»Ich habe natürlich vom Buch des Priesters Nisses gehört«, meinte der Prinz und nickte, »als ich als Junge Schüler bei den Usiresbrüdern war. Es hatte einen üblen Ruf, aber es existiert ja nicht mehr. Ihr wollt mir doch gewiß nicht erzählen, Ihr hättet in unserer Burgbibliothek ein Exemplar gefunden?«
»Gesucht haben wir allerdings genug«, entgegnete Binabik. »Wenn es irgendwo sein könnte, dann nur hier – außer vielleicht in der Sancellanischen Ädonitis. Strangyeard hat eine Bibliothek von großer Wunderbarkeit angesammelt.«
»Sehr freundlich«, sagte der Archivar und drehte sich zur Wand, als studiere er einen der dort hängenden Teppiche, damit das unziemliche Erröten der Freude auf seinen Wangen nicht seinen Ruf als nüchterner Historiker gefährdete.
»Tatsächlich war es, so eifrig auch Strangyeard und ich unsere Jagd betrieben, Jarnauga, der unser Problem zu einem Teil gelöst hat«, fuhr Binabik fort.
Der alte Mann klopfte mit dürrem Finger auf das Pergament. »Es war ein glücklicher Zufall, der, so hoffe ich, ein gutes Vorzeichen für uns alle ist. Morgenes hatte mir einmal eine Botschaft mit Fragen über Nisses geschickt – der natürlich ein Rimmersmann war wie ich –, um in seiner Schrift über das Leben Eures Vaters König Johan einige Lücken zu füllen. Ich fürchte, ich konnte ihm nicht viel helfen. Ich teilte ihm mit, was ich wußte, aber ich vergaß seine Fragen nicht.«
»Und«, fügte Binabik aufgeregt hinzu, »eine weitere glückliche Zufälligkeit: Das einzige, was der Junge Simon aus der Zerstörung von Morgenes' Gemächern rettete, war … dieses Buch!« Er packte mit der kurzen braunen Hand ein Pergamentbündel und wedelte damit in der Luft herum. »Leben und Regierung König Johan Presbyters von Morgenes Ercestres – Doktor Morgenes von Erchester. Noch auf eine andere Weise ist der Doktor heute bei uns!«
»Wir schulden ihm mehr, als sich sagen läßt«, verkündete Jarnauga feierlich. »Er sah die dunkle Zeit kommen und traf vielerlei Vorbereitungen – von denen wir manche noch gar nicht kennen.«
»Aber das hier ist das im Augenblick Wichtigste«, platzte der Troll dazwischen, »eben sein Buch über Priester Johan. Schaut her!« Er schob Josua die Papiere in die Hand. Der Prinz blätterte darin herum und sah dann mit leisem Lächeln auf.
»Nisses' krause und altertümliche Sprache ruft mir meine Lehrzeit ins Gedächtnis zurück, als ich mich in den Archiven der Sancellanischen Ädonitis herumtrieb.« Er schüttelte bedauernd den Kopf. »Das ist natürlich alles sehr spannend, und ich bete nur, daß ich einmal die Zeit haben werde, Morgenes' ganzes Werk zu lesen; aber ich verstehe trotzdem noch immer nicht.« Er hielt die Seite hoch, die er gerade gelesen hatte. »Hier wird geschildert, wie die Klinge Leid geschmiedet wurde. Aber ich finde darin nichts, das uns Jarnauga nicht bereits mitgeteilt hätte. Was soll uns das helfen?«
Mit Josuas Erlaubnis nahm Binabik das Manuskript wieder an sich. »Wir müssen es uns noch genauer ansehen, Prinz«, erklärte er. »Morgenes zitiert Nisses – und die Tatsache, daß er überhaupt zumindest einen Teil von Du Svardenvyrd gelesen hat, bestätigt mir nur seine außerordentliche Findigkeit –, und er gibt an, Nisses habe zwei weitere ›Große Schwerter‹ erwähnt. Außer Leid noch zwei andere. Hier, laßt mich Euch vorlesen, was Morgenes ›Nisses eigene Worte‹ nennt.«
Binabik räusperte sich und begann:
»Das erste Große Schwert kam in seiner ursprünglichen Gestalt vom Himmel herunter, und das ist tausend Jahre her.
Usires Ädon, den wir von der Mutter Kirche Sohn und Fleischwerdung Gottes nennen, hatte drey Tage und Nächte, an Hand und Füßen festgenagelt, am Baume der Hinrichtung gehangen, auf dem Platze vor dem Tempel des Gottes Yuvenis zu Nabban. Dieser Yuvenis war aber der Heydengott der Gerechtigkeit, und es war des Nabbanai-Imperators Gewohnheit, Verbrecher, die seyn Gerichtshof verurteylt hatte, an den mächtigen Ästen von dieses Yuvenis' Baum aufzuhenken. So hing dort auch Usires vom See, den man der Gotteslästerung und des Aufruhres schuldig gesprochen, weyl er den Eynzigen Gott verkündet hatte; und er hing dort mit den Fersen über dem Kopf gleich dem Kadaver eynes Rindes.
