»Und diese Reime?« fragte er dann. »Ihr glaubt, sie seien der Schlüssel zum Ganzen?«
»Wenn Ihr die Art Schlüssel meint, mit der man eine Tür zusperrt«, antwortete Jarnauga, »dann ja: Das hoffen wir. Denn es scheint, daß es das ist, was wir tun müssen: die Schwerter aus Nisses' Weissagung finden, drei Schwerter, die den Sturmkönig bannen.«
»Aber der Junge behauptet, daß Elias das Sithischwert hätte – und wirklich sah ich, als er mir sagte, ich könne nun nach Elvritshalla aufbrechen, daß er ein fremdes Schwert trug. Ein großes, fremdartig aussehendes Ding war es.«
»Wir wissen davon, Herzog«, fiel Binabik ein. »Es sind die anderen beiden, denen unsere Suche zunächst gilt.«
Isgrimnur schielte mißtrauisch auf den Troll. »Und was begehrt Ihr dabei von mir, kleiner Mann?«
»Nur Eure Hilfe, wie immer Ihr sie gewähren könnt«, erklärte Josua und klopfte dem Rimmersmann auf die Schulter. »Aus demselben Grund ist auch Binabik von Yiqanuc hier.«
»Habt Ihr jemals etwas über das Schicksal von Minneyar, Elvrits Schwert, gehört?« fragte Jarnauga. »Ich gestehe, daß eigentlich ich es wissen sollte, weil es die Aufgabe unseres Bundes ist, solches Wissen zusammenzutragen; aber in den Geschichten, die wir kennen, kommt Minneyar nicht mehr vor.«
»Eines weiß ich von meiner Großmutter, die eine Geschichtenerzählerin war«, antwortete Isgrimnur und kaute an seinem Schnurrbart, während er sich zu erinnern versuchte. »Von Elvrits Linie ging es auf Fingil Rothand über, und von Fingil auf seinen Sohn Hjeldin; und als dann Hjeldin vom Turm stürzte – und hinter ihm Nisses tot am Boden lag –, nahm es Hjeldins Unterführer Ikferdig an sich, zusammen mit Fingils Rimmerskrone und der Herrschaft über den Hochhorst.«
»Ikferdig starb auf dem Hochhorst«, bemerkte Strangyeard, der sich am Kaminfeuer die Hände wärmte, schüchtern. »In meinen Büchern heißt er ›Der verbrannte König‹.«
»Starb am Drachenfeuer des roten Shurakai«, ergänzte Jarnauga. »In seinem Thronsaal gebraten wie ein Kaninchen.«
»Also…«, sagte Binabik nachdenklich, während den weichherzigen Strangyeard bei Jarnaugas Worten ein Schauer überlief, »befindet sich Minneyar jetzt entweder irgendwo in den Mauern des Hochhorstes … oder der feurige Atem des Drachens hat es damals zerstört.«
Josua stand auf und ging zum Kamin, wo er sich hinstellte und in die tanzenden Flammen starrte. Strangyeard wich vorsichtig zur Seite, um seinen Fürsten nicht durch seine Nähe zu bedrängen.
»Zwei verwirrende und unglückselige Möglichkeiten.« Josua verzog das Gesicht. Dann wandte er sich zu Vater Strangyeard und meinte: »Ihr habt mir heute keine guten Nachrichten gebracht, Ihr weisen Männer.« Der Archivar schaute bedrückt. »Zuerst erzählt Ihr mir, unsere einzige Hoffnung liege darin, diese drei sagenhaften Klingen wiederzufinden, und nun erklärt Ihr, zwei davon befänden sich in der Festung meines Bruders – falls sie überhaupt noch existieren.« Der Prinz seufzte bekümmert. »Und die dritte? Benutzt Pryrates sie dazu, sich bei Tisch das Fleisch zu schneiden?«
»Dorn«, sagte Binabik und kletterte auf die Tischkante, um sich dort niederzulassen. »Das Schwert des großen Ritters, der Camaris hieß.«
»Geschmiedet aus dem Sternenstein, der den Tempel des Yuvenis im alten Nabban zerstörte«, fügte Jarnauga hinzu. »Sicher ist es mit dem großen Camaris im Meer versunken, als er in der Bucht von Firannos über Bord gespült wurde.«
»Da habt Ihres!« fauchte Josua. »Zwei sind in der Hand meines Bruders, und das dritte liegt im noch festeren Griff der eifersüchtigen See. Unsere Suche ist verflucht, bevor wir sie noch begonnen haben!«
»Ohne Zweifel hätte man es auch als unmöglichen Zufall betrachtet, daß Morgenes' Werk die Vernichtung seiner Person und seines Heims überleben könnte«, warf Jarnauga ein, und seine Stimme klang streng, »um dann durch Gefahren und Verzweiflung unversehrt zu uns zu gelangen, nur damit wir Nisses' Weissagung lesen könnten. Aber es hat überlebt. Und es hat uns erreicht. Es gibt immer Hoffnung.«
»Verzeiht mir, Prinz, aber mich dünkt, daß uns nur eines bleibt«, schaltete sich Binabik ein und nickte weise von der Tischplatte herunter. »Wir müssen zurück in die Archive und weiterforschen, bis wir Antworten auf das Rätsel von Dorn und der beiden anderen Klingen finden. Und wir müssen sie bald finden.«
»Sehr bald, allerdings«, bemerkte Jarnauga, »denn wir verschwenden Zeit, die so kostbar ist wie Diamanten.«
»Wie wahr«, bestätigte Josua, zog sich den Stuhl an den Kamin und ließ sich müde nieder, »beeilt Euch unbedingt; doch ich fürchte tief in meinem Herzen, daß unsere Zeit bereits abgelaufen ist.«
»Verdammt, verdammt und verdammt«, knirschte Simon und schleuderte einen großen Steinbrocken von den Zinnen hinunter in die Zähne des Windes. Naglimund schien inmitten einer weiten Fläche aus seifigem, grauem Nichts zu stehen wie ein Berg, der sich aus einem Meer wirbelnden Regens erhebt. »Verdammt«, wiederholte er und bückte sich, um auf der nassen Steinmauer nach einem weiteren Brocken zu suchen.
