Jarnauga ließ die langen Beine wieder in ihre Hockstellung neben dem Kamin zurücksinken, und Strupp starrte ihn mit aufgerissenem Mund an.
Hm, sann Isgrimnur, wenn wir wollten, daß die letzten Neuigkeiten in ganz Naglimund herumposaunt würden, dann ist uns das jetzt gelungen. Immerhin sieht es so aus, als hätte er Strupp eine gelinde Klette unter den Sattel gesetzt.
Es dauerte eine kleine Weile, bis der Narr die erschreckten, gebannten Augen vom durchbohrenden Blick des Nordmannes losreißen konnte. Als er sich endlich abwandte, erweckte er nicht mehr so stark den Eindruck, als genösse er seine augenblickliche Rolle.
»Colmund«, erklärte er, »Herr Colmund hörte von Reisenden Geschichten über den sagenhaften Schatz des Drachen Igjarjuk, hoch oben auf dem Berg Urmsheim. Es war ein Schatz, der reicher sein sollte als jeder andere auf der weiten Welt.«
»Nur ein Flachländer kann auf den Gedanken kommen, sich mit einem Bergdrachen anzulegen – und das für Gold!« warf Binabik angewidert ein. »Mein Volk lebt seit langer Zeit in der Nachbarschaft von Urmsheim, und wir leben lange, weil wir den Berg in Ruhe lassen.«
»Aber seht Ihr«, fuhr der alte Strupp fort, »dieser Drache ist ja schon seit Generationen nur noch eine Sage. Niemand hat ihn je zu Gesicht bekommen, niemand von ihm gehört … außer ein paar schneeverrückten Wanderern. Und Colmund hatte das Schwert Dorn, ein magisches Schwert, das ihn auf seiner Suche nach dem Hort eines Zauberdrachens leitete.«
»Aber was für eine Torheit!« rief Josua. »Hatte er nicht alles, was er wollte? Eine mächtige Baronie? Das Schwert eines Helden? Mußte er denn auch noch solch einer verrückten Idee nachjagen?«
»Verdammt, Josua«, fluchte Isgrimnur, »warum tun denn die Menschen, was sie tun? Warum hängten sie unseren Herrn Usires kopfüber am Baum auf? Warum sperrte Elias seinen Bruder ein und gibt sich mit Dämonen ab, obwohl er doch ohnehin schon Hochkönig von ganz Osten Ard ist?«
»Es liegt wirklich etwas in Männern und Frauen, das sie antreibt, nach Dingen zu greifen, die unerreichbar für sie sind«, bemerkte Jarnauga aus seiner Kaminecke. »Und manchmal überschreitet das, wonach sie streben, die Grenzen des Verstandes.«
Binabik sprang leichtfüßig vom Tisch. »Zuviel Gerede ist dies von Dingen, die wir niemals wissen können«, meinte er. »Immer noch lautet unsere Frage: Wo ist das Schwert? Wo ist Dorn?«
»Ich bin überzeugt, daß es dort im Norden verlorenging«, antwortete Strupp. »Ich habe nie gehört, daß Herr Colmund je von seiner Fahrt zurückkehrte. Eine Wanderergeschichte sagt, er habe sich zum König der Hunen gemacht und lebe dort noch immer, in einer Festung aus Eis.«
»Das hört sich an, als hätten alte Erinnerungen an Ineluki seine Geschichte getrübt und sich mit ihr vermischt«, sagte Jarnauga nachdenklich.
»Er schaffte es bis zum Kloster von Sankt Skendi in Vestvennby«, ließ sich Vater Strangyeard unerwartet aus dem Hintergrund vernehmen. Er war rasch einmal hinausgegangen und wieder zurückgekommen, ohne daß es den anderen aufgefallen war; eine schwache Röte des Vergnügens färbte seine schmalen Wangen. »Strupps Worte haben eine Erinnerung in mir wachgerufen. Ich hatte das Gefühl, ich besäße einige der Klosterbücher des Skendi-Ordens, aus dem Brand des Klosters in den Frostmark-Kriegen gerettet. Hier ist das Wirtschaftsbuch des Jahres 1131 nach der Gründung. Schaut her, es erwähnt die Ausstattung von Colmunds Schar.« Er reichte es stolz Josua, der es ins Licht des Feuers hielt.
»Getrocknetes Fleisch und Obst«, las Josua, mühsam die verblaßten Worte entziffernd. »Wollmäntel, zwei Pferde…« Er blickte auf. »Hier ist die Rede von einer Gruppe von ›einem Dutzend und einem‹ – dreizehn.« Er gab das Buch an Binabik weiter, der es an sich nahm und sich gemeinsam mit Jarnauga vor dem Feuer hinein vertiefte.