Es geschah aber in dieser neunten Nacht ein gewaltiges Getöse, und feurige Lohe und ein Donnerkeyl fuhren vom Himmel herunter und zerschmetterten den Tempel in tausend Scherben, so daß alle heydnischen Richter und Priester, die darinnen gewesen, zu Tode kamen. Und da der Gestank und die Dünste sich zerstreut hatten, siehe, da war Usires Ädons Körper verschwunden, und es erhob sich ein groß Geschrey, Gott habe ihn zu sich in den Himmel zurückgeholt und seyne Feynde gestraft; indessen sagten andere, Usires' geduldige Schüler hätten den Leychnam abgeschnitten und seyen im Tohuwabohu entkommen. Doch wurden diese Leugner schnell zum Schweygen gebracht, und die Nachricht von dem Wunder verbreytete sich in allen Teylen der Stadt. Und so begann der Untergang der Heydengötter von Nabban.
In den rauchenden Trümmern des Tempels aber lag nun ein ungeheurer Steyn, und Dampf ging von ihm aus. Die Ädoniter verkündeten, dies sey der Altar der Heyden, der im Feuer der Rache des Eynen Gottes zerschmolzen sey.
Ich aber, Nisses, glaube statt dessen, daß es eyn Flammenstern vom Himmel war, der auf die Erde gefallen, wie dieses gelegentlich vorkömmt.
Und von diesem geschmolzenen Bruchstück nahmen sie eynen großen Batzen, und des Imperators Schwertschmiede entdeckten, daß man ihn bearbeyten konnte; und so hämmerten sie das Himmelsmetall zu eyner gewaltigen Klinge. Und zur Erinnerung an die Geyßelzweyge, mit denen man Usires' Rücken geschunden, nannte man das Sternenschwert – denn dafür halte ich es – Dorn, und große Macht ruhte in ihm.«
»Und so«, sagte Binabik, »kam das Schwert Dorn, das sich in der Dynastie der Herrscher von Nabban forterbte, endlich auf…«
»Auf Herrn Camaris, den liebsten Freund meines Vaters«, schloß Josua. »Es gibt sehr viele Geschichten über Camaris' Schwert, aber ich habe bisher nicht gewußt, woher es stammte … wenn man Nisses Glauben schenken will. Irgendwie klingt mir diese Stelle nach Ketzerei.«
»Diejenigen seiner Behauptungen, deren Wahrheit man nachprüfen kann, haben sich als hieb- und stichfest erwiesen, Hoheit«, bemerkte Jarnauga und strich sich den Bart.
»Aber dennoch«, sagte Josua wieder, »was soll das alles bedeuten? Als Camaris damals ertrank, verschwand auch sein Schwert.«
»Gestattet mir, Euch noch mehr aus Nisses' Schriften vorzulesen«, antwortete Binabik. »Im folgenden spricht er vom dritten Teil unseres Rätsels.«
»Das zweyte der Großen Schwerter kam vom Meer und segelte aus dem Westen über den salzigen Ozean nach Osten Ard.
Seyt eyner Reyhe von Jahren nämlich waren zu gewissen Jahreszeyten die Seeräuber in unser Land eyngefallen. Sie kamen aus einem fernen, kalten Land, das sie Ijsgard nannten, und wenn sie ihre Plünderungen beendet hatten, so fuhren sie über die Wogen zurück nach Hause.
Aber es fiel etwas vor in ihrer Heymat, ein schreckliches Ereygnis oder sonstiges Unheyl, und darum gaben die Männer von Ijsgard dieses Land auf und brachten ihre Sippen in Booten nach Osten Ard. Dort siedelten sie sich im Norden an, im Rimmersgard, dem Land meyner eygenen, viel kürzer zurückliegenden Geburt.
Da sie nun gelandet waren, dankte ihr König Elvrit Udun und den anderen heydnischen Göttern; und er befahl, daß aus dem eysernen Kiele seynes Drachenbootes eyn Schwert solle geschmiedet werden, um seyn Volk im neuen Land zu schützen.
Und so geschah es, daß sie den Kiel den Dverningen übergaben, einem geheymnisvollen und listigen Volke, das auf eyne Weyse, so wir nicht kennen, das reyne und bedeutsame Metall vom übrigen schied, und sie schmiedeten daraus eine lange und schimmernde Klinge.