Isgrimnur begrüßte Simon und Sangfugol mit einem müden Lächeln und Nicken, drehte sich dann um, packte die geäderte Hand des Narren und versetzte ihm einen kameradschaftlichen Hieb auf die Schulter. Er war soviel größer und umfangreicher als Strupp, daß es aussah wie bei einer Bärin, die ihrem Jungen einen liebevollen Puff gibt.
Während der Herzog und der Narr ihre Neuigkeiten austauschten, warf Simon Steine und lauschte, und Sangfugol stand mit der Miene geduldigen, hoffnungslosen Leidens daneben. Niemanden überraschte es, als sich die Rede des Rimmersmannes schon bald von gemeinsamen Freunden und vertrauten Dingen ab- und dunkleren Themen zuwandte. Als Isgrimnur die wachsende Kriegsdrohung und die Schatten im Norden erwähnte, fühlte Simon die Kälte, die der eisige Wind – seltsamerweise – eine Zeitlang vertreiben geholfen hatte, wieder mit Macht zurückströmen. Und als der Herzog in leisem Ton vom Herrscher des Nordens zu erzählen anfing und dann plötzlich ausweichend wurde und meinte, manche Dinge seien zu furchterregend, als daß man offen darüber sprechen könne, schien sich die Kälte tiefer in Simons Herz zu schleichen. Er starrte hinaus in die trübe Ferne, nach der dunklen Sturmfaust, die hinter dem Regen am nördlichen Horizont drohte, und spürte, wie seine Reise auf der Traumstraße wieder in ihm aufstieg …
Der nackt vor ihm aufragende steinerne Berg mit seiner Aura aus indigoblauen und gelben Flammen. Die silbern maskierte Königin auf ihrem Eisthron, der Singsang der Stimmen in der felsigen Festung …
Schwarze Gedanken drückten ihn nieder, zerquetschten ihn wie der Rand eines breiten Rades. Es würde so leicht sein, er wußte es genau, ins Dunkel hineinzugehen, in die Wärme hinter der Kälte des Sturmes …
Es ist so nahe … so nahe…
»Simon!« rief eine Stimme an seinem Ohr. Eine Hand packte ihn am Ellenbogen. Erschreckt sah er nach unten und erblickte nur wenige Zoll von seinem Fuß entfernt die Mauerkante und senkrecht unter sich das windgepeitschte Wasser des Teiches.
»Was tust du?« fragte Sangfugol und rüttelte seinen Arm. »Wenn du von diesem Mäuerchen hüpfen würdest, brächte dir das mehr ein als nur ein paar Knochenbrüche.«
»Ich war…«, stotterte Simon und merkte, daß noch immer ein dunkler Nebel seine Gedanken umwölkte, »ich…«
»Dorn?« fragte Strupp laut und reagierte damit auf etwas, das Isgrimnur gerade gesagt hatte. Simon drehte sich um und sah den kleinen Narren am Mantel des Herzogs zupfen wie ein zudringliches Kind. »Dorn, habt Ihr gesagt? Und warum seid Ihr damit nicht gleich zu mir gekommen? Warum nicht zum alten Strupp? Wenn einer, dann weiß ich alles, was es darüber zu wissen gibt!«
Der Alte wandte sich an Simon und den Harfner. »Wer war denn länger als alle anderen bei unserem Johan? Wer? Ich natürlich. Hab Witze für ihn gemacht und Kunststücke und Musik, sechzig Jahre lang. Und für den großen Camaris auch. Ich habe ihn erlebt, wie er an den Hof kam.« Er drehte sich wieder zum Herzog um, und in seinen Augen leuchtete etwas auf, das Simon noch nicht gesehen hatte. »Ich bin der Mann, den Ihr sucht«, verkündete Strupp stolz. »Schnell! Bringt mich zu Prinz Josua.«
Der krummbeinige alte Narr schien fast zu tanzen, so leicht waren seine Schritte, als er dem ein wenig betäubten Rimmersmann zu den Stufen voraneilte.
»Dank sei Gott und seinen Engeln«, bemerkte Sangfugol und schaute ihnen nach. »Ich schlage vor, daß wir uns jetzt sofort etwas einverleiben – etwas Feuchtes, das von innen die Feuchtigkeit des Äußeren ausgleicht.«
Er führte den noch immer kopfschüttelnden Simon von den verregneten Zinnen in das hallende, von Fackeln erleuchtete Treppenhaus hinunter, für eine kleine Weile hinaus aus der Reichweite der Nordwinde, hinein ins Warme.
»Wir kennen Eure Rolle bei diesen Ereignissen, guter Strupp«, sagte Josua ungeduldig. Der Prinz hatte sich wie zum Schutz gegen die alles durchdringende Kälte einen Wollschal um den Hals geschlungen. Die Spitze seiner schmalen Nase war rosa.
