»Ich weiß, daß du tapfer sein wirst, Simon. Komm heil zurück. Ich werde für dich beten.«
Gleich darauf war sie fort, über den Hof davongerannt wie ein kleines Mädchen, der dunkle Umhang wirbelte wie Rauch hinter ihr, als sie im dämmrigen Torbogen verschwand.
Simon stand da und hielt ihren Schal fest. Er dachte an ihn und an ihr Lächeln, als sie seine Wange küßte, und er fühlte, wie in seinem Inneren eine Flamme zu glühen begann. Auf eine Weise, die er nicht völlig begriff, schien es, als sei gegen die grenzenlose graue Kälte, die vom Norden her drohte, eine einsame Fackel entzündet. Nur ein einziger heller Lichtpunkt in einem furchtbaren Sturm … aber selbst ein einziges Feuer konnte einen Wanderer sicher nach Hause führen.
Er rollte das weiche Tuch zu einem Knäuel zusammen und steckte es in sein Hemd.
»Ich freue mich, daß Ihr so schnell gekommen seid«, sagte die Herrin Vara. Das Glitzern ihres gelben Kleides schien sich in ihren schwarzen Augen zu spiegeln.
»Die Herrin erweist mir Ehre«, erwiderte der Mönch und ließ den Blick durch den Raum schweifen.
Vara lachte rauh. »Ihr seid der einzige, der es als Ehre betrachtet, mich aufzusuchen. Doch das ist gleich. Ihr versteht, was Ihr zu tun habt?«
»Ich bin sicher, daß ich es richtig verstanden habe. Die Angelegenheit ist schwierig zu erledigen, doch leicht zu begreifen.« Er neigte das Haupt.
»Gut. Dann säumt nicht, denn je länger Ihr wartet, desto geringer ist die Aussicht auf Erfolg. Außerdem wächst die Möglichkeit, daß es Gerede gibt.« Sie wirbelte herum und ging seidenrauschend nach dem Hinterzimmer.
»Ach … Herrin?« Der Mann hauchte seine Finger an. In den Gemächern des Prinzen war es kalt, das Feuer nicht entzündet. »Da wäre noch die … Bezahlung?«
»Ich dachte, Ihr tätet es, um mich zu ehren?« rief Vara aus dem darunterliegenden Raum.
»Gewiß, Herrin, aber ich bin nur ein armer Mann. Was Ihr verlangt, erfordert Mittel.« Wieder blies er auf seine Finger und versteckte dann die Hände tief in seiner Kutte.
Sie kam mit einer Börse aus schimmerndem Stoff zurück. »Das weiß ich. Hier. Es ist Gold, wie versprochen – die Hälfte jetzt, die andere Hälfte, sobald mir der Beweis vorliegt, daß Ihr Eure Aufgabe erfüllt habt.« Sie reichte ihm die Börse und trat zurück. »Pfui, Ihr stinkt nach Wein! Seid Ihr diese Sorte Mann – Ihr, dem man eine so schwerwiegende Aufgabe anvertraut hat?«
»Es ist nur der Abendmahlswein, Herrin. Manchmal ist er auf meinem schweren Weg das einzige, was ich zu trinken habe. Das müßt Ihr verstehen.« Er schenkte ihr ein schüchternes Lächeln und schlug das Zeichen des Baumes über dem Gold, bevor er es in der Tasche seiner Kutte verstaute. »Wir alle tun, was wir müssen, um Gottes Willen zu dienen.«
Vara nickte langsam. »Das ist einzusehen. Laßt mich nicht im Stich! Ihr dient einem großen Ziel, und nicht allein um meinetwillen.«
»Ich verstehe, Herrin.« Er verbeugte sich, drehte sich dann um und ging. Vara stand da und starrte auf die über den Tisch des Prinzen verstreuten Pergamente. Sie atmete tief aus. Es war getan.
Die Dämmerung des auf sein Gespräch mit der Prinzessin folgenden Tages fand Simon in Prinz Josuas Gemächern. Er war im Begriff, sich zu verabschieden. In einer Art Benommenheit, als sei er gerade eben erst aufgewacht, stand er da und lauschte den letzten Worten des Prinzen an Binabik. Der Junge und der Troll hatten den ganzen Tag damit verbracht, ihre Ausrüstung vorzubereiten. Für Simon waren ein neuer, pelzgefütterter Mantel und ein Helm besorgt worden, dazu ein leichtes Kettenhemd, das er unter den Oberkleidern tragen sollte. Die Schicht aus dünnen kleinen Ringen, hatte ihm Haestan erklärt, würde ihn zwar nicht vor einem gezielten Schwerthieb oder einem Pfeil ins Herz schützen, ihm aber bei weniger tödlichen Angriffen trefflich zu statten kommen.
