Выбрать главу

»Also gut.« Josua lächelte, das erste ungezwungene Lächeln, das Isgrimnur seit Tagen an ihm gesehen hatte. »Und dann besuchen wir Eure Gemahlin, und Ihr könnt ihr von Eurer unverminderten Neigung zu den Damen erzählen.«

»Prinz Josua«, erwiderte der alte Herzog bedächtig, »Ihr werdet mir nie zu verdammt alt oder hochstehend sein, daß ich Euch keine Ohrfeige mehr geben könnte; versucht nur, mich daran zu hindern.«

»Nicht heute, Onkel.« Josua grinste. »Ich brauche meine Ohren, damit ich das, was Gutrun Euch zu sagen haben wird, auch richtig würdigen kann.«

Der Wind, der vom Wasser herüberpfiff, brachte Zypressengeruch mit. Tiamak wischte sich die Schweißperlen von der Stirn und dankte Ihm-derstets-auf-Sand-tritt für die unverhoffte Brise. Als er vom Überprüfen seiner Fallen zurückgekehrt war, hatte er gespürt, wie sich die sturmschwere Luft über Wran senkte, heiße, zornige Luft, die kam und nicht wieder gehen wollte, wie ein Marschkrokodil, das einen lecken kleinen Kahn umkreist.

Wieder trocknete Tiamak seine Stirn und griff nach der Schale mit Gelbwurzeltee, der auf dem Feuerstein zog. Während er, nicht ohne daß ihn die aufgesprungenen Lippen schmerzten, davon trank, dachte er sorgenvoll darüber nach, was er wohl tun sollte.

Es war Morgenes' sonderbare Botschaft, die ihn so verstört machte. Seit Tagen rasselten ihre unheilverkündenden Worte in seinem Kopf herum wie Kiesel in einem trockenen Flaschenkürbis, während er sein Boot durch die Seitenkanäle von Wran stakte oder zum Markt nach Kwanitupul fuhr, dem Handelsdorf an der Bucht von Firannos. Einmal jeden Neumond unternahm er die Reise dorthin, drei Tage mit dem Flachboot. An den Marktbuden setzte er gewinnbringend seine ungewöhnliche Ausbildung ein, indem er den Kleinhändlern von Wran dabei half, mit den Kaufleuten aus Nabban und Perdruin zu feilschen. Die anstrengende Fahrt nach Kwanitupul mußte sein, auch wenn er dabei nur ein paar Münzen und vielleicht einen Sack Reis verdiente. Den Reis brauchte er zur Ergänzung jenes gelegentlichen Krebses, der zu dumm oder zu leichtsinnig war, seinen Fallen aus dem Weg zu gehen. Allerdings zeigten nur wenige Krebse soviel Entgegenkommen, so daß Tiamaks übliche Mahlzeiten aus Fischen und Wurzeln bestanden.

Während er so in seiner kleinen Hütte hoch oben im Banyanbaum hockte und zum hundertsten Mal Morgenes' Botschaft besorgt zwischen den Fingern drehte, erinnerte er sich an die geschäftigen, steilen Straßen von Ansis Pelippé, der Hauptstadt von Perdruin, wo er dem alten Doktor das erste Mal begegnet war.

Neben dem Lärm und Spektakel des weitläufigen Handelsplatzes, hundert-, nein viele hundertmal so groß wie Kwanitupul (eine Tatsache übrigens, die ihm die anderen Wranna niemals glauben würden, hinterwäldlerische, sandkratzende Tölpel, die sie waren), waren es die Gerüche, die Tiamak am stärksten im Gedächtnis geblieben waren, die Millionen wechselnder Düfte: der feuchte Salzgeruch der Werften mitsamt dem würzigen Beigeschmack der Fischerboote; die Kochfeuer auf den Straßen, an denen bärtige Inselbewohner Spieße mit verkohltem, brutzelndem Hammel anboten; der Moschus schwitzender, stampfender Pferde, deren stolze Reiter, Kaufleute und Soldaten, kühn mitten durch die kopfsteingepflasterten Gassen sprengten und es den Fußgängern überließen, vor ihnen zur Seite zu stieben, so gut sie eben konnten; und natürlich die wirbelnden Düfte von Safran und Schnellkraut, von Zimt und Mantingen, die über dem Gewürzviertel schwebten wie flüchtige, exotische Liebesangebote.

Die bloße Erinnerung machte ihn so hungrig, daß er am liebsten geweint hätte, aber Tiamak nahm sich zusammen. Es gab Arbeit für ihn, und er konnte sich von solch fleischlichen Begierden nicht ablenken lassen. Auf irgendeine Weise brauchte ihn Morgenes, und Tiamak mußte sich bereithalten.

