Simon nahm seinen Köcher und untersuchte ihn zum dritten oder vierten Mal, um sich zu vergewissern, daß der Weiße Pfeil noch darin steckte. Verwirrt, wie in einem tiefen, haftenden Traum gefangen, begriff er langsam, daß er dabei war, zu einer neuen Reise aufzubrechen – und wieder nicht recht wußte, warum. Seine Zeit in Naglimund war so kurz gewesen. Nun war sie schon vorbei, zumindest für eine lange Weile. Als seine Hand den blauen, lose um seinen Hals geschlungenen Schal berührte, wurde ihm klar, daß er von den anderen hier im Zimmer vielleicht keinen wiedersehen würde, vielleicht niemanden in Naglimund … Sangfugol, den alten Strupp, Miriamel. Sekundenlang war ihm, als bliebe ihm das Herz stehen, als stottere sein Schlag wie ein Trunkener, und er wollte schon die Hand ausstrecken, um sich irgendwo festzuhalten, als sich eine starke Faust um seinen Ellenbogen schloß.
»Schon gut, Junge.« Es war Haestan. »Schlimm genug, daß du von Schwert und Bogen nichts verstehst, jetzt setzen wir dich auch noch aufs Pferd.«
»Aufs Pferd?« fragte Simon. »Das gefällt mir.«
»Wird es nicht«, versetzte Haestan grinsend. »Ein, zwei Monate erstmal nicht.«
Josua sagte jedem noch ein paar Worte, dann gab es ein warmes, feierliches Händeschütteln ringsum. Wenig später standen sie auf dem dunklen, kalten Hof, wo Qantaqa und sieben stampfende, dampfende Pferde auf sie warteten, fünf zum Reiten und ein Paar, um die schweren Gepäckstücke zu tragen. Falls ein Mond am Himmel stand, hatte er sich in der Wolkendecke versteckt wie eine schlafende Katze.
»Gut ist es, daß wir diese Dunkelheit haben«, sagte Binabik und schwang sich in den neuen Sattel auf Qantaqas grauem Rücken. Die Männer, die das Reittier des Trolls zum ersten Mal zu Gesicht bekamen, tauschten verwunderte Blicke, als Binabik mit der Zunge schnalzte und die Wölfin sich an die Spitze des kleinen Trupps setzte. Eine Gruppe Soldaten zog leise das geölte Fallgatter in die Höhe, dann waren sie draußen unter dem weiten Himmel. Um sie her dehnte sich das Feld der Schattennägel, und sie ritten auf die vor ihnen aufragenden Berge zu.
»Lebt wohl, ihr alle«, sagte Simon still. Dann schlugen sie den nach oben führenden Pfad ein.
Hoch oben auf der Steige, auf dem Kamm des Berges über Naglimund, beobachtete sie eine schwarze Gestalt.
Selbst mit seinen scharfen Augen konnte Ingen Jegger in der mondlosen Düsternis nur erkennen, daß jemand die Burg durch das östliche Tor verlassen hatte. Allerdings war das mehr als ausreichend, um seine Aufmerksamkeit zu erregen.
Er stand da, rieb sich die Hände und erwog, einen seiner Männer zu rufen, um mit ihm nach unten zu steigen und sich die Sache genauer anzuschauen. Aber dann hob er die Faust an den Mund und ahmte den Ruf der Schnee-Eule nach. Sofort tauchte aus dem Unterholz ein riesenhaftes Geschöpf auf und sprang zu ihm auf die Steige. Es war ein Hund, der an Größe sogar noch den von der zahmen Wölfin des Trolls getöteten übertraf, weißglänzend im Licht des Mondes, der in diesem Augenblick hinter den Wolken hervorkam. Seine Augen funkelten im langen, grinsenden Gesicht wie eingelassene Perlen, und als er knurrte, kam ein tiefes, nachhallendes Grollen aus seiner Kehle, und bewegte den Kopf mit den gekräuselten Nüstern nach allen Seiten.
»Ja, Niku'a, ja«, zischte Ingen leise. »Es ist wieder Zeit zum Jagen.«
Gleich darauf war die Steige leer. Ganz sacht raschelten neben dem uralten Steinpflaster die Blätter, aber es wehte kein Wind.
XXXV
Der Rabe und der Kessel
Maegwin zuckte zusammen, als das Hämmern von neuem einsetzte, dieses schmerzliche Gellen, in dem so vieles mitschwang – nur nichts Gutes. Eines der Mädchen, eine schmale, hellhäutige Schönheit, die Maegwin schon auf den ersten Blick als Versagerin eingestuft hatte, ließ, um sich die Ohren zuzuhalten, den Balken los, an dem sie alle gemeinsam schoben. Das schwere Zaunstück, das zum Schließen des Tores diente, wäre um ein Haar abgestürzt, hätten nicht Maegwin und die beiden anderen verbissen festgehalten.