»Danach müssen sie irgendwie Pech gehabt haben«, meinte Strupp und füllte sich den Humpen neu. »Denn nach der Geschichte, die ich gehört habe, ist er mit über zwei Dutzend seiner besten, ausgesuchten Männer aufgebrochen.«
»Und was nützt uns das nun alles?« meldete sich Herzog Isgrimnur zu Wort. »Wenn das Schwert verlorengegangen ist, dann ist es weg, und wir müssen eben aus unserer Verteidigung hier das Beste machen.«
»Herzog Isgrimnur«, erwiderte Binabik, »vielleicht versteht Ihr nicht: Es gibt keine Wahl für uns. Wenn tatsächlich der Sturmkönig unser größerer Feind ist – und darin, denke ich, sind wir alle derselben Meinung –, dann ist es das einzige an Hoffnung, scheint mir, das wir besitzen, daß wir die drei Schwerter erlangen. Zwei davon sind uns derzeit verwehrt. Bleibt Dorn, und wir müssen es finden – sofern das möglich ist.«
»Belehrt mich nicht, kleiner Mann«, knurrte Isgrimnur und musterte den Troll mit scharfem Blick. Schlau genug ist er bestimmt, dachte der Rimmersmann, obwohl ich ihm oder seinesgleichen nicht recht trauen mag. Und welche Macht hat er über den Jungen? Ich weiß auch da nicht, ob mir das gefallen soll, obwohl ich glaube, daß das, was sie uns erzählt haben, so ziemlich die Wahrheit ist.
Mit einer müden Handbewegung kam Josua einem Streit der beiden zuvor.
»Schweigt jetzt«, sagte der Prinz. »Ich bitte Euch, laßt mich nachdenken. Mir fiebert der Kopf von soviel Wahnsinn auf einmal. Ich brauche ein kleines Weilchen Ruhe.«
Strangyeard, Jarnauga und Binabik vertieften sich erneut in das Rechnungsbuch des Klosters und in Morgenes' Handschrift, wobei sie sich im Flüsterton unterhielten. Strupp trank seinen Wein aus, und Isgrimnur hockte neben ihm, nahm ab und zu einen Schluck und brütete vor sich hin. Josua saß da und starrte ins Feuer. Das müde Gesicht des Prinzen wirkte wie über Knochen gespanntes Pergament; der Herzog ertrug den Anblick nur schwer.
Sein Vater sah in den letzten Tagen vor seinem Tode auch nicht schlimmer aus, sann Isgrimnur. Hat Johans Sohn Kraft genug, uns durch eine Belagerung zu bringen, wie sie uns wohl bald bevorsteht? Hat er auch nur die Kraft, selber am Leben zu bleiben? Immer ist er ein Grübler gewesen, ein Sorger … auch wenn er, um ihm Gerechtigkeit zu erweisen, mit Schwert und Schild kein Weichling ist. Spontan stand er auf, stapfte zu dem Prinzen hinüber und legte Josua die Bärentatze auf die Schulter.
Der Prinz blickte auf. »Könnt Ihr einen guten Mann für mich entbehren, alter Freund?« fragte er dann. »Habt Ihr einen, der den Nordosten des Landes kennt?«
Isgrimnur machte ein nachdenkliches Gesicht. »Ich habe zwei oder drei. Allerdings dürfte Frekke für eine Reise wie die, an die Ihr denken werdet, zu alt sein. Einskaldir wird nicht von meiner Seite weichen, solange ich ihn nicht an der Spitze meines Speeres aus Naglimund vertreibe. Außerdem denke ich, daß wir seine Wildheit hier brauchen werden, wenn der Kampf heiß und blutig wird. Er ist so grimmig und verbissen wie ein Dachs und am besten, wenn man ihn in die Enge treibt.« Der Herzog überlegte. »Die anderen … ich denke, ich werde Euch Sludig geben. Er ist jung und kräftig, aber auch klug. Ja, Sludig ist Euer Mann.«
»Gut.« Josua nickte langsam mit dem Kopf. »Ich habe drei oder vier, die ich aussenden will; und ein kleiner Trupp ist sicher besser als ein großer.«
»Und wozu genau?« Isgrimnur sah sich im Raum um, betrachtete die solide Kargheit der Einrichtung und fragte sich wieder, ob sie nicht Trugbildern nachjagten, das winterliche Wetter nicht vielleicht ihr Urteilsvermögen hatte einfrieren lassen.