Isgrimnur lächelte traurig. »Ihr Vater hatte damit auch nicht mehr Glück, wenn ich mich recht erinnere.«
»Trotzdem.« Der Prinz preßte die Hand an die Stirn. »Usires, mir brummt der Kopf von alledem.«
»Hört zu, Josua«, sagte der Herzog und warf den anderen einen Blick zu, der Ihnen zu schweigen gebot, »noch ist nicht alles verloren. Wir müssen nur einen Trupp guter Männer ausschicken, die jeden Winkel nach Miriamel und diesem Mönch abkämmen, diesem … Cedric oder wie auch immer…«
»Cadrach«, berichtigte Josua tonlos.
»Also gut, diesem Cadrach. Schließlich kommen ein junges Mädchen und ein frommer Bruder zu Fuß nicht so schnell voran. Wir lassen einfach ein paar Leute aufsitzen und ihnen nachjagen.«
»Sofern die Herrin Vara nicht auch Pferde für sie versteckt gehabt hat«, bemerkte Josua mürrisch. »Aber das hattet Ihr, nicht wahr?« Vara konnte seinem Blick nicht begegnen.
»Barmherziger Ädon!« fluchte Josua wieder. »Das geht zu weit! Ich werde Euch in einem Sack zu Eurem Barbarenvater zurückschicken, Wildkatze!«
»Prinz Josua?« Es war der Harfner. Als er keine Antwort bekam, räusperte er sich und versuchte es noch einmal. »Prinz?«
»Was?« versetzte Josua gereizt. »Ja, du kannst gehen. Wir sprechen uns später noch. Geh!«
»Nein, Herr … es ist nur … sagtet Ihr, der Name des Mönches sei … Cadrach?«
»Ja doch. Der Hauptmann am Tor erklärte es. Er hat sich ein bißchen mit dem Mann unterhalten. Wieso, kennst du ihn, oder weißt du, wo er sich aufhalten könnte?«
»Das nicht, Prinz Josua, aber ich glaube, der junge Simon kennt ihn. Er hat mir viel von seinen Abenteuern erzählt, und der Name kommt mir bekannt vor. O Herr, wenn er es ist, könnte die Prinzessin in Gefahr sein.«
»Was meinst du?« Josua beugte sich vor.
»Jener Cadrach, von dem mir Simon erzählt hat, war ein Gauner und Beutelschneider, Herr. Auch war er als Mönch verkleidet, aber ein Mann Ädons war er nicht, soviel steht fest.«
»Das kann nicht sein!« mischte sich Vara ein. Das Khol um ihre Augen war auf die Wangen hinuntergelaufen. »Ich habe mit diesem Mann gesprochen, und er hat mir Stellen aus dem Buche Ädon zitiert. Ein guter, freundlicher Mann ist er, dieser Bruder Cadrach.«
»Selbst ein Dämon kann aus dem heiligen Buch zitieren«, meinte Isgrimnur mit besorgtem Kopfschütteln. Der Prinz war aufgesprungen und lief zur Tür.
»Wir müssen sofort einen Suchtrupp losschicken, Isgrimnur«, rief er, blieb dann stehen und kehrte wieder um. Er ergriff Varas Arm. »Kommt, Herrin«, erklärte er brüsk. »Ihr könnt den Schaden, den Ihr angerichtet habt, nicht ungeschehen machen, aber wenigstens könnt Ihr mithelfen und uns sagen, was Ihr wißt, wo Ihr die Pferde versteckt hattet und alles übrige.« Er zog sie vom Stuhl hoch.
»Aber ich kann doch so nicht hinaus!« Sie wehrte sich entsetzt. »Seht doch, ich habe geweint. Mein Gesicht, es muß schrecklich aussehen!«
»Für den Schmerz, den Ihr mir und vielleicht auch meiner törichten Nichte angetan habt, ist das eine sehr geringe Buße. Kommt!«
Er scheuchte sie vor sich aus dem Zimmer. Isgrimnur folgte. Ihre streitenden Stimmen hallten im steinernen Gang wider.
Sangfugol, alleingeblieben, blickte bekümmert auf seine Laute. Ein langer Riß hatte den ganzen gerundeten Eschenholzrücken verzogen, und eine der Saiten hing nutzlos gekräuselt herunter.
»Wenige und unfrohe Musik wird es heute abend geben«, sagte der Harfner und folgte den anderen hinaus.
Es war noch eine Stunde bis zur Morgendämmerung, als Lluth an ihr Bett trat. Sie hatte die ganze Nacht nicht schlafen können, ganz verkrampft vor lauter Sorge um ihn. Als er sich bückte und ihren Arm berührte, tat sie, als schliefe sie, um ihm das einzige zu ersparen, das sie ihm ersparen konnte: zu wissen, wie sehr sie sich fürchtete.