Auch damals war es etwas Eßbares gewesen, das Morgenes' Aufmerksamkeit auf ihn gelenkt hatte, vor so vielen Jahren in Perdruin. Der Doktor, auf einer seiner apothekarischen Forschungsreisen durch das Händlerviertel von Ansis Pelippé, hatte den jungen Wranna angerempelt und beinahe umgestoßen, so versunken starrte der junge Tiamak einen Berg von Marzipan auf dem Tisch eines Bäckers an. Den Doktor amüsierte und interessierte der Kleine aus den Marschen, der so weit fort von zu Hause war und dessen Entschuldigungen dem Älteren gegenüber so vollgestopft mit sorgsam angelernten Nabbanai-Redewendungen waren. Als Morgenes erfuhr, daß der Junge sich in der perdruinesischen Hauptstadt aufhielt, um bei den Usiresbrüdern zu studieren und als allererster seines Dorfes das sumpfige Wran verlassen hatte, kaufte er ihm ein großes Stück Marzipan und einen Becher Milch. Von diesem Augenblick an war Morgenes für den staunenden Tiamak ein Gott.

Das schmutzige Pergamentblatt vor ihm, selbst bereits eine Abschrift der ursprünglichen Botschaft, die vom vielen Anfassen zerfallen war, wurde allmählich schwer lesbar. Allerdings hatte Tiamak es so oft angestarrt, daß es nicht mehr darauf ankam. Er hatte die Nachricht sogar in ihre ursprüngliche Verschlüsselung zurückübertragen und noch einmal übersetzt, nur um sicherzugehen, daß er keine unauffällige, aber wichtige Einzelheit übersehen hatte.

Die Zeit des Eroberersterns ist unzweifelhaft gekommen … , hatte der Doktor geschrieben und Tiamak gewarnt, daß dies wahrscheinlich für lange Zeit sein letzter Brief sein würde. Tiamaks Hilfe, versicherte Morgenes, würde gebraucht werden, um … gewissen furchtbaren Dingen, auf die – so heißt es – das schändliche, verschollene Buch des Priesters Nisses hinweist …, zu entgehen.

Als er zum ersten Mal wieder in Kwanitupul gewesen war, nachdem er Morgenes' von einem Sperling überbrachte Botschaft erhalten hatte, hatte Tiamak Middastri, einen perdruinesischen Kaufmann, mit dem er gelegentlich eine Schale Bier trank, nach den entsetzlichen Vorfällen in Erchester, der Stadt in Erkynland, in der Morgenes wohnte, gefragt. Middastri hatte gemeint, er habe von einem Streit zwischen dem Hochkönig Elias und Lluth von Hernystir gehört, und natürlich rede jedermann seit Monaten von dem Zerwürfnis zwischen den beiden Söhnen Johan Presbyters; aber darüber hinaus war dem Kaufmann nichts besonderes aufgefallen. Tiamak, der nach Morgenes' Botschaft Gefahren größerer und unmittelbarerer Art befürchtet hatte, war ein wenig leichter ums Herz geworden. Trotzdem ließ ihn der Gedanke an die Wichtigkeit der Nachricht des Doktors nicht los.

Das schändliche, verschollene Buch … Woher hatte Morgenes das Geheimnis erfahren? Tiamak hatte nie jemandem davon erzählt; er hatte den Doktor bei einem Besuch damit überraschen wollen, den er für das nächste Frühjahr geplant hatte, seiner ersten Reise, die ihn weiter nördlich als nach Perdruin führen sollte. Nun schien es, als wisse Morgenes bereits von seinem Schatz – aber weshalb sagte er es dann nicht? Wieso erging er sich statt dessen in Andeutungen, Rätseln und Hinweisen, wie ein Krebs, der vorsichtig aus einer von Tiamaks Fallen den Fisch herausstocherte?

Der Wranna stellte die Teeschale hin und durchquerte, fast ohne sich aus seiner halb knienden Hockstellung zu erheben, den niedrigen Raum. Der heiße, saure Wind begann aufzufrischen, das Haus schaukelte auf seinen hohen Stelzen. Mit schlangenartigem Zischen hob sich das Strohdach. Tiamak suchte in seiner Holztruhe nach dem in Blätter gewickelten Päckchen, das er sorgfältig unter dem Pergamentstapel verborgen hatte, der seine eigene Neufassung von Die unfelbarn Heylmittel der Wranna-Heyler enthielt – das, was Tiamak insgeheim gern sein ›großes Werk‹ nannte. Endlich fand er, wonach er suchte, und wickelte es aus, nicht zum ersten Mal in den letzten zwei Wochen.

Als es neben seiner Übertragung von Morgenes' Botschaft lag, war der Gegensatz zwischen den beiden beeindruckend. Morgenes' Worte waren von Tiamak mühsam mit schwarzer Wurzeltinte kopiert worden, auf billigem Pergament, das so dünngeklopft war, daß eine Kerzenflamme, eine Handbreit davon entfernt, es in Flammen hätte aufgehen lassen. Das andere, der Schatz, war auf einen Bogen straffgeglätteter Haut oder Leder geschrieben; die rötlichbraunen Worte schwankten wild über das Papier, als habe der Schreiber zu Pferd oder bei einem Erdbeben am Tisch gesessen.