Sangfugol warf ihm einen Blick zu. Seine schöne Mütze saß ihm als formlose, triefende Masse auf dem Kopf. »Simon«, mahnte er ärgerlich, »du kannst nicht beides haben. Zuerst schimpfst du über alle, weil sie dich einfach mitgeschleift hätten wie einen Hausierersack, dann fluchst du lästerlich und schmeißt Steine, weil man dich zu den Beratungen heute nachmittag nicht hinzugezogen hat.«
»Ich weiß«, knurrte Simon und schickte ein neues Wurfgeschoß von den Burgmauern. »Ich weiß selbst nicht, was ich will. Ich weiß überhaupt nichts.«
Der Harfner machte ein finsteres Gesicht. »Was ich gern wissen möchte, ist: Was machen wir eigentlich hier oben? Gibt es keinen besseren Ort, an dem man sich elend und verstoßen fühlen kann? Auf diesen Zinnen ist es kalt wie ein Brunnenbuddler-Arsch.« In der Hoffnung, damit Mitleid zu erregen, ließ er sekundenlang die Zähne klappern: »Also: Warum sind wir hier oben?«
»Weil man davon den Kopf klar bekommt, von so einem bißchen Wind und Regen«, rief Strupp, der jetzt über die Zinnen wieder auf seine beiden Kumpane zukam. »Für eine durchzechte Nacht gibt es kein besseres Heilmittel.« Der kleine Alte zwinkerte Simon zu, der im stillen dachte, daß Strupp gewiß längst wieder nach unten gestiegen wäre, wenn er nicht den Anblick des in seinem prächtigen grauen Samtgewand bibbernden Sangfugols so genossen hätte.
»Na schön«, grollte der Harfner, unglücklich wie eine nasse Katze, »Ihr trinkt wie ein Mann in seiner Jugend, Strupp – beziehungsweise in seiner zweiten Kindheit –, darum ist es wohl nicht weiter verwunderlich, Euch aus reinem Vergnügen auf den Mauern herumstolzieren zu sehen wie einen Schlingel von Jungen.«
»Ach, Sangfugol«, erwiderte Strupp mit einem runzligen Lächeln und sah zu, wie ein weiteres Wurfgeschoß Simons eine Wassergarbe aus dem regenpockigen Teich aufschießen ließ, der dort strudelte, wo früher der Burganger gewesen war. »Ihr seid zu … Ho!« Strupp deutete. »Ist das nicht Herzog Isgrimnur? Ich habe gehört, er sei zurück. Ho, Herzog!« rief der Narr und winkte der stämmigen Gestalt zu. Isgrimnur, die Augen vor dem seitlich einfallenden Regen zusammengekniffen, sah auf. »Herzog Isgrimnur! Ich bin es, Strupp!«
»Du bist das?« schrie der Herzog zurück. »Verdammt will ich sein, wenn du es nicht bist, alter Hurensohn!«
»Kommt herauf, kommt herauf!« lud Strupp ihn ein. »Kommt herauf und erzählt mir, was es Neues gibt!«
»Ich sollte mich wirklich nicht wundern«, bemerkte Sangfugol hämisch, als der Herzog über den überschwemmten Anger auf die Wendeltreppe in der Mauer zustakte. »Der einzige Mensch außer einem alten Irren und einem verrückten Harfner, der hier freiwillig hinaufsteigt, muß ein Rimmersmann sein. Wahrscheinlich wird es ihm sogar zu warm sein, weil es gerade nicht graupelt oder schneit.«