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Dieses letztere Stück war das Kleinod in Tiamaks Sammlung – und wenn es wirklich war, wofür er es hielt, wäre es das Kronjuwel jeder Sammlung überhaupt gewesen. Er hatte es in einem großen Stoß anderer gebrauchter Pergamente gefunden, die ein Händler in Kwanitupul für Schreibübungen verkaufte. Der Händler wußte nicht, wem die Truhe mit den Papieren früher gehört hatte, nur daß sie Teil einer nicht einzeln angeführten Masse Haushaltswaren gewesen war, die er in Nabban erworben hatte. Tiamak hatte vor lauter Angst, sein Glück könne ihn verlassen, seinen Drang zum Weiterfragen erstickt und das Pergament zusammen mit einem Bündel weiterer Blätter für ein glänzendes Quinisstück aus Nabban sofort an sich gebracht.

Wieder starrte er darauf, obwohl er es, soweit das überhaupt ging, noch öfter gelesen hatte als Morgenes' Botschaft, und er richtete den Blick vor allem auf die Oberkante des Pergamentes, die weniger zerrissen als vielmehr zernagt zu sein schien; die beschädigte Stelle endete bei den Buchstaben ARDENVYRD.

Hieß nicht Nisses' berühmtes, verschwundenes Buch – das manche für bloße Phantasie hielten – Du Svardenvyrd? Woher konnte Morgenes das wissen? Tiamak jedenfalls hatte niemandem von seinem glücklichen Fund erzählt.

Die Nordrunen unterhalb der Überschrift, stellenweise verschmiert, zum Teil zu rostfarbenem Staub abgeblättert, waren trotzdem durchaus lesbar, abgefaßt im uralten Nabbanai der Zeit vor fünfhundert Jahren.

… Bringt aus Nuannis Felsgarten her den Blinden, der sehen kann; findet das Schwert, das die Rose befreit, am Fuße des Rimmerbaums dann; sucht in dem Schiff auf der seichtesten See den Ruf, dessen lauter Schall euch des Rufers Namen gibt an in klingendem Widerhall – – Und sind Schwert, Ruf und Mann in prinzlicher Rechter, dann werden auch frei lang gefangne Geschlechter…

Unter dem seltsamen Gedicht stand in großen, ungeschickten Runen ein einziges Wort: NISSES.

Obwohl Tiamak starrte und starrte, fiel ihm ums Sterben nichts weiteres ein. Endlich rollte er die uralte Schriftrolle seufzend wieder in ihre Hülle aus schützenden Blättern und verstaute sie in seiner Klettenholztruhe.

Was wollte Morgenes nun von ihm? Sollte er dem Doktor selbst die Schrift nach dem Hochhorst bringen? Oder sollte er sie einem anderen von den Weisen schicken, etwa der Zauberfrau Geloë, dem dicken Ookequk hoch oben in Yiqanuc oder dem Mann in Nabban? Vielleicht war es aber auch das Gescheiteste, erst einmal auf weitere Nachricht von Morgenes zu warten, anstatt Hals über Kopf loszustürzen, ohne wirklich alles begriffen zu haben. Schließlich mußte nach dem, was ihm Middastri erzählt hatte, das, was Morgenes fürchtete, noch weit entfernt sein; sicher blieb ihm Zeit zu warten, bis er erfuhr, was der Doktor von ihm wünschte.

Zeit und Geduld, ermahnte er sich selbst, Zeit und Geduld …

Draußen vor seinem Fenster ächzten die Zypressenäste unter dem groben Griff des Windes.

Die Tür des Gemachs flog auf. Sangfugol und die Herrin Vara sprangen so schuldbewußt auf, als hätte man sie bei etwas Unschicklichem ertappt, obwohl doch die ganze Breite des Raumes sie voneinander trennte. Als sie mit großen Augen aufblickten, rutschte die Laute des Sängers, die er an den Stuhl gelehnt hatte, herunter und fiel ihm vor die Füße. Hastig hob er sie auf und drückte sie an seine Brust wie ein verletztes Kind.

»Verdammt, Vara, was habt Ihr getan?« schrie Josua. Hinter ihm in der Tür stand mit besorgter Miene Herzog Isgrimnur.

»Bleibt ruhig, Josua«, forderte er den Prinzen auf und zupfte ihn am grauen Wams.

