, sind alt, ja, aber sie sind für unseren jetzigen Kampf von Bedeutung. Verdammt, Weib, ich bin ein Prinz dieses Reiches und kann mich meiner Verantwortung nicht entziehen!«

»Darin seid Ihr besser, als Ihr glaubt, Prinz Josua«, erwiderte sie eisig und warf sich den Umhang um die Schultern. An der Tür drehte sie sich um. »Ich hasse Eure Art, nur an die Vergangenheit zu denken – alte Bücher, alte Schlachten, alte Geschichte…«, ihr Mund verzog sich, »… und alte Liebe.«

Die Tür fiel hinter ihr ins Schloß.

»Habt Dank, Prinz, daß Ihr uns in Euren Gemächern empfangt«, sagte Binabik. Sein rundes Gesicht hatte einen sorgenvollen Ausdruck. »Ich hätte Euch nicht darum ersucht, wenn die Wichtigkeit mich nicht dazu gedrängt hätte.«

»Natürlich, Binabik«, erwiderte der Prinz. »Auch ich ziehe es vor, mich in einer ruhigeren Umgebung zu unterhalten.«

Der Troll und der alte Jarnauga hatten sich harte Holzschemel herangezogen und neben Josua am Tisch Platz genommen. Vater Strangyeard, der sie begleitet hatte, wanderte lautlos im Zimmer herum und betrachtete die Wandteppiche. In all seinen Jahren in Naglimund war es das erste Mal, daß er die Privaträume des Prinzen betrat.

»Ich bin immer noch ganz betäubt von dem, was ich gestern abend gehört habe«, begann Josua und wies auf die Pergamentblätter, die Binabik vor ihm ausgebreitet hatte. »Nun sagt Ihr, es gebe noch viel mehr, das ich wissen müßte?« Der Prinz zeigte ein kleines, kummervolles Lächeln. »Gott muß mich wohl züchtigen, wenn er mir den Alptraum, eine belagerte Burg zu befehligen, schenkt und dann noch mit so vielen anderen Dingen erschwert.«

Jarnauga lehnte sich nach vorn. »Solange Ihr nur im Gedächtnis behaltet, Prinz, daß es hier nicht um einen Alptraum geht, sondern um finstere Wirklichkeit. Keiner von uns kann sich den Luxus erlauben, diese Dinge für Phantasie zu halten.«

»Vater Strangyeard und ich haben seit Tagen die Burgarchive durchforstet«, erklärte Binabik, »seit meiner Ankunft versuchen wir schon herauszufinden, was das ›Verhängnis der Schwerter‹ bedeutet.«

»Den Traum meint Ihr, von dem Ihr mir berichtet habt?« fragte Josua und durchblätterte abwesend die vor ihm auf dem Tisch verstreuten Schriftseiten. »Den Ihr und der Junge im Haus der Zauberfrau hattet?«

»Und nicht nur sie«, ergänzte Jarnauga, und seine Augen waren so scharf wie blaue Eissplitter. »In den Nächten, bevor ich Tungoldyr verließ, träumte auch ich von einem großen Buch, auf dem in feurigen Lettern DU SVARDENVYRD stand.«