»Bei Bagbas Herde, Cifgha«, fuhr sie die Loslassende an, »bist du von Sinnen? Wenn dieses Ding heruntergefallen wäre, hätte jemand zerquetscht werden oder sich zumindest den Fuß brechen können!«
»Es tut mir leid, Herrin, wirklich«, antwortete das Mädchen mit hochgeröteten Wangen, »es ist nur dieser schreckliche Lärm … er macht mir angst!« Sie trat zurück, um sich wieder an ihren Platz zu stellen, und alle vier strengten sich an, den massiven Eichenbalken über den Zaun und in die Vertiefung zu schieben, damit die Koppel geschlossen gehalten würde. Im Inneren der Einfriedung muhte eine dichtgedrängte Ansammlung von roten Rindern, die der ständige Lärm ebenso unruhig machte wie die jungen Frauen.
Scharrend und krachend fiel das Holzstück in die Führung, und alle vier drehten sich keuchend um und lehnten sich erschöpft mit dem Rücken an das Tor.
»Barmherzig sind die Götter«, ächzte Maegwin, »mir wäre gleich das Rückgrat gebrochen!«
»Es gehört sich einfach nicht«, meinte Cifgha und starrte bekümmert auf die blutenden Kratzer in ihren Handflächen. »Das ist Männerarbeit!«
Das metallische Scheppern verstummte, und einen Augenblick lang schien die Stille selbst zu singen. Lluths Tochter seufzte und sog tief die frostige Luft ein.
»Nein, kleine Cifgha«, erwiderte sie, »das, was die Männer jetzt tun, ist Männerarbeit, und alles, was übrigbleibt, müssen wir Frauen erledigen – sofern du nicht Schwert und Speer tragen willst.«
»Cifgha?« sagte eines der anderen Mädchen lachend. »Sie kann ja nicht einmal eine Spinne töten.«
»Ich rufe immer Tuilleth«, erklärte Cifgha, stolz auf ihre Verwöhntheit, »und er kommt gleich und macht es.«
Maegwin zog ein saures Gesicht. »Wir sollten uns lieber daran gewöhnen, selbst mit unseren Spinnen fertigzuwerden. In nächster Zeit wird es hier nicht mehr viele Männer geben, und die wenigen, die hierbleiben, werden eine Menge anderer Sachen zu tun haben.«
»Bei Euch ist das anders, Prinzessin«, wandte Cifgha ein. »Ihr seid groß und stark.«
Maegwin blickte sie scharf an, antwortete jedoch nicht.
»Meint Ihr denn, daß sie den ganzen Sommer über kämpfen werden?« fragte eine andere, als spreche sie von einer besonders unangenehmen Arbeit. Maegwin drehte sich um und betrachtete die drei, ihre schweißnassen Gesichter und die bereits umherschweifenden Blicke, die nach einem fesselnderen Gesprächsgegenstand suchten. Einen Moment lang hätte sie am liebsten laut geschrien, sie so erschreckt, daß sie begriffen, daß es hier nicht um ein Turnier ging, nicht um ein Spiel, sondern um Fragen von tödlichem Ernst.
Aber warum soll ich sie jetzt mit der Nase hineinstoßen? dachte sie dann milder. Nur allzubald werden wir alle mehr abbekommen, als wir vertragen können.
»Ich weiß nicht, ob es so lange dauern wird, Gwelan«, erwiderte sie kopfschüttelnd. »Ich hoffe nicht. Ich hoffe es wirklich nicht.«
Als sie die Koppeln verließ und hinunter zur großen Halle ging, fingen die beiden Männer gerade wieder an, auf den riesigen Bronzekessel loszuschlagen, der in seinem Gestell aus Eichenpfosten, den Boden nach oben, vor dem Eingangstor des Taig hing. Während sie vorbeitrottete, war der Lärm der Männer, die den Kessel mit ihren vorn eisenbeschlagenen Keulen aus Leibeskräften bearbeiteten, so fürchterlich, daß sie sich mit den Händen die Ohren zuhalten mußte. Wieder einmal fragte sie sich, wie ihr Vater und seine Ratgeber bei diesem entsetzlichen Krach unmittelbar vor der Halle überhaupt noch einen klaren Gedanken fassen, geschweige denn Schlachtpläne erarbeiten konnten, bei denen es um Tod und Leben ging. Andererseits wenn man Rhynns Kessel nicht läutete, würde es Tage dauern, die verstreuten Orte einen nach dem anderen zu warnen, vor allem diejenigen, die sich hoch in die Hänge des Grianspog schmiegten. So aber würden Dörfer und Herrensitze in Hörweite des Kessels Reiter nach den weiter entfernten senden. Der Herr des Taig hatte stets in Zeiten der Gefahr den Kessel schlagen lassen, schon lange vor der Zeit, als Hern der Jäger und Oinduth, sein mächtiger Speer, ihr Land zu einem großen Königreich gemacht hatten. Kinder, die das Läuten noch nie gehört hatten, erkannten es trotzdem sofort, so viele Geschichten erzählte man sich über Rhynns Kessel.