»Wenn ich die Wahrheit aus dieser … dieser Frau herausbekommen habe«, fauchte Josua. »Bis dahin mischt Euch nicht ein, Herzog!«

Die Farbe kehrte jetzt rasch in Varas Wangen zurück. »Was meint Ihr?« fragte sie. »Ihr rennt Türen ein wie ein Stier und brüllt mich mit Fragen an. Was ist mit Euch?«

»Versucht mich nicht zu beschwatzen. Ich komme gerade von einer Unterredung mit dem Torhauptmann; sicher wird er sich wünschen, ich hätte ihn nie gefunden, so wütend war ich. Er sagte mir, Miriamel sei gestern vormittag abgereist, mit meiner Erlaubnis – die keine Erlaubnis war, sondern mein Siegel unter einem gefälschten Dokument!«

»Und warum schreit Ihr mich deshalb an?« erkundigte Vara sich hochmütig. Sangfugol, noch immer sein verwundetes Instrument an sich gepreßt, wollte sich unauffällig auf die Tür zubewegen.

»Das wißt Ihr sehr gut«, grollte Josua, aus dessen bleichen Zügen die Röte endlich zu verblassen begann, »und du, Harfner, bleib, wo du bist, denn ich bin noch nicht fertig mit dir. Du bist mir neuerdings allzu vertraut mit der Dame.«

»Auf Euer Geheiß, Prinz Josua«, erwiderte Sangfugol zögernd, »um ihre Einsamkeit zu lindern. Aber ich schwöre, daß ich nichts über die Prinzessin Miriamel weiß!«

Josua trat weiter ins Zimmer hinein und warf ohne einen Blick zurück die schwere Tür ins Schloß. Isgrimnur, behende trotz seiner Jahre und seines Umfanges, sprang mit einem Satz zur Seite.

»Gute Vara, behandelt mich nicht wie einen der Planwagenburschen, mit denen Ihr aufgewachsen seid. Alles, was ich von Euch gehört habe, war, wie traurig die arme Prinzessin doch sei, wie sehr die arme Prinzessin ihre Familie vermisse. Jetzt ist Miriamel mit irgendeinem Schurken zum Tor hinaus, und ein anderer Spießgeselle hat meinen Siegelring mißbraucht, um ihr den Durchlaß zu sichern. Ich bin doch kein Narr!«

Einen Moment lang erwiderte die dunkelhaarige Frau seinen Blick, dann begannen ihre Lippen zu zittern. Tränen des Zornes in den Augen setzte sie sich wieder hin, und ihre langen Röcke rauschten.

»Nun gut, Prinz«, erklärte sie, »schlagt mir den Kopf ab, wenn Ihr wollt. Ja, ich habe dem armen Mädchen geholfen, sich zu ihrer Familie nach Nabban durchzuschlagen. Wäret Ihr nicht so herzlos, hättet Ihr sie mit einer Eskorte Bewaffneter selber dorthin geschickt. Statt dessen ist ihre einzige Begleitung ein freundlicher Mönch.« Aus dem Ausschnitt ihres Kleides zog sie ein Taschentuch und betupfte sich die Augen. »Jedenfalls ist sie so glücklicher als hier, wo man sie eingesperrt hat wie einen Vogel im Käfig.«

»Bei Elysias Tränen!« fluchte Josua und warf die Hand in die Luft. »Törichtes Weib! Miriamel wollte nur die Gesandte spielen – sie glaubte, dadurch Ruhm zu erlangen, daß sie ihre Verwandten in Nabban dazu brachte, sich in diesem Kampf auf meine Seite zu stellen.«

»Vielleicht ist es nicht gerecht, von ›Ruhm‹ zu sprechen, Josua«, warf Isgrimnur ein. »Ich glaube, die Prinzessin hatte den ehrlichen Wunsch, uns zu helfen.«

»Und was ist daran falsch?« fragte Vara trotzig. »Ihr braucht doch Nabbans Hilfe, oder nicht? Oder seid Ihr zu stolz?«

»Gott steh mir bei, die Nabbanai haben sich uns längst angeschlossen! Begreift Ihr denn nicht? Ich habe vor knapp einer Stunde erst mit Baron Devasalles gesprochen. Nun aber spaziert die Tochter des Hochkönigs sinnlos irgendwo im Land herum, wo doch das gesamte Heer ihres Vaters im Begriff steht, ins Feld zu ziehen, und seine Spione überall umherschwärmen wie die Schmeißfliegen.«

Josua rang in ohnmächtiger Wut die Hände und sank dann in einen Stuhl, die langen Beine weit von sich gestreckt.

»Es ist zuviel für mich, Isgrimnur«, meinte er erschöpft. »Und Ihr wundert Euch, warum ich mich nicht zum Rivalen um Elias' Thron erkläre? Ich kann ja nicht einmal ein Mädchen unter meinem eigenen Dach in Sicherheit hüten.«