»Maegwin«, sagte er leise. Mit festgeschlossenen Augen wehrte sie sich gegen das Verlangen, die Arme auszustrecken und ihn fest an sich zu drücken. In voller Rüstung bis auf den Helm, wie sie am Klang seiner Schritte und dem Geruch des Polieröls gemerkt hatte, wäre es ihm vielleicht schwergefallen, sich wieder aufzurichten, wenn sie ihn so an sich zog. Aber selbst diesen Abschied, so bitter er auch war, konnte sie ertragen. Was sie nicht ertrug, war der Gedanke, daß er in dieser Nacht aller Nächte zeigen könnte, wie müde und alt er war.
»Seid Ihr es, Vater?« fragte sie endlich.
»Ja.«
»Ihr brecht jetzt auf?«
»Ich muß. Die Sonne wird bald aufgehen, und wir wollen bis zum Vormittag den Rand des Kammwaldes erreicht haben.«
Sie setzte sich auf. Das Feuer war heruntergebrannt, und selbst mit geöffneten Augen konnte sie nur wenig erkennen. Durch die Wand vernahm sie das leise Schluchzen ihrer Stiefmutter Inahwen. Maegwin überkam ein Anflug von Zorn darüber, daß man seinen Kummer so zu Schau stellen konnte.
»Bryniochs Schild über Euch, Vater«, sagte sie und streckte eine blinde Hand nach seinem erschöpften Gesicht aus. »Ich wünschte, ich wäre ein Sohn, um an Eurer Seite zu kämpfen.«
Sie fühlte, wie sich unter ihren Fingern seine Lippen kräuselten. »Ach, Maegwin, du warst immer ein wildes Ding. Hast du nicht genügend Pflichten hier? Es wird nicht leicht sein, im Taig zu herrschen, wenn ich fort bin.«
»Ihr Vergeßt Eure Gemahlin.«
Wieder lächelte Lluth in der Dunkelheit. »Das tue ich nicht. Du bist stark, Maegwin, stärker als sie. Du mußt ihr etwas von deiner Kraft leihen.«
»Für gewöhnlich bekommt sie, was sie will.«
Die Stimme des Königs blieb sanft, aber er packte ihr Handgelenk mit festem Griff. »Nicht doch, Tochter. Ihr beide und Gwythinn seid mir die drei Liebsten auf der Welt. Hilf ihr!«
Maegwin verabscheute Weinen. Sie zog die Hand aus den Fingern ihres Vaters und rieb sich heftig die Augen. »Ich werde es tun«, versprach sie. »Vergebt mir.«
»Ich habe nichts zu vergeben«, antwortete er, nahm noch einmal ihre Hand und drückte sie. »Leb wohl, Tochter, bis ich wiederkomme. Es kreisen grausame Raben über unseren Feldern, und wir werden Arbeit haben, sie zu vertreiben.«
Sie sprang auf, hinaus aus dem Bett, und umschlang ihn. Gleich darauf öffnete sich die Tür, und sie hörte seine sich langsam durch die Halle entfernenden Schritte, das Klirren der Sporen wie triste Musik.
Später, als sie weinte, zog sie die Decken über den Kopf, damit niemand es hörte.
XXXVI
Frische Wunden, alte Narben
Die Pferde hatten vor Qantaqa nicht wenig Angst, so daß sich Binabik auf der grauen Wölfin ein gutes Stück vor Simon und den anderen hielt. Er trug eine abgedeckte Lampe, um ihnen in der dichten Finsternis den Weg zu weisen. Als der kleine Zug am Bergsaum dahinritt, hüpfte das flackernde Licht vor ihnen her wie eine Totenkerze.
Der Mond duckte sich in seinem Wolkennest, und sie kamen nur langsam und vorsichtig voran. Zwischen dem sanft wiegenden Rhythmus des Pferdes unter ihm und dem Gefühl seines warmen, breiten Rückens wäre Simon mehrmals um ein Haar eingeschlafen, hätten ihn nicht die dünnen, krabbelnden Finger der Zweige eng am Weg stehender Bäume immer wieder aufgeschreckt.
Es wurde wenig geredet. Von Zeit zu Zeit flüsterte einer der Männer seinem Roß etwas Aufmunterndes zu, oder Binabik rief leise zu ihnen hinüber, um sie vor einem bevorstehenden Hindernis zu warnen. Ohne solche Laute und das gedämpfte Prasseln der Hufschläge hätten sie ein grauer Pilgerzug verlorener Seelen sein können.
Als endlich das Mondlicht durch einen Riß in der Wolkendecke zu sickern begann, kurz vor Anbruch der Dämmerung, hielten sie an, um zu lagern. In dampfendem Atem fing sich der Mondschein, so daß es schien, als stießen sie silberblaue Wolken aus, während sie ihre Reittiere und die beiden Packpferde anbanden. Ein Feuer entzündeten sie nicht. Ethelbearn übernahm die erste Wache; die anderen, in ihre dicken Mäntel gewickelt, rollten sich auf der feuchten Erde zusammen, um soviel Schlaf zu ergattern, wie sie nur konnten.