Simon fand ihr Gewicht beruhigend, aber Haestan warnte ihn, daß er am Ende einer langen Tagesreise vielleicht nicht mehr so begeistert davon sein würde.
»Soldat schleppt viele Lasten, Junge«, sagte der große Mann zu ihm, »und manchmal ist die schwerste davon, am Leben zu bleiben.« Haestan war einer der Erkynländer gewesen, die vortraten, als die Hauptleute Freiwillige aufriefen. Wie seine beiden Kameraden, Ethelbearn, ein narbiger Veteran mit buschigem Schnurrbart, der beinahe ebenso groß wie Haestan war, und Grimmric, ein schlanker Falke von einem Mann mit schlechten Zähnen und wachsamem Blick, hatte er sich nun schon so lange für eine Belagerung gerüstet, daß er jede Form von Betätigung begrüßte, selbst etwas so Gefährliches und Geheimnisvolles, wie es dieses Unternehmen zu sein schien. Als Haestan hörte, daß Simon auch mitkommen sollte, wurde sein Wunsch, dabei zu sein, noch hartnäckiger.
»Jungen wie den loszuschicken ist Wahnsinn«, knurrte er, »vor allem, wenn er doch noch gar nicht gelernt hat, sein Schwert zu schwingen oder den Pfeil zu schießen. Geh ich lieber mit und zeig ihm noch was.«
Auch Herzog Isgrimnurs Gefolgsmann Sludig hatte sich eingefunden, ein junger Rimmersmann, wie die Erkynländer mit Pelzen und Kegelhelm ausgestattet. Statt der Langschwerter, die die beiden anderen trugen, hatte sich der blondbärtige Sludig zwei Handbeile mit vielfach schartigen Klingen in den Gürtel gesteckt. Er grinste Simon, dem er die Frage an den Augen ablas, vergnügt an.
»Manchmal bleibt eins im Schädel oder Brustkorb stecken«, erläuterte er. Der Rimmersmann sprach die Westerlingsprache geläufig und mit fast ebenso geringem Akzent wie sein Herzog. »Es ist schön, wenn man dann noch ein anderes Beil zur Hand hat, bis man das erste herausgezogen hat.«
Simon nickte und versuchte zurückzulächeln.
»Schön, dich wiederzusehen, Simon.« Sludig streckte ihm die schwielige Hand entgegen.
»Wieder?«
»Wir sind uns schon einmal begegnet, bei Hoderunds Abtei.« Sludig lachte. »Allerdings hast du damals die Reise quer über Einskaldirs Sattel gemacht, mit dem Arsch nach oben. Ich hoffe, daß du auch anders reiten kannst.«
Simon errötete, schüttelte dem Nordmann die Hand und wandte sich ab.
»Wir haben nur wenig entdeckt, das euch unterwegs helfen könnte«, erklärte Jarnauga Binabik bedauernd. »Die skendianischen Mönche haben außer dem geschäftlichen Vorgang der Ausrüstung kaum etwas über Colmunds Expedition vermerkt. Wahrscheinlich hielten sie ihn für einen Verrückten.«
»Womit sie höchstwahrscheinlich recht hatten«, entgegnete der Troll, und es klang nicht nach einem Scherz. Er war damit beschäftigt, das Knochengriffmesser zu polieren, das er sich als Ersatz für das fehlende Stück seines Stabes geschnitzt hatte.
»Aber eines haben wir doch gefunden«, sagte jetzt Strangyeard. Das Haar des Priesters stand ihm in wilden Büscheln vom Kopf ab, und seine Augenklappe war ein wenig verrutscht, als sei er unmittelbar von einer über seinen Büchern verbrachten Nacht gekommen … was der Wahrheit entsprach. »Der Buchhalter der Abtei schrieb: ›Der Baron weiß nicht, wie lange die Reise zum Reimerbaum dauern wird‹.«
»Ich kenne das Wort nicht«, erklärte Jarnauga, »wahrscheinlich wird es etwas sein, das der Mönch falsch verstanden oder aus drittem Munde gehört hat … aber immerhin ist es ein Name. Möglicherweise werdet ihr daraus klug, wenn ihr erst den Berg Urmsheim erreicht habt.«
»Vielleicht«, sagte Josua nachdenklich, »ist es eine Stadt, die am Wege liegt, oder ein Dorf am Fuß des Berges.«
»Mag sein«, erwiderte Binabik skeptisch, »aber nach allem, was ich von dieser Gegend weiß, liegt zwischen den Ruinen des Skendiklosters und dem Gebirge nichts mehr – es gibt dort nur Eis, Bäume und natürlich Felsen. Von diesen Dingen freilich gibt es eine große Menge.«
Während sie endgültig Abschied nahmen, hörte Simon aus dem hinteren Raum Sangfugols Stimme herüberklingen; der Harfner sang für die Herrin Vara.