»Ich decke nur sozusagen den Tisch, Hoheit«, meinte Strupp ungerührt. »Wenn ich einen Becher Wein bekommen könnte, um meine Zunge geschmeidiger zu machen, würde ich unverzüglich zum Hauptgang kommen.«
»Isgrimnur«, stöhnte Josua, »wäret Ihr wohl so gut, unserem ehrwürdigen Narren etwas Trinkbares zu suchen, sonst fürchte ich, daß wir bis zur Ädonszeit hier sitzen und auf den Rest der Geschichte harren müssen.«
Der Herzog von Elvritshalla trat zu dem Zedernholzschrank neben Josuas Tisch und fand einen Krug mit Rotwein aus Perdruin. »Hier«, sagte er und reichte Strupp einen gefüllten Humpen. Der Narr nahm einen Schluck und lächelte.
Es ist nicht der Wein, den er haben will, dachte der Rimmersmann, es geht ihm um die Beachtung. Die Zeiten sind schlimm genug für die jungen und Tüchtigen, wie dann erst für einen alten Gaukler, dessen Herr seit zwei Jahren tot ist.
Er starrte in das runzlige Gesicht des Narren, und sekundenlang war ihm, als erblicke er dahinter wie durch einen dünnen Vorhang die gefangenen Züge des Kindes.
Gott, gib mir einen schnellen, ehrenhaften Tod, betete Isgrimnur, damit ich nicht einer von diesen alten Trotteln werde, die am Lagerfeuer sitzen und den jungen Männern erzählen, daß früher alles besser war. – Und doch, dachte er, als er zu seinem Stuhl zurückging und auf das Wolfsgeheul des Windes draußen horchte, vielleicht ist es diesmal sogar wahr. Vielleicht haben wir wirklich bessere Tage gesehen. Vielleicht wartet wirklich nichts mehr auf uns, als eine aussichtslose Schlacht gegen die schleichende Finsternis.
»Wißt Ihr«, begann Strupp wieder, »Camaris' Schwert Dorn ist nämlich nicht mit ihm untergegangen. Er hatte es in die Obhut seines Knappen gegeben, Colmund von Rodstanby.«
»Ihm sein Schwert gegeben?« fragte Josua ratlos. »Das paßt zu keiner der Geschichten, die ich je über Camaris-sá-Vinitta gehört habe.«
»Ja, aber Ihr kanntet ihn nicht in diesem letzten Jahr … und wie könntet Ihr auch, da Ihr doch gerade erst auf die Welt gekommen wart?« Strupp nahm einen weiteren Zug und starrte sinnend zur Decke. »Nachdem Eure Mutter, Königin Ebekah, starb, wurde Herr Camaris seltsam und wunderlich. Er war, Ihr wißt es, ihr besonderer Beschützer, und er betete den Boden an, auf den sie ihren Fuß setzte – als wäre sie Elysia selbst, die Mutter Gottes. Ich habe immer gedacht, daß er sich Vorwürfe wegen ihres Todes machte, so als ob er ihre Kränklichkeit mit Waffengewalt hätte heilen können … oder durch die Reinheit seines Herzens … armer Tor.«
Isgrimnur, der Josuas Ungeduld sah, beugte sich vor. »Also gab er das Sternenschwert seinem Knappen?«
»Ja, ja«, versetzte der Alte gereizt. Er liebte es nicht, wenn man ihn drängte. »Als Camaris vor der Insel Harcha im Meer verschwand, nahm Colmund das Schwert an sich. Er ging zurück und erneuerte seinen Anspruch auf das Land seiner Sippe in Rodstanby in der Frostmark, und er wurde Baron einer nicht unbeträchtlichen Provinz.
Dorn war eine auf der ganzen Welt berühmte Waffe, und als seine Feinde sie bei ihm erblickten – denn sie war unverwechselbar, glänzend schwarz bis auf den Silbergriff, eine schöne, gefährliche Klinge –, wollte sich niemand mehr gegen ihn stellen. Nur selten brauchte er sie überhaupt aus der Scheide zu ziehen.«
»Also ist sie nun in Rodstanby?« fragte Binabik aufgeregt aus seiner Ecke. »Das ist kaum ein Zweitageritt von Naglimund!«
»Nein, nein, nein«, knurrte Strupp und schwenkte den Humpen, damit Isgrimnur ihn wieder für ihn füllen sollte. »Wenn du nur warten wolltest, Troll, würde ich dir alles erzählen.«
Bevor Binabik oder der Prinz oder sonst jemand antworten konnte, stand Jarnauga, der am Feuer gehockt hatte, auf und neigte sich über den kleinen Narren. »Strupp«, sagte er, und seine Stimme war so hart und kalt wie Eis auf den Dachsparren, »wir können nicht warten, bis Ihr Euch bequemt. Eine drohende Finsternis breitet sich von Norden her zu uns aus, ein kalter, tödlicher Schatten. Wir müssen das Schwert haben, versteht Ihr?« Er näherte seine scharfen Züge Strupps Gesicht, so nah, daß die buschigen Augenbrauen des kleinen Mannes angstvoll in die Höhe schossen. »Und wir müssen Dorn schnell finden, denn schon bald wird der Sturmkönig selbst an unsere Tür klopfen. Begreift Ihr nun?«